{"id":97879,"date":"2022-08-30T09:14:38","date_gmt":"2022-08-30T09:14:38","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/logon_article\/indiens-weg-in-die-freiheit-teil-1\/"},"modified":"2025-06-02T17:34:18","modified_gmt":"2025-06-02T17:34:18","slug":"indiens-weg-in-die-freiheit-teil-1","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/indiens-weg-in-die-freiheit-teil-1\/","title":{"rendered":"Indiens Weg in die Freiheit &#8211; Teil 1"},"content":{"rendered":"<p><iframe title=\"Spotify Embed: Indiens Weg in die Freiheit\" style=\"border-radius: 12px\" width=\"100%\" height=\"152\" frameborder=\"0\" allowfullscreen allow=\"autoplay; clipboard-write; encrypted-media; fullscreen; picture-in-picture\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/open.spotify.com\/embed\/episode\/3zgRDfDqSMgghZNcrNfvVI?si=tUj3gattSVSin7DA_YOVjA&amp;utm_source=oembed\"><\/iframe><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Weg Indiens in die Unabh\u00e4ngigkeit vom britischen Empire wird meist als glanzvolles Beispiel eines gewaltfreien Prozesses gesehen. In der Tat schafften es der Indische Nationalkongress und Mohandas Karamchand Gandhi in einer Doppelstrategie von politischem Wirken und Mobilisierung der Volksmassen zu gewaltlosem Widerstand, den R\u00fcckzug der Briten zu erwirken, der Indien 1947 die Freiheit \u2013 aber auch die Teilung \u2013 brachte.<\/p>\n<p>Die Briten waren nicht die einzigen Fremdherrscher der j\u00fcngeren indischen Geschichte. Vielmehr l\u00f6sten sie schleichend die Herrschaft der muslimischen Moghule ab. Von 1526 bis 1858 hatte sich Indien (und zwar bereits zum zweiten Mal) unter muslimischer Herrschaft befunden. Die muslimischen Eroberer und diejenigen Inder, die zum Islam konvertierten, bildeten in diesem Reich die herrschende Klasse. Als dann ab 1601 die Britische Ostindien-Kompanie, mit Privilegien der englischen K\u00f6nigin ausgestattet, die Seewege f\u00fcr den Indienhandel gro\u00df aufzog und Handelsh\u00e4user auf dem Subkontinent gr\u00fcndete, begann bereits eine langsame Machtverschiebung hin zu den Briten. Nach und nach etablierten sie eine Milit\u00e4r- und Zivilgerichtsbarkeit, f\u00fchrten Krieg gegen Aufst\u00e4ndische, zwangen Indien harte Handelsbedingungen auf und begannen auch, die vorhandene Verwaltung auszubauen und zu \u00fcbernehmen. Wiederholte Aufst\u00e4nde der Inder f\u00fchrten dazu, dass Gro\u00dfbritannien der British East India Company 1833 ihr Handelsmonopol entzog, wodurch sie wieder zu einer reinen Handelsgesellschaft wurde. Im Jahr 1858 verlor die Kompanie ihre Verwaltungsfunktion endg\u00fcltig an die britische Regierung, und Queen Victoria wurde Kaiserin von Indien.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Indien erhebt seine Stimme<\/strong><\/p>\n<p>In all dieser Zeit gab es immer wieder Aufst\u00e4nde und Unabh\u00e4ngigkeitsbestrebungen. Dass das Land von den Briten ausgepresst wurde, dass Textilien aus britischer Industrieproduktion die indische Textilproduktion quasi vernichteten, dass die zunehmende Armut zu gro\u00dfen Hungersn\u00f6ten f\u00fchrte, bewies gleichsam die Unrechtm\u00e4\u00dfigkeit der britischen Herrschaft \u00fcber Indien. Zugleich war es in der Zeit, in der Indien Kronkolonie war, ein Bestreben der Briten gewesen, gen\u00fcgend Inder einer guten englischen Bildung zuzuf\u00fchren, damit sie in der Verwaltung eingesetzt werden konnten, weil man unm\u00f6glich alle wichtigen Posten mit Menschen aus dem Mutterland besetzen konnte. So schickten die Familien der indischen Oberklasse ihre S\u00f6hne auf gute englische Colleges, in denen sie mit den Idealen der europ\u00e4ischen Kultur in Ber\u00fchrung kamen \u2013 universellen Idealen, in deren Genuss sie selbst jedoch nicht kommen sollten, und das umso weniger, wenn sie nach ihrer Heimkehr nach Indien ihre verantwortungsvollen T\u00e4tigkeiten aufnahmen und dennoch als minderwertige Rasse behandelt wurden. So zogen sich die Briten eine Klasse von Salonrevolution\u00e4ren heran, die den Indischen Nationalkongress (INC, 1885) und die Muslimliga (1906) gr\u00fcndeten \u2013 zun\u00e4chst machtlose Debattierklubs, die anfangs nur Resolutionen erarbeiten und der kolonialen Administration vorlegen konnten; erst nach dem Ersten Weltkrieg wurden sie als politische Parteien zugelassen und sukzessive an der Regierung des Landes beteiligt.