Schönheit – Verwandlung im Feuer – Hölderlins Friedensfeier

Schönheit – Verwandlung im Feuer – Hölderlins Friedensfeier

Hölderlins Gedicht beschreibt in zwölf Strophen die Verwandlung des Menschen.

Vom Werk der Sonne

Die Sonne ist Feuer und Licht, im Physikalischen wie im Geistigen. Wesen der Erde, wie wir es sind, können nicht auf der Sonne leben. Aber die Evolution ist noch nicht zu Ende. Sie wird von Impulsen der Sonne geleitet. Vorwärtsstrebendes richtet sich zur Sonne. Ihre Strahlen haben einst unsere Augen erweckt. Mit ihnen nehmen wir das Physische wahr. Doch die Impulse der Sonne säen Weiteres aus. Bei manchen ist es schon früh gekeimt und gewachsen. Der Pharao Echnaton (14. Jh. v. Chr.) besaß neben den physischen Augen auch die geistigen. Und so betete er Aton an, die geistige Sonne. Johannes, der Seher, erfuhr das Sonnenwesen auf einzigartige Weise: „Und ich wandte mich um, zu sehen nach der Stimme, die mit mir redete. Und als ich mich wandte, sah ich sieben goldene Leuchter und mitten unter den sieben Leuchtern einen, der war eines Menschen Sohn gleich […], Seine Augen […] waren wie eine Feuerflamme […] und sein Angesicht leuchtete wie die helle Sonne.“ (Off. 1, 12 ff.).

Manche Dichter gehen uns voran, ahnend, träumend. „In den einsamen Stunden des Geistes ist es schön, in der Sonne zu gehn. An den gelben Mauern des Sommers hin“, so die Worte des österreichischen Dichters Georg Trakls (1887-1914; in: Helian), die wie ein Gesang sind. Der Einsame ahnt Kommendes. Wir werden angeschaut, aus dem Geistigen heraus. Augen sollen entstehen, die zurückschauen können. Hildegard von Bingen hat in ihrem Bild „der höchsten und feurigen Kraft Charitas“ (13. Jh. n. Chr.) die zwei künftigen Augenpaare des Menschen dargestellt.

Verwandlung durch Licht und Feuer

Doch Wachstum bedarf der Zeit und des Maßes. Kostbare Früchte reifen langsam. Das Geistige weiß, was uns möglich ist. „Denn schonend rührt, des Maßes allzeit kundig, / nur einen Augenblick die Wohnungen der Menschen / ein Gott an …“. Friedrich Hölderlin (1770-1843) fasst das, was kommen soll, in Worte. Sie erscheinen dunkel, wie die geronnene Außenseite, die Schale einer kostbaren Frucht, die es freizulegen gilt. Sein Epos Friedensfeier kündet von der Verwandlung des Menschen durch Licht und Feuer. Hölderlin war vom Feuer gezeichnet. Die Sonnenkraft ist der „Gebende“: „Sparte der Gebende nicht, / schon längst [wäre] vom Segen des Herds / uns Gipfel und Boden entzündet.“

Der Urkeim unseres Daseins ist Feuer, ein Funke des Geistes. Er will aufbrechen. „Zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist“, so Paulus (Eph. 4,24). Alles wird „durchs Feuer offenbar“ (1. Kor. 13). „Das Sterbliche muss anziehen die Unsterblichkeit“ (1. Kor. 15,53). Was der Logos erschafft, soll seinesgleichen werden. Das sprach bereits Platon aus (im Dialog Timaios, Nr. 2.2.1). Der Gott verwirklicht sich im Menschen, und die Verwirklichung des Gottes wird zur Verwirklichung des Menschen.

