{"id":92680,"date":"2022-04-20T07:53:56","date_gmt":"2022-04-20T07:53:56","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/logon_article\/was-musik-uber-freiheit-erzahlt\/"},"modified":"2022-04-20T07:53:56","modified_gmt":"2022-04-20T07:53:56","slug":"was-musik-uber-freiheit-erzahlt","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/was-musik-uber-freiheit-erzahlt\/","title":{"rendered":"Was Musik \u00fcber Freiheit erz\u00e4hlt"},"content":{"rendered":"<p><strong>Um 1700<\/strong><\/p>\n<p>In der Barockzeit stand die Kunst der Improvisation in hohem Ansehen. Aber konnte man wirklich spielen, was man wollte? Man war ja doch angewiesen auf ein Vokabular von Formeln in Melodik, Figuration, Harmonie-Verbindungen und Satztypen, die keiner selbst erfunden hatte, sondern die jeder vorfand in der Musiksprache seiner Zeit. Darin zeigt sich schon, wie stark die individuellen Ausdrucksm\u00f6glichkeiten bestimmt sind von dem, was die Vorg\u00e4nger und Zeitgenossen an Bausteinen zur Verf\u00fcgung stellen. Allerdings gab es gen\u00fcgend Freiraum zur individuellen Umformung der Formeln, der Konventionen, zu eigenwilligen Kombinationen und zu \u00fcberraschenden Wendungen. Wichtig war vor allem ein sinnvoller harmonischer Ablauf \u2013 und dahinter verbirgt sich eben auch das \u00dcberindividuelle der musikalischen Sprache.<\/p>\n<p>Wir wissen nicht, wie damals die Improvisationen geklungen haben, k\u00f6nnen uns aber dennoch ein ungef\u00e4hres Bild machen, weil in der komponierten Musik immer auch gleichsam improvisatorisch freie Partien auftraten \u2013 man sprach damals vom <em>Stylus phantasticus<\/em>, dessen wichtigste Vertreter Dietrich Buxtehude und Nikolaus Bruhns waren. Oft sah das so aus, dass improvisatorisch freie Partien, in denen sich Laufwerk, Figuration, gesangliche und akkordische Abschnitte teilweise \u00fcberraschend abwechselten, verbunden waren mit Fugen, die nat\u00fcrlich st\u00e4rker strukturiert waren.<\/p>\n<p>Interessant ist, dass sich Johann Sebastian Bach im Laufe seiner Entwicklung davon abgewandt hat und Pr\u00e4ludium und Fuge als zwei abgeschlossene S\u00e4tze behandelt und dabei das Pr\u00e4ludium sehr viel st\u00e4rker strukturiert hat, durch pr\u00e4gnante, individuelle Motive, die dem St\u00fcck ein ganz pers\u00f6nliches Gesicht geben. Hat Bach von der Freiheit des <em>Stylus phantasticus<\/em> nichts gehalten? Er k\u00f6nnte den Eindruck gehabt haben, die Formeln h\u00e4tten sich abgenutzt, w\u00fcrden sich nur noch wiederholen, und b\u00f6ten zu wenig Raum f\u00fcr eine individuelle Gestaltung. Bach hat die Pr\u00e4ludien zu \u201eCharakterst\u00fccken\u201c gemacht \u2013 mehr Individualit\u00e4t durch st\u00e4rkere Strukturierung. Das bedeutet nun nicht, dass Bach g\u00e4nzlich auf Konventionen verzichtet h\u00e4tte. Aber die Arbeit des Komponierens erlaubt eben doch eine ganz andere Intensit\u00e4t der individuellen \u00dcberformung und Abwandlung der Formeln als das spontane Improvisieren.<\/p>\n<p>Die Komponisten jener Zeit bewegten sich in einem Raum unterschiedlicher Grade der Strukturiertheit. H\u00e4ndel gab den Interpreten in seinen Arien und Orgelkonzerten mehr Raum f\u00fcr Improvisation als Bach, der die Verzierungen auskomponierte. Auch haben die k\u00fchnsten Werke des <em>Stylus phantasticus<\/em> ihre Frische dann nicht verloren, wenn die Konventionen genug individuell \u00fcberformt und originell kombiniert waren. Die Musik k\u00f6nnte einem Pendel gleich schwingen zwischen einem h\u00f6heren Ma\u00df an Freiheit (dabei st\u00e4rker angewiesen auf Konventionen) und einem scheinbar geringeren (aber st\u00e4rker strukturiert mit der Chance individueller Gestaltung).