{"id":99450,"date":"2023-08-10T18:00:31","date_gmt":"2023-08-10T18:00:31","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/?post_type=logon_article&#038;p=99450"},"modified":"2023-10-02T08:53:12","modified_gmt":"2023-10-02T08:53:12","slug":"das-brennende-und-das-wachsende","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/das-brennende-und-das-wachsende\/","title":{"rendered":"Das Brennende und das Wachsende"},"content":{"rendered":"<p>Die vierte Rede unter den Sieben Reden an die Toten von C.G. Jung gilt als eine der bedeutungsvollsten; sie tr\u00e4gt den Titel Brennender Busch und Baum des Lebens. F\u00fcr Jung bilden diese Reden<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> \u00a0einen gnostischen Mythos, der in einem siebenfachen Prozess die g\u00f6ttliche Seinsf\u00fclle in den menschlichen Seelen offenbart, die sich wie tot f\u00fchlen.<\/p>\n<p>Er f\u00fchrt durch ihre unbewusste Dunkelheit bis zur bewussten Erkenntnis des eigenen inneren Lichtes. W\u00e4hrend dieses Prozesses wandelt sich der ganze naturgebundene Mensch: er wird sich seines innersten g\u00f6ttlichen Selbstes als seiner urspr\u00fcnglichen Natur bewusst.<\/p>\n<p>Den vielen Bildern und Symbolen in dieser Rede liegt eine unermessliche F\u00fclle vergangener Entwicklungen des Menschen zugrunde. Es sind unbewusste Urbilder von seelischen Erfahrungen und Ausdrucksformen geistiger Wirklichkeiten (Archetypen), die in sich die Struktur von Mysterien (zu enth\u00fcllenden Seelengeheimnissen) enthalten.<\/p>\n<p>\u201eDie Wahrheit kam nicht nackt auf die Welt, sondern in den Typen und Bildern\u201c<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a>, hei\u00dft es im Philippus-Evangelium.<\/p>\n<p><strong>Eros und Baum des Lebens<\/strong><\/p>\n<p>Jung stellt in dieser Rede die m\u00e4chtigen archetypischen Seelenbilder \u201edes Brennenden und des Wachsenden\u201c einander gegen\u00fcber. Es sind zwei geistige Impulse, die eine Dualit\u00e4t unvereinbarer Abgr\u00fcnde in unserer menschlichen Seele offenlegen. Ihre Symbole sind Feuer und Wasser.<\/p>\n<p>\u201eDas Brennende ist der Eros in Gestalt der Flamme. Sie leuchtet, indem sie verzehrt [\u2026], flammt auf und stirbt dahin.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDas Wachsende ist der Baum des Lebens, er gr\u00fcnt, indem er wachsend lebendigen Stoff anh\u00e4uft (\u2026), der Lebensbaum w\u00e4chst.\u201c<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a><\/p>\n<p>Feuer und Wasser sind zwei grundlegende polare Basiselemente der Natur. Sie bilden prim\u00e4re m\u00e4nnlich-positive und weiblich-negative Energien. Es handelt sich dabei um keine moralische Wertung, sondern um sich bedingende Wechselwirkungen.<\/p>\n<p>Das Feuer symbolisiert die m\u00e4nnliche Energie: Es strahlt Licht und W\u00e4rme aus, wirkt dynamisierend, auch austrocknend und verh\u00e4rtend; es bewegt sich senkrecht. Das Wasser steht f\u00fcr die \u201eMutter des Lebens\u201c im Bild des Urmeeres (= Ursubstanz, es bewegt sich horizontal, wirkt empfangend, wandelbar (es l\u00f6st auf, verdampft, kristallisiert) und ist Informationstr\u00e4ger.