{"id":92664,"date":"2022-04-14T14:48:07","date_gmt":"2022-04-14T14:48:07","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/logon_article\/der-glanz-des-goldes\/"},"modified":"2022-04-14T14:48:07","modified_gmt":"2022-04-14T14:48:07","slug":"der-glanz-des-goldes","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/der-glanz-des-goldes\/","title":{"rendered":"Der Glanz des Goldes"},"content":{"rendered":"<p>Nach einer Studie im Auftrag der Reisebank AG vom Fr\u00fchjahr 2021 besitzen fast 29 Millionen Erwachsene in Deutschland Gold in Form von M\u00fcnzen oder Barren und zwar im Durchschnitt 75 Gramm<sup>1<\/sup>. Dieser Trend habe in den Pandemiemonaten noch einmal zus\u00e4tzlichen Schub bekommen, insbesondere auch in der \u201eGeneration Z\u201c, also den Geburtsjahrg\u00e4ngen um die Jahrtausendwende.<\/p>\n<p>Der r\u00f6mische Dichter Vergil spricht in seiner <em>Aeneis<\/em> von <em>\u201aauri sacra fames<\/em>\u2018.<sup> <\/sup>Man kann das \u00fcbersetzen mit \u201aHeiliger Hunger nach Gold\u2018, aber auch mit \u201aVerfluchter Hunger nach Gold\u2018. Was hat es denn auf sich mit dieser zwiesp\u00e4ltigen Faszination, die das Geld, insbesondere in seiner Verk\u00f6rperung als Gold, auf viele Menschen aus\u00fcbt?<\/p>\n<p><strong>Das Geld und der Zauber der Allmacht <\/strong><\/p>\n<p>Die \u00d6konomen schreiben dem Geld im Wirtschaftsleben meistens die drei Funktionen als Tauschmittel, als Wertspeicher und als Wertma\u00dfstab zu. W\u00e4hrend alle Waren mit der Zeit verderben, bleibt Geld auch nach langer Aufbewahrung noch frisch und gew\u00e4hrleistet unver\u00e4ndert den Zugriff auf die G\u00fcterwelt. Es destilliert aus der un\u00fcbersehbaren Vielfalt der Waren deren abstraktes Gemeinsames heraus. Dieser `Wertkern\u2018 kann festgehalten, angesammelt, aber auch wieder in n\u00fctzliche G\u00fcter umgesetzt werden. Dadurch verschafft der Besitz von Geld die Option, sich jede beliebige konkrete Ware zu einem frei w\u00e4hlbaren Zeitpunkt anzueignen.<\/p>\n<p>Geld verleiht die Macht, W\u00fcnsche zu erf\u00fcllen. Alle materiellen, aber auch weit dar\u00fcber hinaus. Sogar die Chance auf viele der unk\u00e4uflichen Dinge des Lebens erh\u00f6ht sich f\u00fcr den, der Geld besitzt. Der Volksmund wei\u00df das, wenn er sagt: Geld macht vielleicht nicht gl\u00fccklich, aber man kann davon doch wenigstens eine Yacht kaufen, um ins Gl\u00fcck zu segeln.<\/p>\n<p>Menschen kommen im Gegensatz zu den meisten Tieren als physiologische Fr\u00fchgeburten zur Welt. Sie sind noch etliche Jahre nach der Geburt auf ein st\u00fctzendes Ambiente angewiesen. Sie erfahren, manche mehr, andere weniger, manche fr\u00fcher, andere sp\u00e4ter, den Schmerz des Mangels, der unzureichenden Antwort der Umwelt auf ihre Bed\u00fcrfnisse. Aufgespartes Geld lockt psychologisch mit dem Versprechen, vor der Wiederholung solcher Erfahrungen k\u00fcnftig bewahrt zu bleiben. Es bietet die Chance, um sich herum eine Art Schutzmauer gegen\u00fcber den materiellen Bedrohungen zu errichten, unter deren Herrschaft man leben muss.