{"id":92375,"date":"2021-12-04T13:54:45","date_gmt":"2021-12-04T13:54:45","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/logon_article\/heute-liebe-ich-mich-selbst-spirituelle-fragen-an-den-wissenschaftler\/"},"modified":"2021-12-04T13:54:45","modified_gmt":"2021-12-04T13:54:45","slug":"heute-liebe-ich-mich-selbst-spirituelle-fragen-an-den-wissenschaftler","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/heute-liebe-ich-mich-selbst-spirituelle-fragen-an-den-wissenschaftler\/","title":{"rendered":"\u201eHeute liebe ich mich selbst.\u201c  Spirituelle Fragen an den Wissenschaftler"},"content":{"rendered":"<p>G. F.: Herr Dr. Unkelbach, ich freue mich sehr, dass ich Sie interviewen darf f\u00fcr unser Magazin. Ich habe Ihre beiden B\u00fccher gelesen: <em>Heute liebe ich mich selbst<\/em> und <em>Freundschaft<\/em>. Sie haben mir sehr gut gefallen und gern m\u00f6chte ich Ihnen zum Thema des ersten Buches einige Fragen stellen. Sie ber\u00fchren ja auch Dinge, die in Ihrer t\u00e4glichen Arbeit auftreten.<\/p>\n<p>In <em>Heute liebe ich mich selbst<\/em> steht auf der Innenseite des Umschlages als erster Satz: \u201eSelbstliebe ist das Fundament, auf dem wir uns in allen Lebensbereichen bewegen\u201c. Wie haltbar ist diese Aussage, wenn jemand in existentielle Lebenskrisen kommt, zum Beispiel wenn ein geliebter Partner stirbt oder wenn ein Kind stirbt oder wenn bedeutende Lebensentw\u00fcrfe zerst\u00f6rt werden?<\/p>\n<p>Dr. U.: Die Frage, ob wir uns selbst lieben k\u00f6nnen, hat meines Erachtens eine sehr hohe Bedeutung. Selbstliebe hei\u00dft f\u00fcr mich auch Selbstf\u00fcrsorge, dass ich also f\u00fcr mich selbst sorge, dass ich mir Gutes tun will. Bei dem Beispiel des Verlustes eines Partners gerate ich in eine existentielle Krise. Es wird Situationen geben, in denen ich nicht mehr wei\u00df, wo oben oder unten ist.<\/p>\n<p><strong>Selbstliebe bedeutet: Egal, was noch kommt, ich stehe zu mir<\/strong><\/p>\n<p>Selbstliebe bedeutet in diesem Zusammenhang: Egal, was noch kommt, ich halte zu mir, ich stehe zu mir und ich versuche, mit dem, was ich habe oder was noch \u00fcbrig ist, wieder das Beste aus meinem Leben zu machen, sobald ich mich wieder etwas sortiert habe und sobald ich wieder eine Richtung in mein Leben hineinbekommen habe.<\/p>\n<p>Ich bin fest davon \u00fcberzeugt, dass gerade in schweren Krisen die Selbstliebe eine ganz gro\u00dfe Hilfe ist, um \u00fcber die Krisen hinwegzukommen.<\/p>\n<p>G. F.: Ich habe Ihr Buch so verstanden, dass die Selbstliebe keineswegs automatisch vorhanden ist. Das hei\u00dft also, wenn Sie sagen, dass Selbstliebe ein Fundament f\u00fcr unser Leben ist, dass wir dieses Fundament unseres Lebens selbst errichten m\u00fcssen. Ist es nicht eigenartig, dass die Natur uns unser Lebensfundament nicht mitliefert? Bei den Tieren gibt es doch das Fundament von vornherein. Warum ist das beim Menschen nicht so?<\/p>\n<p>Dr. U.: Mein Buch ist aus der Perspektive meiner t\u00e4glichen Arbeit mit psychisch kranken Menschen entstanden. Da ist das Thema Selbstliebe ein riesengro\u00dfes Thema, mit dem ganz viele meiner Patienten eine gro\u00dfe Not haben. Ich glaube tats\u00e4chlich, wenn alles gut l\u00e4uft \u2013 vor allem die Kindererziehung im famili\u00e4ren Umfeld \u2013, dass dann Selbstliebe automatisch mitgeliefert wird. Und zwar dar\u00fcber, dass man von klein auf positive Zuwendung empf\u00e4ngt, Sicherheit erh\u00e4lt, Geborgenheit sp\u00fcrt und bei jedem Entwicklungsschritt Unterst\u00fctzung erf\u00e4hrt und merkt: \u201eIch bin da, und werde deshalb geliebt. Ich kann was, und werde deshalb geliebt.\u201c<\/p>\n<p>Dann entsteht unbewusst das Selbstbild: \u201eJa, ich bin ein liebenswerter Mensch\u201c. Der Selbstliebe wird dann eine nat\u00fcrliche Basis geebnet. Aber in vielen Biographien geht eine Menge schief, und die Selbstliebe wird behindert, sich frei zu entwickeln.<\/p>\n<p>G. F.: Kann man sich zur Liebe entscheiden? Kann man sich zur Selbstliebe entscheiden? Kann man sich dazu entscheiden, jemand anderen zu lieben?