{"id":97880,"date":"2022-08-30T22:17:22","date_gmt":"2022-08-30T22:17:22","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/logon_article\/indiens-weg-in-die-freiheit-teil-2\/"},"modified":"2023-03-08T20:11:28","modified_gmt":"2023-03-08T20:11:28","slug":"indiens-weg-in-die-freiheit-teil-2","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/indiens-weg-in-die-freiheit-teil-2\/","title":{"rendered":"Indiens Weg in die Freiheit &#8211; Teil 2"},"content":{"rendered":"<p>(Zur\u00fcck zu <a href=\"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/indiens-weg-in-die-freiheit-teil-1\/\">Teil 1<\/a>)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<blockquote><p><strong>Die kleinen Leute mussten wachsen <\/strong><strong>[1]<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<p>\u00dcberall, wohin Gandhi gerufen wurde, um Missst\u00e4nde zu untersuchen und an ihrer Beseitigung zu arbeiten, k\u00fcmmerten er und seine Aktivisten sich um die gesamten Lebensumst\u00e4nde der \u00f6rtlichen Bev\u00f6lkerung. Das f\u00fchrte dazu, dass sie der Landbev\u00f6lkerung Grunds\u00e4tze der Hygiene und der gesunden Ern\u00e4hrung beibrachten, dass sie in den D\u00f6rfern die Brunnen reinigten und Schulen bauten. Vor allem hatten sie gegen die Apathie anzuk\u00e4mpfen, die die Folge jahrhundertelanger Unterdr\u00fcckung und faktischer Rechtlosigkeit der einfachen Menschen war. Dabei hatte die Unterdr\u00fcckung viele Gesichter: Es war die Unterlegenheit der Kastenlosen gegen\u00fcber den Kastenhindus, der niederen Kasten gegen\u00fcber den h\u00f6heren, der Armen gegen\u00fcber den Reichen, den Machtlosen gegen\u00fcber dem Filz der Gro\u00dfgrundbesitzer und Fabrikanten, die mit den Kolonialherren gute Gesch\u00e4fte machten. Auf dem platten Land herrschte eine umfassende geistige Unbeweglichkeit, eine stumpfe Hinnahme der Zust\u00e4nde, wie diese auch sein mochten, die sich fallweise in einzelnen Eruptionen verzweifelter Aggression \u00e4u\u00dferte und die ebenso angegangen werden musste wie die \u00fcbrigen Probleme. Gandhi hatte nichts anderes im Sinn, als in der indischen Bev\u00f6lkerung eine seelische Kraft wachzurufen, mit der sie sich ihrer menschlichen W\u00fcrde bewusst werden und ihre Rechte verstehen sowie einfordern konnte. Konkret bedeutete das, dass die Menschen instandgesetzt werden mussten, sich als B\u00fcrger und nicht als Sklaven des Systems wahrzunehmen. Sie mussten imstande sein, gegen einzelne Verordnungen ruhig und friedlich vorzugehen, also gezielte <em>Non-Cooperation<\/em><a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> zu \u00fcben, ohne in Wut zu verfallen und das ganze System \u00fcber den Haufen zu werfen. Sie mussten au\u00dferdem die Folgen ihres friedlichen Widerstandes in W\u00fcrde tragen lernen, denn oft genug bedeutete dies finanziellen Verlust und Gef\u00e4ngnisstrafen. Gandhi selbst verbrachte w\u00e4hrend seiner Bem\u00fchungen um die indische Unabh\u00e4ngigkeit ann\u00e4hernd f\u00fcnf Jahre hinter indischen<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Gittern, bei Jawarhalal Nehru waren es sogar mehr als zehn.<\/p>\n<p>So entwickelte sich die Freiheitsbewegung auf der Grundlage von Wahrhaftigkeit (<em>satyagraha<\/em>) und Gewaltlosigkeit (<em>ahimsa<\/em>) und nutzte die Instrumente des passiven Widerstandes, des zivilen Ungehorsams (gegen einzelne Gesetze, die unzumutbare H\u00e4rten brachten) und der <em>Non-Cooperation<\/em>, indem man die Zusammenarbeit mit dem als korrupt erkannten System teilweise oder ganz einstellte.<\/p>\n<p>Im Dezember 1928 verabschiedete der INC schlie\u00dflich eine Resolution, in der er innerhalb des Jahres um Selbstverwaltung (als <em>Dominion<\/em> des Empire) bat. Andernfalls w\u00fcrde er v\u00f6llige Unabh\u00e4ngigkeit fordern und mit <em>satyagraha <\/em>daf\u00fcr k\u00e4mpfen. Bis zum 31. Dezember 1929 antwortete die britische Regierung nicht, daher mussten Ma\u00dfnahmen ergriffen werden.