{"id":99298,"date":"2023-01-15T08:52:27","date_gmt":"2023-01-15T08:52:27","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/?post_type=logon_article&#038;p=99298"},"modified":"2023-01-15T20:01:57","modified_gmt":"2023-01-15T20:01:57","slug":"ich-bin-der-welt-abhanden-gekommen-gustav-mahlers-4-sinfonie","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/ich-bin-der-welt-abhanden-gekommen-gustav-mahlers-4-sinfonie\/","title":{"rendered":"Ich bin der Welt abhanden gekommen   \u2013  Gustav Mahlers 4. Sinfonie"},"content":{"rendered":"<p>Arnold Sch\u00f6nberg , Repr\u00e4sentant der 2. Wiener Schule und Sch\u00f6pfer der 12-Ton-Musik, empfand viele Themen Gustav Mahlers ) banal und kritisierte seinerzeit seine Musik r\u00fccksichtslos. Nach Mahlers Tod \u00e4u\u00dferte er hingegen in einer Gedenkrede: \u201eIch glaube unersch\u00fctterlich daran, dass Mahler einer der gr\u00f6\u00dften Menschen und K\u00fcnstler war. Mahler hat das Allerh\u00f6chste angestrebt und auch erreicht.\u201c<br \/>\nGustav Mahler w\u00e4chst in einer freudlosen Kindheit auf. Der Vater ist herrisch und gewaltt\u00e4tig. Die Mutter leidet unter den Wutanf\u00e4llen des Vaters. F\u00fcnf ihrer zw\u00f6lf Kinder sterben in fr\u00fchen Jahren. Gustav fl\u00fcchtet sich in Traumparadiese. Auffallend ist seine Zerstreutheit in allt\u00e4glichen Dingen. Auf dem Dachboden findet er als Vierj\u00e4hriger ein altes Klavier und beginnt zu komponieren, bevor er die Tonleitern spielen kann. Auf die Frage, was er mal werden wolle, antwortet der kleine Gustav: M\u00e4rtyrer.<\/p>\n<p>Das Horn, das \u201eWunderhorn\u201c in der 4. Sinfonie aus den Jahren 1899 bis 1901, trifft den H\u00f6rer ins Herz. Alle S\u00e4tze korrespondieren auf das Innigste und Bedeutungsvollste. Mahler f\u00fchrt dem H\u00f6rer die Kernphilosophie der Romantik, das \u201eAls ob\u201c, die Doppelb\u00f6digkeit des Seins, vor Augen. In einem Rausch der Vorwegnahme der Moderne und auch der Postmoderne weist Mahler auf einen Kernsatz der Kulturrevolution Joseph Beuys\u00b4 hin: Die Revolution sind wir! Wir m\u00fcssen uns der Doppelb\u00f6digkeit des Seins, der Welten, bewusst werden. Wir denken uns in die Utopie der Stille, der Erl\u00f6sung, des Gehaltenwerdens hinein und genie\u00dfen es, aufgehoben zu sein. Gleichzeitig wissen wir von der Realit\u00e4t: der Gewalt, der Zerst\u00f6rung, der Zerr\u00fcttung, der Ausbeutung des Planeten und des Menschen. Die Wunschtr\u00e4ume der Kunst bilden lediglich eine d\u00fcnne, durchsichtige Haut \u00fcber dem Alptraum der Wirklichkeit. Wie Caspar David Friedrichs Bergwanderer \u00fcber die Wolken ins Paradies schaut, wohl wissend, dass unter der Wolkendecke Krieg, Tod und tagt\u00e4gliche Krise die Oberhand behalten, so wird in Mahlers 4. Sinfonie der H\u00f6rer schnell in paradiesische H\u00f6hen getragen. Wir wollen uns der Sch\u00f6nheit der Melodien und Klanggen\u00fcsse hingeben und sind gerne bereit, Misst\u00f6ne und schr\u00e4ge Einw\u00fcrfe zu \u00fcberh\u00f6ren. Aber die Anhaftung an das Irdische und Unangenehme, das St\u00f6rende bleibt un\u00fcberh\u00f6rbar st\u00e4ndig pr\u00e4sent. Der Mensch erh\u00e4lt einen Blick geschenkt in die Welt der Sch\u00f6nheit und des endlich Aufgehoben-Seins, der lang entbehrten Sicherheit, des Schutzes der Seele. Wohl wissend: Die Welt ist anders. Die Idealwelt stimmt nicht mit der Wirklichkeit \u00fcberein. Dort unten klingen die Misst\u00f6ne:<\/p>\n<p>\u2022 die