<\/p>\n<p>Dr. U.: Ich glaube tats\u00e4chlich, dass man sich dazu entscheiden kann. Man kann unter dem Begriff <em>Liebe<\/em> sehr viele verschiedene Dinge verstehen. Ich verwende hierbei zwei Leits\u00e4tze. Der eine ist: sich Gutes tun und seinem N\u00e4chsten Gutes tun. Das sehe ich als Liebe an. Da stellt sich nat\u00fcrlich die Frage: Was ist gut? Was ist gut f\u00fcr mich? Was ist gut f\u00fcr den anderen? Die Antworten hierauf sind sicherlich sehr unterschiedlich. Man meint oft, Gutes zu tun, aber was man tut, ist dann oft gar nicht so gut f\u00fcr den anderen. Es ist also nicht so einfach, wie es sich anh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Der zweite Leitsatz betrifft die emotionale Ebene, es ist die Frage des Sich-Wohlf\u00fchlens. Bei der Selbstliebe lautet sie: F\u00fchle ich mich bei mir selbst wohl? Bei der N\u00e4chstenliebe ist es die Frage: F\u00fchle ich mich in der Gegenwart eines anderen wohl? Und: F\u00fchlt der andere sich in meiner Gegenwart wohl?<\/p>\n<p>Wenn das alles zusammentrifft, spreche ich von Liebe. Ich glaube, man kann daran arbeiten, liebesf\u00e4hig zu werden. Das sind nat\u00fcrlich komplexe Abl\u00e4ufe, bei denen auch Empathie eine Rolle spielt sowie Aufmerksamkeit und Wohlwollen und die M\u00f6glichkeit zur Vergebung und noch anderes. Es sind alles Dinge, zu denen ich mich entscheiden kann und auf die ich Einfluss nehmen kann.<\/p>\n<p>G. F.: Wenn ich daran denke, wie ich mich verliebt habe, dann geschah das nicht auf der Basis von Gutes tun und auch nicht nur durch ein Wohlf\u00fchlen. Es ging noch in eine andere Dimension. Ich stand nicht vor der Entscheidung, ob ich diese Frau lieben soll oder nicht, sondern ich wurde von Liebe ergriffen. Das ist doch ein gro\u00dfer Unterschied. Dieses Ergriffenwerden geschieht ja oft gegen den Verstand.<\/p>\n<p><strong>Lieben und sich Verlieben sind zwei verschiedene Dinge<\/strong><\/p>\n<p>Dr. U.: Das ist richtig. Es gibt einen gro\u00dfen Unterschied zwischen Verlieben und Lieben. Bei dem <em>Verlieben<\/em> spielen sicherlich die Hormone eine gro\u00dfe Rolle. Ich habe es auch so erlebt, dass dann der Verstand au\u00dfer Kraft gesetzt wird. Verlieben hat ja auch viel mit Fantasien zu tun. Man projiziert sehr viel hinein in den anderen, Dinge, die man sich aus tiefstem Herzen w\u00fcnscht. Aber alle Menschen, die dauerhafte Beziehungen miteinander haben, wissen, dass das Verlieben irgendwann nachl\u00e4sst, wobei ich davon \u00fcberzeugt bin, dass es sich auch bei langj\u00e4hrigen Beziehungen immer mal wieder einstellt.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Dauerhaftigkeit der Beziehung ist dann die <em>Liebe<\/em> das Ausschlaggebende. Man muss sich immer wieder bewusst f\u00fcr diesen Menschen entscheiden und daf\u00fcr, mit ihm zusammen sein zu wollen. Auch die Krisen, die mit der Beziehung verbunden sind, ben\u00f6tigen die Entscheidung: \u201eWir wollen schauen, dass wir wieder besser zueinander finden, dass wir gegenseitig auf uns acht geben, dass wir f\u00fcreinander da sind und uns gegenseitig unterst\u00fctzen.\u201c<\/p>\n<p>In einer guten Beziehung gibt es den Wechsel zwischen Zeiten, in denen man an der Liebe arbeiten muss und Zeiten, in denen es einem so zufliegt und man einfach gl\u00fccklich ist und sich beschenkt f\u00fchlt.<\/p>\n<p>G. F.: Menschen in allen Kulturen haben die Erfahrung einer seelischen Verschmelzung gemacht \u2013 sowohl mit sich selber als auch mit anderen. Das beruhte auf der Entdeckung, dass es noch ein tieferes Selbst gibt, durch das das m\u00f6glich wird. Man spricht auch vom \u201ewahren Selbst\u201c des Menschen. Unter diesem Blickwinkel bekommt das Thema Selbstliebe noch eine andere Bedeutung.<\/p>\n<p><strong>Gibt es ein wahres Selbst als Quell der Liebe?<\/strong><\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte sagen: Dieses wahre Selbst <em>ist<\/em> Liebe. Selbstliebe ist dann nichts anderes, als dass dieses innere (wahre) Selbst sich zeigt als ein Quell von Liebe. Ich bin hier und mein wahres Selbst erwacht in mir. Es bricht in mir \u2013 gleichsam aus dem Transzendenten heraus \u2013 hervor als Liebe. Die Sufis, die Mystiker im Islam \u2013 besingen diese Situation in ihrer Liebesmystik. Da ist das Unsterbliche in mir \u2013 eine \u00fcberpers\u00f6nliche Liebe \u2013, und ich werde von ihr ergriffen und kann eins mit ihr werden. Mit Ego hat das nichts zu tun, im Gegenteil setzt es die Hingabe des Ego voraus. An seine Stelle tritt ein anderes Bewusstsein.