<\/p>\n<p>Am bekanntesten ist in diesem Zusammenhang Gandhis Salzmarsch. In Indien gab es seit 1882 ein Salzmonopol. Niemand durfte Salz besitzen, das nicht von der Regierung produziert und entsprechend versteuert worden war. Salz wurde oft f\u00fcr religi\u00f6se Zeremonien ben\u00f6tigt; es wurde auch verwendet, um Lebensmittel zu konservieren, zu desinfizieren und einzulegen. All dies machte Salz zu einem starken Symbol der Unterdr\u00fcckung, aber auch des Widerstands. Dagegen ging Gandhi vor, indem er sich mit einer wachsenden Gruppe von Anh\u00e4ngern am 12. M\u00e4rz 1930 auf den 240 Meilen langen Weg von seinem Sabarmati-Ashram in Ahmedabad zum Arabischen Meer in Dandi machte. Als Gandhi am Morgen des 6. April 1930 am Strand von Dandi ankam, hob er einen Klumpen Salz auf und hielt ihn hoch. Dies war der Beginn eines landesweiten Boykotts der Salzsteuer, denn die Inder lernten, aus Meerwasser selbst Salz herzustellen. Gandhi pers\u00f6nlich brachte diese Aktion einen Gef\u00e4ngnisaufenthalt von ca. acht Monaten ein.<\/p>\n<p>Nicht alle Widerstandsaktionen blieben friedlich. Als die Gewalt landesweit zu eskalieren begann, \u00fcbernahm Gandhi die Verantwortung, forderte zur Beendigung aller Aktionen auf und begann ein Fasten, das er erst beendete, als im Land wieder einigerma\u00dfen Ruhe eingekehrt war.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die Freiheit und ihr Preis<\/strong><\/p>\n<p>Der INC und die Muslimliga, die beide politische Verantwortung in Indien trugen, zerstritten sich \u00fcber Fragen der Zusammenarbeit in den \u00fcberwiegend muslimisch bev\u00f6lkerten Provinzen und des gemeinsamen Vorgehens gegen\u00fcber der britischen Kolonialmacht. Dabei m\u00f6gen auf beiden Seiten Machtstreben und auf der muslimischen Seite Angst vor einer \u00dcbermacht der Hindus im freien Indien das Zerw\u00fcrfnis der gro\u00dfen Parteien und dessen Vertiefung bis zur letztlichen Feindschaft bef\u00f6rdert haben. Die Briten, die ihren R\u00fcckzug vorbereiteten, taten das ihre dazu, indem sie die Muslimliga und deren Teilungspl\u00e4ne unterst\u00fctzten, aber den INC, der so lange die Stimme Indiens gewesen war, nicht mehr wesentlich ber\u00fccksichtigten. Das Konzept eines freien Indiens als F\u00f6deration dezentraler Staaten wurde verworfen, und unter der F\u00fchrung des Londoner Rechtsanwalts Sir Cyril Radcliffe wurden die Grenzen zwischen Indien und West- sowie Ostpakistan (heute Bangladesh) gezogen. So entstanden um Mitternacht am 15. August 1947 zwei unabh\u00e4ngige Staaten, und eine V\u00f6lkerwanderung sondergleichen begann, als Muslime aus Indien und Hindus aus dem eben entstandenen Pakistan flohen \u2013 der Verlauf der Grenzziehung hatte viele \u00fcberrascht, die sich nun im \u201efalschen Staat\u201c nicht mehr sicher f\u00fchlten. Religi\u00f6s motivierte Pogrome im Zuge der <em>partition<\/em> kosteten ca. eine halbe Million Leben, ca. 14,5 Millionen Menschen \u00fcberquerten die gerade erst gezogenen Grenzen.<\/p>\n<p>Gandhis edles Projekt der <em>satyagraha<\/em>, das auf der Basis von Spiritualit\u00e4t und Liebe einem universellen Menschsein nachstrebte und das die Gleichberechtigung aller Religionen, die Aufhebung der Unber\u00fchrbarkeit und die Befreiung der Frau f\u00fcr das ganze Volk herbeif\u00fchren wollte, gelang immer nur punktuell. Gandhi und seine Anh\u00e4nger, die in ihren Ashrams ein einfaches und bed\u00fcrfnisloses Leben f\u00fchrten, waren Identifikationsfiguren, doch im entscheidenden Augenblick verblasste ihr Vorbild, und die Instinkte der Massen gewannen die Oberhand. Im R\u00fcckblick f\u00e4llt es leicht zu sagen, dass Jahrhunderte der Unterdr\u00fcckung, der R\u00fcckst\u00e4ndigkeit, Unselbst\u00e4ndigkeit und Gefangenschaft in religi\u00f6sen Dogmen nicht in drei\u00dfig Jahren eines Befreiungskampfes abgesch\u00fcttelt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Eine andere Freiheit<\/strong><\/p>\n<p>H\u00e4tte Gandhis <em>satyagraha<\/em> den umfassenden