{"id":92702,"date":"2022-04-30T06:52:40","date_gmt":"2022-04-30T06:52:40","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/logon_article\/freiheitsphilosophie-und-verbundenheit-rudolf-steiner-1894-kae-tempest-2020-teil-1\/"},"modified":"2025-06-02T17:36:09","modified_gmt":"2025-06-02T17:36:09","slug":"freiheitsphilosophie-und-verbundenheit-rudolf-steiner-1894-kae-tempest-2020-teil-1","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/freiheitsphilosophie-und-verbundenheit-rudolf-steiner-1894-kae-tempest-2020-teil-1\/","title":{"rendered":"Freiheitsphilosophie und Verbundenheit  (Rudolf Steiner 1894 \u2013 Kae Tempest 2020) &#8211; Teil 1"},"content":{"rendered":"<p><iframe title=\"Spotify Embed: Freiheitsphilosophie und Verbundenheit (Rudolf Steiner 1894 \u2013 Kae Tempest 2020)\" style=\"border-radius: 12px\" width=\"100%\" height=\"152\" frameborder=\"0\" allowfullscreen allow=\"autoplay; clipboard-write; encrypted-media; fullscreen; picture-in-picture\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/open.spotify.com\/embed\/episode\/3vVjsDmFSstGr27saY1lCU?si=b--QnHsmTa-VMnVRvJfAgA&amp;utm_source=oembed\"><\/iframe><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<blockquote><p><em>The most sublime act is to set another before you.<\/em><\/p>\n<p>William Blake<a title=\"\" href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p>Jeder Versuch einer Freiheitsphilosophie ist paradox. Verstehen wir Freiheit als <em>Ungebundenheit<\/em>, als die Abwesenheit von Fesseln, ist damit noch nichts gesagt \u00fcber ihre Qualit\u00e4t. Sie kann in blo\u00dfem Egoismus oder schierer Exzentrik m\u00fcnden. Und wenn wir Freiheit anders herum positiv als ein <em>Verm\u00f6gen<\/em> verstehen, uneingeschr\u00e4nkt zu handeln, kommen wir damit \u00fcber den Makel grenzenloser Willk\u00fcr nicht hinaus. Denn die freie Person ist potentiell die einsame Person, die in ihrer Partikularit\u00e4t zwar \u00fcber ihre W\u00fcnsche oder Meinungen bestimmen mag, letztlich aber im Glanz absoluten Verf\u00fcgenk\u00f6nnens erstarrt \u2013 oder verrottet. Der Freiheitsaspekt der Ungebundenheit bedarf also eines ausgleichenden Prinzips. Aber reicht daf\u00fcr die Einschr\u00e4nkung aus? Nein. Mit einem blo\u00dfen Begriff von begrenzter Freiheit k\u00f6nnten wir das formulierte Paradox, das Spiel von Willk\u00fcr und Begrenztheit, nicht \u00fcberschreiten.<\/p>\n<p>Der uns interessierende Freiheitsbegriff beginnt da, wo wir uns diesem Paradox stellen. Das ist nicht ganz einfach, da ja die eigentliche Freiheit nicht die halbe Freiheit oder die geteilte Freiheit im Sinne eines Kompromisses ist. Doch verhilft es uns immerhin zum Bewusstsein von Freiheit, wenn wir <em>ihre Grenzen sp\u00fcren<\/em>. Wie anders k\u00f6nnten wir etwas von ihr wissen, als wenn uns auch ihr Gegenteil zur Erfahrung w\u00fcrde? Offenbar hat Freiheit etwas damit zu tun, <em>wie<\/em> wir unsere Erfahrungen machen: sie sind selten grenzenlos. Aber auch, <em>wie<\/em> wir in der Welt wirken: es ist niemals unbegrenzt. Doch Grenzen lassen sich nicht nur vorfinden oder ziehen, sie lassen sich auch modifizieren, \u00fcberschreiten oder aufl\u00f6sen. Hier, im Zusammenspiel von Erfahren und Wirken, taucht Freiheit deutlicher in ihrer Qualit\u00e4t auf. Denn sie gilt immer <em>f\u00fcr eine Person<\/em>. Eine Person, die sich der beiden kontr\u00e4ren Elemente <em>Erfahrung<\/em> und <em>Wirkung<\/em> einerseits <em>bewusst<\/em> wird und sie zugleich andererseits zu <em>gestalten<\/em> vermag. \u2013 Wie also sind wir uns unseres Wirkens bewusst? Und wie geben wir unserem Wirken durch die Art unserer Bewusstheit Gestalt?