Der gereinigte Innenraum

Es beginnt im seelischen Innenraum. Die erhobene, erwartungsvolle Seele ist die „Gebärmutter“. Sie muss gereinigt, „gelüftet“ sein. Die Wirbel an Gedanken, Gefühlen, Wünschen, Vorstellungen müssen hinausgetrieben sein. Dann kann das Fest beginnen, die Feier der Verwandlung, das Fest des Weingotts. Das Wasser der irdischen Seele wandelt sich zu Wein. Hölderlin sieht Dichter als Priester des Weingotts. Einst zogen sie „von Lande zu Land in heiliger Nacht“ (In: Brot und Wein).

„Der himmlischen, still widerklingenden, / der ruhigwandelnden Töne voll, / und gelüftet ist der altgebaute, / seliggewohnte Saal.“ Das sind die ersten Worte der Friedensfeier. Der „Obersaal“, die höchste Sphäre der menschlichen Seele, war für das Bewusstsein verschüttet, war gleichsam verschlossen. Nun öffnet er sich. Die Sehnsuchtskräfte des Herzens haben es bewirkt. Über das Haupt hinaus erstrecken sie sich weit in den Kosmos hinein. Sie laden „liebende Gäste“ ein, von „ferne kommend“.

Der Fürst des Festes tritt ein

„Und dämmernden Auges denk ich schon, / vom ernsten Tagwerk lächelnd / ihn selbst zu sehn, den Fürsten des Fests.“ Der Dichter erspürt ihn, beginnt ihn zu erkennen, denn er nimmt „Freundesgestalt“ an, der „Fürst des Fests“. Das Universelle, das Allbewusstsein macht sich zum Individuellen, „senkt“ sein Auge, „beschattet“ es leicht, verleugnet sein „Ausland“: Der Geist dämpft seine Feuerkraft herab. Dennoch „beugt fast die Knie das Hohe“. Alle Weisheit, die bislang auf dem Weg wichtig war, wird zunichte. „Wo aber / ein Gott noch auch erscheint, / da ist doch andere Klarheit.“

Mutig hatte sich der Dichter dem All zugewandt, dem „Offenen“, um darin „ein Eigenes“ zu finden, „so weit es auch ist“ (in: Brot und Wein). Er hatte „nicht Flut noch Flamme gescheuet“ – die Kräfte und Felder des Universellen – und nun „erstaunet [er], da es stille worden, umsonst nicht“. Die alten Kräfte in seiner Seele verlieren ihre Herrschaft, „Friedenslaute“ ertönen, „Tage der Unschuld“ brechen an, der Gott durchdringt den Seelenraum, das Fest der Vereinigung beginnt. Ein neues Wesen soll geboren werden: der neue Mensch, der himmlische Mensch. In ihn sterben Gott und Mensch hinein. Für beide gleichen die Befruchtung und die Schwangerschaft einer Kreuzigung.

Gegenkräfte kommen

„Ein tödlich Verhängnis“ überschattet das Geschehen, „furchtbarentscheidend“. Das so freudevoll empfangene Licht verschwindet wieder. „So ist schnell / vergänglich alles Himmlische; aber umsonst nicht.“ Irdische Kräfte, Begierden, Wünsche … überschwemmen aufs Neue den Raum der Seele. „Das Freche [darf] drüber gehn / und kommen muss zum heilgen Ort das Wilde“. Doch der Ort, wo das Heilige einmal war, ist von ihm geprägt.

Der Dichter zieht Bilanz, verarbeitet, was stattgefunden hat, Einsichten stellen sich ein, gleich Spuren des Lichts. Er resümiert: „Des Göttlichen aber empfingen wir / doch viel. Es ward die Flamm uns / in die Hände gegeben und Ufer und Meersflut.“ Das Göttliche hatte sich für kurze Momente dem Menschen übergeben. Eine „Meersflut“ an Seelenkraft, die Weltseele, hatte sich ihm anvertraut. „Ufer“ zeigten ihm das Maß seiner Möglichkeiten, die Flamme des Geistes war in sein Bewusstsein getreten.

