{"id":96770,"date":"2022-10-31T16:22:42","date_gmt":"2022-10-31T16:22:42","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/?post_type=logon_article&#038;p=96770"},"modified":"2022-11-07T08:29:03","modified_gmt":"2022-11-07T08:29:03","slug":"perceptual-power-of-thinking-goethes-scientific-method-as-a-way-of-understanding-nature-part-1","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/perceptual-power-of-thinking-goethes-scientific-method-as-a-way-of-understanding-nature-part-1\/","title":{"rendered":"Anschauende Urteilskraft. Goethes wissenschaftliche Methode Teil 1"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>Bei dem vorliegenden Text handelt es sich um eine redigierte Mitschrift eines Vortrages, der am 28.9.2019 bei einem Symposium der Stiftung Rosenkreuz in Bad M\u00fcnder gehalten worden ist.<\/p><\/blockquote>\n<p>Goethe hat die Natur und ihre Erscheinungen in einer Stimmung religi\u00f6ser Dankbarkeit betrachtet. Ein Erlebnis aus seiner Kindheit verdeutlicht dies: Als siebenj\u00e4hriger Junge bewohnte Goethe das Giebelzimmer des Frankfurter Hauses. Aus dem Fenster, das nach Osten ging, konnte er \u00fcber die D\u00e4cher der Stadt hinwegsehen. Er berichtet in seiner Autobiographie Dichtung und Wahrheit davon, dass er fr\u00fch morgens kurz vor Sonnenaufgang aufgestanden sei. An das Fenster hatte er ein pyramidenf\u00f6rmiges Notenpult gestellt, auf dem seine Naturaliensammlung angeordnet war \u2013 verschiedenste Fundst\u00fccke: Zapfen, Samen, Mineralien, Knochen usw., die die einzelnen Naturreiche repr\u00e4sentieren. Zur Zeit des Sonnenaufgangs hat er mittels einer Lupe das Licht der Sonne eingefangen und eine R\u00e4ucherkerze auf der Spitze des Notenpultes entz\u00fcndet. Das war f\u00fcr ihn eine religi\u00f6se Handlung, eine Art Gottesdienst. Goethe hatte schon als Kind die Empfindung, dass die Natur einem g\u00f6ttlich-geistigen Sch\u00f6pfungsgrund entstammt. Dieser eine Sch\u00f6pfungsgrund bekundet sich f\u00fcr den Siebenj\u00e4hrigen im Licht der Sonne.<\/p>\n<p>Ein \u00e4hnliches Erlebnis beschreibt Goethe nochmals als Achtzigj\u00e4hriger in dem Gedicht Verm\u00e4chtnis, das im Februar 1829 geschrieben worden ist:<\/p>\n<blockquote><p>Kein Wesen kann zu nichts zerfallen!<br \/>\nDas Ewige regt sich fort in allem,<br \/>\nAm Sein erhalte dich begl\u00fcckt.<br \/>\nDas Sein ist ewig; denn Gesetze<br \/>\nBewahren die lebend\u00b4gen Sch\u00e4tze,<br \/>\nAus welchen sich das All geschm\u00fcckt.<\/p><\/blockquote>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zwischen diesen beiden Erlebnissen des siebenj\u00e4hrigen Jungen und des achtzigj\u00e4hrigen Dichters, der ausspricht \u201eam Sein erhalte dich begl\u00fcckt\u201c, liegt ein ganzes Menschenleben, in dem Goethe unentwegt k\u00fcnstlerisch und wissenschaftlich darum gerungen hat, dem von ihm empfundenen\u00a0 Sch\u00f6pfungsgrund der Welt nahezutreten.<\/p>\n<p><strong>Erkenntniskritik<\/strong><\/p>\n<p>Ein solcher Blick auf die Welt ist allerdings nicht selbstverst\u00e4ndlich. Im Gegenteil: das gew\u00f6hnliche Bewusstsein sieht die Dinge zun\u00e4chst allein in ihrer raum-zeitlichen Begrenztheit. Es kn\u00fcpft Begriffe daran, die nicht das Ewige in der Welt ber\u00fchren, sondern allein der Lebensorientierung dienen. Es hei\u00dft in Goethes Aufsatz Der Versuch als Vermittler von Objekt und Subjekt:<\/p>\n<blockquote><p>Sobald der Mensch die Gegenst\u00e4nde um sich her gewahr wird, betrachtet er sie in Bezug auf sich selbst. [1]<\/p><\/blockquote>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dies sei die nat\u00fcrliche Art, die Welt anzusehen. Das menschliche Bewusstsein bezieht die Dinge der Welt nur auf sich selbst und lebt derart in einer Selbstbezogenheit der Vorstellungsbildung. Es ist in sich verfangen und kann das Sein der Welt nicht erreichen.<\/p>\n<p>Goethe empfindet dies als Tragik und setzt sich damit in seinem Faust auseinander. Es hei\u00dft in dem ber\u00fchmten Anfangsmonolog:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<blockquote><p>Dass ich erkenne, was die Welt<br \/>\nIm Innersten zusammenh\u00e4lt,<br \/>\nSchau`alle Wirkenskraft und Samen,<br \/>\nUnd tu`nicht mehr in Worten kramen.<\/p><\/blockquote>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Er kommt dann aber zu dem Schluss:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<blockquote><p>Und sehe, dass wir nichts wissen k\u00f6nnen<br \/>\nDas will mir schier das Herz verbrennen<br \/>\n&#8230;<br \/>\nEs m\u00f6cht kein Hund so l\u00e4nger leben.