{"id":97195,"date":"2023-04-23T12:08:29","date_gmt":"2023-04-23T12:08:29","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/?post_type=logon_article&#038;p=97195"},"modified":"2023-06-30T19:03:08","modified_gmt":"2023-06-30T19:03:08","slug":"ueber-die-freundschaft","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/ueber-die-freundschaft\/","title":{"rendered":"\u00dcber die Freundschaft"},"content":{"rendered":"<p>Ich frage sie, ob sie mir einen Satz vorlesen m\u00f6chte, der ihr besonders gut gefallen hat, und sie w\u00e4hlt spontan den folgenden:<\/p>\n<blockquote><p>Wer seinen Freund nicht bedingungslos versteht, der wird ihn niemals verstehen.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Ich frage mich:<\/p>\n<blockquote><p>K\u00f6nnen wir denn jemals einen anderen Menschen bedingungslos verstehen \u2013<br \/>\nauch wenn er unserem Herzen nahe ist und wir ihn gut zu kennen glauben?<br \/>\nBergen unsere Freunde nicht, wie alle Menschen, ein unergr\u00fcndliches Geheimnis?<\/p><\/blockquote>\n<p>\u00dcber die Freundschaft, ihre Voraussetzungen und Bedingungen, ihre Spielarten, ist wohl fast ebenso viel nachgedacht und geschrieben worden wie \u00fcber ihre Wesensverwandte, die Liebe.<br \/>\nHabe ich tats\u00e4chlich zugesagt, einen Artikel zu diesem Thema zu verfassen?<br \/>\nBeinahe erschreckt mich die K\u00fchnheit eines solchen Unterfangens!<br \/>\nZugleich erheitert mich die Koinzidenz: meine junge Sitznachbarin hat mich daran erinnert, dass diese Aufgabe darauf wartet, verwirklicht zu werden. Ich \u00fcberlasse sie ihren eigenen Gedankeng\u00e4ngen. Im Lesesaal des Hauses schaue ich nach, was Mikhail Naimy, ein enger Freund von Khalil Gibran, im Buch Mirdad \u00fcber die Freundschaft zu sagen hat. Der weise Mirdad ermahnt zwei Freunde, die sich wegen einer Sache komplett entzweit haben:<\/p>\n<blockquote><p><em>Ihr habe keine Freunde, solange ihr einen einzigen Menschen als Feind betrachtet. Wie kann ein Herz, in dem Feindschaft wohnt, eine sichere Herberge f\u00fcr die Freundschaft sein?<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Hat nicht jeder von uns Entt\u00e4uschungen und Entfremdungen erlebt, das Ende einer freundschaftlichen Verbindung? Mit einigem Gl\u00fcck und einigem Ringen ist uns daraus die Erkenntnis erwachsen, dass das, was geendet hat, in Wahrheit die Anhaftung an eine bestimmte Form des Bezogenseins gewesen ist, nicht aber das Verbundensein im gro\u00dfen Eins-Sein aller Dinge!<br \/>\nFr\u00fcher oder sp\u00e4ter k\u00f6nnen wir dahin gelangen, einen geliebten Menschen, der unserem Gesichtskreis entschwindet, im Stillen zu segnen und ihn in Frieden seines Weges ziehen zu lassen.<\/p>\n<p>Bemisst sich denn der Wert einer Begegnung nach ihrer Dauer?<br \/>\nBedeutet Zugeh\u00f6rigkeit, dass uns etwas oder jemand \u201egeh\u00f6rt\u201c?<\/p>\n<p>Oder wird es irgendwann im Laufe unseres Lebens wichtiger f\u00fcr uns, statt einen Freund zu haben, ein Freund zu sein?<br \/>\nWir k\u00f6nnen einer derartigen M\u00f6glichkeit als reife und realistische Pers\u00f6nlichkeit, die viele Erfahrungen durchlebt und durchlitten hat, skeptisch gegen\u00fcberstehen.<br \/>\nDer Philosoph Arthur Schopenhauer, der in seiner Parabel von den Stachelschweinen ein d\u00fcsteres Bild von dem menschlichen Bed\u00fcrfnis nach N\u00e4he zeichnet, \u00e4u\u00dfert in seinen Aphorismen zur Lebensweisheit \u00fcber die Freundschaft:<\/p>\n<blockquote><p>Wahre, echte Freundschaft setzt eine starke, rein objektive und v\u00f6llig uninteressierte (im Sinne von: uneigenn\u00fctzige; Anm. d. Verf.) Teilnahme am Wohl und Wehe des andern voraus (\u2026). Dem steht der Egoismus der menschlichen Natur so sehr entgegen, da\u00df wahre Freundschaft zu den Dingen geh\u00f6rt, von denen man wie von den kolossalen Seeschlangen nicht wei\u00df, ob sie fabelhaft sind oder irgendwo existieren.