{"id":92684,"date":"2022-04-21T10:50:04","date_gmt":"2022-04-21T10:50:04","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/logon_article\/entscheidung-fur-die-feiheit\/"},"modified":"2025-06-02T17:41:14","modified_gmt":"2025-06-02T17:41:14","slug":"entscheidung-fur-die-feiheit","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/entscheidung-fur-die-feiheit\/","title":{"rendered":"Entscheidung f\u00fcr die Feiheit"},"content":{"rendered":"<p>https:\/\/open.spotify.com\/episode\/35rIZfG5Ln7nwvviBzuWGW?si=KclKXMhXQBy2_QhwdPQLlg<\/p>\n<p>\u201e&#8230; und das h\u00e4tte man kaum noch zu glauben gewagt \u2013 dass n\u00e4mlich in Auschwitz jeder f\u00fcr sich selbst entscheiden konnte, ob er gut oder b\u00f6se sein wollte. Und diese Entscheidung hing keineswegs davon ab, ob man Jude, Pole oder Deutscher war; und sie hing noch nicht einmal davon ab, ob man der SS angeh\u00f6rte.&#8220;<a title=\"\" href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p>\n<p>Diese Aussage von Hannah Arendt hat mich tief ber\u00fchrt. Ist es nicht \u00fcblich, den SS-Offizier im Konzentrationslager automatisch zu den B\u00f6sen zu z\u00e4hlen?<\/p>\n<p>Und ein Jude, der unschuldig in der Gaskammer stirbt, ist er nicht zwangsl\u00e4ufig einer der Guten?<\/p>\n<p>Und wie kommt man dazu, einen so freien Willen zu haben, der sich inmitten des B\u00f6sen f\u00fcr das Gute entscheiden kann?<\/p>\n<p>Mit meinem eigenen Willen habe ich in den allermeisten F\u00e4llen die Erfahrung gemacht, dass er von vielen \u00e4u\u00dferen und inneren Faktoren abh\u00e4ngt, die mich zwingen, auf eine bestimmte Weise zu wollen. Veranlagung, Erziehung, Konditionierung, gesellschaftliche und soziale Zw\u00e4nge \u2013 ja manchmal so banale Dinge wie das Wetter, ein Buch, die Verdauung, ein vorher gef\u00fchrtes Telefonat k\u00f6nnen meinen Willen entscheidend beeinflussen.<\/p>\n<p>Wie oft habe ich getan, was ich nicht wollte? Wie oft habe ich das, was ich mir ganz fest vorgenommen habe, im entscheidenden Moment ganz anders gemacht, manchmal sogar das genaue Gegenteil davon? Ich befinde mich damit in bester Gesellschaft mit Paulus, der in R\u00f6mer 7,19-24 klagt:<\/p>\n<p>Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das B\u00f6se, das ich nicht will, das tue ich. Wenn ich aber tue, was ich nicht will, vollbringe nicht mehr ich es, sondern die S\u00fcnde, die in mir wohnt. So finde ich nun das Gesetz, dass mir, der ich das Gute tun will, das B\u00f6se anh\u00e4ngt. Denn ich habe Lust an Gottes Gesetz nach dem inwendigen Menschen. Ich sehe aber ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, das widerstreitet dem Gesetz in meinem Gem\u00fct und h\u00e4lt mich gefangen im Gesetz der S\u00fcnde, das in meinen Gliedern ist. Ich elender Mensch!<a title=\"\" href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a><\/p>\n<p>Paulus unterscheidet also zwischen dem \u00e4u\u00dferen, materiellen Menschen, der dem Gesetz der \u201eS\u00fcnde\u201c, der Absonderung von Gott unterworfen ist und dem inneren, geistigen Menschen, der nach dem ewigen, geistigen Gesetz lebt.<\/p>\n<p>In dieser Zweifachheit liegt sowohl ein Fluch als auch ein Segen. Ein Fluch, weil wir der stofflichen Natur nach Gefangene im Gesetz von Ursache und Wirkung sind, woraus wir uns aus eigener Kraft nicht befreien k\u00f6nnen. Gleichzeitig haben wir durch den inwendigen, geistigen Menschen die M\u00f6glichkeit, an einer v\u00f6llig anderen, absolut freien und unverg\u00e4nglichen Natur Anteil zu haben.<\/p>\n<p>In einem jeden Menschen schl\u00e4ft ein solcher innerer, geistiger Mensch oder ist bereits schon am Erwachen. Je mehr Bewusstsein dieses Wesen erringt, umso freier und klarer k\u00f6nnen wir unsere Wahl treffen. Und so haben wir in jedem Moment die Freiheit, uns f\u00fcr eine der beiden Naturen und ihre Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten zu entscheiden.<\/p>\n<p>Kehren wir an diesem Punkt noch einmal zur\u00fcck nach Auschwitz in die letzten Kriegsjahre. Wir begegnen dort dem H\u00e4ftling Viktor Frankl, einem \u00f6sterreichischen, j\u00fcdischen Psychologen, der seine Beobachtungen \u00fcber die menschliche Natur nach dem Krieg in dem B\u00fcchlein Trotzdem Ja zum Leben sagen ver\u00f6ffentlicht hat. Ich finde es sehr beeindruckend, dass ausgerechnet an einem Ort der absoluten \u00e4u\u00dferen Gefangenschaft und Unfreiheit das Wesen der menschlichen Freiheit so deutlich zum Ausdruck kommen konnte.