{"id":96785,"date":"2022-11-15T20:47:03","date_gmt":"2022-11-15T20:47:03","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/?post_type=logon_article&#038;p=96785"},"modified":"2022-11-15T20:47:03","modified_gmt":"2022-11-15T20:47:03","slug":"perceptual-power-of-thinking-goethes-scientific-method-as-a-way-of-understanding-nature-part-3","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/perceptual-power-of-thinking-goethes-scientific-method-as-a-way-of-understanding-nature-part-3\/","title":{"rendered":"Anschauende Urteilskraft Goethes wissenschaftliche Methode \u2013 Teil 3"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/perceptual-power-of-thinking-goethes-scientific-method-as-a-way-of-understanding-nature-part-2\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">(Zum 2. Teil zur\u00fcckkehren)<\/a><\/p>\n<p>Bei dem vorliegenden Text handelt es sich um eine redigierte Mitschrift eines Vortrages, der am 28.9.2019 bei einem Symposium der Stiftung Rosenkreuz in Bad M\u00fcnder gehalten worden ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Begriffe und Ideen k\u00f6nnen den Blick lenken<\/strong><\/p>\n<p>Was hier vorliegt, sind zwei unterschiedliche Urteilsformen. Einmal wird ein gegebener Sachverhalt beurteilt und das andere Mal wird dieser Sachverhalt \u00fcberhaupt erst in das Blickfeld ger\u00fcckt. Herbert Witzenmann verdeutlicht diesen Unterschied, indem er von einem urteilenden und einem blicklenkenden Begriffsgebrauch spricht. [1] Begriffe und Ideen sollen nicht als Urteilsformen an die Erfahrung herangetragen werden, da sie, solange dies geschieht, allein sich selbst, ihren eigenen Inhalt in der Erfahrung manifestieren. Goethe verwendet demgegen\u00fcber die Ideen als ein Medium, als ein Organ der Anschauung:<\/p>\n<blockquote><p>Eine Idee \u00fcber Gegenst\u00e4nde der Erfahrung ist gleichsam ein Organ, dessen ich mich bediene, um diese zu fassen, um sie mir eigen zu machen. [2]<\/p><\/blockquote>\n<p>Im Lichte einer jeweiligen Idee kann eine entsprechende Erfahrungsqualit\u00e4t sichtbar werden. Hierzu ist dann eine Art Reduzierung der Vorstellungs- bzw. der Urteilsbildung n\u00f6tig. Damit im Gegenzug Ideen blicklenkend verwendet werden k\u00f6nnen, ist eine Steigerung der Ideenbildung n\u00f6tig. In dem Ma\u00dfe, wie bei der Urteilsbildung Enthaltsamkeit ge\u00fcbt werden muss, in dem Ma\u00dfe ist im Falle der Blicklenkung eine Ideengenerierung von N\u00f6ten. Die derart im Hinblick auf die Erfahrung gebildeten Ideen mischen sich aber nicht tr\u00fcbend in die Eigenart der Erfahrung ein, sondern machen im Gegenteil diese erst sichtbar. Man sieht allein das, wof\u00fcr man einen Begriff hat, was aber nicht hei\u00dfen muss, dass allein die Begriffe gesehen werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die Eigenarten der Erfahrungswelt werden sichtbar<\/strong><\/p>\n<p>Im Lichte der blicklenkend eingesetzten Begriffe werden nicht Urteile \u00fcber die Erfahrung geworfen. Das Subjekt enth\u00e4lt sich gerade des Urteils. Es werden aber die Eigenarten der Erfahrungswelt sichtbar, was hei\u00dft, dass sich das Objekt im Lichte der auf sie gerichteten Begriffe selbst beurteilt. Man kann in diesem Fall \u2013 wie es Goethe tut \u2013 von einem Versuch oder Experiment sprechen. Es werden Begriffe nicht urteilend, sondern lediglich versuchsweise an die Erfahrung herangetragen. Der Erkennende f\u00e4llt kein Urteil. Er beobachtet, wie die jeweilige Erfahrung sich im Lichte der von ihm generierten Begriffe selbst beurteilt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Goethes Erkenntnismethode beinhaltet im Sinne des Ausgef\u00fchrten:<\/p>\n<p>1. eine Urteilsreduzierung,<\/p>\n<p>2. eine Ideengenerierung,<\/p>\n<p>3. einen blicklenkenden Ideengebrauch und<\/p>\n<p>4. ein Urteilsexperiment.