{"id":92704,"date":"2022-04-30T06:59:05","date_gmt":"2022-04-30T06:59:05","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/logon_article\/freiheitsphilosophie-und-verbundenheit-rudolf-steiner-1894-kae-tempest-2020-teil-2\/"},"modified":"2022-04-30T06:59:05","modified_gmt":"2022-04-30T06:59:05","slug":"freiheitsphilosophie-und-verbundenheit-rudolf-steiner-1894-kae-tempest-2020-teil-2","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/freiheitsphilosophie-und-verbundenheit-rudolf-steiner-1894-kae-tempest-2020-teil-2\/","title":{"rendered":"Freiheitsphilosophie und Verbundenheit  (Rudolf Steiner 1894 \u2013 Kae Tempest 2020) &#8211; Teil 2"},"content":{"rendered":"<p>(<a href=\"https:\/\/www.logon.media\/de\/freiheitsphilosophie-und-verbundenheit-rudolf-steiner-1894-kae-tempest-2020-teil-1\">Zur\u00fcck zu Teil 1<\/a>)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<blockquote>\n<p><em>&#8222;The most sublime act is to set another before you.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>William Blake<\/p>\n<\/blockquote>\n<p><strong>Wie bezieht sich Denken auf F\u00fchlen und Wollen?<\/strong><\/p>\n<p>Auf die erste Frage antwortet Steiner mit einer Anthropologie. Er behauptet, dass wir im Gef\u00fchl nur mit uns, im Denken aber mit der ganzen Welt verbunden seien. \u201eDas <em>Denken<\/em> ist das Element, durch das wir das allgemeine Geschehen des Kosmos mitmachen; das <em>F\u00fchlen<\/em> das, wodurch wir uns in die Enge des eignen Wesens zur\u00fcckziehen k\u00f6nnen\u201c (108 f.). Das Freiheitsparadox wird zum anthropologischen Paradox, weil das menschliche Wesen durch diese \u201eDoppelnatur\u201c (108) gekennzeichnet sei. Zu fragen ist aber an dieser Stelle, ob nicht genauso oder noch viel mehr unser Denken uns von der Welt und den Anderen abschlie\u00dft und das F\u00fchlen uns mit den Anderen und der Welt verbindet? Daf\u00fcr gibt es mindestens ebenso viel Evidenz wie f\u00fcr Steiners Setzung.<\/p>\n<p>Genauere Blicke in den Text zeigen uns: Steiner ist an dieser Stelle h\u00e4ufig unbestimmt. Schon im ersten Kapitel hei\u00dft es in patriarchalischem Gestus, es sei \u201eder Gedanke Vater des Gef\u00fchls\u201c,&nbsp; aber andererseits auch: \u201edie Liebe \u00f6ffnet [&#8230;] die Augen\u201c (25). Mit anderen Worten eignet auch der Liebe Erkenntnisqualit\u00e4t. Nicht nur das. Schlie\u00dflich wird die Liebe auch zum entscheidenden Merkmal der Freiheit von Handlungen. \u201eNur wenn ich meiner Liebe zu dem Objekte folge, dann bin ich es selbst, der handelt. [&#8230;] Ich erkenne kein \u00e4u\u00dferes Prinzip meines Handelns an, weil ich in mir selbst den Grund des Handelns, die Liebe zur Handlung gefunden habe. Ich pr\u00fcfe nicht verstandesm\u00e4\u00dfig, ob meine Handlung gut oder b\u00f6se ist; ich vollziehe sie, weil ich sie <em>liebe<\/em>\u201c (162).<\/p>\n<p>Steiner selbst ist diese paradoxe <em>Unbestimmtheit<\/em> von Gef\u00fchl, Denken und Handeln nicht entgangen. Er l\u00f6st sie durch ein <em>dynamisches Prinzip<\/em> auf. Zwischen Gef\u00fchl und Denken, zwischen R\u00fcckzug und Weltoffenheit geschehe ein \u201efortw\u00e4hrendes Hin- und Herpendeln\u201c (109), es sei da \u201ewie ein lebendiger Pendelschlag\u201c (182). Das Bild des Pendels verweist auf eine fortw\u00e4hrende Entwicklungsaufgabe, in der es darauf ankommt, dass das Individuum \u201eden Umbildungsstoff in sich selbst aufgreift\u201c (170) und sich zu einem freien Wesen bildet. Darin stehen Denken, F\u00fchlen und Wollen genauso wie Bewusstes und Unbewusstes, Selbst- und Fremdbestimmung in einem sich entwickelnden Wechselspiel. Dies ist kein Prozess, in dem ein vorgepr\u00e4gtes Programm ablaufen w\u00fcrde. Sonst w\u00e4re er nicht frei. Es ist vielmehr ein sch\u00f6pferischer Vorgang. Es ist <em>sich vollziehende Kreativit\u00e4t<\/em>.<\/p>\n<p><strong>Wie bezieht sich Denken auf die andere Person?