<\/p>\n<p><strong>Philosophisches Intermezzo<\/strong><\/p>\n<p>Wie verstehen wir \u201edas Subjekt\u201c der Freiheit \u2013 den Menschen, der frei sein m\u00f6chte? F\u00fcr das Verst\u00e4ndnis dessen, was Subjekt ist, f\u00fcr die \u201eSubjekt-Konstitution\u201c, gibt es drei Modelle:<\/p>\n<p>Auf der einen Seite gibt es die extreme Auffassung, das Ich solle sich nur als Teil eines Kollektivs sehen und in diesem aufgehen. Da w\u00fcrden weder Individualit\u00e4t noch Freiheit eine Rolle spielen.<\/p>\n<p>Der entgegengesetzte Pol ist die Auffassung des Individuums als in sich abgeschlossene Einheit, sich abgrenzend und sich getrennt f\u00fchlend vom Anderen. Diese Haltung verleitet dazu, Freiheit egoistisch zu denken, ohne R\u00fccksicht nehmen zu m\u00fcssen auf die Wirkung des eigenen Handelns auf andere Menschen und im Extremfall den Anderen nur als Konkurrenten oder als Werkzeug eigener Interessen zu sehen.<\/p>\n<p>Dazwischen gibt es noch die Position einer \u201eIndividualit\u00e4t in Verbundenheit\u201c, die darum wei\u00df, wie viel jeder in seiner Entwicklung anderen Menschen verdankt (\u201eDer Mensch wird am Du zum Ich\u201c, sagt Martin Buber) und in welchem Ma\u00dfe das eigene Handeln Auswirkungen auf Andere hat. Hier ist Freiheit immer mit Verantwortungsbewusstsein verbunden.<\/p>\n<p>Wenn wir an die Situation um 1700 denken, wird klar: Wer nur Formeln und Konventionen aneinander reiht ohne jede pers\u00f6nlich Abwandlung, wird eine ziemlich gesichtslose und unpers\u00f6nliche Musik hervorbringen. Wer andererseits glaubt, auf Konventionen v\u00f6llig verzichten zu k\u00f6nnen, wer die T\u00f6ne nur als isolierte akustische Daten ohne Bezug auf andere T\u00f6ne benutzt, wird sich bestenfalls einer merkw\u00fcrdig abstrakten Freiheit erfreuen, aber die Musik d\u00fcrfte leblos, leer und unverst\u00e4ndlich werden. Das zu denken und umzusetzen blieb dem 20. Jahrhundert vorbehalten.<\/p>\n<p>Die dritte Position d\u00fcrfte die k\u00fcnstlerisch produktivste sein: die Konventionen zu kennen und zu nutzen, sie aber pers\u00f6nlich umzuformen, sch\u00f6pferisch verwandelnd mit den Formeln umzugehen. Dabei ist eine gro\u00dfe Bandbreite denkbar, je nach Schwerpunkt. Bachs \u201eChromatische Fantasie\u201c entfaltet sich erstaunlich frei, wie improvisiert, harmonisch k\u00fchn, und die Fuge ist streng strukturiert, aber in beiden S\u00e4tzen sind Konventionen im Hintergrund sp\u00fcrbar, nat\u00fcrlich in sehr pers\u00f6nlicher Umgestaltung.<\/p>\n<p>Aber nichts wirkt willk\u00fcrlich. Das Geheimnis guter Musik scheint eine aktiv-passive Hingabe an das zu sein, was die jeweilige Situation suggeriert, in Komposition und Improvisation, vergleichbar dem chinesischen Begriff des \u201eHandelns ohne Handeln\u201c. Die chinesische Pianistin Xiao-Mei Zhu schrieb zu Bachs <em>Goldberg-Variationen<\/em>: \u201eEs wundert mich, dass ich wesentliche Elemente der chinesischen Kultur in ihnen wiedererkenne; als w\u00e4re Bach die Reinkarnation eines chinesischen Weisen.