<\/p>\n<p>Das Brennende entspricht dem energetischen feurigen Impuls in einer Seele und ihrer Liebe (Eros) und dr\u00e4ngt zu einem freien, dynamisch-sch\u00f6pferischen Wandel des Seins. Das Wachsende dagegen weist auf einen Impuls der Seele nach Entfaltung und Erhaltung des Lebens und entspricht der Energie des Wassers.<\/p>\n<p>Der Mensch entfaltet als Mikrokosmos ein differenziertes Bewusstsein seiner selbst und seiner ihn unmittelbar umgebenden Lebensformen und er steht zugleich in einer gro\u00dfen Natur und ihren Bedingungen, die ihn als Makrokosmos umgeben. Diese beiden Gegebenheiten bestimmen die beiden Richtungen seiner Lebensenergien.<\/p>\n<p>Er strebt einerseits nach individueller, freier Selbsterkenntnis und kreativer Entfaltung seiner Verm\u00f6gen und sucht zugleich den Sinn des Lebens in einer h\u00f6heren, \u201evertikalen\u201c, geistigen Einheit. \u201eDie Seele hat Sinn (Logos), der aus sich heraus immer reicher wird\u201c, sagte Heraklit, und die feurig-geistige \u201etrockene Seele [sei] die kl\u00fcgste und vollkommenste\u201c. Mit Blick auf einen Gro\u00dfteil der Menschheit f\u00fcgte er hinzu: \u201eSie lassen sich t\u00e4uschen, die Menschen, im Erkennen dessen, was vor ihren Augen liegt &#8230;\u201c<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a><\/p>\n<p>Der Mensch bildet andererseits auf horizontaler Ebene eine kollektive Gemeinschaft:<\/p>\n<p>\u201eDie menschen sind schwach und ertragen ihre mannigfaltigkeit nicht , denn sie wohnen nahe beisammen und bed\u00fcrfen der gemeinschaft, um ihre\u00a0 besonderheit tragen zu k\u00f6nnen&#8220;, hei\u00dft es in Jungs Mythos.<\/p>\n<p>Beide M\u00e4chte, das Brennende und das Wachsende, erschaffen gemeinsam Zivilisation und Kultur ihrer Gesellschaft und leben dennoch in zwei unterschiedlichen seelisch-geistigen Welten. Immer neue Formen und Strukturen entstehen, werden im Laufe der Zeiten komplexer und m\u00fcssen stets gemeinsam neu ausgehandelt werden. Das Wachsende will die erworbenen Werte und ihre Traditionen bewahren und seine kristallisierende Energie beginnt, die freie Flamme des Brennenden auszul\u00f6schen. An diesem Punkt k\u00e4mpfen die beiden M\u00e4chte ihren \u201eschicksalschwersten Kampf\u201c.<\/p>\n<p>Der freie, individuelle Mensch muss seine eigene Natur \u00fcberwinden, sie verwandeln und \u00fcber das Wachsende hinauswachsen. \u201eNicht die Gesellschaft wird den sch\u00f6pferischen Helden f\u00fchren, sondern es ist genau umgekehrt.\u201c <a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a><\/p>\n<p>Der psychische Organismus ist eine Einheit, und dennoch ringen in ihm stets gewaltige duale Kr\u00e4fte um \u00dcberlegenheit. Es sind die zwei Seelen in unserer Brust, von denen Goethe sprach. Es sind auch die Weltgeister und G\u00f6tter, die in der griechischen Mythologie, in der kosmischen Weltseele ineinander verwoben, in einem t\u00f6dlichen Kampf miteinander ringen.