{"id":92568,"date":"2022-02-08T18:16:44","date_gmt":"2022-02-08T18:16:44","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/logon_article\/der-vierte-zustand-sinneswahrnehmung-und-erfahrung\/"},"modified":"2022-02-08T18:16:44","modified_gmt":"2022-02-08T18:16:44","slug":"der-vierte-zustand-sinneswahrnehmung-und-erfahrung","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/der-vierte-zustand-sinneswahrnehmung-und-erfahrung\/","title":{"rendered":"Der vierte Zustand. Sinneswahrnehmung und Erfahrung"},"content":{"rendered":"<p><iframe allow=\"autoplay; clipboard-write; encrypted-media; fullscreen; picture-in-picture\" allowfullscreen=\"\" frameborder=\"0\" height=\"232\" src=\"https:\/\/open.spotify.com\/embed\/episode\/5fTctZShbGKMAr2FaA8hXp?utm_source=generator\" style=\"border-radius:12px\" width=\"100%\"><\/iframe><\/p>\n<p>Die Frage, wie Sinneswahrnehmungen entstehen und welche Rolle sie bei unseren Erfahrungen und unserer Entwicklung spielen, hat schon viele besch\u00e4ftigt. Aristoteles etwa sieht die F\u00e4higkeit der sinnlichen Wahrnehmung als Unterscheidung zwischen Tieren und Pflanzen an.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\" title=\"\">[1]<\/a> Wenn ein Tier heranwachsen, leben und sich fortpflanzen soll, muss es in der Lage sein, sich in der Welt zurechtzufinden. Die F\u00e4higkeit der Wahrnehmung dient diesem Zweck. Entsprechend bilden sich bei den Lebewesen verschiedene Sinnesorgane aus, die die Wahrnehmungen erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p>Kant betont die sinnlichen Wahrnehmungen in ihrem Zusammenwirken mit dem Verstand.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\" title=\"\">[2]<\/a> In einer \u201ekritischen\u201c Reflexion beschreibt er einen Ansatz, um hieraus die \u201eBedingungen der M\u00f6glichkeit\u201c menschlicher Erfahrungen zu erfassen. Beide Ans\u00e4tze haben im Mittelalter und der Moderne zu einer F\u00fclle von \u00dcberlegungen gef\u00fchrt und viele Denker besch\u00e4ftigt.<\/p>\n<p>Eine zentrale Frage ist immer, wie unsere Wahrnehmungen zur Grundlage unserer Erfahrungen werden. Eine wichtige Frage ist hierbei auch das Ph\u00e4nomen der Wahrnehmungsillusion und der Halluzination. Wenn diese Arten von Irrtum m\u00f6glich sind, wie zuverl\u00e4ssig sind dann unsere direkten Wahrnehmungen der Welt?<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\" title=\"\">[3]<\/a><\/p>\n<h4>Wahrnehmung, Verstand, Intention<\/h4>\n<p>Unsere Wahrnehmungen beruhen zun\u00e4chst auf dem Wirken unserer Sinnesorgane. Mit ihrer Hilfe nehmen wir Anteil an der \u00e4u\u00dferen Welt. Beim Entstehen der Wahrnehmungsinhalte spielen neben den Sinnesorganen aber auch andere Faktoren eine wichtige Rolle.<\/p>\n<p>Man kann dies am Beispiel eines Spiels verdeutlichen. Auf einem Projektor werden verschiedene ber\u00fchmte Geb\u00e4ude gezeigt, etwa die Freiheitsstatue oder der Eiffelturm. Zun\u00e4chst ist der Projektor unscharf gestellt, man erkennt nur vage Farbimpressionen ohne klare Umrisse. Allm\u00e4hlich macht man das Bild dann sch\u00e4rfer. Derjenige oder diejenige, die das Geb\u00e4ude zuerst erkennt, hat gewonnen. An diesem Beispiel sieht man, wie der Verstand und die Erinnerung die Sinneseindr\u00fccke zu einem Ganzen zusammenf\u00fchren. Erst so entsteht ein Zusammenhang zwischen den Impressionen und man erkennt das Geb\u00e4ude. Kant nennt diesen Vorgang die \u201eSynthesis des Mannigfaltigen\u201c.