Die Stunde des Menschen

Nun entsteht im Dichter ein neues Denken, das in ein inneres Erleben übergleitet. Nachdem der Gott sich zurückgezogen hat, bricht die Stunde des Menschen an. Erkennen flammt auf: „Es lehret Gestirn dich, das vor Augen dir ist“. Ein „Stern“ hat sich über der „Geburtsgrotte“ gebildet, der Leitstern für den Dichter. Der sich individualisierende Gott spiegelt sich in seiner Aura, tritt ihm vor Augen, blickt ihn an. Er will in ihm die geistigen Augen erwecken, die ihn erkennen. Das göttliche Selbst des Dichters kommt als ein Lichtwesen auf ihn zu, als „Sohn“. „Vom Alllebendigen aber, von dem / viel Freuden sind und Gesänge, / ist einer ein Sohn, ein Ruhigmächtiger ist er, / und nun erkennen wir ihn …“

Ein neuer Impuls des Göttlichen

Im weiteren Verarbeiten der Lichtimpulse vollziehen sich die Schritte der Verwandlung. Sobald das Gleichgewicht neu errungen ist, das Leben in dem stets neuen Mischungsverhältnis von geistigen und irdischen Kräften, unternimmt das Ewige die nächste Initiative. „Einmal mag aber ein Gott auch Tagewerk erwählen, / gleich Sterblichen und teilen alles Schicksal. / Schicksalgesetz ist dies, dass alle sich erfahren, / dass, wenn die Stille kehrt, auch eine Sprache sei.“ Göttliches und Menschliches erfahren sich aneinander. Bei jedem verläuft dies anders. Die Fülle des Erdendaseins wird auf die vielfältigste Weise eingebracht in die Sphäre des Geistes. Alle irdischen Worte und Widersprüche fügen sich dort zu „einer Sprache“ zusammen.

„Wo aber wirkt der Geist, sind auch wir mit und streiten, / was wohl das Beste sei. So dünkt mir jetzt das Beste, / wenn nun vollendet sein Bild und fertig ist der Meister / und selbst verklärt davon aus seiner Werkstatt tritt“.

Der Dichter erspürt die Verklärung, die neue Gestalt, die sich in ihm und um ihn herum bildet, die Lichtgestalt. Er wünscht so sehr, dass dieses Werk bald vollendet ist, dass der Neugeborene, der „stille Gott der Zeit“, in dem sich Ewigkeit und Vergänglichkeit vereinen, aus seiner „Werkstatt“ tritt. Die Werkstatt ist unser körperlicher und seelischer Raum. Wenn der verklärte Mensch aus ihm heraustritt, wenn er, nun nicht mehr erdgebunden, ins Kosmische tritt und Repräsentant der Menschheit wird, wird „der Liebe Gesetz, / das schönausgleichende, von hier an bis zum Himmel [gelten]“.

Die Vereinigung

Dem Höhepunkt der Vereinigung von Mensch und Gott weiht der Dichter die neunte Strophe seines Epos, das aus zwölf Strophen besteht. Zwölf, die Zahl des Ganzen, neun, die Zahl des vollkommen gewordenen Menschen. „Bei Gesang gastfreundlich untereinander / in Chören gegenwärtig, eine heilige Zahl / [sind] „die Seligen in jeglicher Weise beisammen“ und dabei fehlt auch „ihr Geliebtestes nicht, an dem sie hängen“. Das Geliebteste ist ihr Partner, der irdische Mensch, von dem der Dichter in der achten Strophe sagt: „Bald sind wir aber Gesang“. Der Mensch lädt den Unsterblichen, den „Jüngling“, ein „zum Gastmahl, das bereitet ist“, „zum Abend der Zeit“. Und er gelangt zu ekstatischer Vision und verkündet: „ …eher legt / sich schlafen unser Geschlecht nicht, / bis ihr Verheißenen all, / all ihr Unsterblichen, uns / von eurem Himmel zu sagen, / da seid in unserem Hause“.

