{"id":92689,"date":"2022-04-24T12:30:37","date_gmt":"2022-04-24T12:30:37","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/logon_article\/die-unertragliche-freiheit-christi\/"},"modified":"2022-04-24T12:30:37","modified_gmt":"2022-04-24T12:30:37","slug":"die-unertragliche-freiheit-christi","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/die-unertragliche-freiheit-christi\/","title":{"rendered":"Die unertr\u00e4gliche Freiheit Christi"},"content":{"rendered":"<p>Fjodor Michailowitsch Dostojewskij (1821-1881) hat in seinen Roman Die Br\u00fcder Karamasov die Geschichte \u00fcber den Gro\u00dfinquisitor eingeflochten, die beindruckende Gedanken \u00fcber die Freiheit des Menschen enth\u00e4lt.<br \/>\n&nbsp;<br \/>\nVielleicht gibt es ein inneres Bed\u00fcrfnis nach Freiheit, etwas, das den Menschen auf einen Lebensweg f\u00fchrt, der ihn wirklich befreit. Doch haben wir eine Vorstellung davon, wie diese Freiheit beschaffen sein kann? Es mag eine Vorstellung oder vielleicht sogar eine Vision geben, doch die scheint immer nur eine Sehnsucht zu sein, die hinter dem Horizont liegt. Als Sehnsuchtsort hat sie etwas Unerreichbares. Diese Freiheit hat etwas mit dem Horizont gemeinsam. Der Horizont ist ein Sehnsuchtsort, an dem Himmel und Erde aufeinandertreffen, eine Linie, hinter der vielleicht die Freiheit beginnt. Wenn ich mich auf ihn zu bewege, dann flieht er vor mir. Kehre ich ihm den R\u00fccken zu und entferne mich, dann folgt er mir. Mit der Freiheit scheint es \u00e4hnlich zu sein.<br \/>\n&nbsp;<br \/>\n<strong>Die Furcht vor der Freiheit<\/strong><br \/>\n&nbsp;<br \/>\nDas Wissen um die Unerreichbarkeit des Horizonts weckt bei vielen Menschen das Verlangen nach einer Oase. Einem Garten, der sehr erreichbar ist und zum Verweilen einl\u00e4dt. Dieser Garten hat seine Grenzen und es gibt dort Menschen, die wachsam darauf achten, dass die Bewohner der Oase nicht \u00fcber die Grenze streben.&nbsp; Es gab Zeiten, da nannte man diese Menschen, die die Oase vor der gro\u00dfen Freiheit besch\u00fctzen, Inquisitoren. Sie sind die unumschr\u00e4nkten Herrscher einer Welt, die nichts mehr f\u00fcrchtet als die gro\u00dfe Freiheit, die diese Oase zerst\u00f6rt. Ihre schwere Aufgabe besteht darin, den Menschen, die diese Freiheit nicht erreichen k\u00f6nnen, einen Ort zum Verweilen zu geben, der ihrer ganzen Anbetungsbereitschaft und Schutzbed\u00fcrftigkeit Rechnung tr\u00e4gt. Die Inquisitoren sind die Priesterkaste, die bereit ist, die ganze Anbetung der Menschheit im Namen Gottes entgegenzunehmen, solange Gott selbst dem ganzen Geschehen, ihrer ganzen Arbeit fern bleibt. Sie sind bereit, das ganze Leid einer materiellen Existenz auf sich zu nehmen, solange die Menschen ihnen gehorchen.<br \/>\n&nbsp;<br \/>\nDabei ist das innere Ewigkeitswesen jedes Menschen der St\u00f6renfried, der die Frage nach der gro\u00dfen Freiheit immer wieder stellt. Es ist jener Gegenspieler, der die Machtstrukturen der Inquisitoren bedroht. Sie scharen die Menschen um sich, die gerne in der Oase verweilen, die Gott lieber in ihren Priestern anbeten, die gehorsam sind und jubeln, wenn die Scheiterhaufen brennen, auf denen diejenigen sterben, die ihre kleine Freiheit in Gefahr bringen k\u00f6nnten, da sie mit ihren brennenden Herzen ihre \u201eWelt aus den Angeln heben\u201c. Im Geheimen tr\u00e4umen alle von einer Liebe, die des irdischen Brotes nicht mehr bedarf. Diejenigen aber, die sich daf\u00fcr opfern und dem Traum wirklich folgen, sind wenige. Sie leben mit einem brennenden Herzen, still, die Menschheit liebend und zeigen ihr: \u201eDer Mensch lebt nicht von Brot allein\u201c.