{"id":92292,"date":"2021-11-17T11:10:28","date_gmt":"2021-11-17T11:10:28","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/logon_article\/wissenschaft-aus-dem-mysterium-der-seele-geboren-carl-gustav-jungs-transformation-teil-2\/"},"modified":"2021-11-17T11:10:28","modified_gmt":"2021-11-17T11:10:28","slug":"wissenschaft-aus-dem-mysterium-der-seele-geboren-carl-gustav-jungs-transformation-teil-2","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/wissenschaft-aus-dem-mysterium-der-seele-geboren-carl-gustav-jungs-transformation-teil-2\/","title":{"rendered":"Wissenschaft aus dem Mysterium der Seele geboren. Carl Gustav Jungs Transformation \u2013 Teil 2"},"content":{"rendered":"<p>(<a href=\"https:\/\/www.logon.media\/de\/wissenschaft-aus-dem-mysterium-der-seele-geboren-carl-gustav-jungs-transformation-teil-1\">Zur\u00fcck zu Teil 1<\/a>)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Gott und Teufel (Sermo II) <\/strong><\/p>\n<p><em>Die Toten .[\u2026] riefen: Von Gott wollen wir wissen, wo ist Gott? Ist Gott tot?<\/em><\/p>\n<p>Basilides antwortet ihnen: <em>Gott ist nicht tot, er ist so lebendig wie je<\/em>, und seine folgende Erl\u00e4uterung mag uns zun\u00e4chst erstaunen:<\/p>\n<p><em>Gott ist Creatur, denn er ist etwas Bestimmtes und darum vom Pleroma unterschieden. [\u2026] Er ist weniger unterschieden als die Creatur, denn der Grund seines Wesens ist wirksame F\u00fclle<\/em>, w\u00e4hrend das Wesen des Teufels <em>wirksame Leere<\/em> ist.<strong> <\/strong>Beide, Gott und Teufel, verdeutlichen die in Einheit lebenden Kr\u00e4fte im Pleroma.<\/p>\n<p>Wir Menschen, in denen das Pleroma zerrissen ist, nehmen das in ihm verbundene Paar als zwei gegeneinander wirkende Kr\u00e4fte wahr.<\/p>\n<p>Unsere Seele lebt in zwei Welten:<\/p>\n<p>Einerseits in einer raumzeitlich-physischen Natur, deren Zentrum das Ich-Bewusststein ist. Andererseits in einer seelisch-geistigen Natur: die Seele ist <em>das Pleroma selber<\/em> als <em>ein Teil des Ewigen und Unendlichen<\/em>. Da die Seele sich ihres Ursprungs jedoch nicht mehr bewusst ist, bildet sich ein gro\u00dfer unbewusster Raum in ihr, in dem das Pleroma und all seine Wirkkr\u00e4fte verborgen liegen. Sie k\u00f6nnen sich der suchenden Seele in Bildern und Symbolen mitteilen, die Jung <em>Archetypen<\/em> nennt.<\/p>\n<p>Archetypen sind f\u00fcr Jung Urformen der Wirkkr\u00e4fte des Pleroma, welche in der menschlichen Seele Bilder, Visionen, Tr\u00e4ume und Symbole erzeugen k\u00f6nnen, wie zum Beispiel das Gegensatzpaar Gott und Teufel, ein Bild, das in allen menschlichen Seelen latent anwesend ist. Infolgedessen bergen f\u00fcr Jung die geheimnisvollen Gestalten der Archetypen Sch\u00e4tze im kollektiven Unbewussten. <em>So w\u00fcrde die Creatur, aus ihrem Wesen der Unterschiedenheit heraus, sie immer wieder aus dem Pleroma heraus unterscheiden.<\/em><\/p>\n<p>Menschliches Leben findet in der Spannung zwischen zwei Gegens\u00e4tzen statt. Jung sagt: \u201eDas B\u00f6se bildet den dem Guten notwendigen Gegensatz, ohne den es auch kein Gutes g\u00e4be. Ersteres kann also auch nicht einmal weggedacht werden.\u201c <a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\" title=\"\">[1]<\/a><\/p>\n<p>Die in zwei Welten lebende Seele projiziert in die physische Welt, was sie innerlich psychisch erlebt. Ist sie selbst Sch\u00f6pferin dieser Gegens\u00e4tze?<\/p>\n<p>Diesem spannungsreichen Leben, das sich in einem bewussten und einem unbewussten Raum vollzieht, entspricht \u201eein anderes Prinzip als das der gew\u00f6hnlichen Kausalit\u00e4t\u201c.<\/p>\n<p>Jung bezeichnet dieses Prinzip als <em>Synchronizit\u00e4t<\/em>: es ist eine zeitliche Koinzidenz zweier oder mehrerer nicht kausal aufeinander bezogener Ereignisse, welche von gleichem oder \u00e4hnlichem Sinngehalt sind. Es handelt sich hier um die relative bzw. subjektive Gleichzeitigkeit einer Erfahrung. Der sinngebende Aspekt der Erfahrung, der Zusammenhang, liegt nicht im \u00e4u\u00dferen Ereignis, sondern in seinem Sinn, der ihm von der Seele gegeben wird. So kann zum Beispiel ein Archetyp gleichzeitig psychisch und in einem korrelierenden physischen Ereignis auftreten.