{"id":92487,"date":"2022-01-14T17:40:34","date_gmt":"2022-01-14T17:40:34","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/logon_article\/der-unsichtbare-und-seine-namen\/"},"modified":"2022-01-14T17:40:34","modified_gmt":"2022-01-14T17:40:34","slug":"der-unsichtbare-und-seine-namen","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/der-unsichtbare-und-seine-namen\/","title":{"rendered":"Der Unsichtbare und Seine Namen"},"content":{"rendered":"<p><em>Der Islam ben\u00f6tigt keine bildlichen Gottesdarstellungen, um dem Menschen g\u00f6ttliche Eigenschaften widerzuspiegeln. Anstelle dessen kennt er <\/em>99 sch\u00f6nste Namen Gottes<em>.<\/em><a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\" title=\"\">[1]<\/a> <em>In diesen Attributen oder Eigenschaften Gottes entfaltet sich die g\u00f6ttliche Einheit und Verborgenheit, ohne den suchenden Menschen zu verleiten, die \u201eBilder\u201c f\u00fcr das Abgebildete zu halten. Die Namen vergegenw\u00e4rtigen aber nicht nur den verborgenen Sch\u00f6pfer, um Ihn den Gl\u00e4ubigen in Seiner Vollkommenheit und Machtf\u00fclle nahezubringen; sie sind auch Kr\u00e4fte, die Ihn im Menschen verwirklichen k\u00f6nnen. Wer diesen Weg geht, wird zum vollkommenen Menschen, zum ins\u00e2n al k\u00e2m\u00eel.<\/em><\/p>\n<p>Vor Beginn der Sch\u00f6pfung waren alle Seelen bei Gott, und Er fragte: \u201eBin Ich nicht euer Herr?\u201c Die Seelen best\u00e4tigten es. <a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\" title=\"\">[2]<\/a> Dann wurden sie in die Sch\u00f6pfung ausgesandt, um Ihn durch die Schleier des Geschaffenseins und der Sch\u00f6pfung hindurch zu erkennen und erneut zu best\u00e4tigen. Die Sufis lehren, dass Gottes Wort: \u201eSei!\u201c, das die Seelen schuf, den Ursprung der Gottesliebe der Seelen darstelle; doch Gottes Liebe selbst war eher: \u201eEr liebt sie, und sie lieben Ihn.\u201c<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\" title=\"\">[3]<\/a> So ist der Islam, und vor allem der Sufi-Islam, eine Religion der Gottesliebe und der Hingabe. Und die Menschen, die davon beseelt sind, begeben sich auf den Weg, zu ihrem Sch\u00f6pfer zur\u00fcckzukehren. Sie vollbringen ihre Reise durch die <em>99 sch\u00f6nsten Namen<\/em>.<\/p>\n<p>Mit den <em>Namen<\/em> als g\u00f6ttlichen Kr\u00e4ften oder Eigenschaften konfrontiert, geht ein Mensch einen Weg der Erkenntnis, Hingabe und v\u00f6lligen Verwandlung. Nach sufischer Erkenntnis ist alles um des Menschen willen geschaffen worden, und der Mensch seinerseits um Gottes Willen. Nach Rumi (1207-1273) ist der Mensch ein \u201eAstrolab\u201c (ein astronomisches Navigationsinstrument) der Eigenschaften der g\u00f6ttlichen Erhabenheit.<\/p>\n<p><strong>Die Reise ins g\u00f6ttliche All<\/strong><\/p>\n<p>Einige der <em>Namen<\/em> sind komplement\u00e4re Paare, deren Sinn und Wesen der Mensch in sich integrieren muss. Ein Prozess beginnt, auf dem eine neue Ganzheit im Menschen entsteht, die paradoxe Gegens\u00e4tze in sich vereint. Zentral ist hierbei ein Topos der Sufis, n\u00e4mlich die Sch\u00f6pfung als g\u00f6ttlich (\u201ealles ist Er\u201c) und zugleich als in sich selbst leer (\u201eAlles ist nicht Er\u201c) wahrzunehmen. Die gleiche paradoxe Zweifachheit steckt im Menschen, der ohne Gott nichts ist, aber als potenzielle Manifestation Seiner selbst aus Ihm hervorgegangen ist. Die g\u00f6ttlichen Namen <em>al z\u00e2hir<\/em>, der Offenbare, und <em>al b\u00e2tin<\/em>, der Verborgene, stellen den Menschen in diesen Erkenntnisprozess. Vielleicht ist es genau dieses Lebensr\u00e4tsel, das die innere Spannung erzeugt, welche den Menschen zum Suchen bringt und auf den Pfad setzt.<\/p>\n<p>Der Mensch begegnet <em>al b\u00e2sit<\/em>, dem Gew\u00e4hrenden, und <em>al q\u00e2bid<\/em>, dem Verweigernden. Kann er diese g\u00f6ttlichen Kr\u00e4fte in seinem Leben wahrnehmen; kann er akzeptieren, dass sie ihn f\u00fchren? Kann er seinen eigenen Willen hingeben und dem Schicksal folgen, das ihn zur Vollkommenheit f\u00fchren will?<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\" title=\"\">[4]<\/a> Wenn der Sucher sich f\u00fcr die g\u00f6ttlichen Kr\u00e4fte weiter \u00f6ffnet, offenbaren sie immer neue Aspekte des g\u00f6ttlichen Wesens. Da sind <em>al jamal<\/em>, der Sch\u00f6ne, und <em>al jal\u00e2l<\/em>, der Majest\u00e4tische. Ist Gott sch\u00f6n? Wenn Er der Quell aller Sch\u00f6nheit ist, dann muss Er selbst auch sch\u00f6n sein.<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\" title=\"\">[5]<\/a> Die <em>Majest\u00e4t<\/em> Gottes bedeutet dagegen im islamischen Denken eine Andeutung Seiner \u00fcberw\u00e4ltigenden Gr\u00f6\u00dfe und Allmacht, deren Erkenntnis den Sucher zu best\u00fcrzen vermag. Was geschieht in einem Menschen, der mit der Essenz dieser Namen konfrontiert wird, der ihre Absolutheit in sich wahrnimmt? Muss er nicht im Angesicht dieser Kr\u00e4fte zunichte werden?