{"id":92296,"date":"2021-11-18T09:34:44","date_gmt":"2021-11-18T09:34:44","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/logon_article\/platon-die-sterbliche-und-die-gottliche-seele-im-menschen\/"},"modified":"2021-11-18T09:34:44","modified_gmt":"2021-11-18T09:34:44","slug":"platon-die-sterbliche-und-die-gottliche-seele-im-menschen","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/platon-die-sterbliche-und-die-gottliche-seele-im-menschen\/","title":{"rendered":"Platon \u2013 die sterbliche und die g\u00f6ttliche Seele im Menschen"},"content":{"rendered":"<p>Der griechische Philosoph Platon, 428\/427 v. Chr. in Athen geboren, stammte aus einem adeligen Geschlecht. Einige nahe Verwandte von ihm waren Mitglieder in F\u00fchrungsgremien der oligarchischen Tyrannis in Athen sowie der darauf folgenden wiedererrichteten Demokratie. Platon selbst entschied sich gegen eine politische Laufbahn. Wie Aristoteles berichtet, war Platon zuerst ein Anh\u00e4nger der Lehre des Herakliteers Kratylos. Ab dem jungen Erwachsenenalter wurde er Sch\u00fcler von Sokrates. Er war bestrebt, ein tugendhaftes und gottgef\u00e4lliges Leben zu f\u00fchren, in dem Gerechtigkeit und die Verwirklichung des g\u00f6ttlich Guten an erster Stelle standen.<\/p>\n<p>Einen zentralen Stellenwert in Platons Werk hat die Seele. Sie ist es, die den Menschen dem G\u00f6ttlichen n\u00e4herbringt, die unsterblich ist und sich so lange reinkarniert, bis der Menschen wieder mit seinem g\u00f6ttlichen Ursprung verbunden ist. Im <em>Timaios<\/em>, dem Sp\u00e4twerk Platons, erfahren wir von der Entstehung der Sch\u00f6pfung einschlie\u00dflich der Seele. Zuerst schuf der immer <em>seiende<\/em> Gott den immer <em>werdenden<\/em> Gott in Form einer Kugel, das hei\u00dft unsere urspr\u00fcngliche g\u00f6ttliche Erde. Sie ist ein lebendes Wesen, ein sich immer wandelnder Gott. In ihre Mitte senkte er die Weltseele ein. Erst in einem weiteren Schritt formte er aus der Weltseele die menschlichen Seelen.<\/p>\n<p>Um die Weltseele zu schaffen, mischte er aus dem \u201eunteilbaren, keinem Wechsel unterworfenen Sein und dem teilbaren, in den K\u00f6rpern werdenden [Sein] \u2026 aus beiden eine dritte Gattung des Seins\u201c. <a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\" title=\"\">[1]<\/a><a name=\"_Hlk87726973\">Diese drei Bestandteile \u2013 des unteilbaren Seins, des teilbaren Seins und des Seins aus der Verbindung zwischen beiden \u2013 mischte er wiederum mehrfach jeweils in verschiedenen Verh\u00e4ltnissen zu einer Idee zusammen. Aus ihr bildete er die Weltseele. <\/a><\/p>\n<p>Im n\u00e4chsten Schritt erfolgte die Erschaffung des Menschen und der menschlichen Seele. Dabei setzte der ewige Gott den menschlichen K\u00f6rper aus Feuer, Wasser, Luft und Erde zusammen und versah seine Sch\u00f6pfung mit einer menschlichen Seele, indem er die \u00fcbrig gebliebenen Teile der Weltseele wieder in denselben Verh\u00e4ltnissen wie zuvor mischte und daraus die menschliche Seele erschuf. Er \u00fcberlie\u00df es den jungen, nur bedingt unsterblichen G\u00f6ttern, den K\u00f6rper des heutigen Menschen zu formen. Diese umgaben die unsterbliche Seele mit einem sterblichen Leib und f\u00fcgten zudem eine sterbliche Seele hinzu, die mit Begierden, Leidenschaften, Schmerz, Furcht, Erz\u00fcrnen sowie mit Sinneswahrnehmungen versehen war.<\/p>\n<p>Somit wurde die unsterbliche Seele an einen sterblichen K\u00f6rper mitsamt einer sterblichen Seele gefesselt. F\u00fcr die <em>unsterbliche<\/em> Seele formten sie den Kopf als kugelf\u00f6rmigen K\u00f6rper, der der von Gott erschaffenen g\u00f6ttlichen Erde gleicht. Die <em>sterbliche<\/em> Seele hingegen trennten sie durch den Hals von diesem g\u00f6ttlichen Sitz und verbannten sie in den Brustkorb. Den begierigen und nach Nahrung verlangenden Teil der sterblichen Seele wiesen sie dem Bauchbereich zu. Da dieser Bereich der Vernunft und Einsicht nicht zug\u00e4nglich war, verliehen sie der Leber die Sehergabe, damit der Mensch beim Schlafen mit der g\u00f6ttlichen Wahrheit in Ber\u00fchrung kommen k\u00f6nne.