{"id":92407,"date":"2021-12-18T17:10:26","date_gmt":"2021-12-18T17:10:26","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/logon_article\/auf-der-suche-nach-den-gesichtern-gottes-teil-1\/"},"modified":"2021-12-18T17:10:26","modified_gmt":"2021-12-18T17:10:26","slug":"auf-der-suche-nach-den-gesichtern-gottes-teil-1","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/auf-der-suche-nach-den-gesichtern-gottes-teil-1\/","title":{"rendered":"Auf der Suche nach den Gesichtern Gottes &#8211; Teil 1"},"content":{"rendered":"<p>\u00dcber das Thema der Gesichter Gottes zu schreiben, scheint bei erster \u00dcberlegung etwas \u00fcberheblich zu sein. Kennen und verstehen wir uns selbst, als Mensch und als Menschheit \u00fcberhaupt? Und das Wort Gott ist so schnell in aller Munde, dass es im Laufe der Zeit einen erheblichen Abnutzungsgrad zeigt.<\/p>\n<p>Man st\u00f6\u00dft bei der Suche nach einer Antwort \u2013 ob &nbsp;nun zu dem Begriff Gott oder zum Verh\u00e4ltnis des Menschen zu Gott \u2013 auf die erste Sch\u00f6pfungsgeschichte in der Bibel, wo der Mensch nach Gottes Ebenbild und Gleichnis geschaffen wird. Zwischen dem \u201eMenschen\u201c und \u201eGott\u201c scheint es eine wesentliche Verkn\u00fcpfung zu geben. Betrachtet man allerdings den heutigen Menschen mit seinen bekannten Facetten, so kann dieser wohl kaum gemeint sein. Und doch ist etwas vom urspr\u00fcnglichen Menschsein, wie die Schriften es andeuten, auch in uns eingebunden, unscheinbar und weitgehend unbewusst.<\/p>\n<p>Wenn wir unser Gesicht sehen wollen, ben\u00f6tigen wir ein Gegen\u00fcber, das uns beschreibt oder einen Spiegel, in dem wir uns betrachten. Eine Art Spiegel kann auch unser K\u00f6rper sein: er \u201ewirft uns entgegen\u201c, was wir sind, unsere Empfindungen, Gedanken, Schmerzen und anderes. Das entspricht der Bedeutung des Wortes \u201eMensch\u201c im Griechischen: a<a href=\"https:\/\/anthrowiki.at\/Anthropos\">nthropos<\/a> (von <em>anti<\/em> und <em>tropos<\/em>), w\u00f6rtlich: \u201eder entgegen Gewendete\u201c.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\" title=\"\">[1]<\/a><\/p>\n<p>Die mystisch-theosophische Geheimlehre des Judentums, die Kabbala, bietet eine M\u00f6glichkeit, das Unverst\u00e4ndnis von uns und unserem Bezug zu Gott aufzukl\u00e4ren und einem Verstehen unserer Beziehung zu Gott und zu uns selbst n\u00e4her zu kommen.<\/p>\n<p>Der Kabbala-Forscher Gershom Scholem schreibt: \u201eDie wirkende Gottheit erscheint als die dynamische Einheit der Sefiroth, die den \u201eSefiroth-Baum\u201c bilden, und als der mystische Mensch, der nichts anderes ist als die verborgene Gestalt der Gottheit selbst. Ich darf hier kurz rekapitulieren, was die Kabbalisten unter Sefiroth verstehen. Urspr\u00fcnglich sind es die zehn Urzahlen, in denen alles Wirkliche gr\u00fcndet, wie es in einem pythagoreisierenden hebr\u00e4ischen Text etwa aus der Zeit des alten <em>Sch\u2018ur Koma<\/em> selber, dem Buch der Sch\u00f6pfung, dargelegt wird. Als die mittelalterlichen Kabbalisten aber diesen Terminus aufgriffen, verwandelte sich sein Sinn unter ihren H\u00e4nden.