<\/p>\n<p>Man kann davon ausgehen, dass dieser Prozess auch bei Tieren stattfindet. Auch f\u00fcr sie geht es ja um die Identifikation von anderen Objekten ihrer Umwelt. Der Vorgang ist beim Menschen durch die F\u00e4higkeit des begrifflichen Denkens und der Sprache allerdings noch differenzierter. Und auch bei der technischen Bilderkennung spielt der Prozess eine wichtige Rolle: die einzelnen Datenpunkte einer digitalen Kamera werden durch diverse technische Ans\u00e4tze so verarbeitet, dass Objekte erkannt werden, beispielsweise Buchstaben auf einem Brief oder Objekte im Stra\u00dfenverkehr.<\/p>\n<p>Aber es sind nicht nur Inhalte der Erinnerung und des Verstandes, die in unsere Sinneswahrnehmungen einflie\u00dfen und sie strukturieren. Sondern auch andere psychische Inhalte spielen hier eine entscheidende Rolle. Die Wahrnehmungen entstehen am Schnittpunkt der Sinne und des inneren Zustandes. Unsere W\u00fcnsche oder Bef\u00fcrchtungen nehmen entsprechend Einfluss auf das, was wir sehen. Im Alltag spricht man manchmal davon, dass man nur das sieht, was man sehen will. Oder f\u00fcr das man noch vor dem Wahrnehmungserlebnis sensibilisiert ist.<\/p>\n<p>Die spontanen Verbindungen und Interpretationen, die bei jedem Wahrnehmungsvorgang stattfinden, erfordern ein \u201eVorverst\u00e4ndnis\u201c, also eine von vornherein vorhandene Vorstellung, einen vorhandenen Begriff von etwas. Unsere Gef\u00fchlslagen und unsere Absichten oder Intentionen spielen hierbei eine zentrale Rolle. Das ist in vielen Zusammenh\u00e4ngen wichtig, um schnell reagieren zu k\u00f6nnen. Die Einordnung von Wahrnehmungen im Stra\u00dfenverkehr muss schnell erfolgen, und die entsprechenden Konditionierungen erm\u00f6glichen uns schnelle Entscheidungen.<\/p>\n<p>Aber es gibt neben diesem schnellen Denken auch \u201elangsames\u201c Denken.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\" title=\"\">[4]<\/a> Gerade wenn es darum geht, Dinge tiefer und anders wahrzunehmen, k\u00f6nnen uns die Konditionierungen behindern. Unvoreingenommenheit und Offenheit sind wichtige Voraussetzungen f\u00fcr neue Wahrnehmungen und Einsichten. Deshalb kann es wichtig sein, sich konstruktiven Provokationen zu \u00f6ffnen, sich der eigenen Sichtachsen bewusst zu werden, sie zu hinterfragen und loszulassen.<\/p>\n<h4>Der \u201evierte Zustand\u201c<\/h4>\n<p>Unsere Sinneswahrnehmungen sind Grundlage f\u00fcr unsere Erfahrungen in der \u00e4u\u00dferen Welt. Sie sind aber nur ein \u201eModus\u201c des menschlichen Bewusstseins. So werden beispielsweise in der <em>Mandukya Upanischad<\/em> vier Zust\u00e4nde beschrieben:<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\" title=\"\">[5]<\/a><\/p>\n<p><em>2 Brahman ist alles und das Selbst (Atman) ist Brahman. Das Selbst hat vier Bewusstseinszust\u00e4nde. Der erste wird Vaishvanara genannt, in dem man mit allen Sinnen nach au\u00dfen gerichtet lebt und sich nur der \u00e4u\u00dferen Welt bewusst ist. [\u2026] 4 Taijasa hei\u00dft der zweite, der Traumzustand, in dem man, mit nach innen gekehrten Sinnen, die Eindr\u00fccke vergangener Taten und gegenw\u00e4rtiger W\u00fcnsche verarbeitet. 