<\/p>\n<p>Tiefer noch greift der Hinweis auf die existenzielle Verletzlichkeit des Menschen. Wo immer er steht und geht, wie hell ihm seine Sterne im Augenblick leuchten m\u00f6gen, er hat doch die Verg\u00e4nglichkeit seiner kleinen Welt, ja seiner selbst im Nacken. \u201eIn der Welt habt ihr Angst\u201c, sagt Jesus in seinen Abschiedsreden (Joh. 16, 33). Im Strom des Lebens treibend, scheint dem Menschen mit dem Geld ein Rettungsring zugeworfen zu werden. Der Zauber der Allmacht, ein Hauch von Ewigkeit: \u201eDas Verm\u00f6gen des Reichen ist seine feste Stadt und wie eine hochragende Mauer \u2013 in seiner Einbildung.\u201c (Spr. 18, 11)<\/p>\n<p><strong>Gold in der Bibel<\/strong><\/p>\n<p>Die christliche Tradition benutzt Bilder von Geld und Gold aber keineswegs nur mit diesem warnenden Unterton.&nbsp;<\/p>\n<p>Gold taucht in der Bibel oft als Symbol von G\u00f6ttlichkeit und der Treue gegen\u00fcber dem zugeh\u00f6rigen inneren Sehnen auf, das weit \u00fcber irdischen Reichtum hinausgeht. Als Mose beispielsweise im Buch Exodus (25. Kapitel) die detaillierten Anweisungen zur Herstellung der Bundeslade erh\u00e4lt, welche dem erw\u00e4hlten Volk Gottes Gegenwart gew\u00e4hrleistet, spielt Gold als Material eine wichtige Rolle. Nicht anders verh\u00e4lt es sich rund 500 Jahre sp\u00e4ter, als unter Salomo in Jerusalem der erste j\u00fcdische Tempel erbaut wird (1. K\u00f6n. 6 u. 7). Nicht nur den Altar, die aus Holz gefertigten gefl\u00fcgelten Cherubime, sondern auch W\u00e4nde, Fu\u00dfb\u00f6den und T\u00fcrfl\u00fcgel l\u00e4sst Salomo gro\u00dfz\u00fcgig mit Gold \u00fcberziehen. Die Weisen aus dem Morgenland bringen, noch einmal fast 1000 Jahre sp\u00e4ter, neben Weihrauch und Myrrhe auch Gold nach Bethlehem, um Jesus zu huldigen (Mt. 2, 11). F\u00fcr das Ende der Zeiten schlie\u00dflich wird das aus dem Himmel herniedersinkende neue Jerusalem im 21. Kapitel der Offenbarung als eine Stadt beschrieben, die zu guten Teilen aus Gold besteht.<\/p>\n<p>Die Spannung zwischen diesem erleuchtenden Aspekt einerseits und der Blendkraft andererseits, die der Glanz des Goldes ausstrahlen kann, ist auch in einer Episode der Apostelgeschichte gegenw\u00e4rtig. Die Handlung spielt an einem Nachmittag in Jerusalem, nicht lange nach der Passion, der Auferstehung und dem ersten Pfingstfest, also in der Zeit, in der sich die christliche Urgemeinde zusammenfindet. An einem Eingangstor des Tempels, das traditionell als die \u201aSch\u00f6ne Pforte\u2018 bezeichnet wird, sitzt ein behinderter Mensch, der seit seiner Geburt gel\u00e4hmt ist und sich jeden Morgen dort hintragen l\u00e4sst, um zu betteln. Die beiden Apostel Petrus und Johannes wollen den Tempel zum Nachmittagsgebet aufsuchen. Der Gel\u00e4hmte bittet sie um ein Almosen. Petrus blickt ihn lange aufmerksam an und antwortet ihm: \u201eSilber habe ich nicht, und Gold habe ich nicht; doch was ich habe, das gebe ich dir: Im Namen von Jesus Christus aus Nazareth \u2013 steh auf und geh umher!\u201c (Apg. 3, 6). Im selben Augenblick kommt Kraft in die F\u00fc\u00dfe des Gel\u00e4hmten. Petrus reicht ihm die Hand und richtet ihn auf.