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Durch diesen Vorgang zeigt sich die qualitative Eigenbestimmung der Einzelerfahrung. Dies ist ein erster Schritt im Goetheschen Erkennen. Es ist damit aber noch kein Zusammenhang, nichts Gesetzlich-Verbindendes zwischen den Erfahrungen gefunden. Um diese Ebene zu erreichen, vollzieht Goethe einen weiteren Schritt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die Natur in ihrer Bewegtheit begleiten<\/strong><\/p>\n<p>Er spricht hier von einer Vermannigfaltigung bzw. Wiederholung der Erfahrung. Die Erfahrung wird in ihrer Eigenart, in den verschiedenen Weisen ihres Erscheinens vergegenw\u00e4rtigt. Sie wird neben andere Erfahrungen gestellt. Die aufmerksame Kraft des Erkennenden taucht somit ganz in die Erfahrung ein. Insbesondere f\u00fcr die Erkenntnis des Organischen ist es n\u00f6tig, sich in die Prozessualit\u00e4t des Lebendigen zu begeben. Es hei\u00dft bei Goethe:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<blockquote><p>Das Gebildete wird sogleich wieder umgebildet, und wir haben uns, wenn wir einigerma\u00dfen zum lebendigen Anschauen der Natur gelangen wollen, selbst so beweglich und bildsam zu erhalten, nach dem Beispiel, mit dem sie uns vorgeht. [3]<\/p><\/blockquote>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf diese Weise begleitet die ideelle Aktivit\u00e4t des Erkennenden die Bewegung der Natur selbst.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>An den Produktionen der Natur geistig teilnehmen<\/strong><\/p>\n<p>Es ist ein Wiederholen, Begleiten und Nachahmen der Naturerscheinungen, \u00e4hnlich dem Ein\u00fcben eines Musikst\u00fcckes. Zun\u00e4chst werden einzelne T\u00f6ne angeschlagen. Mit der wachsenden F\u00e4higkeit kann fl\u00fcssiger gespielt werden. Die T\u00f6ne begeben sich dabei in einen melodi\u00f6sen Zusammenhang. So wie die Melodie eines Musikst\u00fcckes nicht durch den Musiker in dasselbe hineingetragen wird, sondern in dem Zusammenhang der T\u00f6ne selbst begr\u00fcndet liegt, so wird der Zusammenhang der Erfahrungen, das Naturgesetz nicht durch den Erkennenden in die Erfahrung projiziert, sondern mit dem wachsenden Fortschritt seines Erkenntnisbem\u00fchens innerhalb der Erfahrungen mitvollzogen. Goethe spricht davon, dass man sich zur geistigen Teilnahme an den Produktionen der Natur w\u00fcrdig mache.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ronald Brady beschreibt diesen Prozess wie folgt:<\/p>\n<blockquote><p>Sein Versuch, eine \u201egeistige Teilnahme&#8220; am Verlauf der Metamorphose in der Natur zu erreichen, f\u00fchrte ihn zu \u00dcbungen der Imagination &#8230;, durch die er versuchte, die Bewegung zwischen den Formen zu verfolgen. Das Ziel dieser Untersuchungen war es, die Art und Weise zu beobachten, in der das Gesetz \u2013 \u201edas Ewige\u201c \u2013 in das \u201eVerg\u00e4ngliche\u201c eintrat, etwas, von dem er erwartete, es durch seine eigene intentionale Aktivit\u00e4t zu verfolgen (welche Aktivit\u00e4t seine Teilhabe an der Aktivit\u00e4t der Natur darstellte). [4]<\/p><\/blockquote>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>In der Natur das eigene Geistige wahrnehmen<\/strong><\/p>\n<p>Dies ist eine neue Stufe des Erkennens. Die ideelle Bewegung des Erkennenden stimmt mit den Bildeprozessen der Natur \u00fcberein. Der Erkennende vollzieht geistig die Prozesse, die die Natur reell aufbaut. Die Erkenntnis dringt derart zu dem Sch\u00f6pfungsgrund der Natur vor. Indem er diesen Sch\u00f6pfungsgrund ideell anschaut, erblickt er zugleich sein eigenes geistiges T\u00e4tigsein in diesem Sch\u00f6pfungsgrund. Er vollzieht demnach dasjenige, was die nachkantische Philosophie \u2013 insbesondere Schelling und Fichte \u2013 gesucht haben: eine intellektuelle Anschauung. Er erblickt seine eigene geistige Aktivit\u00e4t als \u00fcbereinstimmend mit dem Sch\u00f6pfungsgrund der Natur.