{"id":92699,"date":"2022-04-28T14:05:29","date_gmt":"2022-04-28T14:05:29","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/logon_article\/kann-ich-tun-was-ich-will-arthur-schopenhauers-erkenntnis\/"},"modified":"2022-04-28T14:05:29","modified_gmt":"2022-04-28T14:05:29","slug":"kann-ich-tun-was-ich-will-arthur-schopenhauers-erkenntnis","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/kann-ich-tun-was-ich-will-arthur-schopenhauers-erkenntnis\/","title":{"rendered":"Kann ich tun, was ich will? Arthur Schopenhauers Erkenntnis"},"content":{"rendered":"<p>Die Welt wird vom Menschen in einer zweiseitigen Wirklichkeit erlebt; sie ist vergleichbar mit einem lebendigen Organismus mit zwei verschiedenen, aber untrennbaren Ansichten. Schopenhauer nennt sie \u201edie Welt als Wille und Vorstellung\u201c, wobei der Mensch sie als Wille in seinem Inneren und als Vorstellung in seiner Au\u00dfenwelt erf\u00e4hrt.<\/p>\n<p>Als ich in seiner Schrift \u00dcber die Freiheit des menschlichen Willens folgenden Satz las, den er als popul\u00e4re Aussage zur menschlichen Willensfreiheit zitierte: \u201eich kann tun, was ich will&#8220;, musste ich erkennen, dass ich ihn schon oft benutzt hatte in der festen \u00dcberzeugung, er best\u00e4tige meine eigene Freiheit.<br \/>\nF\u00fcr Schopenhauer ist diese Schlussfolgerung ganz und gar nicht gegeben; er fragt n\u00e4mlich weiter: \u201eKannst du auch wollen, was du willst?&#8220;, und wenn dies bejaht wird, hakt er nach: \u201eKannst du auch wollen, was du wollen willst?&#8220;, und so weiter.<br \/>\nWas ist Freiheit?<br \/>\nArthur Schopenhauer geht auf den Begriff n\u00e4her ein: Freiheit ist f\u00fcr ihn zun\u00e4chst ein negativer Begriff, da wir unter ihm \u201edie Abwesenheit alles Hindernden und Hemmenden\u201c verstehen. Er unterteilt ihn in den der physischen Freiheit und in die beiden philosophischen Begriffe der intellektuellen und der moralischen Freiheit.<br \/>\nDie physische Freiheit ist die Abwesenheit materieller Hindernisse jeder Art. Die intellektuelle Freiheit bedeutet, dass das menschliche Erkenntnisverm\u00f6gen die Motive, die den Menschen beeinflussen, unverzerrt und klar erkennen kann, so dass sie ihm moralisch zuzurechnen sind.<br \/>\nDie moralische Freiheit ist der wesentliche Begriff, dem die Beantwortung der Frage nach der eigentlichen Freiheit des Willens gilt. Der Begriff der Freiheit steht hier synonym f\u00fcr die Willensfreiheit. Sie besagt, dass der Mensch zwischen entgegengesetzten Handlungen frei entscheiden kann. Er kann zum Beispiel die Wahrheit sagen und damit einen Freund verraten oder er kann l\u00fcgen und den Freund sch\u00fctzen. Frei ist er hierbei jedoch nur, wenn er frei von auf ihn einwirkenden Motiven entscheiden kann. Zu den Motiven kann zum Beispiel die Angst vor Zwangsma\u00dfnahmen geh\u00f6ren oder ein innerer Druck durch eingegangene Verpflichtungen dem Freund gegen\u00fcber.<br \/>\nSchopenhauer untersucht die Frage nach der Freiheit des Wollens. Es gibt einen Unterschied zwischen Wollen und Tun. Das Tun betrifft die Ausf\u00fchrung des Willens, das hei\u00dft die Willensverwirklichung. Aber die Macht der Ausf\u00fchrung ist etwas vollst\u00e4ndig anderes als die Willensentscheidung selbst; diese kann also durch mehr oder weniger hemmende Motive beeinflusst werden.<br \/>\nDas Tun, sagt Schopenhauer, kann keine direkte Verbindung mit dem Wollen eingehen, weil es durch hemmende Motive beeinflusst werden kann und dadurch nicht zwischen entgegengesetzten Optionen frei zu w\u00e4hlen vermag. Es setzt demnach schon ein echtes K\u00f6nnen des Willens voraus.