{"id":92522,"date":"2022-01-24T17:59:14","date_gmt":"2022-01-24T17:59:14","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/logon_article\/wahrnehmung-ist-absichtsvoll-teil-1\/"},"modified":"2022-01-24T17:59:14","modified_gmt":"2022-01-24T17:59:14","slug":"wahrnehmung-ist-absichtsvoll-teil-1","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/wahrnehmung-ist-absichtsvoll-teil-1\/","title":{"rendered":"Wahrnehmung ist absichtsvoll &#8211; Teil 1"},"content":{"rendered":"<p>Eine der wichtigsten Entdeckungen zum menschlichen Bewusstsein wurde zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts von dem deutschen Philosophen Edmund Husserl gemacht. Er war entsetzt \u00fcber den Zustand, in den die Philosophie geraten war; sie war gleichsam \u00fcberwuchert von Hegelschen Abstraktionen und au\u00dferdem dem Relativismus des \u201ePsychologismus&#8220; unterworfen, der behauptete, dass philosophische Fragen auf psychologische Fragen reduziert werden k\u00f6nnten. Husserl wollte mit allen Annahmen und Voraussetzungen aufr\u00e4umen, die sich um unsere innere und \u00e4u\u00dfere Wirklichkeitserfahrung angesammelt hatten, und neu beginnen. Sein Aufruf lautete: \u201eZu den Dingen selbst!&#8220; Was hat er damit gemeint?<\/p>\n<p>Im Wesentlichen ging es Husserl um eine R\u00fcckkehr zu den Ph\u00e4nomenen des Bewusstseins, zu den \u201eDingen&#8220;, derer wir uns bewusst sind, entweder in der Welt \u201edrau\u00dfen&#8220; \u2013 B\u00e4ume, Sterne, andere Menschen \u2013 oder in der Welt \u201edrinnen&#8220; \u2013 Gedanken, Bilder, Ideen \u2013, obwohl genau diese Unterscheidung zwischen \u201edrinnen&#8220; und \u201edrau\u00dfen&#8220; eine der Grundannahmen war, von denen Husserl sagte, wir m\u00fcssten sie \u201ein Klammern setzen&#8220;. Er ging daran, alles, was wir \u00fcber die Wirklichkeit, die Welt und unser Verh\u00e4ltnis zu ihr zu wissen glauben, vor\u00fcbergehend beiseite zu legen und zu versuchen, sie neu, wie zum ersten Mal, zu sehen \u2013 und dann zu beschreiben, was wir sahen.<\/p>\n<p><strong>Die Dinge \u201cfrisch und neu\u201d sehen <\/strong><\/p>\n<p>Husserl entwickelte eine philosophische Methode, mit der er versuchte, vertraute Dinge \u201eneu&#8220; zu sehen; er nannte sie Ph\u00e4nomenologie. Die Ph\u00e4nomenologie ist im Grunde eine Untersuchung der Ph\u00e4nomene, die sich dem Bewusstsein pr\u00e4sentieren, und zwar in der Art und Weise, wie sie sich pr\u00e4sentieren. Wenn wir also einen Kurs in Ph\u00e4nomenologie belegen w\u00fcrden, w\u00fcrde der Dozent auf ein Objekt zeigen und sagen: \u201eSagen Sie mir nicht, was das ist, sondern was Sie sehen.&#8220; Das hei\u00dft, unsere Aufgabe als Ph\u00e4nomenologe ist es nicht, etwas zu definieren \u2013 das hei\u00dft, zu sagen, was es ist \u2013, sondern es zu beschreiben. Die Dinge \u201efrisch&#8220; und \u201eneu&#8220; zu sehen, geh\u00f6rt zum Wesen der Poesie, und die meisten Dichter sind geborene Ph\u00e4nomenologen, auch wenn sie es vielleicht nicht wissen.