Erfolg gehabt, den er sich gew\u00fcnscht hatte, dann h\u00e4tten die Menschen in Indien sich \u2013 gleich ob Mann oder Frau, Hindu, Moslem, Sikh, Christ, Buddhist, Jain, arm oder reich \u2013 bewusst als Geschwister begegnen k\u00f6nnen. Auch das Ringen um \u00e4u\u00dfere Zeichen des Erreichens wie Macht oder Wohlstand h\u00e4tte seine Bedeutung verloren. Die Menschen h\u00e4tten die Freiheit errungen, sich selbst ohne die B\u00fcrde eines \u00e4u\u00dferen Kampfes \u2013 um Reichtum oder Macht, gegen Unterdr\u00fcckung \u2013 auf die Reise zu einem spirituellen Menschsein zu begeben. Gandhi selbst war immer das konkrete Beispiel hierf\u00fcr: der bedeutende Mann, der in einen handgewebten wei\u00dfen Dhoti gekleidet am Spinnrad sa\u00df und im \u00c4u\u00dferen so bed\u00fcrfnislos war, wie er es anderen nahelegte.<\/p>\n<p>Die Frage, wer der Mensch ist, wenn er sich nicht durch religi\u00f6se oder nationale Zugeh\u00f6rigkeit oder aufgrund bestimmter Traditionen und deren Werte definieren kann, ist auch heute noch f\u00fcr den weitaus gr\u00f6\u00dften Teil der Menschheit ungel\u00f6st. Wann immer wir uns \u201edefinieren\u201c, bedeutet es Abgrenzung. Dadurch bilden wir Einheiten, aber keine umfassende Einheit. So schaffen wir immer wieder Ursachen f\u00fcr Konflikte und Kriege.<\/p>\n<p>Im Grunde kann es nur dann eine Bewegung zu wirklicher, vor allem spiritueller Freiheit geben, wenn Menschen diese individuell f\u00fcr sich erringen. Der Umsturz, den Menschen auf diesem Weg im Innern erleben, erm\u00f6glicht dann den Wandel im \u00c4u\u00dferen. Jede Freiheitsbewegung, die einen spirituellen Aufbruch beabsichtigt, muss auf der individuellen Bem\u00fchung aufbauen. Wenn gen\u00fcgend Menschen sich von einem Denken der Abgrenzung und vom Machtstreben verabschieden, k\u00f6nnen auch Parteien und Staaten neue Wege finden. Letztlich finden sich bei Gandhi und Nehru spirituelles Streben, aber auch politisches Taktieren, selbst wenn man beiden zugute halten muss, dass sie die Entfremdung und den schlie\u00dflichen Bruch mit der Muslimliga und vor allem die Teilung nicht wollten. Das ihre haben sie dennoch dazu beigetragen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4>Zum Weiterlesen:<\/h4>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a>\u00a0\u00a0\u00a0 V.S. Naipaul: <em>Indien \u2013 eine verwundete Kultur<\/em>, Berlin 2006, S. 49<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a>\u00a0\u00a0\u00a0 Diesen Begriff pr\u00e4gte Gandhi 1919 auf dem Kongress des INC 1919 in Amritsar. Non-Cooperation als Ausdruck von <em>satyagraha<\/em> wurde sp\u00e4ter zu einer der praktischen Methoden, um die Unabh\u00e4ngigkeit von einem als korrupt angesehenen Regime zu erreichen<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> \u00a0\u00a0 Auch in S\u00fcdafrika hatte er schon ca. drei Jahre im Gef\u00e4ngnis verbracht<\/p>\n<p>[4] Mohandas Karamchand Gandhi: <em>Die Geschichte meiner Experimente mit der Wahrheit.<\/em> Freiburg \/ M\u00fcnchen 1960<\/p>\n<p>[5] Pankaj Mishra: <em>From The Ruins of Empire. The Revolt Against The West And The Remaking of Asia. <\/em>London 2012<\/p>\n<p>[6] Shashi Taroor: <em>Die Erfindung Indiens. Das Leben des Pandit Nehru<\/em>. Frankfurt am Main \/ Leipzig 2006<\/p>\n","protected":false},"author":920,"featured_media":56512,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110114],"tags_english_":[],"class_list":["post-97880","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-zeitgeist-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/97880","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/920"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/56512"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=97880"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=97880"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=97880"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=97880"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}