<\/p>\n<p>Beide M\u00e4chte sind Teil der nat\u00fcrlichen Ordnung der Natur. Natur. Kampf um Erhaltung des Lebens, Evolution,Verfall und Erneuerung offenbaren in ihr allesamt Energien der dialektischen Naturgesetzlichkeit. Es gibt in ihr einen friedlichen Sonnenaufgang und einen gewaltigen Vulkanausbruch. Die s\u00fc\u00dfe Nachtigall ist genauso nat\u00fcrlich wie der gef\u00e4hrliche Adler. Der Mensch, der selbst Teil dieser Natur ist, kann friedfertig und auch gef\u00e4hrlich sein. Er hat je doch auch als einziges Wesen in der Natur die M\u00f6glichkeit, zu einem neuen Seelenbewusstsein durchzudringen, das ihn seine bisherige Natur \u00fcberwinden l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Der Wunsch dagegen, in die Dynamik der Natur einzugreifen und ihre Gegens\u00e4tze zu vereinen, entspringt unbewussten menschlich moralisch-abstrakten Wertsetzungen, ist nicht naturgegeben und erwies sich deshalb in der Geschichte immer als gro\u00dfer Misserfolg.<\/p>\n<p>Rousseaus Vorstellung vom menschlichen Willen, der im Naturzustand gut sei und sich in einem Gesellschaftsvertrag dem Willen aller zum Wohle der Gesellschaft unterordne, formuliert ein Naturrecht, dem die abstrakte Vorstellung einer idealen Gesellschaft der Gleichen zugrunde liegt. Sie wurde missbraucht und f\u00fchrte letztlich dazu, dass gleichgesinnte Menschen \u2013 um ihre Gemeinschaft zu sch\u00fctzen \u2013 \u201eanders Gesinnte\u201c abspalteten und ausgrenzten. Eine Vision, die nicht nur zur Phase der \u201eSchreckensherrschaft\u201c (1793 \/ 94) w\u00e4hrend der Franz\u00f6sischen Revolution f\u00fchrte, sondern auch zu vielen gro\u00dfen Katastrophen in der Menschheitsgeschichte.<\/p>\n<p><strong>Ein kosmisches Gegensatzpaar<\/strong><\/p>\n<p>Die beiden M\u00e4chte beruhen auf den kosmischen Urprinzipien des M\u00e4nnlichen (Feuer) und des Weiblichen (Wasser) und sind urspr\u00fcnglich in einer g\u00f6ttlichen Einheit miteinander verbunden. Der Kosmos und alle seine Gesch\u00f6pfe unterliegen jedoch in der Erfahrungswelt des Menschen den Prozessen der Zweieinheit. Ihr Werden und Vergehen vollzieht sich in Form einer Polarit\u00e4t als das Auseinander- und wieder Zusammentreten einer Kraft, die sich in zwei verschiedenen, einander entgegengesetzten Qualit\u00e4ten zeigt.<\/p>\n<p>Dieser Prozess wird im Symbol von Yin und Yang dargestellt: im lichtvollen, m\u00e4nnlich- geistig-sch\u00f6pferischen Yang und im dunklen, empfangenden, wandelbaren weiblichen Prinzip Yin. Beide enthalten in ihren Symbolen den Gegenpol als Punkt: das Yang im Yin und das Yin im Yang. Dies deutet auf die Relation und das nach Ausgleich verlangende gleichzeitige Wachsen des Einen im Anderen, des Tages in der Nacht und der Nacht im Tage.<\/p>\n<p>F\u00fcr Heraklit tr\u00e4gt alles das Entgegengesetzte in sich und strebt dennoch nach einer unsichtbaren Harmonie. \u201eDas Widerstrebende zusammenstimmend und aus dem Unstimmigen die sch\u00f6nste Einheit\u201c <a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a>, um ewiglich erneut miteinander zu ringen.<\/p>\n<p>Er sieht in allem die dynamische Bewegung des urspr\u00fcnglichen, geistigen Feuers in sich selbst und nur in diesem Sinne sagte er, sei das Eine zugleich das Viele. Es baut und zerst\u00f6rt und formt doch nach einer unsichtbaren gesetzm\u00e4\u00dfigen inneren Ordnung das unaufh\u00f6rliche, sich entwickelnde Werden der Sch\u00f6pfung und seiner Gesch\u00f6pfe. \u201eDiese Weltordnung [\u2026], sie war immerdar und ist und wird sein ewigliches Feuer, nach Ma\u00dfen erglimmend und nach Ma\u00dfen erl\u00f6schend.