<\/p>\n<p>Die Sefiroth sind die Potenzen, in denen sich die wirkende Gottheit konstituiert, in denen sie \u2013 in der Sprache des Kabbalisten gesprochen \u2013 ein Gesicht gewinnt. Das verborgene Gesicht Gottes, <em>\u2019anpin penima\u2018in<\/em>, ist das uns zugewandte, in aller Verborgenheit dennoch eben damit in Gestalt eintretende Lebensmoment an Gott\u201c. <a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\" title=\"\">[2]<\/a><\/p>\n<p>Auch die \u00dcbersetzung des Begriffs Kabbala kann uns Hinweise f\u00fcr unsere \u00dcberlegungen geben. Das Wort bedeutet \u201eEmpfangen einer \u00dcberlieferung\u201c, einer \u201eTradition\u201c. Wenn man etwas empfangen m\u00f6chte, muss es einen Empf\u00e4nger, ein Organ geben, das diese Aufgabe ausf\u00fchren kann. Und da hakt es bereits. Ein suchender Mensch f\u00fchlt, dass ihm ein solches Organ fehlt, bzw. dass es nicht richtig entwickelt oder \u201ekrank\u201c ist. Es ist lebenswichtig, jedenfalls dann, wenn man nach dem Sinn des Lebens forscht. Aber es scheint dumpf in den Tiefen unseres Wesens zu schlummern. Man k\u00f6nnte auch sagen: Wir sind arm an Geist. Damit ist nicht die Intelligenz gemeint, die uns heute so vielfach \u201eangepriesen und verkauft\u201c wird. Das fehlende Bindeglied ist etwas anderes und noch Dunkles.<\/p>\n<p>Bleiben wir bei dem Spiegel \u2013 bei dem, vor dem wir jeden Morgen stehen. Er zeigt uns, was wir noch an uns zurechtr\u00fccken, \u201ebearbeiten\u201c m\u00fcssen, um zufrieden in den Tag zu gehen. Wir machen uns zurecht und begegnen dann im Alltag unseren Mitmenschen, und es beginnt ein intensiver Austausch, ein Sich-Gegen\u00fcbertreten. Es fordert von uns fortw\u00e4hrend, Kr\u00e4fte und Energien zu harmonisieren.<\/p>\n<p>Wir machen Erfahrungen und, wenn es gut ist, wachsen wir daran. Wir erleben an uns und an anderen Schicksale \u2013 und treiben dabei in stetem Wechsel weiter an der Oberfl\u00e4che des Lebens, bis &#8230; ja, bis durch das ganze Gebilde von scheinbar nicht aufzul\u00f6senden Verflechtungen ein seltsamer \u201eGlanz\u201c in uns eintritt, vielleicht nur ganz kurz. Kommt er aus dem fehlenden und schlummernden Organ in uns? Nun tauchen tiefere Fragen auf, wie sie zum Beispiel am Beginn der kabbalistischen Schrift Sohar zu lesen sind<em>.<\/em> Allen voran die Frage: Wer bin ich?<\/p>\n<p>Das <em>Sohar<\/em> entstand Ende des 13. Jahrhunderts in Kastilien in Spanien. Das hebr\u00e4ische Wort bedeutet \u201eGlanz\u201c. Von dem Werk kann in der Tat ein Glanz, ein Licht in den Leser hinein strahlen. Es scheint einen tief vertrauten Glanz der Seele widerzuspiegeln, \u00fcber den sich im Laufe der Zeit eine amorphe Masse gelegt hat. Die Schichten dieser \u201eMasse\u201c k\u00f6nnten auch als wertvolle Patina angesehen werden. Denn mit ihnen hat uns das Leben an den Punkt gef\u00fchrt, an dem wir etwas von dem fehlenden Organ sp\u00fcren. Wir k\u00f6nnen empfinden: da ist eine \u201e\u00dcberlieferung\u201c, die uns an den \u201eAnderen in uns\u201c erinnert.<\/p>\n<p>Ein j\u00fcdisches Sprichwort sagt: das Geheimnis der Erl\u00f6sung hei\u00dft Erinnerung; etwas innen Liegendes dr\u00e4ngt nach oben, wie eine unter Wasser gehaltene Boje, deren Wirkungskreis eigentlich oberhalb der Wasserlinie liegt, wie Licht, das die Finsternis durchbricht oder eine Lotosblume, die im n\u00e4hrstoffreichen Sumpf wurzelt und aus unsichtbaren Tiefen nach oben w\u00e4chst, um schlie\u00dflich die Wasseroberfl\u00e4che zu durchbrechen und erst jetzt zur vollen Bl\u00fcte zu gelangen.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\" title=\"\">[3]<\/a><\/p>\n<p>Platon nennt in seinem Dialog <em>Menon<\/em> jede wahre Erkenntnis eine <em>Anamnesis<\/em>, das hei\u00dft eine Wiedererinnerung, eine reine Schau der Ideen, im Gegensatz zum Ged\u00e4chtnis als rationalem Akt, das er <em>memoria<\/em> nennt. In der lateinischen \u00dcbersetzung des Wortes Erinnerung \u2013<em>recordatio<\/em> \u2013 steckt das lateinische cor (Herz). Hier weist das Wort schon in die Richtung, von wo aus die L\u00f6sung zu erwarten ist.