<\/p>\n<p><strong>Untergang in Gott<\/strong><\/p>\n<p>So ist es: Der Sufiweg beginnt mit Gotteserkenntnis und f\u00fchrt zum Untergang in Gott, zu <em>fan\u00e2\u2018<\/em> (w\u00f6rtlich: Zunichtewerden). Die Eigenschaften Gottes reinigen und erheben den Menschen, doch mit ihrer Kraft und Gr\u00f6\u00dfe konfrontiert, geht der Mensch schlie\u00dflich in ihnen unter. Dieser Untergang ist nur zum Teil Entsagung, zum anderen Teil ist er Gottesliebe bis hin zur Ekstase.<\/p>\n<blockquote>\n<p><em>Der Weg der Liebe<\/em><\/p>\n<p><em>besteht nicht aus klugen Worten.<\/em><\/p>\n<p><em>Das Tor dorthin ist die totale Vernichtung.<\/em><\/p>\n<p><em>Die V\u00f6gel vollf\u00fchren am Himmel<\/em><\/p>\n<p><em>die Kreise ihrer Freiheit.<\/em><\/p>\n<p><em>Wie lernen sie dies?<\/em><\/p>\n<p><em>Sie st\u00fcrzen aus dem Nest,<\/em><\/p>\n<p><em>und nur wenn sie herabst\u00fcrzen,<\/em><\/p>\n<p><em>\u00f6ffnen sich ihre Fl\u00fcgel.<\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p><strong>Wiedererweckung als vollkommener Mensch<\/strong><\/p>\n<p>So schildert Rumi in einem seiner charakteristischen Gedichte den Weg zu Gott. Und so erlebt der Sucher die verwandelnde Wahrheit von <em>al muh\u00eey<\/em>, dem Lebensspendenden, <em>al mum\u00eet<\/em>, dem Verursacher des Todes und <em>al mui\u2019d<\/em>, dem Wiedererweckenden. Wenn die Namen dem Sucher die Kraft f\u00fcr die v\u00f6llige Hingabe seiner selbst gereicht haben, senken sie sich als Ganzheit in ihn ein. Der Mensch wird in Gott neu erschaffen, er erreicht <em>baq\u00e2\u2018<\/em>, das <em>Bleiben in Gott<\/em> als vollkommener Mensch, der Gottes Eigenschaften erworben hat. Ibn al Arabi sagt dazu: \u201eGottes Eigenschaften annehmen, das ist Sufismus.\u201c Er nennt es auch \u201eGott \u00e4hnlich werden\u201c<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\" title=\"\">[6]<\/a>.<\/p>\n<p>Was steht tats\u00e4chlich am Ende des Pfades? Vereint sich der Mensch mit Gott? Gen\u00fcgt es nicht, zu wissen, dass er in Gott lebt? Wie ein bekanntes <em>had\u00eeth<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\" title=\"\"><strong>[7]<\/strong><\/a><\/em> sagt: \u201eMein Diener n\u00e4hert sich mir solange durch freiwillige Taten, bis ich ihn liebe. Und wenn ich ihn liebe, dann bin ich sein Ohr, mit dem er h\u00f6rt, und sein Auge, mit dem er sieht und seine Hand, mit der er zupackt und sein Fu\u00df, mit dem er geht.\u201c Dort angekommen, ist der Mensch zu einer Offenbarung Gottes geworden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\" title=\"\">[1]<\/a> Hier sei angemerkt, dass es mehr als nur 99 Namen gibt, die in unterschiedlicher Reihenfolge und auch in leicht abweichender Zusammensetzung notiert werden. Urspr\u00fcnglich stehen sie verstreut im Koran.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\" title=\"\">[2]<\/a> Koran Sure 7:172<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\" title=\"\">[3]<\/a> Sure 5:54<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\" title=\"\">[4]<\/a> In Ibn al Arabis (1165-1240) Schriften wird deutlich, dass <em>kismet<\/em>, das Schicksal, den <em>geistigen<\/em> Weg des Menschen betrifft, der ihm vorgezeichnet ist.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\" title=\"\">[5]<\/a> Nicht umsonst hat Navid Kermani seine Habilitationsschrift \u201eGott ist sch\u00f6n\u201c betitelt. Diese Sch\u00f6nheit zeigt sich den Muslim sehr stark beim H\u00f6ren des Koran.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\" title=\"\">[6]<\/a> Beides in den <em>Mekkanischen Er\u00f6ffnungen<\/em><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\" title=\"\">[7]<\/a> \u00dcberlieferte Aussage des Propheten Mohammed<\/p>\n","protected":false},"author":920,"featured_media":55013,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110101,110075],"tags_english_":[],"class_list":["post-92487","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-spiritsoul-de","category_-livingpast-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/92487","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/920"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/55013"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=92487"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=92487"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=92487"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=92487"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}