unerreichbare Limitierung der Erderw\u00e4rmung bei 1,5 Grad Celsius<br \/>\n\u2022 der menschengemachte Klimawandel<br \/>\n\u2022 der Anstieg des Meeresspiegels<br \/>\n\u2022 Tornados, Orkane, Starkregen, Flutkatastrophen<br \/>\n\u2022 grauenvolle Tierhaltung, Artensterben, Waldzerst\u00f6rung, Vernichtung der Regenw\u00e4lder, unserer wesentlichen Sauerstoffquellen<br \/>\n\u2022 Vergiftung der Gew\u00e4sser, der Ozeane und der Atemluft<br \/>\n\u2022 Verm\u00fcllung der Welt und Verseuchung der Erde mit allen Lebensformen<\/p>\n<p>Den Menschen mit Verstand \u2013 gibt es den? Anpassungsf\u00e4hig sind die Pflanzen, die instinktgesteuerten Tiere. Die Geologie im st\u00e4ndigen Wandel passt sich Feuer, Wind und Wasser an. Ist die Zerr\u00fcttung der Dinge vom jetzigen Weltbewohner zu verantworten? Die Ursachen liegen schon in der Zeit der Romantik, im 19. Jahrhundert: Industrialisierung, Kinderarbeit in Kohlenminen, Versklavung der Menschen f\u00fcr kosteng\u00fcnstige Produktionsprozesse. Zum Gl\u00fcck ist das \u00fcberwunden!? Heute f\u00e4hrt der Mensch sinnvollerweise ein E-Auto, vollkommen emissionsfrei. Ich muss nicht dar\u00fcber nachdenken, dass Kinder das Kobalt f\u00fcr Batterien mit ihren H\u00e4nden aus einst\u00fcrzenden Gruben kratzen m\u00fcssen. Ich muss nicht dar\u00fcber nachdenken, dass Lithiumabbau bl\u00fchende Landschaften in vergiftete Schmutzw\u00fcsten verwandelt. Ich muss nicht dar\u00fcber nachdenken, dass Ethnien unterdr\u00fcckt, ausgebeutet und ausgerottet werden. Am Ende des Tages steht ein teures aber kosteng\u00fcnstiges Fahrzeug bereit. Sein Umwelt-Fu\u00dfabdruck ist gr\u00f6\u00dfer als bei einem Verbrennungsantrieb.<br \/>\nMahler feiert eine romantische Sehnsucht nach einer kleinen harmonischen Welt. Das \u201eAls ob\u201c, die Doppelb\u00f6digkeit, st\u00f6rt jedoch von der ersten Sekunde an die Idylle. Die Bl\u00e4ser meckern. Mal grotesk, mal gespenstig, dann laut und grell, und voller Ironie springen die T\u00f6ne und Themen den H\u00f6rer an. Auf einer besonderen Solovioline streicht der Tod seine Fiedel \u2013 ist es ein Totentanz?<br \/>\nAm Beginn des 3. Satzes der Sinfonie frage ich mich: wo befindet sich jetzt Beethoven? Wie aus geistigen H\u00f6hen senken sich \u00fcberirdisch sch\u00f6ne, an Beethoven erinnernde Kl\u00e4nge der Celli und Bratschen herab und beruhigen die Seelenebene und das Diesseits. H\u00f6rner und Pauken holen uns jedoch sanft heraus aus dem Traum und nach und nach wird ganz klar: die Erde kann nicht mehr! Der Widerspruch, das \u201eAls ob\u201c, reitet als apokalyptischer Reiter durch die noch sch\u00f6ne Seelen-Landschaft \u2026 Denn der Unrat, die Gewalt, die Blutr\u00fcnstigkeit hat den Seelenraum bereits unterlaufen und die \u201eHeiligen\u201c sitzen am Tisch beim gro\u00dfen Fressen und lachen dazu. Sie schlagen sich auf die Schenkel und genie\u00dfen das Treiben.<\/p>\n<p>Und dann der 4. Satz, der uns aus der letzten paradiesischen Illusion herauswirft. Alle \u00fcblichen \u201eVerd\u00e4chtigen\u201c, die Heiligen, St. Petrus, St. Johannes, St. Lukas, St. Martha machen gemeinsame Sache mit Herodes. St. Ursula, die Bildungsheilige lacht dazu. St. Cecilia, die Heilige der Kirchenmusik, untermalt alles mit himmlischen Kl\u00e4ngen. Ein Gedicht aus Des Knaben Wunderhorn kr\u00f6nt die 4. Sinfonie und wird von einer Sopranstimme gesungen:<\/p>\n<p>Wir genie\u00dfen die himmlischen Freuden,<br \/>\ndrum tun wir das Irdische meiden!