<br \/>\n&nbsp;<br \/>\nSie ziehen mit einem brennenden Herzen \u201ein die W\u00fcste\u201c, ihrem Herrn folgend, der einst in der W\u00fcste alles Irdische \u00fcberwand und so seine urspr\u00fcngliche, von Gott verb\u00fcrgte Freiheit wiedergewann. Sie ziehen viele mit sich, die, fasziniert von der W\u00fcste, ihrer Sehnsucht nach der gro\u00dfen Freiheit folgen, aber sofort den Zorn auf ihre F\u00fchrer richten, wenn das Brot knapp wird. Schnell kehren sie in die Oase zur\u00fcck, um lieber denen zu folgen, die f\u00fcr sie Steine in Brot verwandeln.<br \/>\n&nbsp;<br \/>\n<strong>Das Opfer des Inquisitors<\/strong><br \/>\n&nbsp;<br \/>\nDer Inquisitor indes kennt beide. Er kennt die Menschen mit dem brennenden Herzen, die immer wieder kommen, um die von ihnen geliebte Menschheit in ihrer kleinen Welt aufzuschrecken und zu ermutigen, ihrer Sehnsucht nach der gr\u00f6\u00dferen Freiheit zu folgen. Er f\u00fchlt sich aber f\u00fcr jene Menschen verantwortlich, die den brennenden Herzen nicht folgen k\u00f6nnen. Der Inquisitor ist die Br\u00fccke, die den einen in seiner kleinen Freiheit sch\u00fctzt und den anderen gefangen nimmt, der den Weg in die W\u00fcste ebnet. Der Inquisitor wird damit zum Symbol f\u00fcr eine gebrochene Realit\u00e4t, in der sich die \u201egro\u00dfe\u201c und die \u201ekleine Freiheit\u201c immer wieder durchdringen. Manchmal begegnet der Inquisitor dem brennenden Herzen im dunklen Verlies und sucht den Austausch.<br \/>\n&nbsp;<br \/>\nDostojewskij beschreibt in seiner Erz\u00e4hlung Der Gro\u00dfinquisitor einen Dialog zwischen Inquisitor und Christus, der in der Stille des dunklen Verlieses zum Monolog wird[1]:<\/p>\n<p>Ich bin gekommen, um mit dir zu reden, um dir einige Fragen zu stellen. Warum bist du gekommen, uns zu st\u00f6ren? Du wei\u00dft genau, dass wir deiner nicht bed\u00fcrfen. Du gibst den Menschen die Aussicht auf eine Freiheit, die sie gar nicht wollen. Mit jedem Scheiterhaufen, jedem Krieg, jeder Strafe kann ich dir beweisen, dass sie lieber mir folgen und das Feuer f\u00fcr deinen Scheiterhaufen sch\u00fcren, als dir zu folgen. Immer wieder haben Menschen, die dir und deiner Freiheit gefolgt sind, in der Todesstunde erkannt, dass sie gescheitert waren. Du gabst ihnen die Freiheit, als du sagtest: \u201eDer Mensch lebt nicht vom Brot allein.\u201c Aber ist ihre Freiheit wirklich gr\u00f6\u00dfer, wenn sie als Eremit ohne Brot irgendwo in der W\u00fcste sitzen, so lange, bis sie ihre Qualen nicht mehr sp\u00fcren? Wir geben ihnen in deinem Namen lieber das Brot, denn dadurch k\u00f6nnen sie ihre Unfreiheit vergessen. Vielleicht werden sie es in ihrer Todesstunde bereuen, wenn sie bemerken, dass unser Brot sie nicht ern\u00e4hrt. Doch dann geh\u00f6ren sie f\u00fcr dieses Mal uns und wir werden sie in deinem Namen beruhigen und fortf\u00fchren. F\u00fcr deine Freiheit wird es dann zu sp\u00e4t sein. Aber du siehst doch, dass sie lieber uns folgen, als an deiner Freiheit zu scheitern. Aber sei unbesorgt, wir werden f\u00fcr sie sorgen, sie beruhigen und ihnen geben, was du ihnen schon damals in der W\u00fcste verweigert hast. Wir werden sie an den Punkt zur\u00fcckf\u00fchren, an dem wir sie wieder mit unserem Brot s\u00e4ttigen k\u00f6nnen. Du wolltest ihre Freiheit, aber sie werden sich der Freiheit beugen, die wir ihnen gew\u00e4hren, denn wir haben die Brote.