5 Der dritte Zustand wird Prajna genannt, der tiefe Schlaf, in dem man weder tr\u00e4umt noch begehrt. In Prajna gibt es keinen Intellekt, gibt es kein Getrenntsein; aber der Schl\u00e4fer ist sich dessen nicht bewusst. Lass ihn in Prajna bewusst werden, und es wird ihm die T\u00fcr zum Zustand der anhaltenden Freude \u00f6ffnen. [\u2026] 7 Der vierte ist der \u00fcberbewusste Zustand, Turiya genannt, weder innerlich noch \u00e4u\u00dferlich, jenseits der Sinne und des Intellekts, in dem es keinen anderen gibt als den Herrn. Er ist das oberste Ziel des Lebens. Er ist unendlicher Frieden und Liebe. Erkenne ihn!<\/em><\/p>\n<p>Hier wird eine andere Perspektive eingenommen. Ausgangspunkt ist die Aussage, dass das Selbst und Brahman eins sind. Als Lebewesen sind wir Teil der Natur und \u00e4hnlich wie unsere Verwandten aus dem Tierreich mit Sinnesorganen ausgestattet, die sich \u00fcber lange Perioden entwickelt haben und die uns an der \u00e4u\u00dferen Welt teilnehmen lassen. Aber daneben \u2013 so die <em>Mandukya<\/em> \u2013 ist unser Kern eins mit der h\u00f6chsten Realit\u00e4t. In dieser Sicht ist es logisch, dass neben den Sinneswahrnehmungen, ihrer Strukturierung durch den Verstand und die Erinnerung, neben der Formung der Erfahrungen durch Intentionen und Bef\u00fcrchtungen, ein Zustand gesucht wird, in dem wir mit dem innersten Kern in Verbindung treten.<\/p>\n<p>Die Upanischad benennt neben dem Wachzustand zwei Formen des Schlafes. Die moderne Schlafforschung unterscheidet die sogenannten REM-Phasen (<em>REM = Rapid Eye Movement<\/em>) und NREM-Phasen (Nicht-REM-Phasen). Eine REM-Phase ist ein Schlafstadium, das durch schnelle Augenbewegungen, erh\u00f6hte Herzfrequenz, intensive Atmung und lebhaftes Tr\u00e4umen gekennzeichnet ist. Die Hirnaktivit\u00e4t (gemessen als EEG) \u00e4hnelt der des Wachzustandes.<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\" title=\"\">[6]<\/a> Es liegt nahe, diese Phase mit dem Traumzustand der <em>Mandukya<\/em> in Beziehung zu setzen und die NREM-Phasen des Tiefschlafs mit dem, was in der Upanischad \u201atraumloser Schlaf\u2018 genannt wird (obwohl hier nach heutigem Verst\u00e4ndnis auch Tr\u00e4ume stattfinden, die aber tats\u00e4chlich ganz anderer Natur sind als die der REM-Phasen).<\/p>\n<p>Im Verst\u00e4ndnis der Upanischad erleben wir im Zustand des Tiefschlafs zwar das Aufheben der Trennung, aber dies erfolgt, ohne dass sich der oder die Schlafende dessen bewusst wird. Im \u201evierten Zustand\u201c \u2013 <em>Turiya<\/em> \u2013 geht es aber gerade darum, in einem voll bewussten Zustand zu erwachen. Das wird als h\u00f6chstes Ziel des Lebens beschrieben, als das Erlangen eines reinen Bewusstseins.<\/p>\n<p>Dabei ist dieses reine Bewusstsein nicht getrennt von den anderen Zust\u00e4nden, also auch nicht von den Sinneswahrnehmungen. Vielmehr liegt der vierte Zustand den drei anderen Bewusstseinszust\u00e4nden zugrunde und durchdringt sie. Je mehr die \u201eT\u00fcr zur anhaltenden Freude\u201c ge\u00f6ffnet ist, desto mehr werden auch die anderen Zust\u00e4nde daran Anteil erhalten. Wer in <em>Turiya<\/em> erwacht, sieht auch die \u00e4u\u00dferen Dinge mit neuen Augen.<\/p>\n<h4>Ausblicke<\/h4>\n<p>Das Gesagte er\u00f6ffnet eine sehr weit reichende Perspektive. Eine solche Perspektive findet sich nicht nur in der indischen Tradition. Bei den Griechen k\u00f6nnte man beispielsweise \u00fcber die \u201eTraumfahrt\u201c des Parmenides sprechen <a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\" title=\"\">[7]<\/a> <sup>,<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\" title=\"\">[8]<\/a><\/sup>. In der westlichen Mystik finden sich \u00e4hnliche Gedanken beispielsweise bei Meister Eckhart <a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\" title=\"\">[9]<\/a>. Und es gibt sicher noch zahlreiche andere Hinweise in anderen Kulturen und Epochen.