{"id":97188,"date":"2023-07-27T20:33:37","date_gmt":"2023-07-27T20:33:37","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/?post_type=logon_article&#038;p=97188"},"modified":"2023-07-27T20:33:37","modified_gmt":"2023-07-27T20:33:37","slug":"ist-sehnsucht-schon-verbundenheit","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/ist-sehnsucht-schon-verbundenheit\/","title":{"rendered":"Ist Sehnsucht schon Verbundenheit?"},"content":{"rendered":"<p>Was ist schon Zeit? Und was Raum?<\/p>\n<p>Omar Khayyam (1048-1131) sagt:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<blockquote><p>Der Tropfen weint: Wie bin vom Meer ich weit!<br \/>\nDas Weltmeer lacht:<br \/>\nVergeblich ist dein Leid!<br \/>\nSind wir doch alle eins \u2013 sind Gott &#8211;<br \/>\nUns trennt ja nur das winzge P\u00fcnktchen \u201eZ e i t\u201c.[1]<\/p><\/blockquote>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als ich einmal verliebt war und ich aber noch nicht wusste, was der andere empfand, sp\u00fcrte ich manchmal vor Sehnsucht nach dem Geliebten so einen tiefen Schmerz. Und doch wusste ich\u00a0 gleichzeitig mit absoluter Sicherheit: Diese Sehnsucht ist so ein starkes magnetisches Band. Es geht von meinem Herzen zu seinem Herzen, selbst wenn er es nicht wei\u00df. Und der Strom der Zeit treibt uns aufeinander zu, und ich hatte die absolute Gewissheit, dass wir irgendwann zusammensein werden. Und so war es auch.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Alle diese Gef\u00fchle, die ich damals empfand, kann ich eins zu eins auf meine Beziehung zu Gott \u00fcbertragen. Da ist diese absolute Sehnsucht nach Erkenntnis und dem Sp\u00fcren der Einheit mit ihm.<\/p>\n<p>Und da ist auch dieses magnetische Band, das mich mit ihm verbindet und mir die Gewissheit gibt, dass diese Einheit schon da ist, obwohl ich sie nicht immer sp\u00fcren kann. Ich bin der Tropfen auf seiner Reise zum Weltmeer, mit der absoluten Gewissheit, dass uns nur die Zeit voneinander trennt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In den Lehren der Sufis habe ich den Trost gefunden, dass es viele gibt, die so empfinden. In ihrer Liebeslyrik und Dichtung finde ich die wunderbarsten Beschreibungen dieses Zustandes. Besonders die Werke von Rumi bewegen mich immer wieder tief in der Seele. So schreibt er beispielsweise \u00fcber die verzweifelte Suche nach Gott:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<blockquote><p>\u201eO Gott\u201c, rief einer viele N\u00e4chte lang,<br \/>\nund s\u00fc\u00df ward ihm der Mund von diesem Klang.<br \/>\n\u201cViel rufst du wohl!\u201c sprach Satan voller Spott:<br \/>\n\u201eWo bleibt die Antwort \u2019Hier bin ich\u2019 von Gott?<br \/>\nNein, keine Antwort kommt vom Thron herab!<br \/>\nWie lange schreist du noch: \u2019O Gott!\u2019 &#8211; Lass ab!\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<blockquote><p>Als er betr\u00fcbt, gesenkten Hauptes, schwieg,<br \/>\nsah er im Traum, wie Khidr niederstieg<br \/>\nund sprach: \u201eWarum nennst du ihn denn nicht mehr?<br \/>\nWas du ersehnst, bereust du es so sehr?\u201c<br \/>\nEr sprach: \u201eNie kommt die Antwort: \u2019Ich bin hier!