<br \/>\n&nbsp;<br \/>\nWas ist das denn f\u00fcr eine Freiheit, die du ihnen bringen willst? Bist du frei? Wir sind doch alle Gedanken Gottes. Jeder Gedanke beinhaltet eine Struktur, ist der Beginn einer Geschichte, die ihre Unfreiheiten doch schon in sich tr\u00e4gt, was unterscheidet deine Freiheit also von unserer? Unsere Freiheit ist vielleicht eine andere, sie bietet den Menschen die s\u00fc\u00dfe Zerstreuung, nicht nachdenken zu m\u00fcssen und wir schenken ihnen daf\u00fcr lieber das Wunder.<br \/>\n&nbsp;<br \/>\n<strong>Wunder sind notwendig<\/strong><br \/>\n&nbsp;<br \/>\nUm die Wunder zeigen zu k\u00f6nnen, brauchen wir dich. Durch das Wunder bringen wir sie dazu, dich anzubeten, und wir werden dann an deiner Stelle stehen und ihre Gebete entgegennehmen, denn sie werden uns lieben, weil wir die Brote haben. Sie brauchen das Wunder, um glauben zu k\u00f6nnen, ohne ihre kleine Existenz in Frage zu stellen. Die Wunder geben ihnen die M\u00f6glichkeit, uns an deiner Stelle anzubeten. Hast du nicht auch versucht, ihre Aufmerksamkeit und ihre Anbetung durch Wunder zu erreichen? Was wolltest du von ihnen, als du damals in Kanaan Wasser in Wein verwandeltest? Sollte dieses erste Wunder dir nicht auch Autorit\u00e4t und Aufmerksamkeit verschaffen? Du wolltest, dass die Menschen in vollkommener Freiheit an dich glauben und mit dir gehen, und das hast du damals nicht geschafft. Du hast sie \u00fcberfordert und sie haben dich daf\u00fcr gekreuzigt, weil sie deine Wunder nicht verstanden.<br \/>\n&nbsp;<br \/>\nSie verstanden nicht, dass du damit ein Tor zur Freiheit \u00f6ffnen w\u00fcrdest, einer Freiheit, die f\u00fcr die meisten doch unerreichbar bleibt. Der Qual, die dieses Tor zur Freiheit erzeugt, kann man nicht entfliehen. Denn du hast es durch deine Kreuzigung, die du zugelassen hast, in jedem Herzen ge\u00f6ffnet. Nun mussten wir die Kluft schlie\u00dfen, die du dadurch geschaffen hast. Den Brand, den du im Menschen ausgel\u00f6st hast, haben wir f\u00fcr sie \u00fcbernommen. Immer wieder waren Kriege und Scheiterhaufen notwendig, um deine Freiheit zu begrenzen. Denn nach der langen Geschichte, die wir mit diesem Tor zur Freiheit haben, wissen wir, dass du zu viel von den Menschen verlangt hast. Wir nun haben diesen Fl\u00e4chenbrand in kleine, beherrschbare Feuer zerteilt. Warum kommst du also zur\u00fcck, um diese Arbeit zu st\u00f6ren? Wir brauchen dich nicht, wir kommen hier gut ohne dich zurecht. Und Wunder zu tun, haben wir inzwischen auf unsere Weise gelernt. Der Mensch braucht die Freiheit gar nicht, aus der ein echtes Wunder geschieht. Wir m\u00fcssen die Wunder nur gut inszenieren, damit gen\u00fcgend Menschen davon \u00fcberzeugt sind, und schon glauben sie daran, ohne den schweren Weg gehen zu m\u00fcssen, den du von ihnen verlangst. Deine Freiheit mag am Ende die gr\u00f6\u00dfere sein, aber wer m\u00f6chte sie haben, wenn sie so unerreichbar erscheint?<br \/>\n&nbsp;<br \/>\nUnser Geheimnis vor den Menschen ist, dass wir dich kennen. Wir wissen, dass du wirklich da warst und dass wir immer wieder mit dir rechnen m\u00fcssen. Wir sind dein Schlagschatten, dunkler als die schw\u00e4rzeste Nacht, aber wir geh\u00f6ren zu dir bis zur letzten Stunde. Damals, als du zum ersten Mal kamst, hast du ein strahlendes Licht auf der Erde hinterlassen. Du wurdest zur Gei\u00dfel f\u00fcr die Menschheit, und wir lindern diese Gei\u00dfel.