\u201c <a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a> \u201eDas ewige und alleinige Werden, die g\u00e4nzliche Unbest\u00e4ndigkeit alles Wirklichen, das fortw\u00e4hrend nur wirkt und wird und nicht ist, wie dies Heraklit lehrt, ist eine furchtbare und bet\u00e4ubende Vorstellung und in ihrem Einflusse am n\u00e4chsten der Empfindung verwandt, mit der jemand bei einem Erdbeben das Zutrauen zu der festgegr\u00fcndeten Erde verliert\u201c, sagte Nietzsche.<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a><\/p>\n<p><strong>Zwei Gottteufel<\/strong><\/p>\n<p>In Jungs Vierter Rede werden die beiden M\u00e4chte \u2013 das Brennende und das Wachsende \u2013 als zwei Gottteufel bezeichnet, denn \u201eGutes und \u00dcbles einigt sich in der Flamme und Gutes und \u00dcbles einigt sich im Wachstum des Baumes. Leben und Liebe stehen in ihrer G\u00f6ttlichkeit als Gegensatzpaar gegeneinander.\u201c<\/p>\n<p>Beide M\u00e4chte unterliegen nicht nur der polaren Dynamik von Licht und Finsternis, sondern in jeder von ihnen gibt es die weitere, noch gr\u00f6\u00dfere gegens\u00e4tzliche und zugleich kooperative Beziehung von Gut und B\u00f6se.<\/p>\n<p>Weiterhin hei\u00dft es in der Vierten Rede: \u201eUnermesslich, wie das Heer der Sterne ist die Zahl der G\u00f6tter und Teufel. Unz\u00e4hlige G\u00f6tter harren der Menschwerdung [&#8230;]. Der Mensch hat am Wesen der G\u00f6tter teil, er kommt von den G\u00f6ttern und geht zum Gotte.\u201c<\/p>\n<p>Jung macht hier darauf aufmerksam, dass die \u201eunermessliche\u201c Anzahl all der G\u00f6tter und Teufel einer ebenso gro\u00dfen F\u00fclle in der unr\u00e4umlichen Welt seelischer Natur entspricht \u201ewelche Jahrmillionen lebendiger Entwicklung aufgeh\u00e4uft und organisch verdichtet haben [\u2026]. Und diese Bilder sind nicht blasse Schatten, sondern m\u00e4chtig wirkende seelische Bedingungen [&#8230;]\u201c, die wir in unser Bewusstsein holen und damit befreien sollen.<\/p>\n<p>Jung erinnert in seinem Mythos an die reiche Bilderwelt in den alten gnostischen Mythen und betont die Verarmung und Schw\u00e4chung unserer Seelen, wenn wir diese in leeren Begriffen vereinfachen und hinweg rationalisieren. \u00a0\u201eDadurch schafft ihr [\u2026] die Verst\u00fcmmelung der Creatur, deren Wesen und Trachten Unterschiedenheit ist.\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch kann nur in tiefster Bewunderung und Ehrfurcht anschauend stille stehen vor den Abgr\u00fcnden und H\u00f6hen seelischer Natur (\u2026).\u201c <a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a><\/p>\n<p>\u201eJeder Stern ist ein Gott und jeder Raum, den ein Stern f\u00fcllt, ist ein Teufel. Das Leervolle des Ganzen aber ist das Pleroma\u201c, steht weiterhin im Text. Das Licht eines Sternes (oder einer anderen Kraft) wird demnach \u2013 nach dem grundlegenden Prinzip der Polarit\u00e4t \u2013 von ihrem eigenen dunklen, leervollen Raum getragen und wieder verschlungen. Dieses \u201eleervolle Ganze\u201c ist das Pleroma, die leere F\u00fclle, die alle Gegens\u00e4tze tr\u00e4gt, vereint und wieder aufl\u00f6st.<\/p>\n<p>In allen irdischen Kreaturen ist das Pleroma zerrissen in Gegens\u00e4tze. Die Wirkkraft der Gegens\u00e4tze ist der Gott Abraxas, der die dialektischen Kr\u00e4fte offenbart und sie zur Wiedervereinigung dr\u00e4ngt. \u201eDas Wirkende verbindet sie. Darum steht das Wirkende \u00fcber beiden (&#8230;), denn es vereinigt die F\u00fclle und die Leere in ihrer Wirkung.