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Zusammenfassung<\/strong><\/p>\n<p>Goethes wissenschaftliche Methode, die er selbst als anschauende Urteilskraft bezeichnet, l\u00e4sst sich zusammenfassend wie folgt beschreiben:<\/p>\n<p>1. Anschauende Urteilskraft bedeutet die Umwandlung des Urteilsverm\u00f6gens in ein Organ der Anschauung \u2013 Blicklenkung.<\/p>\n<p>2. Anschauende Urteilskraft bedeutet die Anschauung der Selbstbeurteilung der Erfahrungen \u2013 Experiment.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dr. Jost Schieren studierte Philosophie, Germanistik und Kunstgeschichte und ist seit 2008 Professor f\u00fcr Schulp\u00e4dagogik mit dem Schwerpunkt Waldorfp\u00e4dagogik und Leiter des Fachbereichs Bildungswissenschaft an der Alanus Hochschule in Alfter bei Bonn. (https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Jost_Schieren)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<p>[1] Vgl. Herbert Witzenmann, Ein Weg zur Wirklichkeit. Bemerkungen zum Wahrheitsproblem: \u201eMan kann n\u00e4mlich Begriffe nicht nur in inhaltlicher, sondern auch in blicklenkender Bedeutung anwenden.\u201c (A.a.O. S. 22 f). Vgl. ferner Herbert Witzenmann, Sinn und Sein. Der gemeinsame Ursprung von Gestalt und Bewegung. Zur Ph\u00e4nomenologie des Denkblicks. Ein Beitrag zur Erschlie\u00dfung seiner menschenkundlichen Bedeutung. A.a.O.<br \/>\n[2] Goethe in einem Brief vom 28.8.1796. In: Hamburger Ausgabe Briefe Bd. 2, S. 237<br \/>\n[3] Goethe, Die Absicht wird eingeleitet. In: Frankfurter Ausgabe Bd.24, S.392<br \/>\n[4] Ronald H. Brady, Form and Cause in Goethe\u2019s Morphology. In: Frederick Amrine (Hrsg.), Goethe and the Sciences. A Reappraisal. Springer 1987. S. 283 (\u201cHis attempt to achieve a `spiritual participation` in the operation of plan metamorphosis led him to exercises of imagination &#8230; by which he attempted to follow the movement between forms. The goal of these investigations was to observe the manner in which the law \u2013 \u00b4the eternal\u00b4 \u2013 entered into the \u00b4transitory\u00b4, something which he expected to trace through his own intentional activity (which activity constituted his \u00b4participation\u00b4in the activity of nature.)\u201d)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Dr. Jost Schieren<\/strong> studierte Philosophie, Germanistik und Kunstgeschichte und ist seit 2008 Professor f\u00fcr Schulp\u00e4dagogik mit dem Schwerpunkt Waldorfp\u00e4dagogik und Leiter des Fachbereichs Bildungswissenschaft an der Alanus Hochschule in Alfter bei Bonn. (<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Jost_Schieren\">https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Jost_Schieren<\/a>)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"author":920,"featured_media":12188,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110088],"tags_english_":[110996,110997,111000,110999,110998],"class_list":["post-96785","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-science-de","tags_english_-concept","tags_english_-idea","tags_english_-nature","tags_english_-perceiving","tags_english_-thinking"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/96785","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/920"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/12188"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=96785"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=96785"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=96785"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=96785"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}