\u201c<\/p>\n<p>Der Westen tat sich immer schwer damit, dieses \u201eZwischen\u201c zwischen Aktivit\u00e4t und Passivit\u00e4t zu denken, zwischen Freiheit im Sinne von Willk\u00fcr und Unfreiheit im Sinne von Zwang. Aber in der Kunst finden wir es verwirklicht \u2013 weder als Wille noch als Zufall, sondern im Einswerden mit dem Fluss der Musik: darin erf\u00fcllt sich die Freiheit.<\/p>\n<p><strong>Nach 1950<\/strong><\/p>\n<p>Gy\u00f6rgy Ligeti hat 1991 im R\u00fcckblick auf die Diskussionen der Jahrzehnte vorher geschrieben: \u201eUnterwerfe ich mich v\u00f6llig den Konventionen, ist mein Produkt wertlos. Stehe ich au\u00dferhalb jeglicher Konvention, ist es sinnlos. Die Erneuerung der K\u00fcnste bestand jeweils aus einer graduellen Modifikation des schon Existierenden.\u201c<\/p>\n<p>Bedeutet \u201eFreiheit\u201c oder \u201eBefreiung\u201c die Herausl\u00f6sung aus allen Beziehungen, wie viele damals dachten? Der Reichtum der abendl\u00e4ndischen Musik verdankt sich einem dichten Netz von Beziehungen: T\u00f6ne werden lebendig durch Beziehung auf einen Grundton, eine Skala, einen Zusammenklang, rhythmisch durch Bezug auf ein Metrum oder einen Takt als Folie f\u00fcr das konkrete rhythmische Geschehen.<\/p>\n<p>Erst als nach 1950 die T\u00f6ne aus allen Beziehungen gel\u00f6st wurden, als man sie nur noch als einzelne, durch ihre physikalischen Eigenschaften bestimmte akustische Ph\u00e4nomene bestimmte, l\u00f6ste sich das Netz der Beziehungen auf. Man unterwarf die T\u00f6ne einem starren, ihnen von au\u00dfen auferlegten Konstruktionsprinzip, einer Weiterentwicklung der 12-Ton-Technik, dessen wichtigste Vertreter Pierre Boulez und Karlheinz Stockhausen waren. Die isolierten T\u00f6ne waren nun Teil eines Systems, das h\u00f6rend nicht nachvollziehbar war, weil die T\u00f6ne in dieser \u201eseriellen Musik\u201c kein eigenes Leben mehr entfalten konnten. Bald schon begannen sogar die Komponisten, sich durch dieses System in ihrer Freiheit eingeschr\u00e4nkt zu f\u00fchlen, weil ihr Entscheidungsspielraum extrem eng geworden war.<\/p>\n<p>Da erscholl der Ruf nach Freiheit \u2013 er kam von dem Amerikaner John Cage, der die T\u00f6ne von der Herrschaft der Komponisten befreien wollte, was angesichts des seriellen Systems nachvollziehbar war. Aber auch er denkt die T\u00f6ne von allen Relationen befreit und ersetzt den konstruktiven Zugriff durch Zufalls-Operationen. Das klangliche Ergebnis war \u2013 f\u00fcr die Konstruktivisten erschreckend \u2013 von der seriellen Musik gar nicht so verschieden.<\/p>\n<p>Hier l\u00e4sst sich die Parallele erkennen zum Bild des Menschen, der sich aus allen Beziehungen gel\u00f6st hat, sich vom Anderen als getrennt erlebt. Martin Buber hat gezeigt, dass das Ich solcher Menschen innerlich leer bleibt, weil Individualit\u00e4t durch Beziehungen reich wird.<\/p>\n<p>Freiheit bedeutet ja auch: M\u00f6glichkeit zum Selbstausdruck, sich selber zur Geltung zu bringen, als wirksam erleben k\u00f6nnen, in der Meinungsfreiheit, in der F\u00e4higkeit, seinen Lebensweg selbst zu gestalten. Die Musik zeigt, dass man daf\u00fcr die Anderen braucht: ohne eine gemeinsame musikalische Sprache, ohne ein gewisses Ma\u00df an Konventionen geht es nicht, weil es sonst kein Gegen\u00fcber mehr gibt, das den Selbstausdruck wahrnehmen und auf ihn antworten k\u00f6nnte. Wenn man andererseits nur Konventionen von sich gibt, hat man sich selbst noch nicht gefunden.