<\/p>\n<p>Durch diese Methode erkannte Husserl etwas \u00e4u\u00dferst Wichtiges \u00fcber das Bewusstsein: es ist intentional, absichtsvoll. Was ist damit gemeint? Husserl wusste, dass ein fr\u00fcherer Philosoph, Franz Brentano, darauf hingewiesen hatte, dass Bewusstsein immer Bewusstsein <em>von<\/em> <em>etwas<\/em> ist. Bewusstsein ist das Erkennen eines \u201eEtwas&#8220; durch jemanden, oder, abstrakt ausgedr\u00fcckt, es ist das Erkennen eines Objekts durch ein Subjekt. Es gibt das Bewusstsein (also uns als&nbsp; den Menschen) und das, wessen wir uns bewusst sind (was immer wir betrachten oder woran wir denken). Ein Bewusstsein ohne Objekt w\u00e4re wie ein Spiegel, vor dem sich nichts befindet, also leer (idealerweise ein Spiegel in einem leeren Raum). Brentano ging also davon aus, dass es kein Bewusstsein \u201ean sich&#8220; gibt, ohne Inhalt \u2013 obwohl bestimmte \u00f6stliche Vorstellungen \u00fcber das Bewusstsein dies bestreiten. Aus seiner Perspektive w\u00fcrde ein \u201eBewusstsein von nichts\u201d bedeuten, unbewusst zu sein.<\/p>\n<p>Was Brentano als logische Notwendigkeit des Bewusstseins auffiel, weckte bei Husserl noch weitreichendere Einsichten. Er entdeckte, dass das Bewusstsein nicht nur immer Bewusstsein von <em>etwas<\/em> ist, sondern dass es <em>absichtsvoll<\/em> ist. Ein Spiegel reflektiert, was ihm vorgesetzt wird, und eine Reflexion ist immer eine Reflexion von <em>etwas<\/em>. Aber kein Spiegel beabsichtigt, etwas zu reflektieren, er tut es einfach. Husserl erkannte, dass das Bewusstsein, wenn man es nur wie einen Spiegel ans\u00e4he, in der Tat ein sehr merkw\u00fcrdiger Spiegel w\u00e4re, denn es ist dann ein Spiegel, der gleichsam nach Dingen greift, um sie zu reflektieren.<\/p>\n<p><strong>Das Bewusstsein greift nach der Welt<\/strong><\/p>\n<p>Mit anderen Worten, Husserl sah, dass f\u00fcr das Bewusstsein nicht nur ein Subjekt und ein Objekt Voraussetzung ist, sondern dass sich in dieser abstrakten Anordnung noch eine aktive Komponente befindet. Das Bewusstsein \u2013 das hei\u00dft unsere Wahrnehmungen, entweder der \u00e4u\u00dferen oder der inneren Welt \u2013 Ist intentional, absichtsvoll. Das bedeutet, dass es dahinter einen \u201eWillenstr\u00e4ger&#8220; geben muss, der das Objekt des Bewusstseins \u201ebeabsichtigt&#8220;. Das Bewusstsein ist nicht wie ein Spiegel, der passiv eine Welt reflektiert, die bereits da ist und darauf wartet, reflektiert zu werden. Es ist vielmehr wie ein Pfeil, der auf sein Ziel geschossen wird. Und wenn es ein Pfeil ist, dann muss es auch einen Sch\u00fctzen geben, der die entsprechende Absicht hat.<\/p>\n<p>Aber selbst die Pfeil-Metapher greift zu kurz, um den intentionalen Charakter unseres Bewusstseins und unserer Wahrnehmung der Welt zu beschreiben. Unser Bewusstsein gleicht eher einer Hand, die nach der Welt greift, als einem Pfeil, der auf ein Ziel gerichtet ist. Aber genauso wie ein Pfeil das Ziel treffen oder v\u00f6llig verfehlen kann, kann unser Erfassen der Welt stark, schwach oder \u00fcberhaupt nicht vorhanden sein.<\/p>\n<p>Dies war eine v\u00f6llig andere Art des Bewusstseinsverst\u00e4ndnisses als die, die in der westlichen Philosophie seit Jahrhunderten vorherrschend war. Wir k\u00f6nnen sagen, dass die passive Sichtweise des Bewusstseins von dem Philosophen Descartes begr\u00fcndet wurde, einige Jahrhunderte vor Husserl. In seinem Bem\u00fchen, zu einer grundlegenden Gewissheit zu gelangen, auf der er das Fundament des Wissens aufbauen konnte, unterzog Descartes alles, was er konnte, einem radikalen Zweifel. Das einzige, wor\u00fcber er sich nicht t\u00e4uschen lassen konnte, so Descartes, war seine eigene Existenz. \u00dcber alles andere konnte er get\u00e4uscht werden, aber nicht \u00fcber seine eigene Existenz, denn um get\u00e4uscht werden zu k\u00f6nnen, musste er existieren.