Zukunft des Menschseins

Hölderlin stimmt die Menschheit ein auf eine Zukunft, für die die Samen ausgesät sind. „Leichtatmende Lüfte / verkünden euch schon.“ Wir müssen über uns hinausschauen, hinauswachsen in die Sphären des Geistig-Seelischen hinein. Die Ergebnisse unseres Lebens können wir nicht beurteilen und sollen es auch nicht. Denn die „Würze des Lebens, / [wird] von oben bereitet“, „die Mühen“ [werden] „hinausgeführet“ in die göttliche Daseinsebene. „Welcherlei eines jeglichen Werk ist, wird das Feuer bewähren“ (1. Kor. 3, 13). Dort im Feuer wartet die neue Gestalt auf den Menschen, sein Lichtkleid. All seine Mühen, die Frucht seiner Existenzen werden in sie eingefügt.

Es gab dieses Lichtkleid schon einmal. Der Mensch hatte es schon einmal empfangen im .Kindheitsstadium seiner Existenz, damals aber ohne eigenes Verdienst, ohne eigene Bemühung: „Die goldne Frucht, / uraltem Stamm / in schütternden Stürmen entfallen“ […] „die Gestalt der Himmlischen ist es“. So endet die elfte Strophe der Friedensfeier.

Geduld

Es gibt noch eine zwölfte. Der Dichter fällt aus der himmlischen Sphäre zurück in die irdische Aktualität. Er erlebt das Leiden unserer „Mutter“, der irdischen Natur. Sie hat die Aufgabe, ihre Kinder „zum Lichte“ heranzuziehen. Aber sie macht bittere Erfahrungen dabei. „Denn es hasst dich, was / du, vor der Zeit / Allkräftige, zum Lichte gezogen. / Nun kennest, nun lässest du dies.“

Die Menschen brauchen ihre Zeit, um zu reifen, brauchen die Fülle der Erfahrungen, in „furchtsamgeschäftigem“ Treiben errungen, wie wir es allzu gut kennen. „Denn gerne fühllos ruht, / bis dass es reift, furchtsamgeschäftiges drunten.“

Überirdische Schönheit

Die Klänge des Epos hallen nach, sie wollen verstanden werden, wollen empfindendes Denken und Schauen erwecken. Das erfordert Mühe. Nimmt man sie auf sich, so enthüllen die Zeilen des Gedichtes überirdische Schönheit. Das Epos gleicht dem Menschen selbst. Es lockt ihn dazu, sein Geheimnis zu ergründen. Jeder Mensch steht vor der Frage, ob er den Mut findet und die Beharrlichkeit entwickelt, sich in sein Unerkanntes, in das Offene seines Innern hineinzubegeben.

Wer diesen Schritt ins Bodenlose wagt, erfährt, wie das Licht ihm zu einem neuen Boden wird. Er stößt auf den „Erstling der Auferstehung“ (1. Kor. 15,23), der ihm sein „Gewand“ anbietet, den Lichtleib, den Körper der Auferstehung.

Origenes, einer der frühen Kirchenväter, dessen Schau später von Konzilien mit dem Bannfluch versehen wurde, erkannte den Lichtleib als den „allerfeinsten, reinsten und leuchtendsten Körper“ [1]. Schönheit wird in der Beziehung zu ihm zu einem Prozess des Erkennens und Hineinwachsens. Die Worte heiliger Schriften und auch die Worte eines Epos wie der Friedensfeier setzen Licht frei, machen sich selbst zu seelischer Nahrung. „Ich bin das Licht, das über allem ist“ (Thomasevangelium Log. 77). „Wer von meinem Munde trinkt, der wird sein wie ich. Und ich selbst werde er werden, und die Geheimnisse werden sich ihm offenbaren“ (Log. 108).

Die Folge ist ein Fest, eine sich stets wiederholende Friedensfeier.


[1] Zit. in: Enno Edzard Popkes, Platonisches Christentum, 2019, S. 69

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Datum: Januar 20, 2026
Autor: Gunter Friedrich (Germany)
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