<\/p><\/blockquote>\n<p>Ist Freundschaft also eine blo\u00dfe Wunschvorstellung, letztlich eine Illusion?<br \/>\nEine (Selbst-)T\u00e4uschung, ohne die die kalte, grausame Welt schlichtweg unertr\u00e4glich w\u00e4re?<br \/>\nUnd die an den Klippen der harten Realit\u00e4t scheitern muss?<\/p>\n<p>Jemand, mit dem\/der wir befreundet sind, bedingungslos zu verstehen, ist dem ur-teilenden Verstand unserer Ich-Pers\u00f6nlichkeit nicht m\u00f6glich. Ein offenes und liebevolles Herz, das dem Licht der universellen Christus-Strahlung Einlass gew\u00e4hrt hat, vermag dies hingegen unbedingt. Denn was uns allzeit verbindet, ist die uns gemeinsame Essenz aus dem Urquell.<\/p>\n<p>Mit Sicherheit kann angenommen werden, dass wir die Kunst der Freundschaft sehr verfeinern k\u00f6nnen. Indem wir mit unseren Mitmenschen achtsam umgehen, indem wir lernen zuzuh\u00f6ren, indem wir die F\u00e4higkeit zu Empathie entwickeln, ein Gesp\u00fcr f\u00fcr die energetischen Gesetze des sich einander Zuwendens entwickeln\u2026 Um nur einige f\u00f6rderliche Komponenten freundschaftlichen Umgangs mit anderen zu nennen.<\/p>\n<p>Und es ist offenkundig, dass wir nur in dem Ma\u00dfe anderen ein guter Freund sein werden, in dem wir gelernt haben, uns selbst ein guter Freund zu sein. Lange vor den Erkenntnissen der modernen Psychologie wies bereits Aristoteles darauf hin, dass die Gef\u00fchle, die wir unseren Freunden entgegenbringen, die Gef\u00fchle widerspiegeln, die wir uns selbst entgegenbringen.<\/p>\n<p>\u00dcber die gegenseitige Sympathie und den Gleichklang der Ansichten und Interessen hinaus scheint mir aber eine weitere Ingredienz f\u00fcr das Gedeihen wahrer Freundschaft von gro\u00dfer Bedeutung: ein gegenseitiges sich \u201eErkennen\u201c dem tiefsten Innern der Seele nach, die Vision eines Weges hin zur wahren Bestimmung des Menschseins, die absolute Bereitschaft einander vertraute und vertrauensw\u00fcrdige Weggef\u00e4hrten zu sein.<\/p>\n<p>Der aus dem keltischen Kulturkreis stammende Begriff Anam Cara bedeutet soviel wie \u201eSeelenfreund\u201c, dar\u00fcber hinaus schwingen in ihm Bedeutungen wie Gef\u00e4hrte, spiritueller Lehrer und Mitbruder (-schwester) mit.<\/p>\n<p>Der Versuch, ein geistiges Ideal nur auf der Ebene des Irdischen zu verwirklichen, m\u00fcndet indes zwangsl\u00e4ufig in Unwahrhaftigkeit und Entt\u00e4uschung.<\/p>\n<p>In Platons Gastmahl ist die Rede von Menschen als urspr\u00fcnglichen Doppelgesch\u00f6pfen, die von den G\u00f6ttern entzweigeschnitten wurden und seither unentwegt nach ihrer verlorenen anderen H\u00e4lfte suchen. Sich von dieser Ursehnsucht getrieben \u00fcber viele Erdenleben hinweg immer wieder der Hoffnung hinzugeben, in dem einen oder anderen Menschen seinen \u201eSeelenzwilling\u201c zu finden, der uns endlich all das gibt, was uns fehlte, ist jedoch ein tragischer Irrtum, der uns davon abh\u00e4lt zu erkennen, dass dieser Andere nur im eigenen Wesen, in unserem von der urspr\u00fcnglichen g\u00f6ttlichen Ordnung abgetrennten Seelenkern gefunden werden kann.<\/p>\n<p>Kein anderer Mensch, auch nicht unser engster Freund, unsere liebste Freundin, ist auf dieser Welt, um unsere Sehns\u00fcchte zu stillen. Haben wir dies einmal wirklich begriffen, sind wir aus den einengenden Fesseln falscher Erwartungen befreit. Und wir lassen andere frei.