{"id":98901,"date":"2023-01-04T09:16:16","date_gmt":"2023-01-04T09:16:16","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/?post_type=logon_article&#038;p=98901"},"modified":"2023-01-21T21:51:19","modified_gmt":"2023-01-21T21:51:19","slug":"kunst-ist-zu-tun-was-man-nicht-kann","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/kunst-ist-zu-tun-was-man-nicht-kann\/","title":{"rendered":"Kunst ist, zu tun, was man nicht kann"},"content":{"rendered":"<p><strong>So sagt es der Schriftsteller Peter Handke in einem Interview mit der ZEIT (Nr. 49 \/ 2022, S. 60). Kunst bedeutet, zu tun, was man nicht kann. Kommt Kunst also nicht von K\u00f6nnen, entgegen der allbekannten Binsenweisheit?<\/strong><\/p>\n<p>Einige weitere F\u00e4hrten auf dem Weg von Kunst und (Nicht-) K\u00f6nnen: Der Maler Cy Twombly bindet seinen Pinsel an einen langen Stock, um den Einfluss des Ego auf den Malprozess zu reduzieren. Was das Ego gelernt hat und kann, gilt ihm als St\u00f6rfaktor seiner Kunst. Er malt w\u00e4hrend des zweiten Weltkrieges, in seiner Zeit als Dechiffrierer der US Army, sogar im Dunkeln. Sind die Augen tr\u00fcgerisch, oder ist es ihr Zugriff auf die Dinge? Wohin zielt die Kunst, wenn Kunstfertigkeit zum Hindernis wird?<\/p>\n<p>Der Schriftsteller Uwe Johnson n\u00e4hert sich der Realit\u00e4t, die er zum Vorschein bringen will, durch wiederholtes Zielen mit Worten, und auch durch zahlreiche Umschreibungen, die ihren Gegenstand trotz oder wegen der Distanz, die sie zu ihm einhalten, genauer zeigen als bekannte oder vermeintlich exakte Begriffe es k\u00f6nnten. Johnsons Kunst macht eine Wirklichkeit erkennbar, die von der Alltagsrealit\u00e4t \u2013 und unserem allt\u00e4glichen Bewusstsein \u2013 in der Regel verschleiert wird. In dem Wissen, dass er die Realit\u00e4t nicht \u201eeinfach zeigen\u201c kann, schafft Johnson eine Literatur, die der Wirklichkeit an Komplexit\u00e4t gleichkommt. Wenn der Leser sich in die Tiefe vortastet, vollzieht er die Suche des Autors nach.<\/p>\n<blockquote><p>[\u2026] ich sah ihn [Jakob] zum ersten Mal, augenblicklich fasste es mich an und hob mich auf und setzte mich wieder hin. Ich fand mich vollst\u00e4ndig von Aufmerksamkeit ergriffen wie nur einmal noch fr\u00fcher in meinem Leben. Wenn ich mich recht erinnere, begann ich sogleich nach Worten zu suchen. Das N\u00e4chste war dass ich ein Wort nach dem anderen wegwarf, sie meinten s\u00e4mtlich Eigenschaften, dieser schien keine zu haben. Es war so dass sein Aussehen sofort in mir unverwischbar sich abspiegelte, und wenn ich heute sage denke \u201eer war gross und breit und kr\u00e4ftig, damals sah er ein bisschen schwerm\u00fctig (nicht betr\u00fcbt) aus f\u00fcr den Betrachter\u201c, so ist er verwechselbar mit jedem, der ihm nur \u00e4hnlich w\u00e4re.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p>Die genannten K\u00fcnstler suchen nach einer Wirklichkeit, die sich hinter der Alltagsrealit\u00e4t verbirgt und derer man durch blo\u00dfes Abbilden nicht habhaft werden kann. Gelingen w\u00e4re, die Dimension der Realit\u00e4t, in der das Geheimnis, das Wirkliche wohnt, zu ber\u00fchren und f\u00fcr den Leser \/ Betrachter zu er\u00f6ffnen. Kunst: Das ist dann mehr als ein Handwerk, das Bilder oder Texte schafft. Ihr eignet der Mut, nach dem Wirklichen zu suchen; es geht auch um den Schmerz der Alltagsrealit\u00e4t, die, wie Rainer Maria Rilke schreibt, etwas Verschwindendes hat, weil unser Umgang mit ihr \u2013 erstaunlicherweise \u2013 einer Weltflucht gleicht.<\/p>\n<blockquote><p>Ist es m\u00f6glich, da\u00df man noch nichts Wirkliches und Wichtiges gesehen, erkannt und gesagt hat? Ist es m\u00f6glich, da\u00df man Jahrtausende Zeit gehabt hat, zu schauen, nachzudenken und aufzuzeichnen, und da\u00df man die Jahrtausende hat vergehen lassen wie eine Schulpause, in der man sein Butterbrot i\u00dft und einen Apfel?