\u2019<br \/>\nSo f\u00fcrchte ich, er weist die T\u00fcre mir!\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<blockquote><p>\u201eDein Ruf: \u2019O Gott!\u2019 ist Mein Ruf: \u2019Ich bin hier!\u2019<br \/>\nDein Schmerz und Flehn ist Botschaft doch von Mir,<br \/>\nund all dein Streben, um Mich zu erreichen,<br \/>\nDass ich zu Mir dich ziehe, ist\u2019s ein Zeichen!<br \/>\nDein Liebesschmerz ist meine Huld f\u00fcr dich &#8211;<br \/>\nIm Ruf \u2019O Gott\u2019 sind hundert \u2019Hier bin Ich!\u2019\u201c[2]<\/p><\/blockquote>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dschalaluddin Rumi war ein Mystiker, der von 1207 bis 1273 lebte und ein Anh\u00e4nger des Sufismus war. Er lebte die meiste Zeit seines Lebens in Konya in der T\u00fcrkei. Dort gr\u00fcndete er den Mevlana-Orden der tanzenden Derwische, die in der ganzen Welt bekannt sind durch ihren Drehtanz, den Sema.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Rumi hat einige der ber\u00fchrendsten Verse des Sufismus verfasst. Einer davon ist \u201eas Lied der Rohrfl\u00f6te\u201c aus seinem bekanntesten Werk, dem Mathnawi.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<blockquote><p>H\u00f6r auf der Fl\u00f6te Rohr \u2013 wie es erz\u00e4hlt, und wie es klagt<br \/>\nVom Trennungsschmerz gequ\u00e4lt:<br \/>\n\u201eSeit man mich aus der Heimat R\u00f6hricht schnitt,<br \/>\nWeint alle Welt bei meinen T\u00f6nen mit.<br \/>\nIch suche ein Herz, vom Trennungsleid zerschlagen,<br \/>\nUm von der Trennung Leiden ihm zu sagen.<br \/>\nSehnt doch nach der Einheit Lebensgl\u00fcck<br \/>\nWer fern vom Ursprung, immer sich zur\u00fcck.<br \/>\nIch klagt\u2019 vor jeder Gruppe in der Welt,<br \/>\nWard Guten bald und Schlechten bald gesellt.<br \/>\nEin jeder d\u00fcnkte sich mein Freund zu sein,<br \/>\nSucht mein Geheimnis nicht im Herzen mein.<br \/>\nUnd doch, so fern ist\u2019s meiner Klage nicht,<br \/>\nDem Ohr und Auge fehlet nur das Licht.<br \/>\nSo sind auch Leib und Geist einander klar.<br \/>\nDoch welchem Auge stellt der Geist sich dar?<br \/>\nKein Hauch, nein, Feuer sich dem Rohr entwindet,<br \/>\nVerderben dem, dem diese Glut nicht z\u00fcndet.<br \/>\nDer Liebe Glut ist\u2019s, die in\u2019s Rohr gefallen,<br \/>\nDer Liebe Brausen l\u00e4sst den Wein nur wallen.\u201c [3]<\/p><\/blockquote>\n<p>Diese Fl\u00f6te ist die Seele des urspr\u00fcnglichen ewigen Menschen. Sie wurde aus ihrem Urgrund abgeschnitten und ist im stofflichen Sein bewusst geworden. Sie sehnt sich nach ihrer Heimat zur\u00fcck und sp\u00fcrt eine tiefe Traurigkeit \u00fcber ihre Entfernung vom G\u00f6ttlichen.<\/p>\n<p>Die Ney-Fl\u00f6te, die mit ihrem wehm\u00fctigen Ton die tiefe Sehnsucht nach dem G\u00f6ttlichen Geliebten ausdr\u00fcckt, ist das Seeleninstrument der Sufis. So, wie das tote Bambusrohr der Fl\u00f6te durch den Atem des Musikers in Schwingung versetzt und durch dessen Gef\u00fchle die Melodie sich manifestiert, so antwortet Gott durch den Atem seines Geistes und setzt die Seele seinerseits in Schwingung und spricht seine Gedanken in uns aus.