\u201c <a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a>\u00a0 Wir irdischen Menschen erfahren die M\u00e4chte des Brennenden und des Wachsenden\u00a0 als zwei voneinander getrennte Gegens\u00e4tze, gute oder \u00fcble, lichte oder dunkle Wirksamkeiten.<\/p>\n<p>Der Mystiker Johannes vom Kreuz beschrieb, wie er sich pl\u00f6tzlich in einer dunklen Nacht gef\u00fchlt habe und dann erst sp\u00e4ter erkennen konnte, dass es g\u00f6ttliches Licht war.<\/p>\n<p><strong>Eine T\u00fcr zur Freiheit der Seele \u00f6ffnet sich<\/strong><\/p>\n<p>W\u00e4hrend eines langen Erfahrungsweges kann die menschliche Seele jenen kurzen Augenblick erleben, in dem die Gegens\u00e4tze in ihr pl\u00f6tzlich still stehen. Es ist der Moment, in dem ihr rhythmischer Wechsel stattfindet vom lichten Brennenden in das dunkle Wachsende und umgekehrt. Diese schmale Umbruchstelle ist der Mittelpunkt zwischen der senkrechten und der horizontalen Bewegung der beiden sich kreuzenden Gegens\u00e4tze. Der Kreuzpunkt liegt im Herzen des Menschen, welches das Zentrum des geistigen Feuers in seinem Mikrokosmos und auch im Makrokosmos ist. Es bildet das Dritte, den ausgleichenden Mittelpunkt der beiden polaren M\u00e4chte.<\/p>\n<p>In dem gelebten \u201eJetzt\u201c \u00f6ffnet sich das Herz des Menschen und befreit die Seele von dem w\u00fcrgenden Griff des Unbewussten, das die t\u00e4uschende und leidvolle Wirkung der Gegens\u00e4tze in ihr hevorruft.<\/p>\n<p>In diesem \u201eJetzt\u201c vermag sich auch das Brennende, die Liebe (Eros), f\u00fcr das Leben zu entscheiden und es durch seine Hingabe zu erneuern. Die Seele beginnt nun, die unendliche Ganzheit dieses Geschehens zu ahnen und sagt \u201eja\u201c zu der gro\u00dfen Kraft, die sich in ihr offenbart.<\/p>\n<p>In seinem Tagebuch gibt Dag Hammarskj\u00f6ld ein Zeugnis eines solchen erlebten Augenblicks:<\/p>\n<p>\u201eIch wei\u00df nicht, wer \u2013 oder was \u2013 die Frage gestellt hat, ich wei\u00df nicht, wann sie gestellt wurde. Ich erinnere mich nicht einmal daran, wie ich antwortete. Doch in irgendeinem Augenblick antwortete ich Jemandem \u2013 oder Etwas \u2013 \u201eJa\u201c, und von dieser Stunde an war ich sicher, dass das Leben einen Sinn hat und dass deshalb das Ziel meines Lebens in der Selbsthingabe liegt.\u201c <a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a><\/p>\n<p>Das \u201eJa\u201c, das die Seele ausspricht, gibt ihr die Gr\u00f6\u00dfe, die Jung meint, wenn er sagt: \u201eDer innerlich Gro\u00dfe aber wei\u00df, dass der l\u00e4ngst erwartete Freund der Seele, der Unsterbliche, nunmehr in Wirklichkeit gekommen ist, um &#8217;sein Gef\u00e4ngnis gefangen zu f\u00fchren&#8216; ( Eph. 4:8 ).\u201c <a href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\">[12]<\/a><\/p>\n<p><strong>Das Selbst<\/strong><\/p>\n<p>Wer ist dieser l\u00e4ngst erwartete Freund?<\/p>\n<p>F\u00fcr Jung ist er in dieser gnostischen Schrift das innere Selbst des Menschen, das von Beginn des Lebens an als eine g\u00f6ttliche Kraft wie \u201e ..ein einziger Stern im Zenith\u201c in ihm anwesend ist \u201e..dies ist seine Welt, sein Pleroma, seine G\u00f6ttlichkeit.