<\/p>\n<p>Das ist f\u00fcr sich interessant, aber noch unmittelbarer ist die Frage, ob und wie wir etwas davon erleben. Kennen wir jenes Stillwerden, jene <em>Hesychia<\/em> <a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\" title=\"\">[10]<\/a>, in der unsere Sinneswahrnehmungen zur Ruhe kommen, in der wir Erinnerungen, W\u00fcnsche und Bef\u00fcrchtungen loslassen k\u00f6nnen, in der wir einen Raum der Stille und Offenheit schaffen? In <em>Turiya<\/em> tauchen wir in eine Stille ein, die die Grundlage jeder echten Dynamik ist, in eine Tiefe, in der wir uns selbst finden. Von dieser Tiefe aus spricht die Upanischad schlie\u00dflich das dreifache <em>Shanti<\/em> (Frieden) aus, das die drei anderen Zust\u00e4nde durchdringt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\" title=\"\">[1]<\/a> <em>De Anima<\/em> ii 3; <em>De Sensu<\/em> 1<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\" title=\"\">[2]<\/a> Kant, Immanuel, <em>Critik der reinen Vernunft,<\/em> Riga 1781<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\" title=\"\">[3]<\/a> Crane, Tim; French, Craig, <em>The Problem of Perception,<\/em> in: Edward N. Zalta (Ed.), <em>The Stanford Encyclopedia of Philosophy;<\/em> Fall,<em> Metaphysics Research Lab<\/em>, Stanford University, 2021<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\" title=\"\">[4]<\/a> Kahneman, Daniel, <em>Thinking, fast and slow<\/em>, London 2012<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\" title=\"\">[5]<\/a> Easwaran, Eknath, <em>The Upanishads, <\/em>Nilgiri Press, S. 204<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\" title=\"\">[6]<\/a> Brockhaus, <em>Schlaf<\/em>. http:\/\/brockhaus.de\/ecs\/enzy\/article\/schlaf-20 (aufgerufen am 2022-02-05)<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\" title=\"\">[7]<\/a> Kingsley, Peter, <em>In the dark places of wisdom<\/em>, London 2001<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\" title=\"\">[8]<\/a> Kingsley, Peter, <em>Reality<\/em>, Point Reyes 2004<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\" title=\"\">[9]<\/a> Steiner, Rudolf (1901): Die Mystik im Aufgange des neu-zeitlichen Geisteslebens und ihr Verh\u00e4ltnis zur modernen Weltanschauung. 3. Auflage (2009): Rudolf Steiner Online-Archiv.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\" title=\"\">[10]<\/a> Personifikation der Ruhe in der griechischen Mythologie<\/p>\n","protected":false},"author":920,"featured_media":55588,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110088],"tags_english_":[],"class_list":["post-92568","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-science-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/92568","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/920"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/55588"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=92568"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=92568"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=92568"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=92568"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}