&nbsp;<\/p>\n<p>Die Seele des Menschen ist nach Platon somit zweigeteilt: sie hat einen g\u00f6ttlichen, unsterblichen Anteil und einen irdisch, sterblichen. Der Mensch ist in aller Regel jedoch ganz mit dem irdischen, sterblichen Anteil der Seele verbunden und identifiziert sich mit ihm. Dies bedeutet, dass er nicht nur seinen Begierden folgt, sondern auch von der g\u00f6ttlichen Welt abgeschnitten ist und diese nicht erkennen kann.<\/p>\n<p>Platon bringt dies in seinem ber\u00fchmten <em>H\u00f6hlengleichnis<\/em> zum Ausdruck, in dem er den Menschen in einer H\u00f6hle sitzend sowie an Beinen und Nacken gefesselt darstellt, so dass der Kopf nur in Richtung der hinteren H\u00f6hlenwand blicken kann. Die H\u00f6hle wird von einem Feuer erhellt. Zwischen diesem und den gefesselten Menschen werden Gegenst\u00e4nde vorbeigetragen, die der Mensch jedoch nur als Schattengebilde wahrnimmt. Wie die Dinge eigentlich beschaffen sind, kann er nicht erkennen. Diese Schattenbilder sind f\u00fcr uns Menschen die sichtbare Welt. Durch die Seele k\u00f6nnen wir nach Platon Erkenntnis erlangen. Die sterbliche Seele, die nur die Schattenbilder wahrnimmt, ist jedoch nicht in der Lage wirklich zu erkennen, sondern sie kann nur Vermutungen anstellen.<\/p>\n<p>In seinem <em>Liniengleichnis<\/em> beschreibt Platon eine n\u00e4chste Stufe der Erkenntnis. Er vergleicht die Wahrnehmung unserer Welt nun mit den Spiegelbildern auf der Wasseroberfl\u00e4che. Auf dieser Stufe kann der Mensch die Dinge mit seinen Sinnen klarer und differenzierter sehen. Er hat zwar noch kein wirkliches Wissen \u00fcber das Gesehene, bildet sich aber Meinungen dar\u00fcber.<\/p>\n<p>Erst wenn die sterbliche Seele sich in die Richtung des Geistes, des <em>nous<\/em> wendet, wird sie zur erkennenden Seele, die das Gesehene zu erforschen beginnt, indem sie durch Hypothesen und logisches Denken die Welt zu verstehen beginnt. Dabei hat der Mensch durch die Verbindung mit dem Geist bereits Zugang zur Ideenwelt, der Welt, die dem urspr\u00fcnglichen g\u00f6ttlichen Leben entspricht. Im H\u00f6hlengleichnis zeigt Platon das Erreichen der Ideenwelt dadurch, dass die Menschen die H\u00f6hle verlassen und sich langsam an das Licht der Sonne adaptieren. Jetzt k\u00f6nnen sie die Ideen erkennen, die hinter den Dingen stehen und in dieser Denkschule eine h\u00f6here Realit\u00e4t besitzen als die physischen Dinge selbst. Sie werden mit Hilfe der unsterblichen Seele als Urbilder des eigentlichen Seins vom reinen Denken erfasst. Zudem ist auf dieser Stufe die Seele mit Vernunft begabt. Vernunft ist die Instanz, die uns anzeigt, was richtig oder falsch ist im Sinne eines inneren ethischen Kompasses, der auf den Gesetzen des Geistes basiert.<\/p>\n<p><em>Wahre<\/em> Erkenntnis bekommt der Mensch jedoch erst dann, wenn seine Seele nicht nur die Ideenwelt wahrnehmen, sondern auch zum voraussetzungslosen Urgrund vordringen kann. In diesem Urgrund ist der g\u00f6ttliche Urbeginn zu finden, der Beginn der g\u00f6ttlichen Sch\u00f6pfung. Erst hier er\u00f6ffnet sich dem Menschen die reine g\u00f6ttliche Welt.