<\/p>\n<p>Nachdem dies gekl\u00e4rt war, kam Descartes schlie\u00dflich zu dem Schluss, dass es zwei grundlegend verschiedene Arten von \u201eDingen&#8220; gibt, die er <em>res cogitans<\/em> und <em>res extensa <\/em>nannte, das hei\u00dft das Denken und die sinnliche Welt, das Innere und das \u00c4u\u00dfere. Er konnte nicht herausfinden, wie diese beiden Dinge zusammenwirken, und \u00fcberlie\u00df dies Gott, und wir haben dieses R\u00e4tsel als die \u201eTrennung von K\u00f6rper und Geist\u201d geerbt. Aber er glaubte, dass unser Bewusstsein die \u00e4u\u00dfere Welt reflektiert, wie ein Spiegel das reflektiert, was vor ihm liegt. Das hei\u00dft, die Anordnung zwischen Innen und Au\u00dfen ist passiv.<\/p>\n<p><strong>Ist das Bewusstsein ein \u201e<\/strong><strong>unbeschriebenes Blatt\u201d?<\/strong><\/p>\n<p>Die meisten Philosophen, die Descartes folgten, akzeptierten diese Auffassung und gingen sogar noch weiter, um den passiven Charakter des Bewusstseins zu betonen. Descartes griff allerdings auch noch auf den Begriff der \u201eangeborenen Ideen&#8220; zur\u00fcck, um ein Wissen zu erkl\u00e4ren, das dem Denken <em>inh\u00e4rent<\/em> zu sein schien, das hei\u00dft, nicht erlernt wurde. Der Philosoph John Locke lehnte den Begriff der angeborenen Ideen jedoch ab und behauptete, das Bewusstsein sei <em>tabula rasa<\/em>, ein \u201eunbeschriebenes Blatt&#8220;, so lange leer, bis etwas von au\u00dfen auf es einwirke. \u201eEs gibt nichts im Bewusstsein&#8220;, erkl\u00e4rte Locke, \u201ewas nicht zuerst in den Sinnen war&#8220;. In dieser Sichtweise des Bewusstseins ist unser Denkverm\u00f6gen also wie eine leere Wohnung, bis wir M\u00f6bel besorgen, um sie einzurichten.<\/p>\n<p>Aus der Sicht des \u201eunbeschriebenen Blattes&#8220; leitet sich \u00fcbrigens die Idee ab, dass \u201ealle Menschen gleich geschaffen sind&#8220;, auf der die moderne Demokratie aufbaut. Das hei\u00dft, dass es so etwas wie das \u201eg\u00f6ttliche Recht der K\u00f6nige&#8220;, wie man fr\u00fcher glaubte, nicht gibt.<\/p>\n<p>F\u00fcr Husserl war die Sache anders, &nbsp;obwohl auch er kein Interesse an dem g\u00f6ttlichen Recht der K\u00f6nige hatte. Seine Sicht des Bewusstseins unterschied sich von der, die zu seiner Zeit vorherrschte. Aber dennoch hat er einige illustre Weggef\u00e4hrten. Platon zum Beispiel glaubte, dass alles Wissen Erinnerung sei, und im Dialog <em>Meno<\/em> demonstriert Sokrates, wie ein ungebildeter Sklave dennoch die Grundlagen der Mathematik in sich tr\u00e4gt. Nicht lange nach Husserl f\u00fchrte der Psychologe C.G. Jung den Begriff der <em>Archetypen<\/em> ein f\u00fcr das, was er als eine Art ererbte psychische Schablone erkannte, die das Bewusstsein \u00fcber die rohe Erfahrung legt, um ihr damit Gestalt und Form zu geben. Es gibt noch weitere Beispiele, die deutlich machen, dass es im Westen eine Tradition gibt, die die \u201ewei\u00dfe Weste&#8220; des menschlichen Bewusstseins ablehnt und stattdessen argumentiert, dass wir zwar k\u00f6rperlich, aber nicht geistig nackt auf die Welt kommen. Das hei\u00dft, dass unsere inneren \u201eWohnungen\u201d bereits mit der Neigung und auch der Ausr\u00fcstung ausgestattet sind, die Welt zu \u201cumarmen\u201d.