<\/p>\n<p>Dr. U.: Ich will mal versuchen, das in meine Kategorien zu \u00fcbersetzen. Es gibt in der Psychologie den Begriff der Kongruenz, der Stimmigkeit, bei der man das Gef\u00fchl hat, es passt alles zusammen. Wir reden ja immer viel \u00fcber Bed\u00fcrfnisse. Auch das Thema Werte ist ein wichtiges Thema, und auch das Thema der inneren Haltung. Welche Haltung habe ich zu den verschiedensten Themen? Das, was Sie gerade beschrieben haben, w\u00e4re aus psychologischer Sicht ein Zustand, den man entwickeln will, bei dem man sagen kann: \u201eJetzt ist alles gut so, wie es ist.\u201c<\/p>\n<p>G. F.: Gibt es Ihrer Meinung nach noch eine andere Seinsquelle als die naturhafte Evolution? Fr\u00fcher sagte man: \u201eAlles kommt aus dem Geistigen, alles kommt aus Gott.\u201c Seit etwa anderthalb Jahrhunderten sagen die Menschen in der westlichen Kultur \u00fcberwiegend: \u201eAlles kommt nur aus dem Materiellen.\u201c<\/p>\n<p>Aber je l\u00e4nger wir mit dieser materialistischen Sichtweise leben, umso mehr geraten wir in krisenhafte Zust\u00e4nde und auch in den Bereich der Sinnlosigkeit. Woher sollte ein Sinn kommen, wenn alles nur aus dem Spiel von Materieteilchen hervorgeht? Wo sollte ein Grund f\u00fcr Visionen liegen, die \u00fcber all das hinausgehen, was wir aktuell erleben?<\/p>\n<p>Dr. U.: Ich bin auch kein Freund von Wissenschaftsgl\u00e4ubigkeit. Einerseits bin ich ein Mensch, der viele seiner Entscheidungen auf wissenschaftlicher Basis trifft. Auf der anderen Seite meine ich, dass man, auch wenn viele das anders sehen, die Welt nicht komplett mit wissenschaftlichen Erkenntnissen erkl\u00e4ren kann. Es gibt unglaublich viele Dinge, die man wissenschaftlich nicht verstehen und nicht nachvollziehen kann.<\/p>\n<p><strong>Die gro\u00dfen Sinnzusammenh\u00e4nge entziehen sich der wissenschaftlichen Untersuchung<\/strong><\/p>\n<p>Das beginnt bei der menschlichen Psyche, von der man zwar einiges wei\u00df, aber noch sehr viel mehr nicht wei\u00df. Die gro\u00dfen Sinnzusammenh\u00e4nge entziehen sich der wissenschaftlichen Untersuchung. Gleichwohl versucht man immer wieder, diese Dinge auf das Materielle zu reduzieren. Ich glaube, wir geraten dadurch in eine Schr\u00e4glage.<\/p>\n<p>G. F.: Als Psychotherapeut haben Sie mit der Psyche zu tun \u2013 man spricht heute ja kaum noch von Seele. Die Psyche ist ein Begriff der Wissenschaft, aber die Seele ist damit ja noch nicht aus der Welt. Sie geht \u00fcber die Psychologie hinaus. Und die Frage ist: Wie weit reicht die Seele? Reicht sie \u00fcber den Tod hinaus? Was ist \u00fcberhaupt Seele?<\/p>\n<p>Dr. U.: Ich kann Ihnen diese Frage nicht beantworten. Ich kann \u00fcber das sprechen, womit wir arbeiten. Das sind W\u00fcnsche, Bed\u00fcrfnisse, Erlebnisse usw. Das sind sicher Anteile der Seele. Die Frage nach der Seele ist damit allerdings nicht umfassend beantwortet. Und zu der Frage, ob sie den Tod \u00fcberdauert, kann ich nur sagen: ich glaube schon, aber ich wei\u00df es nicht. Und ich finde es auch gar nicht schlimm, dass ich es nicht wei\u00df. Ich werde es ja sehen.<\/p>\n<p>Ganz herzlichen Dank, Herr Dr. Unkelbach, f\u00fcr dieses Gespr\u00e4ch.<\/p>\n","protected":false},"author":920,"featured_media":15897,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110088],"tags_english_":[],"class_list":["post-92375","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-science-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/92375","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/920"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/15897"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=92375"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=92375"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=92375"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=92375"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}