{"id":97874,"date":"2022-09-07T17:42:47","date_gmt":"2022-09-07T17:42:47","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/?post_type=logon_article&#038;p=97874"},"modified":"2022-11-24T17:43:43","modified_gmt":"2022-11-24T17:43:43","slug":"freiheit-ist-ein-geschenk","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/freiheit-ist-ein-geschenk\/","title":{"rendered":"Freiheit ist ein Geschenk"},"content":{"rendered":"<p><em>Torrente Rassina <\/em>(ein Sturzbach in der Toskana). Ich bin 19, habe meine ersten zwei Semester hinter mir und bin zum zweiten Mal an diesem Ort: ein Bruch in der Reihe der Ereignisse, die mein bisheriges Leben zwischen ungeliebter Schule, enger Mietwohnung und besorgten Eltern bilden.<\/p>\n<p>Unter mir ein gro\u00dfer, rund geleckter Fels, darum str\u00f6mendes, springendes Wasser, dann B\u00e4ume mit flirrenden Bl\u00e4ttern, dann Fels und Macchia mit duftendem Ginster und dar\u00fcber ein Himmel, der so hell ist wie eine Verh\u00f6rlampe und so weit und blau und klar wie die Liebe des Universums.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Steinbrocken hat schon einige Zeit Sonnenw\u00e4rme aufgenommen, wertvoll hier unten in dem engen Tal, und er ist warm genug f\u00fcr H\u00e4nde, F\u00fc\u00dfe und Ges\u00e4\u00df. Ich l\u00fcmmle darauf, blicke auf das zwischen Steinen davontanzende Wasser und denke nicht daran, wer ich bin, wo ich bin, was ich bin. Die Sph\u00e4re um mich herum ist erf\u00fcllt von Ger\u00fcchen. Und ist erf\u00fcllt von Kl\u00e4ngen: Zikaden scharren, der Fluss tobt in seinem Bett, wei\u00dfes Rauschen, Bassimpulse an der Grenze zwischen fest, fl\u00fcssig und gasf\u00f6rmig, ein Klacken wie von Kieseln, helles Zischen. Es ist der farbige, m\u00e4chtige, tr\u00f6stliche, nicht enden wollende Gesang des Flusses.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Da beginne auch ich zu singen. Unverbindlich, unverbunden str\u00f6men Melodien, wie herausgezogen vom Sog des stetigen Abw\u00e4rts des Wassers. Wenn eine Idee aufgebraucht ist, beginne ich eine neue. Bekanntes, Geh\u00f6rtes mischt sich ein und verklingt wieder. Allm\u00e4hlich formen sich Worte dazu, sinnlose Worte einer Sprache, die keiner kennt. Es klingt ein bisschen wie irische Volksweisen, wie Kinderlieder, und mehr und mehr, nat\u00fcrlich an diesem Ort, wie italienische Renaissance-Madrigale. Zumindest f\u00fchlt es sich so an und es ist wundersch\u00f6n. Ich spiele mit den Kl\u00e4ngen der f\u00fcr mich unbekannten Sprache dieses Landes und forme mein eigenes Idiom daraus. Ich probiere Stile und Stimmungen, einfach nur auf Grund dessen, was ich schon geh\u00f6rt und in mich aufgenommen habe. Ich singe hemmungslos. Niemand h\u00f6rt mich. Niemand beurteilt mich. Niemand vermisst mich.<\/p>\n<p>In diesen Stunden bin ich ganz selbstvergessen, zutiefst gl\u00fccklich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Etwas in mir blickt mir \u00fcber die Schulter dabei und es wei\u00df, dass dieses Erlebnis wichtig ist, dass es mich ver\u00e4ndert, dass ich es nie vergessen werde. Und zugleich ist diese Instanz weise genug, es nicht zu sehr bewusst werden zu lassen, es darf weiter flie\u00dfen, bis seine Kraft aufgebraucht ist, oder besser: umgewandelt in Substanz, die sich in mein Wesen einf\u00fcgt.<\/p>\n<p>Nie vorher und kaum wieder danach habe ich mich so frei gef\u00fchlt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Gef\u00fchl von Freiheit gedeiht, wenn der Zweck verschwindet. Was bedeutet das f\u00fcr echte, nicht nur empfundene Freiheit? Zeigt sie sich, wenn Absicht und Sinn zur\u00fccktreten? Wird sie zuteil dem, der sich selbst vergisst und dabei doch ganz in seiner Gegenwart steht? K\u00f6nnen wir wahrnehmen, wie die Freiheit-in-uns sich verbindet mit der Freiheit des Universellen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Freiheit ist ein Geschenk. Der Weg besteht darin, es wieder annehmen zu lernen.<\/p>\n","protected":false},"author":920,"featured_media":97906,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110101],"tags_english_":[],"class_list":["post-97874","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-spiritsoul-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/97874","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/920"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/97906"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=97874"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=97874"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=97874"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=97874"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}