{"id":92526,"date":"2022-01-24T18:05:16","date_gmt":"2022-01-24T18:05:16","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/logon_article\/wahrnehmung-ist-absichtsvoll-teil-2\/"},"modified":"2022-01-24T18:05:16","modified_gmt":"2022-01-24T18:05:16","slug":"wahrnehmung-ist-absichtsvoll-teil-2","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/wahrnehmung-ist-absichtsvoll-teil-2\/","title":{"rendered":"Wahrnehmung ist absichtsvoll &#8211; Teil 2"},"content":{"rendered":"<p>(<a href=\"https:\/\/www.logon.media\/de\/wahrnehmung-ist-absichtsvoll-teil-1\">Zur\u00fcck zu Teil 1<\/a>)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Husserls Ph\u00e4nomenologie war erfolgreich, aber nicht so, wie er es sich gew\u00fcnscht h\u00e4tte. Durch seinen einstigen Sch\u00fcler und Freund Martin Heidegger brachte sie den Existenzialismus hervor, der im Weiteren durch Jean-Paul Sartre und Albert Camus die Nachkriegsgeneration pr\u00e4gte. Heidegger und Sartre lehnten jedoch Husserls zentrale Idee der Intentionalit\u00e4t ab, und ihre d\u00fcsteren, pessimistischen Ansichten unterscheiden sich von Husserls im Wesentlichen idealistischen Sichtweisen. Beide haben auf unterschiedliche Weise das aufgegeben, was Husserl in Anlehnung an Kant das \u201etranszendentale Ich&#8220; nannte. Was ist das?<\/p>\n<p><strong>Das transzendentale Ich<\/strong><\/p>\n<p>Es ist der \u201eAbsichtsvolle&#8220;, der \u201einnere Bogensch\u00fctze&#8220;, der die Pfeile der Wahrnehmung abschie\u00dft. Wir sind uns seiner in der Regel nicht bewusst, aber das Ergebnis seiner Lenkung ist die \u201eWelt&#8220;, die wir naiv als \u201egegeben&#8220; akzeptieren, wenn wir unsere Augen \u00f6ffnen. Husserl sagte, dass das wache Leben des bewussten Ichs ein Wahrnehmen ist, und was wir wahrnehmen, das Produkt der Intentionalit\u00e4t des transzendentalen Ichs ist. Wir nehmen die Welt an, ohne uns dabei des Beitrags unseres eigenen Bewusstseins bewusst zu sein. Das hei\u00dft, wir sind uns des wesentlich aktiven Charakters unserer Wahrnehmung nicht bewusst, sondern sind gefangen in dem, was Husserl den \u201enat\u00fcrlichen Standpunkt&#8220; nennt.<\/p>\n<p>Das hat nichts mit der Natur zu tun, sondern bedeutet lediglich unsere \u00fcbliche Art, die Welt passiv als \u201eda&#8220; zu betrachten und zu akzeptieren. F\u00fcr Husserl war die Ph\u00e4nomenologie ein Mittel, um sich der aktiven Arbeit des Bewusstseins, das die Welt \u201ebeabsichtigt&#8220;, bewusst zu werden und daran teilzunehmen. Er sprach dar\u00fcber fast mystisch, indem er sich auf die M\u00fctter aus Goethes Faust bezog und von \u201eden H\u00fcterinnen der Schl\u00fcssel des Seins&#8220; sprach. Das erinnert uns daran, dass auch Goethe eine Art Ph\u00e4nomenologie entwickelte, die er \u201eaktives Sehen&#8220; nannte, und dass er seine wissenschaftliche Arbeit \u00fcber die Pflanzenmorphologie, die Optik und Evolution auf Ergebnisse dieser Art von \u201edynamischer Wahrnehmung&#8220; st\u00fctzte.\u201d <a href=\"#_edn1\" name=\"_ednref1\" title=\"\">[i]<\/a><\/p>\n<p><strong>Ein optimistischer Existentialismus <\/strong><\/p>\n<p>Was Husserl damit meinte, zu den \u201eH\u00fctern der Schl\u00fcssel des Seins&#8220; zu gelangen, l\u00e4sst sich vielleicht anhand einer Bemerkung von Colin Wilson verstehen, der auf der Grundlage von Husserls Intentionalit\u00e4t einen \u201eoptimistischen&#8220; Existentialismus entwickelte. Wilson schrieb, dass \u201ees sowohl einen Willen zum Wahrnehmen gibt, als auch die Wahrnehmungen selbst&#8220;.