<br \/>\nBeim Menschen kann die Entfernung zwischen Motiv und Handlung unermesslich gro\u00df sein, denn er ist an keine Gegenwart und Umgebung gebunden. Anders ist es beim Tier: \u201eDer Hund steht unmittelbar zaudernd zwischen dem Ruf seines Herrn und dem Anblick einer H\u00fcndin, das st\u00e4rkere Motiv wird seine Bewegung bestimmen: dann aber erfolgt sie [\u2026] notwendigerweise.\u201c<br \/>\nDa der Mensch nicht wie das Tier an Ort und Zeit gebunden ist, k\u00f6nnen die hindernden Motive auch in blo\u00dfen Gedanken zu finden sein, so dass er meint, \u201e\u2026 der Wille entscheide sich von selbst, ohne Ursache\u201c. Um diesen Irrtum zu erl\u00e4utern, beschreibt Schopenhauer die Situation eines Menschen, der zu sich sagt: \u201eEs ist 6 Uhr Abends, die Tagesarbeit ist beendigt. Ich kann jetzt einen Spaziergang machen oder ich kann in den Klub gehen; ich kann auf einen Turm steigen, die Sonne untergehen zu sehen; ich kann auch ins Theater gehen; ich kann auch diesen oder jenen Freund besuchen, ja ich kann auch zum Tor hinauslaufen in die weite Welt und nie wieder kommen. Das alles steht allein bei mir, ich habe v\u00f6llige Freiheit dazu; tue jedoch davon jetzt nichts, sondern gehe ebenso freiwillig nach Hause zu meiner Frau.\u201c<br \/>\nDer Irrtum dieses Menschen besteht darin, dass er sich zwar denken kann, alle diese Handlungen frei ausf\u00fchren zu k\u00f6nnen, aber nicht vermag, sie wirklich zu wollen, da das zwingende Motiv, nach Hause zu gehen, zu gro\u00df ist und ihn zwangsl\u00e4ufig bestimmt.<br \/>\nSo stellt sich die Frage nach der moralischen Freiheit des Menschen neu.<br \/>\nDer Begriff der Freiheit ist hier nur zu denken in Abwesenheit aller zwingenden Motive.<br \/>\nF\u00fcr Schopenhauer ist Willensfreiheit als \u201edie freie nach keiner Seite beeinflusste Willensentscheidung\u201c nicht m\u00f6glich. W\u00fcnschen kann der Mensch Entgegengesetztes, aber Wollen nur eines davon: \u201eUnd welches dieses sei, offenbart dem Selbstbewusstsein allererst die Tat.\u201c<br \/>\nDie Welt als Wille<br \/>\nSo f\u00fchrt uns die Frage nach der Freiheit des Wollens zu derjenigen nach dem Ursprung des freien Willens selbst.<br \/>\nSchopenhauer sagt: \u201e\u2026 des Menschen Wille ist sein eigentliches Selbst, der wahre Kern seines Wesens, und so bedeutet die Frage letztlich, ob der Mensch auch ein anderer sein k\u00f6nnte als er selbst.\u201c<br \/>\nDer urspr\u00fcngliche, freie sch\u00f6pferische Wille ist f\u00fcr ihn ein \u201eDing an sich&#8220;, da er, wie Platons Ideen, in der ewigen intelligiblen (geistigen) Wirklichkeit wurzelt. Schopenhauer spricht von einer \u201eintelligiblen Welt\u201c im Gegensatz zur \u201eWelt der Erscheinungen&#8220;. Die letztere ist die \u00e4u\u00dfere Welt der Erfahrungen, die er als eine empirische Welt (Erfahrungswelt) bezeichnet. Die beiden Welten erinnern an Platons g\u00f6ttliche Ideenwelt, die einer Welt der Erscheinungen gegen\u00fcbersteht.<br \/>\nDem Selbstbewusstsein des Menschen liegen diese Fragen jedoch sehr fern; sie sind ihm nicht einmal zum \u201eVerst\u00e4ndnis zu bringen [\u2026 Denn] in ihm ist es dunkel wie in einem geschw\u00e4rzten Ofenrohr\u201c.<br \/>\n\u201eWie wird der Mensch sich seines eigenen Selbstes unmittelbar bewusst? [\u2026] durchaus als eines Wollenden\u201c, sagt Schopenhauer. Alle Leidenschaften, alles W\u00fcnschen und Begehren und Widerstreben sind Ausdruck seines Willens.