<br \/>\nNoch einmal Khalil Gibran:<\/p>\n<blockquote><p><em>Lasst Raum zwischen euch. Und lasst die Winde des Himmels zwischen euch tanzen.<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Dann h\u00f6ren die Rollenspiele auf, die wir uns selbst und unseren Freunden auf den Leib schreiben.<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen damit beginnen, uns gemeinsam wirklich sch\u00f6pferischen und lichtvollen Aufgaben zuzuwenden.<\/p>\n<p>Auf unserem spirituellen Weg, der nicht immer gefahrlos und leicht sein kann, k\u00f6nnen wir einander unsch\u00e4tzbar wertvolle Hilfe bieten: Unterst\u00fctzung, Beistand in der Not, Trost, Ermutigung, je nachdem, was die jeweilige Situation erfordert. Dies mag zu Zeiten die gegenseitige Spiegelung unliebsamer Wahrheiten sein (sind wir einander nicht fortw\u00e4hrend Spiegel?). Oder aber einfach Liebe, die auch die Schw\u00e4chen und weniger lichtvollen Seiten der befreundeten Person annimmt. Die F\u00e4higkeit, auch dunkle oder gar be\u00e4ngstigende Wegstrecken mit dem anderen zu gehen.<\/p>\n<p>Ich denke in diesem Zusammenhang an den kleinen, scheinbar so unbedeutenden Frodo aus Tolkiens Herr der Ringe. Ohne die Unterst\u00fctzung durch seine Gef\u00e4hrten, und insbesondere ohne die unverbr\u00fcchliche Treue seines Freundes Sam, h\u00e4tte der wackere Hobbit niemals seine ihm schicksalhaft zugefallene Aufgabe, den Ring der Macht dem Feuer zu \u00fcbergeben, zu einem guten Ende bringen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Gelegentlich erleben wir unseren Weg, unseren Lebensauftrag, als einsam und nur schwer zu ertragen. Dann ist die Versuchung gro\u00df, Ablenkung und Zerstreuung zu suchen, mit allerlei Geselligkeiten, mit geradezu suchtartigen Aktivit\u00e4ten in digitalen sozialen Netzwerken. Ohne die Bewunderung und Best\u00e4tigung durch andere f\u00fchlen wir uns in solchen Phasen unbedeutend, leer, wie tot. Freundschaft kann zu einem Suchtmittel werden, mithilfe dessen wir hoffen, der Einsamkeit oder der unangenehmen Konfrontation mit uns selbst zu entfliehen.<\/p>\n<p>Nur wer das Alleinsein mit sich selbst, die Stille innerer Einkehr, lieben gelernt hat wie die Gegenwart eines wohltuenden Freundes, kann auch im Au\u00dfen und f\u00fcr andere ein(e) wirklich gute(r) Freund(in) sein.<\/p>\n<p>H\u00e4tte mich die junge Lesende auf der Sonnenterrasse gefragt, welche Aussage \u00fcber die Freundschaft mir besonders gut gef\u00e4llt, h\u00e4tte ich, vielleicht, spontan die dritte Strophe eines Liedtextes von Hermann Hesse gew\u00e4hlt:<\/p>\n<blockquote><p>Uns so soll mir jeder neue Tag<br \/>\nneue Freunde, neue Br\u00fcder weisen,<br \/>\nbis ich leidlos alle Kr\u00e4fte preisen,<br \/>\naller Sterne Gast und Freund<br \/>\naller Sterne Gast und Freund sein mag.<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"author":925,"featured_media":97553,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110114],"tags_english_":[],"class_list":["post-97195","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-zeitgeist-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/97195","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/925"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/97553"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=97195"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=97195"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=97195"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=97195"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}