<a href=\"#_edn2\" name=\"_ednref2\" title=\"\">[ii]<\/a> Er glaubte, dass mystische und \u201eErleuchtungs&#8220;-Erfahrungen viel mit der Art von Intentionalit\u00e4t zu tun haben, die Husserl erforschte, und dass unser eigenes Bewusstsein im Grunde viel mehr mit der Welt zu tun hat, die wir erleben, als wir verstehen. Ihm war klar, dass sich die Welt ver\u00e4ndert, wenn wir unsere Wahrnehmungen \u00e4ndern. Nicht viele in der akademischen Welt w\u00fcrden Husserl so weitgehend folgen, aber der Philosoph Paul Ricoeur dachte in dieselbe Richtung wie Wilson, wenn er sich auch abstrakter ausdr\u00fcckte.<\/p>\n<p>Ricoeur definiert Husserls \u201enat\u00fcrlichen Standpunkt&#8220; als \u201espontane \u00dcberzeugung, dass die Welt, die da ist, einfach gegeben ist&#8220;. Aber indem sich das Bewusstsein durch Husserls Zweifel korrigiert, \u201eentdeckt es, dass es selbst <em>gebend<\/em>, sinngebend ist&#8220;. Das Bewusstsein setzt dann das Sehen fort, aber \u201eohne in diesem Sehen aufzugehen, ohne sich darin zu verlieren&#8220;. Und das ist der zentrale Punkt: \u201eDas Sehen selbst wird als ein Tun, als ein Hervorbringen, ja, wie Husserl einmal sagt, als ein Erschaffen entdeckt.&#8220; Wir w\u00fcrden Husserl verstehen, erkl\u00e4rt Ricoeur, wenn \u201edie Intentionalit\u00e4t, die im Sehen gipfelt, als sch\u00f6pferische Vision erkannt w\u00fcrde\u201d.<a href=\"#_edn3\" name=\"_ednref3\" title=\"\">[iii]<\/a><\/p>\n<p>Ich wei\u00df nicht, welche Wirkung diese Bemerkung von Ricoeur in ph\u00e4nomenologischen Kreisen hatte, aber was er sagt, verdient Beachtung. Unsere Wahrnehmungsakte sind sch\u00f6pferische Akte. Die Welt, die wir sehen, ist nicht einfach da, sondern wird durch unsere Wahrnehmung ins Leben gerufen. Unser Gewahrsein ist ein Tun, kein Haben, und unsere Aufgabe ist es \u2013 wenn wir sie annehmen wollen \u2013, uns des T\u00e4ters bewusster zu werden, das hei\u00dft unseres eigenen transzendentalen Ichs, das mit der Absicht arbeitet, die Welt zu gestalten. Das begr\u00fcndet eine enorme Verantwortung f\u00fcr unser Bewusstsein, eine, die wir, wie ich meine, mit Entschiedenheit annehmen sollten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"#_ednref1\" name=\"_edn1\" title=\"\">[i]<\/a>&nbsp; Siehe auch Henri Bortoft: <em>The Wholeness of Nature: Goethe\u2019s Way of Science, <\/em>Edinburgh, UK: Floris Books 1996.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref2\" name=\"_edn2\" title=\"\">[ii]<\/a> &nbsp;&nbsp;Colin Wilson: <em>The Strength To Dream, <\/em>London: Sphere Books, 1979, S. 42.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref3\" name=\"_edn3\" title=\"\">[iii]<\/a>&nbsp; &nbsp;Paul Ricoeur, in <em>Husserl: An Analysis of His Phenomenology, <\/em>Evanston, Ill: North Western University Press, 2004.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"author":920,"featured_media":55279,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110088],"tags_english_":[],"class_list":["post-92526","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-science-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/92526","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/920"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/55279"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=92526"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=92526"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=92526"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=92526"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}