<\/p>\n<p>Nach der konstruktivistischen Phase wollten die Komponisten den Interpreten mehr Freiheit geben, denn in der seriellen Musik gab es f\u00fcr sie praktisch keinen Gestaltungsspielraum. Sie sollten nun gleichsam mitkomponieren d\u00fcrfen. Das konnte so aussehen, dass der Komponist eine gr\u00f6\u00dfere Zahl kleiner Abschnitte vorlegte, \u00fcber deren Reihenfolge der Interpret selbst entscheiden konnte. Aber beeinflussen die nun m\u00f6glichen verschiedenen Versionen wirklich das H\u00f6rerlebnis? Selbst wenn man mehrere vergleichen k\u00f6nnte \u2013 die Unterschiede blieben belanglos. Und ob diese Wahlm\u00f6glichkeiten dem Interpreten so etwas wie Selbstausdruck erm\u00f6glichen, bleibt mehr als fraglich. Ligeti schrieb: \u201eDie Komponisten sind schlau genug, den Interpreten blo\u00df eine Scheinfreiheit zu gew\u00e4hren.\u201c<\/p>\n<p>Etwas anders liegt das Problem bei Kompositionen, die durch grafische Notation oder nur durch verbale Anweisungen die T\u00f6ne und Rhythmen gar nicht festlegen. Da haben die Interpreten in der Tat mehr Freiheit, bleiben aber angewiesen auf den Vorrat an Formeln, die dieser \u201epostserielle\u201c Musikstil bereit stellt und die kaum individuelle \u00dcberformung zulassen, was den M\u00f6glichkeiten eines Selbstausdrucks enge Grenzen setzt.<\/p>\n<p>Wille und Zufall, starre Konstruktion und Beliebigkeit sind nicht die Alternativen. Weder eine den T\u00f6nen von au\u00dfen auferlegte Konstruktion, noch die willk\u00fcrlich-zuf\u00e4lligen Entscheidungen haben in der Kunst etwas zu suchen. Ihren Geheimnissen nahe kommt nur der, der sich in der Tugend des \u201eHandelns ohne Handeln\u201c ge\u00fcbt hat. Auch wenn man es in Europa nicht so nannte: man wusste darum. Der Komponist Ermanno Wolf-Ferrari schrieb, das Hirn m\u00fcsse \u201edurchsichtig und ungef\u00e4rbt im Augenblick des Schaffens sein. Den gleichen Zustand des Herzens nennen die Inder: ein leeres Herz haben. Das bedeutet: dass nur ein leeres Herz (leer von Teilinteressen) sich ganz einem Augenblick hingeben kann und ihn damit zu einem <em>h\u00f6chsten<\/em> zu schaffen vermag!\u201c<\/p>\n<p>Die westliche Kultur hat sich selbst gef\u00e4hrdet einerseits durch die Verherrlichung des dominanten, beherrschenden \u201eIch will\u201c \u2013 in den K\u00fcnsten als Geniekult \u2013 und dann andererseits durch das entgegengesetzte Extrem des Verzichts auf Subjektivit\u00e4t (man sprach vom \u201eSubjektverlust\u201c und vom \u201eTod des Autors\u201c).<\/p>\n<p>Das Ich in Verbundenheit zu denken und jenes \u201eZwischen\u201c zwischen Aktivit\u00e4t und Passivit\u00e4t neu zu entdecken, wird es der Freiheit erm\u00f6glichen, in der Kunst wieder ihren angemessenen Platz zu finden.<\/p>\n<p>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"author":920,"featured_media":56313,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110062],"tags_english_":[],"class_list":["post-92680","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-art-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/92680","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/920"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/56313"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=92680"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=92680"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=92680"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=92680"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}