<br \/>\nJa, es ist m\u00f6glich. Ist es m\u00f6glich, da\u00df man trotz Erfindungen und Fortschritten, trotz Kultur, Religion und Weltweisheit an der Oberfl\u00e4che des Lebens geblieben ist? Ist es m\u00f6glich, da\u00df man sogar diese Oberfl\u00e4che, die doch immerhin etwas gewesen w\u00e4re, mit einem unglaublich langweiligen Stoff \u00fcberzogen hat, so da\u00df sie aussieht wie die Salonm\u00f6bel in den Sommerferien?<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p>Dieser Text stammt aus dem Jahr 1910 und k\u00f6nnte nicht aktueller sein. Auf der Oberfl\u00e4che der Dinge liegen nicht nur unsere Meinungen, Konzepte und Gef\u00fchle, sondern auch der Gebrauch, den wir von ihnen machen; heute werden sie zudem von Abbildungen ohne Zahl \u00fcberlagert und ins Virtuelle gezogen.<\/p>\n<p>So kann die Kunst ein Weg zur Tuchf\u00fchlung mit der sich entziehenden Realit\u00e4t sein. Im besten Sinn ist sie ein Spiegelbild, und manchmal ist sie gleichzeitig der Ausdruck einer spirituellen Lebenshaltung. Nicht zu wissen, was die Wirklichkeit ist, das eigene Handwerkzeug immer weiter zu verfeinern, und immer wieder \u00fcber das eigene Wissen und K\u00f6nnen hinausgehen, ja es preisgeben, um einer tieferen Wirklichkeit zu erlauben, sich zu zeigen: das w\u00e4re dann Kunst. Der Maler sucht Wege, einem Bild zur Entstehung zu verhelfen und diesen Prozess zu begleiten. Der Komponist lauscht auf die Bewegungen seiner Seele, ja auf die Gesetze des Kosmos. Der Musiker l\u00e4sst die Komposition eines anderen ihren eigenen Ausdruck finden. Der Romancier verwirft die bekannten Wirklichkeitsschablonen, er sucht die unmittelbare Wahrnehmung und schreibt sie auf, so gut es geht. Alle \u00fcben und verfeinern ihr Handwerkszeug t\u00e4glich. Zugleich wissen sie, dass der n\u00e4chste Schritt immer im Nichtwissen und Nichtk\u00f6nnen zu gehen ist. Denn es geht nicht um sie selbst und das, was sie schon zu wissen meinen.<\/p>\n<p>Wenn Menschen Baumeister des <em>neuen Menschen<\/em> werden wollen, tun sie etwas \u00c4hnliches. Sie versuchen, den neuen Menschen hinter der Erscheinung des \u2013 heute zunehmend unkenntlicher werdenden \u2013 Alltags-Ichs zu sehen, in dessen Ringen und auch im Scheitern. Der Weg bringt eine sich t\u00e4glich vertiefende Selbsterkenntnis. Sie sieht den Abgrund zwischen Wissen und Handeln, und letztlich auch, dass das alte Bewusstsein ein untaugliches Gef\u00e4\u00df f\u00fcr das Sein und Leben des neuen Menschen ist. Was dann? Man kann das alte Sein auf die Schwelle des neuen legen \u2013 und sich im n\u00e4chsten Augenblick verwandelt erheben, viele tausend Mal.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a>In dieser Szene begegnet der Stasi-Offizier Rohlfs Jakob, dem Protagonisten von Uwe Johnsons \u201eMutmassungen \u00fcber Jakob\u201c, zum ersten Mal. Frankfurt 2000, Seite 72. Die entfallenen Kommas entsprechen der literarischen Vorlage.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a>Rainer Maria Rilke, Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge<\/p>\n","protected":false},"author":925,"featured_media":98934,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110062],"tags_english_":[],"class_list":["post-98901","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-art-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/98901","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/925"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98934"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=98901"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=98901"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=98901"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=98901"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}