<br \/>\nKein weltlich Get\u00fcmmel<br \/>\nH\u00f6rt man nicht im Himmel!<br \/>\nLebt alles in sanftester Ruh&#8216;!<br \/>\nWir f\u00fchren ein englisches Leben!<br \/>\nSind dennoch ganz lustig daneben!<br \/>\nWir tanzen und springen,<br \/>\nwir h\u00fcpfen und singen!<br \/>\nSankt Peter im Himmel sieht zu!<\/p>\n<p>Johannes das L\u00e4mmlein auslasset!<br \/>\nDer Metzger Herodes drauf passet!<br \/>\nWir f\u00fchren ein geduldig&#8217;s,<br \/>\nunschuldig&#8217;s, geduldig&#8217;s,<br \/>\nein liebliches L\u00e4mmlein zu Tod!<br \/>\nSankt Lucas den Ochsen t\u00e4t schlachten<br \/>\nohn&#8216; einig&#8217;s Bedenken und Trachten,<br \/>\nDer Wein kost&#8216; kein Heller<br \/>\nIm himmlischen Keller!<br \/>\nDie Englein, die backen das Brot.<\/p>\n<p>Gut&#8216; Kr\u00e4uter von allerhand Arten,<br \/>\ndie wachsen im himmlischen Garten,<br \/>\ngut&#8216; Spargel, Fisolen<br \/>\nund was wir nur wollen,<br \/>\nganze Sch\u00fcsseln voll sind uns bereit.<br \/>\nGut\u2019 \u00c4pfel, gut&#8216; Birn&#8216; und gut&#8216; Trauben!<br \/>\nDie G\u00e4rtner, die alles erlauben!<br \/>\nWillst Rehbock, willst Hasen?<br \/>\nAuf offener Stra\u00dfen sie laufen herbei!<\/p>\n<p>Sollt&#8216; ein Fasttag etwa kommen,<br \/>\nalle Fische gleich mit Freuden angeschwommen,<br \/>\ndort l\u00e4uft schon Sankt Peter<br \/>\nmit Netz und mit K\u00f6der<br \/>\nzum himmlischen Weiher hinein!<br \/>\nSankt Martha die K\u00f6chin muss sein!<\/p>\n<p>Kein&#8216; Musik ist ja nicht auf Erden,<br \/>\ndie uns&#8217;rer verglichen kann werden.<br \/>\nElftausend Jungfrauen<br \/>\nzu tanzen sich trauen!<br \/>\nSankt Ursula selbst dazu lacht.<br \/>\nC\u00e4cilia mit ihren Verwandten<br \/>\nsind treffliche Hofmusikanten!<br \/>\nDie englischen Stimmen<br \/>\nermuntern die Sinnen!<br \/>\nDass alles f\u00fcr Freuden, f\u00fcr Freuden erwacht!<\/p>\n<p>Mahlers 4. Sinfonie endet mit Stille und Applaus. Wir k\u00f6nnen uns nicht mehr wundern, dass alles so ist, wie es ist. Wir haben uns alle geirrt! Wir sind die Scheinheiligen! Reinigung, R\u00fcck-Heiligung, Heilung, wir wollen zur\u00fcck auf einen ehemaligen Zustand; welchen Schalter muss man umlegen? Menschengemachtes Karma, Schuld, Verzeihung, Vergessen? \u2013 Das sind wohl nur unbrauchbare politische Floskeln.<br \/>\nMahler greift vor 120 Jahren ganz tief in unser Herz. Er zeigt uns alle Seiten: Sch\u00f6nheit und Grauen. Mit Schellen-Geklimper, Paukenwirbel und Beckenschl\u00e4gen l\u00e4sst er alles \u00fcber uns hinwegtanzen \u2026 Die Sinfonie beginnt von vorn.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Musik-Empfehlung:<br \/>\nCD Leonard Bernstein, Mahler Sinfonien 1-4<br \/>\nCD Claudio Abbado, Mahler Sinfonie Nr. 4<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"author":925,"featured_media":99289,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110062],"tags_english_":[],"class_list":["post-99298","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-art-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/99298","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/925"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/99289"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=99298"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=99298"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=99298"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=99298"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}