<\/p>\n<p>Ich hatte das gro\u00dfe Gl\u00fcck, bei einem Sufi Ney-Unterricht zu bekommen. Ich wei\u00df noch, dass ich zun\u00e4chst einmal keinen einzigen Ton hervorbrachte. Das war meine erste Hausaufgabe. Stunde um Stunde sa\u00df ich auf dem Balkon und versuchte, diesen einen Ton zu erzeugen. Die Ney ist ein sehr widerspenstiges Instrument und ich hatte von meinem Lehrer nur sehr vage Hinweise bekommen, wie sie zu spielen ist.<\/p>\n<p>Er hatte zu mir gesagt: \u201eNicht du spielst die Ney, sondern die Ney spielt dich. Du musst auf sie h\u00f6ren! Sie sagt dir genau, was du tun musst.\u201c Und so sa\u00df ich und h\u00f6rte und der Ton kam n\u00e4her und n\u00e4her \u2013 zuerst nur ein Windhauch, dann die Ahnung eines Klanges, der sich immer mehr zu einem Ton formte und dann nach Stunden stand er pl\u00f6tzlich und fast unerwartet im Raum: ein so sch\u00f6ner Ton, dass ich vor Ehrfurcht fast weinen musste.<\/p>\n<p>Damals fiel die Erkenntnis in mich hinein, wie der spirituelle Weg zu gehen ist: ein vorsichtiges Tasten nach den g\u00f6ttlichen Schwingungen, die ja \u00fcberall im Raum anwesend sind, aber die \u2013 wie bei der Fl\u00f6te \u2013 ein Instrument brauchen, um sich in Zeit und Raum zu offenbaren. Ich sp\u00fcre an der Intensit\u00e4t dieser Schwingungen, ob ich dem G\u00f6ttlichen n\u00e4herkomme oder mich entferne. Dann muss ich mein Leben korrigieren, um wieder die N\u00e4he zu sp\u00fcren, die mir alles bedeutet. Und dann kommt ab und zu dieser wunderbare Klang aus dem Innern, der mich alles andere vergessen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Im Leben Rumis gab es auch ein vergleichbares Ereignis: die Begegnung mit Schams-i-Tabrisi 1244. Rumi sagte sp\u00e4ter dar\u00fcber:<\/p>\n<blockquote><p>Dein Traumbild war in unserer Brust!<br \/>\nAus Fr\u00fchrot ahnten Sonne wir![4]<\/p><\/blockquote>\n<p>Schams war ein wandernder Derwisch, \u00fcber dessen Herkunft man kaum etwas wei\u00df. Es wird erz\u00e4hlt, dass seine scharfen Bemerkungen und harten Worte die Leute schockierten und erschreckten. Aber er besa\u00df einen ungeheuren inneren Reichtum des Geistes. Er entz\u00fcndete in Rumi eine Flamme, die so intensiv wurde, dass er f\u00fcr sechs Monate alles vernachl\u00e4ssigte.<\/p>\n<p>\u201eTag und Nacht sa\u00df er mit dem Freunde in Salaheddin Zarkubs Zelle ohne Essen, ohne Trinken, ohne irgendwelche menschlichen Bed\u00fcrfnisse.\u201c So beschrieb es Ahmad Aflaki.<\/p>\n<p>In seiner Jugend hatte Schams der Legende nach einmal gesagt: \u201eOh Gott, gibt es denn nicht ein einziges deiner Gesch\u00f6pfe, das meine Gegenwart ertragen kann?\u201c Und er erhielt als Antwort eine Vision, dass er in Anatolien suchen solle. Und dort traf er Rumi.<\/p>\n<p>Zwischen diesen beiden entwickelte sich eine so innige Seelenbeziehung, wie man sie wohl nur selten in der Welt findet. Rumi schreibt dar\u00fcber:<\/p>\n<blockquote><p>Die Liebe ging in meinem Leib<br \/>\ndem Blut gleich hin und her.<br \/>\nDa ward mein Sein des Freundes voll<br \/>\nund von mir selber leer.<\/p>\n<p>Die Glieder alle meines Leibs<br \/>\nsind nun im Bann des Freundes.<br \/>\nVon mir blieb blo\u00df der Name noch<br \/>\nder Rest ist: \u201eAlles ER!