<\/p>\n<p>Viktor Frankl schreibt dar\u00fcber:<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Bek\u00fcmmerung der meisten der Frage galt: Werden wir das Lager \u00fcberleben? Denn wenn nicht, dann hat dieses Leiden keinen Sinn \u2013 lautete demgegen\u00fcber die Frage, die mich bedr\u00e4ngte, anders: Hat dieses ganze Leiden, dieses Sterben rund um uns, einen Sinn? Denn wenn nicht, dann h\u00e4tte es letztendlich auch gar keinen Sinn, das Lager zu \u00fcberleben. Denn ein Leben, dessen Sinn damit steht und f\u00e4llt, dass man mit ihm davonkommt oder nicht, dessen Sinn von Gnaden eines solchen Zufalls abh\u00e4ngt, solch ein Leben w\u00e4re nicht eigentlich wert, \u00fcberhaupt gelebt zu werden.<a title=\"\" href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a><\/p>\n<p>Was also macht den Sinn eines Lebens aus?<\/p>\n<p>Viktor Frankl sagt dazu, dass es eigentlich nie und nimmer darauf ankommt, was wir vom Leben noch zu erwarten haben, vielmehr lediglich darauf, was das Leben von uns erwartet.<a title=\"\" href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a><\/p>\n<p>Im Gegensatz zum Tier, das nur triebgesteuert reagiert, hat der Mensch immer die Freiheit, seine innere Haltung zu den Dingen bewusst zu hinterfragen und zu ver\u00e4ndern. Diese Eigenschaft hebt ihn \u00fcber das Tier hinaus und kein Mensch kann ihm diese Freiheit wegnehmen.<\/p>\n<p>Sie entsteht aus der Existenz jenes inneren, geistigen, ewigen Menschen, von dem wir vorhin gesprochen haben.<\/p>\n<p>Viktor Frankl betrachtete das Leiden im KZ als eine einzigartige M\u00f6glichkeit, um \u00fcber sich hinauszuwachsen. Jeder H\u00e4ftling hatte dort die Wahl, vor seinem Leiden zu kapitulieren und unterzugehen oder es in W\u00fcrde zu ertragen, um dar\u00fcber zu triumphieren und so den gr\u00f6\u00dftm\u00f6glichen Gewinn daraus zu ziehen.<\/p>\n<p>C.G. Jung hat einmal gesagt, dass die gr\u00f6\u00dften und bedeutendsten Probleme des Lebens alle grunds\u00e4tzlich unl\u00f6sbar sind. Man kann nur \u00fcber sie hinauswachsen. Man muss sich mit seinen \u00c4ngsten konfrontieren, um sie zu \u00fcberwinden.<\/p>\n<p>So hat Viktor Frankl auf eindringliche Weise sich selbst und seinen Leidensgenossen bewiesen, dass wir nicht nur Opfer unserer Umst\u00e4nde zu sein brauchen, sondern dass in jeder Lebenssituation eine Chance liegt, uns immer wieder aufs Neue f\u00fcr das Leben und unsere Freiheit zu entscheiden, f\u00fcr die Freiheit, das zu lernen, was jede Krise uns an Entwicklungsm\u00f6glichkeiten bietet.<\/p>\n<p>Sein B\u00fcchlein schenkte mir die Erkenntnis: Es ist nicht entscheidend, was mir im \u00c4u\u00dferen geschieht. Ich habe es auch nicht in der Hand. Aber wie ich mich zu den Dingen stelle, wie ich mit der Situation umgehe, das kann ich jeweils frei entscheiden. Und liegt nicht in der schwierigsten Aufgabe die gr\u00f6\u00dfte Chance, etwas zu \u00fcberwinden, das mich bisher behindert hat?<\/p>\n<p>Lassen wir noch einmal Viktor Frankl sprechen:<\/p>\n<p>Was also ist der Mensch? Er ist das Wesen, das immer entscheidet, was es ist. Er ist das Wesen, das die Gaskammern erfunden hat; aber zugleich ist er auch das Wesen, das in die Gaskammern gegangen ist: aufrecht und ein Gebet auf den Lippen.<a id=\"5_fnre\" name=\"5_fnre\"><\/a>[5]<!--[endif]--><\/p>\n<hr \/>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Elisabeth Young-Bruehl, <em>Hannah Arendt, Leben, Werk und Zeit<\/em>, erweiterte Ausgabe, e-book 2016 Philosophy<\/p>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Viktor Frankl, <em>Trotzdem Ja zum Leben sagen<\/em>, 12. edition, M\u00fcnchen 2009, p. 104<\/p>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Op. Cit. p. 117<\/p>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Op. cit. p. 131<\/p>\n<p><!-- [if !supportFootnotes]-->[5]<!--[endif]-->\u00a0 \u00a0Viktor Frankl, a.a.O., S. 131<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"author":920,"featured_media":56331,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110114],"tags_english_":[],"class_list":["post-92684","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-zeitgeist-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/92684","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/920"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/56331"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=92684"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=92684"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=92684"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=92684"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}