<\/p>\n<p>Wie kann nach Platon der Mensch diese Erkenntnis der g\u00f6ttlichen Sch\u00f6pfung erreichen? Er muss sich zu dieser g\u00f6ttlichen Welt hin entwickeln. Platon geht vom idealtypischen Philosophen aus, der seine Seele von der Verstrickung mit der irdischen Welt abkehrt und sich der g\u00f6ttlichen Seele zuwendet, indem er tugendhaft lebt, nach dem Guten an sich strebt und seine irdische Seele l\u00e4utert. Wie anfangs angef\u00fchrt, kennt nur die sterbliche Seele Schmerz, Zorn und Begierden. Die urspr\u00fcnglich g\u00f6ttliche Seele verweilt im Bereich des Guten, das Platon in seinem <em>Sonnengleichnis<\/em> mit dem Licht der Sonne gleichsetzt. Die Seele wird hier mit der Sonne verglichen. So wie erst das Licht der Sonne dem Auge die Wahrnehmung der Gegenst\u00e4nde erm\u00f6glicht, erm\u00f6glicht das Gute der Seele erst die Erkenntnis der wahren Welt.<\/p>\n<p>Somit geht es bei der Erkenntnis des Urgrundes nicht um ein analytisches Erfassen, sondern es ist eher ein Schauen und Verweilen in der Ideenwelt bei einem gleichzeitigen intuitiven Verstehen der urspr\u00fcnglichen Sch\u00f6pfung. Die Verwirklichung des Guten muss dabei zum Seinszustand geworden sein. Dann erschlie\u00dft sich dem Schauenden die Wahrheit, die hinter den Ideen steht. Gemeint sind nicht Ideen, wie wir sie mit unserem Denken formen. Die Ideen, die Platon meint, sind die eigentliche Wirklichkeit. Sie sind die lebendigen Urbilder, die bestehen bleiben, auch wenn die einzelnen Dinge vergehen. Hierzu z\u00e4hlen auch die Urbilder von den Begriffen wie Freiheit, Gerechtigkeit, Liebe sowie die Idee vom Leben an sich und unserer Sch\u00f6pfung. \u201eDiejenigen aber, deren Leben als durchaus Gott wohlgef\u00e4llig erfunden wird, die sind es, die mit diesen unterirdischen St\u00e4tten [unserem jetzigen Ort auf der Erde] nicht in Ber\u00fchrung kommen und von ihnen befreit bleiben wie von Gef\u00e4ngnissen, indem sie nach jener reinen Wohnst\u00e4tte gelangen und auf den H\u00f6hen der Erde sich ansiedeln. Von diesen selbst aber leben die, welche sich durch Philosophie gel\u00e4utert haben, k\u00f6rperlos durch alle k\u00fcnftige Zeit fort und gelangen in Wohnst\u00e4tten, die noch herrlicher sind als die genannten; sie zu schildern ist aber nicht leicht und in der noch zu Gebote stehenden Zeit nicht m\u00f6glich.\u201c <a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\" title=\"\">[2]<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Literatur:<\/p>\n<p>Erler, Michael: <em>Platon<\/em>, C.H. Beck Verlag, M\u00fcnchen 2006.<\/p>\n<p>Platon, <em>Der Staat<\/em> (<em>Politeia<\/em>), Philipp Reclam Verlag, Stuttgart 1982.<\/p>\n<p>Platon, S\u00e4mtliche Werke, Bd 4, Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, Reinbeck bei Hamburg, 25. Aufl. 2019.<\/p>\n<p>Platon, <em>Von der Unsterblichkeit der Seele<\/em> (<em>Phaidon<\/em>), Anaconda Verlag GmbH, K\u00f6ln 2018.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\" title=\"\">[1]<\/a>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; In: Platon, <em>Timaios<\/em>, S\u00e4mtliche Werke Bd. 4, S. 33.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\" title=\"\">[2]<\/a>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; In: Platon, <em>Von der Unsterblichkeit der Seele<\/em> (<em>Phaidon<\/em>), S. 120.<\/p>\n","protected":false},"author":920,"featured_media":15583,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110101],"tags_english_":[],"class_list":["post-92296","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-spiritsoul-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/92296","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/920"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/15583"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=92296"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=92296"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=92296"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=92296"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}