\u201c\u00a0 Das wahre Selbst ist der geistige Funke des g\u00f6ttlichen Feuers im Herzen des Menschen. Es liegt im Zentrum des menschlichen Mikrokosmos und verbindet Bewusstes und Unbewusstes in ihm zu einer Ganzheit. \u201eNichts ist zwischen dem Menschen und seinem Gotte, sofern der Mensch seine Augen vom flammenden Schauspiel des Abraxas abwenden kann .\u201c13<\/p>\n<p>F\u00fcr Jung ist Christus das archetypische Symbol des Selbst. Von Christus hei\u00dft es, er sei eine \u201e kosmische Urmacht\u201c der geistigen Feuerkraft der Sonne, die gesetzt sei, \u201e\u00fcber alle F\u00fcrstent\u00fcmer, Gewalt, Macht, Herrschaft [&#8230;] nicht allein in dieser Welt, sondern auch in der zuk\u00fcnftigen.\u201c (Eph. 1, 21ff). In ihm seien deshalb alle wirkenden Urbilder zusammengefasst und erf\u00fcllt, weil in ihm \u201ealles in allem erf\u00fcllt sei \u201edurch mehr Leben, mehr F\u00fclle, mehr Macht\u201c. <a href=\"#_ftn13\" name=\"_ftnref13\">[13]<\/a><\/p>\n<p>Durch Christus wird das Pleroma zum Symbol der vollen F\u00fclle. Das Selbst ist f\u00fcr Jung dieses dem Menschen innewohnende Prinzip, das nach F\u00fclle und Ganzheit strebt.<a href=\"#_ftn14\" name=\"_ftnref14\">[14]<\/a><\/p>\n<p>Sein Ich ist der bewusste Aspekt dieser Kraft, die sich allm\u00e4hlich der Einheit und Vielheit dieses Selbstes bewusst wird, wenn sie sich nach einem langen Reifungsweg dem Erkenntnisprozess der Seele hingibt und zu ihrem Diener wird. Dabei erg\u00e4nzt die Seele allm\u00e4hlich kollektive durch individuelle Werte, und durch \u00e4u\u00dfere Autorit\u00e4ten eingegebene Werte und Gebote werden vom Feuer des Brennenden verzehrt und durch eigene innere Gesetze ersetzt.<\/p>\n<p>\u201eDie Lehrs\u00e4tze k\u00f6nnen Sie n\u00e4mlich mit dem Element Wasser vergleichen und das Erf\u00fcllen dieser Lehrs\u00e4tze mit dem Element Feuer\u201c und dann wird der Mensch\u00a0 \u201e&#8230;zum Meisterbauer\u201c der die \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u201eEinheit zwischen Wasser und Feuer\u201c zustande bringt.\u201c16<\/p>\n<p>Das Selbst kann von nun an mit Hilfe einer entsprechenden Lebenshaltung des Menschen im gel\u00e4uterten Ich wirken, ohne dass es das Selbst vollst\u00e4ndig zu erfassen vermag. Das Selbst wird als \u201eder Andere\u201c wahrgenommen, der jedoch durch sein absolut anderes Sein, bzw. durch seine Ganzheit, erst das Bewusstsein erm\u00f6glicht. So tr\u00e4gt ein Mensch das Ziel, nach dem er sich sehnt in seinem Inneren wie die Raupe ihr Vollendungspotential als Schmetterling in sich tr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Der Weg des seelisch-geistigen Wachstums des Menschen ist f\u00fcr Jung ein Selbstwerdungsprozess, weil das Selbst den inneren Wandlungsprozess im Menschen zu vollziehen beginnt. Jung nennt ihn einen Individuationsprozess, weil das Wort Individuum die innere unteilbare (von lt. individuum = das Unteilbare)\u00a0 bewusste Ganzheit des Menschen unterstreicht.<\/p>\n<p>Jung sagte: \u201eNicht ich schaffe mich selbst, ich geschehe vielmehr mir selber.