<\/p>\n<p>Von diesen beiden Fragen ging der damals 32-j\u00e4hrige Rudolf Steiner in seinem 1894 erschienenen Buch <em>Die Philosophie der Freiheit<\/em> aus.<a title=\"\" href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Wie zwei S\u00e4ulen, die nebeneinander stehen, werden die beiden H\u00e4lften des Buches durch diese Leitfragen markiert. Die aufsteigende erste H\u00e4lfte besch\u00e4ftigt sich mit Fragen der Bewusstheit und des Erkennens und tr\u00e4gt den Titel: \u201eDie Wissenschaft der Freiheit.\u201c Die zweite, absteigende H\u00e4lfte des Buches besch\u00e4ftigt sich \u2013 von den gewonnenen Erkenntnisstandpunkten aus \u2013 mit Aspekten des Wirksamwerdens und tr\u00e4gt den Titel: \u201eDie Wirklichkeit der Freiheit.\u201c Der Weg zur Freiheit ist durch die Komposition dieses Buches klar vorgezeichnet. Frei sind unsere Handlungen dann, wenn wir uns \u00fcber ihre Motivationen im Klaren sind. Der Schl\u00fcssel zu freien Handlungen ist in einer subtilen Transformation unserer Bewusstheit zu finden: wir wenden uns um und beobachten denkend zugleich, wie unsere Entschl\u00fcsse entstehen. Das Material, auf das wir uns dabei st\u00fctzen, ist also unser Denken. So wie wir es allt\u00e4glich erfahren, wenn wir denn eigens darauf achten.<\/p>\n<p>Beginnen wir nun achtsam, uns dabei zu beobachten, wie unsere Bewusstseinsprozesse \u2013 und darin besonders unsere begrifflichen Denkprozesse \u2013 vor sich gehen, bemerken wir uns im Denken zugleich als t\u00e4tig hervorbringend und frei beobachtend. Damit haben wir ein Feld betreten, aus dem freie Handlungen entspringen k\u00f6nnen. Jetzt gilt es, dieses Feld im Blick auf das Erscheinen freier Intuitionen, die zu Handlungen werden, zu erkunden. Es ist dies die eigentliche <em>Arbeit<\/em> des Buches. Eine Arbeit, die sich der Autor, Rudolf Steiner, gemacht hat, indem er seine S\u00e4tze wie das Protokoll seiner Denk-Beobachtungen notierte. Und die er zugleich voran brachte, indem er den Weg seiner Gedanken in einer Folge von Thesen entwickelte. Einer Arbeit, die f\u00fcr uns, alle Lesenden, darin bestehen mag, seine Beobachtungen nachzuvollziehen und sie als zutreffend oder nicht zutreffend zu beurteilen oder sie aus eigener Beobachtung zu modifizieren.<\/p>\n<p>Aus dem bisherigen Gedankengang halten wir fest: In Steiners<em> Philosophie der Freiheit<\/em>\u00a0 ist das orientierende, dritte Prinzip der Freiheit in der Erfahrung des Denkens zu finden. Freiheit l\u00e4sst sich dann verwirklichen, wenn wir von unserer F\u00e4higkeit zu denken ausgehen. Denn wir sind, so Steiner, schon mit der Welt elementar verbunden, wenn wir denken. So, auf dieser Grundlage, wird unser freies Handeln nicht willk\u00fcrlich, partikul\u00e4r oder egoistisch sein. Im Denken ist uns das <em>Prinzip der Verbundenheit<\/em> gegeben. Es ist die Verbundenheit mit der nat\u00fcrlichen, der kulturell gepr\u00e4gten sowie der spirituell verstandenen Welt. Auch eine Verbundenheit mit anderen Personen besteht, so Steiner, durch das Denken. Denken f\u00fchrt uns aus dem Paradox der Freiheit hinaus, weil wir es mit einer universellen Region zu tun haben, in der es wegen ihrer umfassenden Allgemeing\u00fcltigkeit keine wirkliche Partikularit\u00e4t geben kann. Freiheit auf dieser Grundlage m\u00fcsste immer die Freiheit aller anderen mit einschlie\u00dfen.