<\/p>\n<p>Warum ist das wichtig? In der Sichtweise des \u201eunbeschriebenen Blattes&#8220; sind wir passive Empf\u00e4nger von Reizen, die von au\u00dfen kommen. Ohne diese Reize w\u00e4ren wir tr\u00e4ge, so wie ein alter S\u00fc\u00dfigkeiten- oder Zigarettenautomat tr\u00e4ge ist, bis jemand eine M\u00fcnze in den Schlitz wirft und den Griff bet\u00e4tigt. Der S\u00fc\u00dfigkeiten- oder Zigarettenautomat wird niemals von sich aus seine Waren ausgeben, weil er \u201eLust&#8220; dazu hatte. W\u00fcrde er anfangen, seine Waren auszugeben, ohne dass eine M\u00fcnze eingeworfen wird, w\u00fcrden seine Besitzer dies bald bemerken und ihn abschalten. Nach der Ansicht der \u201ewei\u00dfen Weste&#8220; w\u00e4ren wir in etwa in der gleichen Situation, also absolut abh\u00e4ngig von \u00e4u\u00dferen Kr\u00e4ften, die uns motivieren. Wir \u00e4hneln dann Robotern oder jedenfalls einer Art Maschine. Was wir als \u201efreien Willen&#8220; erleben, ist in Wirklichkeit eine Illusion.<\/p>\n<p>Das ist f\u00fcr die Verhaltenspsychologie schon vor langer Zeit zu einer Ausgangsbasis geworden, als sie beschloss, nicht mehr zu versuchen zu verstehen, was in den K\u00f6pfen der Menschen vorgeht, sondern sich auf das zu konzentrieren, was sie tun, also auf ihr Verhalten. Das hei\u00dft, auf das, was man sehen und messen kann. Der Verhaltenspsychologie zufolge ist es nicht notwendig, ein \u201eBewusstsein&#8220; oder eine \u201einnere Welt&#8220; zu postulieren, um zu erkl\u00e4ren, wie wir handeln; au\u00dferdem, wer hat jemals ein Bewusstsein gesehen? Man m\u00fcsse nur wissen, welche Reize uns stimulieren, dann k\u00f6nne man jedes Verhalten vorhersagen. Das war etwas, was Werbetreibende und Politiker gern zur Kenntnis nahmen. Vor Jahren schlug der Verhaltenspsychologe B.F. Skinner vor, dass wir \u201eFreiheit und W\u00fcrde&#8220; vergessen und uns der Konditionierung unterwerfen sollten, um eine bessere Gesellschaft zu schaffen. Seine Absichten m\u00f6gen gut gemeint gewesen sein, aber wie viel \u201ebesser&#8220; k\u00f6nnte eine Gesellschaft ohne Freiheit und W\u00fcrde sein, die aus hirnlosen Individuen besteht, die alle <em>die<\/em> Konditionierung ausleben, der sie unterworfen wurden?<\/p>\n<p>(<a href=\"https:\/\/www.logon.media\/de\/wahrnehmung-ist-absichtsvoll-teil-2\">wird fortgesetzt in Teil 2<\/a>)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"author":920,"featured_media":55261,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110088],"tags_english_":[],"class_list":["post-92522","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-science-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/92522","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/920"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/55261"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=92522"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=92522"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=92522"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=92522"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}