<\/strong><\/p>\n<p>Um nun die zweite Antwort Steiners zu erl\u00e4utern, wie sich Denken auf die andere Person bezieht, m\u00f6chte ich mich auf eine andere Person beziehen. Im Jahr 2020 erscheint der Essay <em>On Connection\/Verbundensein<\/em> von Kae Tempest, einer Spoken-Word-K\u00fcnstler:in und Dichter:in, die sich fortan nicht mehr mit dem weiblichen Vornamen Kate schreiben wird, sondern den <em>nichtbin\u00e4ren<\/em>, also gattungsunabh\u00e4ngigen Namen Kae sch\u00f6pft. Damit entwindet sich Tempest als Folge ihres\/seines Entwicklungsprozesses der allgemeinen Geschlechterordnung \u201em\u00e4nnlich\u201c bzw. \u201eweiblich\u201c und st\u00e4rkt in sich das Prinzip der Individualit\u00e4t gegen\u00fcber dem der Allgemeinbegriffe und Zuordnungen. Sie\/er k\u00f6nnte&nbsp; bruchlos an Steiners \u00dcberlegungen im letzten, vierzehnten Kapitel seines Buches <em>Die Philosophie der Freiheit<\/em> anschlie\u00dfen, in der dieser die Individualit\u00e4t der Person f\u00fcr wesentlich erkl\u00e4rt und die rigiden Geschlechterrollen verurteilt. Nicht nur, meint Steiner, sollten sich die Personen emanzipieren, es solle sich auch das Denken entsprechend transformieren. \u201eSo wie die freie Individualit\u00e4t sich frei macht von den Eigent\u00fcmlichkeiten der Gattung, so muss das Erkennen sich frei machen von der Art, wie das Gattungsm\u00e4\u00dfige verstanden wird\u201c (341).<\/p>\n<p>Mit Tempests Reflexionen und Erfahrungen zum <em>Verbundensein<\/em> wird nun das Paradox der Freiheit auf \u00e4hnliche Weise \u00fcberschritten wie in Steiners Forderung, anders als rigide gattungsm\u00e4\u00dfig zu denken. Als Prinzip der Verbundenheit f\u00fchrt Tempest aber nicht wie Steiner die Erfahrung des Denkens an, sondern jene der <em>Kreativit\u00e4t<\/em>. Darin, so Tempest, finden wir die Grundlage f\u00fcr <em>emotionales Verstehen<\/em>. Wenn wir Erz\u00e4hlungen lauschen, ist unser Ohr auch emotional, es entstehen bei uns Haltungen der F\u00fcrsorglichkeit und Empathie, die zugleich kreativ sind. Eine \u201ekreative Verbindung bringt eine Person, die abzudriften droht, wieder n\u00e4her zu sich selbst; diese N\u00e4he ist tiefgr\u00fcndig und f\u00f6rdert die Konzentration und das Zuh\u00f6ren, das wiederum einem tieferen Gef\u00fchl des Verbundenseins entgegenkommt\u201c (66\/56).<\/p>\n<p>St\u00e4rker als Steiner konzentriert sich Tempest auf die energetischen Vorg\u00e4nge des Verstehens und Zuh\u00f6rens. Aber ebenso spielen f\u00fcr Tempest die Aspekte der \u00dcbung und Entwicklung eine Rolle. \u201eWenn ich mich t\u00e4glich bewusst auf die Geschichte von jemand anderes einlasse, dann kann mir dies, als engagierte Leser:in, ein lebendiges Beispiel liefern, wie ich mich einem Austausch n\u00e4here, ohne ausbeuterisch, gewaltt\u00e4tig oder egoistisch zu sein\u201c (68\/56). Auch hier will es scheinen, wie wenn Tempest die verm\u00e4chtnishaften Worte Steiners in seiner <em>Philosophie der Freiheit<\/em> mit konkretem Leben, mit passionierter Praxis aufgreift und ausf\u00fcllt: \u201eIndividualit\u00e4t ist nur m\u00f6glich, wenn jedes individuelle Wesen vom andern nur durch individuelle Beobachtung wei\u00df.\u201c (165 f.) Beachten wir Steiners kategorische Aussage in ihrer Strenge: <em>nur durch individuelle Beobachtung<\/em>! Zum Programm wird hier das eingangs zitierte Motto von William Blake. Das <em>Denken<\/em>, das in individuellen Beziehungen auch als trennend erfahren werden kann, wird der individuell-emotionalen <em>Erfahrung<\/em> und sch\u00f6pferisch-spirituellen <em>Bet\u00e4tigung<\/em> nachgeordnet, auch wenn das seinen Rang nicht mindert. Vielmehr wird es so zum integren Teil jener Transformationsprozesse, von welchen das Werk Steiners wie das Tempests auf je ihre Art zeugen. Und die sie auch in der Lekt\u00fcre ihrer Werke anregen \u2013 wenn nicht gar fordern: als Denken und Verbundensein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"author":920,"featured_media":56481,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110114],"tags_english_":[],"class_list":["post-92704","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-zeitgeist-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/92704","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/920"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/56481"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=92704"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=92704"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=92704"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=92704"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}