&nbsp;<\/p>\n<p>Petrus gibt dem Gel\u00e4hmten, der an die Wichtigkeit des Geldes glaubt, also kein physisches Gold, das nur der Aufrechterhaltung von etwas Unvollkommenem dienen w\u00fcrde. Er hilft ihm nicht dabei, sich etwas komfortabler einzurichten und sich gegen die Widrigkeiten seines prek\u00e4ren Lebens etwas besser abzuschirmen. Er weist ihn aber in seinem Begehren auch nicht zur\u00fcck, denn was bleibt dem Gel\u00e4hmten anderes \u00fcbrig, als Verbesserung zu w\u00fcnschen? Petrus l\u00e4sst nur nicht zu, dass der Gel\u00e4hmte sich weiter mit dem Grund\u00fcbel seiner Existenz abfindet. Er stimuliert eine tiefere Sehnsucht und f\u00fchrt damit \u00fcber Gierreflexe und Bestehens\u00e4ngste hinaus. Er hilft dem Gel\u00e4hmten, sich auf das zu konzentrieren, was er tats\u00e4chlich will, statt auf das, von dem er glaubt, dass er es braucht.<\/p>\n<p><strong>\u201eDenn wo euer Schatz ist, da wird auch euer Herz sein.\u201c (Mt. 6, 21)<\/strong><\/p>\n<p>Mit dem Geld kann ein Mensch seine Reichweite bis an den Rand der Welt mit all ihren Angeboten ausdehnen. Genie\u00dft er diese irdischen Fr\u00fcchte, ohne sich an deren Verg\u00e4nglichkeit zu ketten, dann kann er durchaus gleichzeitig trotzdem seinem wahren Reichtum treu bleiben und in seiner F\u00fclle leben. Die Faszination von Geld und Gold kn\u00fcpft an der Intuition des Menschen f\u00fcr das an, was \u00fcber ihn hinausweist in die Sph\u00e4re des Vollkommenen, aber sie erreicht ihn im Zustand seines Mangels und seiner Abgetrenntheit. <a name=\"_Hlk72783966\">Die stimulierte Sehnsucht verirrt sich, <\/a>wenn sie sich der Sicherung dieses defizit\u00e4ren, gefallenen menschlichen Zustandes unterwirft.<\/p>\n<p>Andererseits kann aus der Erfahrung der eigenen Glanzlosigkeit im Vergleich zum goldenen Glanz der Transzendenz auch die unbedingte Motivation erwachsen, ihn im eigenen Leben aufschimmern zu lassen. Diese innere Ausrichtung wird sich dann nebenbei auch in dem Bestreben zeigen, den rechten Umgang mit dem irdischen Gold zu erlernen.<\/p>\n<p>Der franz\u00f6sische Philosoph Gilles Deleuze bezeichnete die menschliche Tendenz zum Streben aus der Begrenztheit des Gegenw\u00e4rtigen hinaus als den unausweichlichen \u201aWunsch zu w\u00fcnschen\u2019. Dem Glanz des Goldes, der Schatzsuche kann man sich nicht entziehen. Wohl aber ist zu entscheiden, ob sie sich auf irdische Sch\u00e4tze richtet oder auf \u201aSch\u00e4tze im Himmel\u2018 (Mt. 6, 20).&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><sup>1 <\/sup>Reisebank AG: Presseportal. URL [21.05.2021]: <a href=\"https:\/\/www.presseportal.de\/pm\/116526\/4904648\">https:\/\/www.presseportal.de\/pm\/116526\/4904648<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"author":920,"featured_media":56199,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110114],"tags_english_":[],"class_list":["post-92664","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-zeitgeist-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/92664","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/920"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/56199"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=92664"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=92664"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=92664"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=92664"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}