<br \/>\nDer Mensch ist selbst Ausdruck des sch\u00f6pferischen Willens, er ist sich dessen jedoch nicht gewahr. Er vereint in sich alle Formen der Evolution, die objektivierte Eigenschaften des sch\u00f6pferischen Willens sind:<br \/>\nDer Wille manifestiert seine in ihm selbst liegenden Ideen eines anorganischen und organischen Lebens: Pflanze, Tier und Mensch, und letzteren in doppelter Weise, einerseits als innere und andererseits als \u00e4u\u00dfere Welt des Menschen.<br \/>\nDer Wille z\u00fcndet sich eine Laterne an.<br \/>\nAls letzte Stufe entwickelt der Wille das menschliche Erkenntnisverm\u00f6gen des Verstandes, mit dessen Hilfe der Mensch seine Au\u00dfenwelt hell und klar erkennen soll.<br \/>\nDer Wille arbeitet demnach von innen nach au\u00dfen wie ein Baum, der nach und nach seine \u00c4ste, Zweige und Bl\u00e4tter und zuletzt seine Fr\u00fcchte entfaltet. Der Mensch wird sich dessen jedoch erst bewusst, wenn er auf eine Au\u00dfenwelt st\u00f6\u00dft. Er nimmt sie zu allererst wahr in seinem eigenen Leib als eine manifestierte Gestalt des in ihm wirkenden Willens.<br \/>\nDie Welt als Vorstellung<br \/>\nDie innere menschliche Welt findet demzufolge ihren Ausdruck in einer \u00e4u\u00dferen Welt.<br \/>\nUm uns diese Aussage anschaulich bewusst zu machen, erinnern wir uns an den Seinszustand eines Kleinkindes, das noch ganz geborgen und unbewusst in Harmonie zwischen innerer und \u00e4u\u00dferer Welt lebt. Wenn es sich zum Beispiel an einen Tisch st\u00f6\u00dft und dabei weh tut, so streichelt es gerne tr\u00f6stend den Tisch; es erlebt den Tisch und sich selbst als eine Einheit.<br \/>\nWenn in dem Kind sp\u00e4ter das Ich-Bewusstsein erwacht, wird aus der Einheit eine Zweiheit: die innere und die \u00e4u\u00dfere Welt. Der Keim des sich zuk\u00fcnftig entwickelnden Verstandesverm\u00f6gens ist gelegt.<br \/>\nHier geht es nicht mehr um den Willen im unmittelbaren Selbstbewusstsein, sondern um den Willen, wie der Mensch ihn in den Erscheinungen der Au\u00dfenwelt wahrnimmt. Schopenhauer spricht vom \u201eBewusstsein anderer Dinge&#8220;, und er f\u00fcgt hinzu, dass dieses den weitaus gr\u00f6\u00dferen Teil des menschlichen Bewusstseins ausmacht.<br \/>\n\u201eDie anderen Dinge&#8220; werden mittels des menschlichen Erkenntnisverm\u00f6gens als die mit einem Willen begabten Wesen betrachtet, welche als objektive und \u00e4u\u00dfere Erscheinungen, \u201eals Gegenst\u00e4nde der Erfahrungen zu untersuchen sind\u201c.<br \/>\nDas Verstandesverm\u00f6gen ist dabei an seine inneren Formen gebunden. Es erkennt die Erscheinungen durch seine immanenten Kategorien von Raum und Zeit und mittels des Gesetzes der Kausalit\u00e4t. Dieses ist \u201edie allgemeine und grundwesentliche Form des Verstandes, da sogar allein durch dessen Vermittlung die Vorstellung in der Anschauung der realen Au\u00dfenwelt zu Stande kommt&#8220;.<br \/>\nDas kausale Gesetz von Ursache und Wirkung besagt, dass wir unsere Wahrnehmungen als Wirkungen auffassen und notwendigerweise augenblicklich zu ihren Ursachen \u00fcbergehen, die wir uns nunmehr als Erscheinungen im Raum und in der Zeit vorstellen.<br \/>\nDer Verstand als Eigenschaft des individualisierten Willens verselbst\u00e4ndigt sich allerdings im Laufe seiner Entwicklung und spiegelt unsere Vorstellung der Welt verzerrt wider.<br \/>\nEr entwickelt sich von einem Diener des urspr\u00fcnglichen Willens zu einer eigenwillig wirkenden Kraft, die alle wahrnehmbaren Erscheinungen in ihre verstandlichen Strukturen von Zeit\/Raum und Kausalit\u00e4t einf\u00fcgt.<br \/>\nSo wie eine angesto\u00dfene Kugel auf dem Billardtisch in Bewegung geraten muss, so wird der Mensch von da an auf \u00e4u\u00dfere Motive reagieren m\u00fcssen.