<\/p><\/blockquote>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Kant: Gesetze und Erscheinungen existieren nur im Bezug zum Menschen<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dies ist das Erkenntnisproblem, mit dem Faust zu ringen hat. Er kann die Wirklichkeit, den Grund der Welt mittels seines Erkennens nicht erreichen. Dieses Problem bzw. diese Kritik am menschlichen Erkennen wurde zu Goethes Zeit philosophisch g\u00fcltig von Kant formuliert:<\/p>\n<blockquote><p>Denn Gesetze existieren eben so wenig in den Erscheinungen, sondern nur relativ auf das Subjekt, dem die Erscheinungen inh\u00e4rieren, so fern es Verstand hat, als Erscheinungen nicht an sich existieren, sondern nur relativ auf dasselbe Wesen so fern es Sinne hat. [2]<\/p><\/blockquote>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und dann hei\u00dft es weiter:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<blockquote><p>Allein Erscheinungen sind nur Vorstellungen von Dingen, die, nach dem, was sie an sich sein m\u00f6gen, unerkannt da sind. Als blo\u00dfe Vorstellungen aber stehen sie unter gar keinem Gesetz der Verkn\u00fcpfung, als demjenigen, welches das verkn\u00fcpfende Verm\u00f6gen vorschreibt. [3]<\/p><\/blockquote>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Kant konstatiert damit die Subjektbedingtheit allen menschlichen Erkennens. Alle Erscheinungen, alle Gesetze, die das Erkennen objektiv zu begreifen glaubt, erweisen sich als relativ. Sie existieren lediglich entsprechend der eigenen subjektiven Konstitution. Kant spricht in diesem Zusammenhang von einer kopernikanischen Wende. Man m\u00fcsste es besser als eine umgekehrte kopernikanische Wende bezeichnen. Denn so wie Kopernikus das geozentrische Weltbild in ein heliozentrisches umformte, so wandelt Kant das objektorientierte Erkennen in ein subjektorientiertes um.<\/p>\n<p>Gew\u00f6hnlich geht man davon aus, dass sich das Erkennen an dem Inhalt der Objekte orientiert. Kant legt nun dar, dass sich die Objekte in die Bedingungen des Subjektes f\u00fcgen. Dementsprechend ist das Erkennen nicht in der Lage, den Grund der Dinge, das Ding an sich &#8211; wie es Kant bezeichnet &#8211; zu erreichen. Kant formuliert diese Einsicht mit dem Anspruch der Bescheidenheit. Goethe sieht darin die Tragik des menschlichen Erkennens. W\u00e4hrend Kant mit dieser Einsicht gut leben kann, l\u00e4sst Goethe Faust sagen: \u201eEs m\u00f6cht\u00b4 kein Hund so l\u00e4nger leben.\u201c Dramatisch entwickelt Goethe diesen Gedanken nochmals in Fausts Begegnung mit dem Erdgeist. Auf Fausts Zuversicht, dass er den Dingen der Welt nahe kommen kann:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<blockquote><p>Gesch\u00e4ftiger Geist, wie nah f\u00fchl ich mich dir!<\/p><\/blockquote>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>antwortet der Geist:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<blockquote><p>Du gleichst dem Geist, den du begreifst, nicht mir.<\/p><\/blockquote>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dies ist der Kern von Kants Erkenntniskritik: Das menschliche Erkennen begreift in jedem Objekt allein sich selbst und nicht das Wesen der Dinge, das ihm entzogen bleibt.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/perceptual-power-of-thinking-goethes-scientific-method-as-a-way-of-understanding-nature-part-2\/\">Teil 2<\/a> und <a href=\"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/perceptual-power-of-thinking-goethes-scientific-method-as-a-way-of-understanding-nature-part-3\">3<\/a> folgen<\/p>\n<p>Dr. Jost Schieren studierte Philosophie, Germanistik und Kunstgeschichte und ist seit 2008 Professor f\u00fcr Schulp\u00e4dagogik mit dem Schwerpunkt Waldorfp\u00e4dagogik und Leiter des Fachbereichs Bildungswissenschaft an der Alanus Hochschule in Alfter bei Bonn. (https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Jost_Schieren)<\/p>\n<hr \/>\n<p>[1] Goethe, Der Versuch als Vermittler zwischen Objekt und Subjekt. In: Goethes Werke. Hamburger Ausgabe, Beck-Verlag, Hrsg. Erich Trunz. Bd. 13, S.10<br \/>\n[2] Kant, Kritik der reinen Vernunft. In: Werkausgabe. 12 Bde.. Hrsg. Wilhelm Weischedel. Bd. 3, S. 156<br \/>\n[3] Ebenda<\/p>\n","protected":false},"author":920,"featured_media":12158,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[110989,110990,110991,110992,110993,110994,110995],"category_":[110088],"tags_english_":[],"class_list":["post-96770","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","tag-cognition-de","tag-goethe-de","tag-kant-de","tag-nature-de","tag-perceiving-de","tag-realistion-de","tag-thinking-de","category_-science-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/96770","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/920"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/12158"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=96770"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=96770"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=96770"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=96770"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}