\u201c[5]<\/p><\/blockquote>\n<p>Kann es eine innigere Verbundenheit geben als diese? Und gibt es ein sch\u00f6neres Bild f\u00fcr die g\u00f6ttliche Pr\u00e4senz im Menschen als dieses?<\/p>\n<p>Schams-i-Tabrisi, die Sonne von T\u00e4bris, wurde h\u00f6chstwahrscheinlich durch die Missgunst der Menschen in Konya get\u00f6tet. So wie Jesus dem Kreuz \u00fcbergeben wurde durch den Unverstand der Menge.<\/p>\n<p>Rumi war wie von Sinnen nach dem Verschwinden seines Freundes. Und doch f\u00fchrte ihn dieser Schmerz zu den wunderbarsten und innigsten Versen \u00fcber die Liebe. Er sagte sp\u00e4ter, dass erst die k\u00f6rperliche Trennung von seinem Geliebten diesen in seinem Innersten wieder auferstehen lie\u00df und nun auf ewig mit ihm verbunden sei.<\/p>\n<p>Rumis Sohn erz\u00e4hlt dar\u00fcber:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eEr sah Schams-i Tabrisi nicht in Damaskus,<\/p>\n<p>er sah ihn in sich selbst, klar wie den Mond.<br \/>\nEr sprach: Bin ich auch k\u00f6rperlich fern von ihm,<\/p>\n<p>ohne K\u00f6rper und Seele sind wir beide ein Licht.<br \/>\nSieh sowohl ihn als auch mich:<br \/>\nIch bin er und er ist ich, oh Suchender.\u201c[6]<\/p><\/blockquote>\n<p>Und ist es so nicht auch mit des Menschen Reise durch die Materie? F\u00fchlen wir nicht auch erst durch die Trennung von Gott den brennenden Schmerz seiner Abwesenheit und sind irgendwann bereit unser ganzes Leben daf\u00fcr zu opfern um IHN wieder in uns aufzunehmen?<br \/>\nRumi fasste sein Leben in dem einen Satz zusammen:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eUnd das Ergebnis sind nur die drei Worte:<br \/>\nVerbrannt bin ich, verbrannt und bin verbrannt.\u201c[7]<\/p><\/blockquote>\n<p>Hier finden wir die h\u00f6chste Essenz der Verbundenheit: sein eigenes Sein der Liebe \u00fcbergeben, bis es verzehrt ist im Feuer der Sehnsucht und eingeht in das Einssein mit dem Geliebten.<\/p>\n<p>[1]\u00a0\u00a0\u00a0 Omar Khayyam, Gedichte, Lehre XXIII, Verlag, Jahr<br \/>\n[2]\u00a0\u00a0\u00a0 Annemarie Schimmel, Mystische Dimensionen des Islam, Insel Taschenbuch, 1995, S. 236\/237<br \/>\n[3]\u00a0\u00a0\u00a0 Mathnawi, 1. Buch, Rumi, Lied der Rohrfl\u00f6te, \u00dcbersetzung von Annemarie Schimmel, Verlag, Jahr<br \/>\n[4]\u00a0\u00a0\u00a0 Annemarie Schimmel, Rumi, Heinrich Hugendubel Verlag, 2003, S. 19<br \/>\n[5]\u00a0\u00a0\u00a0 Dschallaludin Rumi, Traumbild des Herzens, Manesse Verlag, 2015, Seite<br \/>\n[6]\u00a0\u00a0\u00a0 Annemarie Schimmel, Rumi, Hugendubel, 2003. S. 23<br \/>\n[7]\u00a0\u00a0\u00a0 Annemarie Schimmel, Rumi, S. 457, Hugendubel, 2003<\/p>\n","protected":false},"author":925,"featured_media":97539,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[],"tags_english_":[],"class_list":["post-97188","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/97188","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/925"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/97539"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=97188"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=97188"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=97188"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=97188"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}