\u201c<\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> C.G. Jung (1875-1961), der Begr\u00fcnder der Analytischen Psychologie, verfasste das Traktat <em>Septem Sermones ad Mortuos<\/em> (Sieben Reden an die Toten), nachdem er im Alter von etwa 40 Jahren nach der Trennung von seinem Lehrer Sigmund Freud eine tiefgreifende Krise durchlebt hatte. Siehe zu den \u201eSieben Reden an die Toten\u201c den Artikel \u201e<a href=\"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/wissenschaft-aus-dem-mysterium-der-seele-geboren-carl-gustav-jungs-transformation-teil-1\/\">Wissenschaft, aus dem Mysterium der Seele geboren<\/a>\u201c in LOGON Nr. 9 (<em>Seelenr\u00e4ume<\/em>), S. 62 ff<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Stephan A. Hoeller, <em>Der gnostische Jung<\/em>, 1. Auflage, Calw 1987, S. 152<br \/>\n<a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Ebda, <em>Die Vierte Rede &#8211; Brennender Busch und Baum des Lebens,<\/em> S. 125-153. Die Zitate aus dieser Rede sind in kursiver Schrift gesetzt.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Heraklit, <em>Fragmente<\/em>, M\u00fcnchen und Z\u00fcrich 1986, S. 35 und 21<br \/>\n<a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5] <\/a>Joseph Campbell, <em>The Hero with a Thousand Faces<\/em>\u201c, zitiert von C.G. Jung (in: <em>Der gnostische Jung,<\/em> a.a.O., S. 133-134<br \/>\n<a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6] <\/a>Heraklit, a.a.0., S. 9<br \/>\n<a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7] <\/a>Ebda., S. 15<br \/>\n<a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8<\/a>] Friedrich Nietzsche, <em>Heraklit<\/em>, in: <em>Texte der Philosophie<\/em>, M\u00fcnchen 1973, S. 8-9<br \/>\n<a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9] <\/a>Stephan A.Hoeller, a.a.O., Zitat von C.G. Jung, S. 153<br \/>\n<a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10] <\/a>Siehe auch die ersten drei Reden des Mythos und den Artikel in LOGON Nr. 9, S. 62 ff.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> Stephan A.Hoeller, a.a.O., S. 137-138<br \/>\n<a href=\"#_ftnref12\" name=\"_ftn12\">[12]<\/a> A.a.O. C.G. Jung \u201e Sieben Reden an die Toten\u201c s.Sermo I und VII<br \/>\n<a href=\"#_ftnref13\" name=\"_ftn13\">[13] <\/a>Alfred Dedo M\u00fcller, <em>Prometheus oder Christus<\/em>, Leipzig 1944<br \/>\n<a href=\"#_ftnref14\" name=\"_ftn14\">[14] <\/a>C.G. Jung, <em>Das Selbst in der Tiefenpsychologie<\/em>, s. <em>Selbst<\/em> bei Wikipedia<br \/>\n<a href=\"#_ftnref15\" name=\"_ftn15\">[15]<\/a> C.G. Jung, Das Selbst in der Tiefenpsychologie, s. Selbst bei Wikipedia<br \/>\n<a href=\"#_ftnref16\" name=\"_ftn16\">[16]<\/a> Catharose de Petri, Das lebende Wort, Haarlem 1990<\/p>\n","protected":false},"author":925,"featured_media":100476,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110101,110088],"tags_english_":[],"class_list":["post-99450","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-spiritsoul-de","category_-science-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/99450","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/925"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/100476"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=99450"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=99450"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=99450"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=99450"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}