<\/p>\n<p>Mohandas Karamchand Gandhi (1869-1948), der von seiner Familie nach London zum Jurastudium geschickt worden war, entdeckte ebendort den Pazifismus und den Vegetarismus, las die Bhagavad Gita und besch\u00e4ftigte sich mit Buddhismus, Islam und Christentum. Von ihm ist die Aussage \u00fcberliefert:<\/p>\n<blockquote><p><em>Wenn Gott S\u00f6hne haben konnte, dann waren wir alle seine S\u00f6hne. Wenn Jesus gottgleich oder selbst Gott war, dann waren wir alle gottgleich und konnten selbst Gott werden<\/em>. [1]<\/p><\/blockquote>\n<p>Am Ende seiner Studien war Gandhi Rechtsanwalt geworden, und das Fundament f\u00fcr seine Lebensauffassung des <em>satyagraha<\/em> (\u00fcbersetzt in etwa: an der Wahrheit festhalten), die \u00fcber die blo\u00dfe Gewaltlosigkeit der <em>ahimsa<\/em> hinausgeht, war gelegt.<\/p>\n<p>Auf seiner ersten Stelle als Rechtsanwalt in S\u00fcdafrika konnte Gandhi erleben, wie dunkelh\u00e4utige Menschen \u2013 indische Kontraktarbeiter und die einheimische farbige Bev\u00f6lkerung \u2013 immer wieder um ihre Rechte gebracht wurden, und er begann, sie vor Gericht und vor ihren \u201eHerren\u201c und Arbeitgebern zu vertreten, indem er eine Philosophie der moralischen \u00dcberlegenheit erarbeitete, die an das Gewissen und die Moral der jeweiligen Gegenseite appellierte. Sein Wahrhaftigkeitsanspruch an sich selbst weitete sich im Laufe seiner T\u00e4tigkeit zu einer alles umfassenden Philosophie aus, in die sein fortgesetztes Bem\u00fchen um Reinheit des Lebens und Einfachheit der Lebensf\u00fchrung integriert wurde. Seine Vorgehensweise hatte Erfolg und machte ihn bekannt. Gandhis <em>satyagraha<\/em> wird gerne auch als Taktik gesehen, um den Gegner durch den Appell ans eigene Gewissen \u201eumzudrehen\u201c, doch Gandhis Anspruch war h\u00f6her: Er suchte den gemeinsamen moralischen Grund, auf dem Einigung m\u00f6glich wurde und gegenseitiger Respekt wachsen konnte.<\/p>\n<p>Als Gandhi 1915 nach Indien zur\u00fcckkehrte, eilte ihm sein Ruf als B\u00fcrgerrechtler und versierter Organisator voraus. Er wurde Mitglied des INC und begann bald, dessen Richtung zu lenken, auch wenn er in der Partei ab 1936 hinter Jawaharlal Nehru (1889-1964) zur\u00fccktrat, der schlie\u00dflich der erste Ministerpr\u00e4sident des freien Indien werden sollte. Wichtiger als die politische Arbeit in der Partei war f\u00fcr Gandhi, das Volk nicht nur zu mobilisieren, so dass es f\u00fcr seine Rechte eintrat, sondern es tats\u00e4chlich sittlich und moralisch instandzusetzen, f\u00fcr sich selbst Eigenst\u00e4ndigkeit, W\u00fcrde und Freiheit zu erringen. Er wusste, Indien w\u00fcrde nur dann die Unabh\u00e4ngigkeit erlangen, wenn das Bem\u00fchen vom ganzen Volk und nicht nur von einer Gruppe Salonrevolution\u00e4re getragen wurde.<\/p>\n<p>Ohne einen konkreten Plan ging er immer dahin, wohin er wegen eklatanter Missst\u00e4nde gerufen wurde. Sein behutsames, immer von grunds\u00e4tzlichem Respekt f\u00fcr das geltende Recht getragenes Vorgehen erlaubte es ihm, offensichtliche Ungerechtigkeiten und Unterdr\u00fcckung h\u00f6flich, aber klar anzuprangern. Oft hatte er hierbei Erfolg; seine Bekanntheit und sein Ruhm wuchsen, er erhielt den Beinamen <em>Mahatma<\/em> (\u00fcbersetzt in etwa: gro\u00dfe Seele).<\/p>\n<p>(Fortsetzung in <a href=\"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/indiens-weg-in-die-freiheit-teil-2\/\">Teil 2)<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>[1] Mohandas Karamchand Gandhi: <em>Die Geschichte meiner Experimente mit der Wahrheit.<\/em> Freiburg \/ M\u00fcnchen 1960<\/p>\n","protected":false},"author":920,"featured_media":56497,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110114],"tags_english_":[],"class_list":["post-97879","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-zeitgeist-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/97879","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/920"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/56497"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=97879"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=97879"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=97879"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=97879"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}