<br \/>\nEine Willensfreiheit w\u00e4re \u201eein unerkl\u00e4rliches Wunder\u201c, sagt Schopenhauer, \u201en\u00e4mlich eine Wirkung ohne Ursache [\u2026], dabei steht der Verstand still, er hat keine Form, so etwas zu denken\u201c. Alles Geschehen geschieht mit Notwendigkeit, und: \u201eNotwendig ist, was aus einem gegebenen, zureichenden Grunde folgt [\u2026], denn alle Gr\u00fcnde sind zwingend.&#8220;<br \/>\nSchopenhauer sagt, dieser zureichende Grund liege im Charakter des Menschen.<br \/>\n\u201eDie Notwendigkeit, mit der die Motive wie alle anderen Ursachen wirken, ist keine voraussetzungslose [\u2026], es ist der angeborene individuelle Charakter, [&#8230;] so ist jede Tat eines Menschen das notwendige Produkt seines Charakters und des eingetretenen Motivs.&#8220; Unsere Taten sind schon in uns angelegt, bevor wir sie ausf\u00fchren.<br \/>\nAlles, was geschieht, geschieht nach dieser Sicht mit Notwendigkeit, und \u201edurch das, was wir tun, erfahren wir blo\u00df, wer wir sind\u201c.<br \/>\nGibt es demzufolge keinerlei Freiheit des menschlichen Willens? Nein, in der Welt der Erscheinungen ist sie dem Menschen nicht gegeben. Der Mensch hat jedoch auch Anteil an einer geistigen, intelligiblen Welt: Der in ihm wirkende freie Sch\u00f6pfungswille wurzelt in diesem transzendenten Sein.<br \/>\nDer Schnittpunkt dieser beiden Seinsebenen ist des Menschen Gewissen, das ihn f\u00fcr seine Taten verantwortlich macht. In ihm begegnen sich die zwei Welten: der Mensch als Erscheinung der Natur und der Mensch als ein freies geistiges Willenswesen. \u201eDiese Freiheit aber ist eine transzendentale, das hei\u00dft, nicht in der Erscheinung hervortretende, sondern [\u2026] au\u00dfer aller Zeit, als das innere Wesen des sch\u00f6pferischen Willens im Menschen [\u2026] zu denken.\u201c<br \/>\nSchopenhauer sagt: \u201eDie Freiheit ist also durch meine Darstellung nicht aufgehoben, sondern blo\u00df hinausger\u00fcckt [\u2026] in eine h\u00f6here, aber unserer Erkenntnis nicht so leicht zug\u00e4nglichen Region: das hei\u00dft, sie ist transzendental.\u201c<br \/>\nDer Mensch kann nach ihm durch Einsicht sein in der urspr\u00fcnglichen, intelligiblen Welt wurzelndes freies Willenswesen erkennen; es wird dann hell und klar in ihm werden. Es ist eine Art Wiedergeburt, in der \u201ealso gleichsam ein neuer Mensch an Stelle des alten tritt\u201c. Dann (Schopenhauer beruft sich nun auf Kant) wird der Mensch das Verm\u00f6gen besitzen, eine Reihe von kausalen Begebenheiten in der Erscheinungswelt von selbst und frei zu verursachen.<br \/>\nDies ist der eigentliche positive Begriff von Willensfreiheit.<br \/>\n&nbsp;<br \/>\n&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<p>\nLITERATURNACHWEIS:<br \/>\nArthur Schopenhauer, \u00dcber die Freiheit des menschlichen Willens, Diogenes 1977<br \/>\n&nbsp;<br \/>\nWeitere Lekt\u00fcre: Arthur Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung<\/p>\n","protected":false},"author":920,"featured_media":93092,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110088],"tags_english_":[],"class_list":["post-92699","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-science-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/92699","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/920"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/93092"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=92699"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=92699"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=92699"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=92699"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}