<br \/>\n&nbsp;<br \/>\n<strong>Das Geheimnis<\/strong><br \/>\n&nbsp;<br \/>\nDein gro\u00dfes Geheimnis ist dein Licht. Das sollten die Menschen aus sich selbst heraus erringen. Als dein gro\u00dfer Widersacher dich damals in der W\u00fcste fragte, ob du etwas f\u00fcr die kleine Freiheit tun k\u00f6nntest, f\u00fcr all diejenigen, die die gro\u00dfe Freiheit nicht erlangen konnten, hast du das verneint. Du wolltest ihnen das innere Geheimnis nicht im Au\u00dfen zeigen, da du der Auffassung warst, dass du Gott versuchst, wenn du von den Zinnen springst, um den Menschen deine Freiheit zu demonstrieren. So versagtest du dir auch die letzte M\u00f6glichkeit, den Menschen ein erreichbares Ziel zu geben. Die Menschen sollten nicht das Licht in dir bewundern, sondern das Licht in sich selbst entdecken. Ich wei\u00df nicht, ob dir damals schon bewusst war, dass du damit immer nur eine Leitfigur f\u00fcr wenige bist und uns die Sorge um den Rest \u00fcberl\u00e4sst. Lass uns also in Ruhe arbeiten und st\u00f6re uns nicht.<br \/>\n&nbsp;<br \/>\nIch k\u00f6nnte auch jetzt dich morgen auf dem Scheiterhaufen brennen lassen, und die Menge w\u00fcrde sich freuen, da damit die Unfreiheit verschwindet, die sie in deiner Gegenwart versp\u00fcren und die sie nur durch Anbetung lindern k\u00f6nnen. Aber mit jedem Scheiterhaufen haben wir dein Licht nur vergr\u00f6\u00dfert, haben wir nur mehr Menschen auf dein Licht aufmerksam gemacht. Wir k\u00f6nnten dir in dieser Weise helfen, doch w\u00fcrde das nur unsere Qualen verst\u00e4rken.<br \/>\n&nbsp;<br \/>\nIch wei\u00df, dass du f\u00fcr mich keine Antworten hast, die ich nicht schon kennen w\u00fcrde. Also schweigst du, und was bleibt, ist die brennende Liebe in deinen Augen. Ich werde dich also nicht verbrennen, denn schon die Kreuzigung hat dir mehr genutzt als uns. So werde ich also gleich die T\u00fcr deiner Zelle \u00f6ffnen. Und ich bitte dich, gehe und kehre nie wieder. Auch wenn du die h\u00f6chste Freiheit des Menschen bist, du hilfst uns nicht weiter, also gehe.<br \/>\n&nbsp;<br \/>\nDer Christus trat hinaus in die stille Nacht und wanderte durch die einsamen Stra\u00dfen, nicht wissend, wie viele Herzen er in den stillen Kammern der ruhenden Menschen entz\u00fcndete.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Dostojewskij, <em>Der Gro\u00dfinquisitor<\/em>: <a href=\"https:\/\/www.gutenberg.org\/files\/38336\/38336-h\/38336-h.htm\">https:\/\/www.gutenberg.org\/files\/38336\/38336-h\/38336-h.htm<\/a><\/p>\n<p>1 Wiedergabe in Anlehnung an die Novelle von Dostojewski<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"author":920,"featured_media":56378,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110062],"tags_english_":[],"class_list":["post-92689","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-art-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/92689","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/920"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/56378"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=92689"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=92689"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=92689"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=92689"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}