<\/p>\n<p>Welche Verbindung zwischen Person und Person, zwischen Individuum und der Welt, so ist zu fragen, schafft dieses Denken wirklich? Bleibt es nicht vielmehr abstrakt-trennend und willenlos-intellektuell? Fehlt ihm nicht der Reichtum des Gef\u00fchls mit seinen vielen Facetten? Und schlie\u00dflich: kann uns im Denken, diesem Hort des Universellen, wirklich etwas so Einzigartiges begegnen wie eine <em>andere Person<\/em>? Denken in diesem Sinn m\u00fcsste logischerweise Gef\u00fchl und Wille <em>in sich<\/em> einschlie\u00dfen. Umgekehrt m\u00fcsste es <em>als<\/em> Denken <em>in<\/em> Gef\u00fchl und Wille eintauchen und <em>sich als solches<\/em> diesen Elementen sogar angleichen k\u00f6nnen. In irgendeiner Form m\u00fcsste Denken zur Empathie f\u00e4hig sein. Denn genau das gilt es an der anderen Person zu beobachten, was dem Allgemeinbegriff nicht zug\u00e4nglich ist: das ganz Besondere der Person, nennen wir es <em>deren Ich<\/em>. Wir begegnen dem Paradox der Freiheit in einer neuen, zugespitzten Form. Wie verh\u00e4lt sich Denken einerseits zu Gef\u00fchl und Wille? Wie verh\u00e4lt es sich andererseits zur anderen Person?<\/p>\n<p>(wird fortgesetzt in <a href=\"https:\/\/www.logon.media\/de\/freiheitsphilosophie-und-verbundenheit-rudolf-steiner-1894-kae-tempest-2020-teil-2\">Teil 2<\/a>)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Das Zitat stammt aus der Spr\u00fcche-Sammlung <em>The Marriage of Heaven and Hell<\/em>. Ich zitiere es nach Kae Tempests Essay <em>Verbundensein<\/em>, erschienen in der Reihe <em>suhrkamp nova<\/em> des Suhrkamp Verlages, Berlin 2021, \u00fcbersetzt von Conny L\u00f6sch. Die englische Originalfassung erschien 2020 in London bei Faber &amp; Faber unter dem Titel <em>On Connection<\/em>. Bei Zitaten gebe ich in Klammern zun\u00e4chst die Seitenzahl der \u00dcbersetzung, nach einem Schr\u00e4gstrich die des Originals im Text an. Das vorangestellte Motto lautet in der \u00dcbersetzung: \u201eDie erhabenste Tat ist es, einen anderen vor sich zu setzen.\u201c (52\/41)<\/p>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Das Buch des sp\u00e4teren Theosophen und Begr\u00fcnders der Anthroposophie erschien 1918 in einer erg\u00e4nzten und deutlich \u00fcberarbeiteten zweiten Auflage, auf die ich mich hier beziehe. Sie tr\u00e4gt folgenden Titel: <em>Die Philosophie der Freiheit. Grundz\u00fcge einer modernen Weltanschauung. Seelische Beobachtungsresultate nach naturwissenschaftlicher Methode.<\/em> Ich zitiere nach der 15. Auflage der Gesamtausgabe, Dornach 1987, mit dem Seitenverweis direkt nach dem Zitat in Klammern.<\/p>\n","protected":false},"author":920,"featured_media":56465,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110114],"tags_english_":[],"class_list":["post-92702","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-zeitgeist-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/92702","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/920"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/56465"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=92702"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=92702"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=92702"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=92702"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}