<\/p>\n<p>Auch die hebr\u00e4ische Sprache weist in diese Richtung. Das Herz (<em>lew<\/em>, mit den Zeichen <em>lameth<\/em> und <em>beth<\/em> geschrieben, deren Zahlenwerte 30 und 2 insgesamt den Wert 32 ergeben) kennt 32 Wege (die 22 hebr\u00e4ischen Buchstaben und die zehn Sefiroth). Es sind die Wege, die von dieser Welt zur anderen, g\u00f6ttlichen Welt f\u00fchren.<\/p>\n<p>Das Herz bringt das Blut \u00fcberall hin im K\u00f6rper. Das Blut ist die <em>nefesch<\/em>, die (leibliche) Seele, das \u201eerste Licht\u201c. Wenn die <em>nefesch<\/em> bedroht ist, ist damit auch das Gehen der 32 Wege zu <em>Kether<\/em>, zur Krone, zum Ursprung bedroht.<\/p>\n<p><em>Kether<\/em> ist die h\u00f6chste Sefira, von der alles ausgeht. Sie symbolisiert die Einheit, woraus sich die Zweiheit beiden folgenden Sefiroth bildet, aus der dann alle weiteren Sefiroth entstehen. Die letzte Sefira wird <em>Malchuth<\/em> genannt, das bedeutet K\u00f6nigreich. Diese Malchuth-Sefira ist unsere Welt. Die Aufgabe des Menschen besteht darin, das K\u00f6nigreich Gott, der Krone, zur\u00fcckzugeben. Genauer gesagt setzt sich die Krone aus der oberen Dreiheit der Sefiroth, des Lebensbaumes zusammen. Ihr ist eine darunter liegende Siebenheit zugeordnet. Wir Menschen erleben die letzte Sefira, <em>Malchuth<\/em> (ein anderer Name f\u00fcr sie ist <em>Schechina<\/em>).<\/p>\n<p>Unsere Welt ist die Welt des Tuns. Wenn es gut ist, eines Tuns, das seinen Sinn in der Verbindung, der Vereinigung mit der Eins, der oberen Krone, der Sefira Kether vollendet. Der Weg geht also durch die 7 Sefiroth, die 7 \u201eHallen\u201c oder \u201ePal\u00e4ste\u201c hindurch, durch die 7 mal 7 Himmel. Der Mensch entdeckt sich dabei selbst, er erf\u00e4hrt seine g\u00f6ttliche Ganzheit. Schlie\u00dflich tritt er in die 50.Halle ein, in den achten Tag, in das Paradies. Dort ist sein Zuhause, dorthin zielt seine Sehnsucht. <a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\" title=\"\">[4]<\/a><\/p>\n<p>(<a href=\"https:\/\/www.logon.media\/de\/auf-der-suche-nach-den-gesichtern-gottes-teil-2\">wird fortgesetzt in Teil 2<\/a>)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\" title=\"\">[1]<\/a> https:\/\/anthrowiki.at\/Mensch<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\" title=\"\">[2]<\/a> Gershom Scholem, <em>Von der mystischen Gestalt der Gottheit,<\/em> Suhrkamp Verlag, S.32.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\" title=\"\">[3]<\/a> Claudia T\u00f6rpel, <em>\u201eMan denkt nur mit dem Herzen gut\u201c<\/em>, Perseus Verlag Basel<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\" title=\"\">[4]<\/a> Literatur\/Vortr\u00e4ge von Friedrich Weinreb<\/p>\n","protected":false},"author":920,"featured_media":16026,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110101,110075],"tags_english_":[],"class_list":["post-92407","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-spiritsoul-de","category_-livingpast-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/92407","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/920"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/16026"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=92407"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=92407"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=92407"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=92407"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}