<\/p>\n<p>Jung erz\u00e4hlt von einem solchen Ereignis: In dem Augenblick, in dem ihm eine Patientin von einem Traum erz\u00e4hlte, in dem sie einen Skarab\u00e4us (ein archetypisches Symbol f\u00fcr die Wiedergeburt) als Geschenk erhielt, stie\u00df ein gemeiner Rosenk\u00e4fer (ein \u00e4hnliches Insekt) leise gegen das Fenster.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\" title=\"\">[2]<\/a><\/p>\n<p>Haben die Gegens\u00e4tze K\u00f6rper und Bewusstsein bzw. Materie und Geist ihre Wurzeln in einem gleichen Grund?<\/p>\n<p>In dem spannungsreichen Konflikt zwischen \u00e4u\u00dferer und innerer Welt macht die Seele wertvolle Erfahrungen, lichte und schmerzlich dunkle. Sie sucht nach L\u00f6sungen und tritt in einen kreativen Dialog mit ihren eigenen inneren geistigen Kr\u00e4ften. W\u00e4hrend dieser Aktivit\u00e4t entfaltet sich ihr Individuationsprozess, der Weg zu ihrem letztendlichen wahren Selbst, das als Mittelpunkt ihres Lebens in ihrem Herzen liegt.<\/p>\n<p><strong>Abraxas ist der h\u00f6chste Gott (Sermo III)<\/strong><\/p>\n<p>Basilides lehrt die Christen am Ende von Sermo II: Abraxas ist ein Gott, den die Menschen verga\u00dfen. Er ist das Wirkende, das Gott und Teufel verbindet, er ist <em>ein Gott \u00fcber Gott, denn<\/em> er <em>vereinigt die F\u00fclle und die Leere in ihrer Wirkung. [\u2026] H\u00e4tte das Pleroma ein Wesen, so w\u00e4re der Abraxas seine Verdeutlichung<\/em><\/p>\n<p>Abraxas, der das Wirkende selbst ist, hat jedoch keine <em>bestimmte<\/em> Wirkung. Er ist <em>Wirkung \u00fcberhaupt.<\/em><\/p>\n<p><em>Er ist auch Kreatur, da er vom Pleroma unterschieden ist.<\/em><\/p>\n<p>Am Ende von Sermo II hei\u00dft es: <em>Hier erhoben die Toten gro\u00dfen Tumult, denn sie waren Christen.<\/em><\/p>\n<p>Ihr Gott ist ein allm\u00e4chtiger, alleiniger Herrscher, er duldet keinen Gott \u00fcber sich.<\/p>\n<p>Die Toten wollen jedoch weiter \u00fcber Abraxas belehrt werden, denn sie kamen heran <em>wie Nebel aus S\u00fcmpfen und riefen: Rede uns weiter \u00fcber den obersten Gott<\/em>. Basilides erkl\u00e4rt ihnen, dass Abraxas die ewige unendliche wirksame F\u00fclle des sich in dialektischen Gegens\u00e4tzen offenbarenden Lebens ist und zugleich sein Streben nach der urspr\u00fcnglichen Vereinigung.<\/p>\n<p>Abraxas ist f\u00fcr Basilides das oberste Urwesen und die h\u00f6chste gnostische Gottheit. Die sieben Buchstaben seines Namens verweisen auf seine Herrschaft \u00fcber die sieben Planeten und auf die sieben Wochentage, die zusammen numerisch (nach den Zahlenwerten des hebr\u00e4ischen Alphabets) die Zahl 365, also die Zahl der Tage eines Jahres bilden.<\/p>\n<p>Abraxas herrscht \u00fcber die Dauer und das ewig drehende Rad von Geburt und Tod.<\/p>\n<p><em>Er ist Kraft, Dauer, Wandel.<\/em><\/p>\n<p>Der Name Abraxas wird zum archetypischen Symbol f\u00fcr eine alles durchdringende befreiende Kraft des Seins, deren Licht den Sucher in Stufen wie auf einer Leiter nach oben zur Erkenntnis f\u00fchrt.<\/p>\n<p>Er ist auch der Archetypus der Ganzheit, der die spirituelle Kraft zur Verwandlung des Seins symbolisiert. Er befreit den nach Ganzheit strebenden Menschen aus der Bindung an Raum und Zeit und aus den Fesseln, welche die Seele an die gegens\u00e4tzlich wirkenden dualen Kr\u00e4fte des irdischen Daseins binden.<\/p>\n<p>Die Seele f\u00fchlt sich in der Regel machtlos diesen Kr\u00e4ften ausgeliefert und ger\u00e4t in einen ausweglosen inneren Konflikt, der ihre Energie aufbraucht.<\/p>\n<p>Im Symbol der Ganzheit des Abraxas liegt die m\u00f6gliche Verbindung der Gegens\u00e4tze: das alchemistische <em>Principium Coniunctio Oppositorum<\/em>.<\/p>\n<p>Innerpsychisch bedeutet dies, dass die sich nach Einheit und Ganzheit strebende Seele ihre innere spirituelle Dynamik aktiviert, welche im Punkt des Ausgleichs zwischen den Zweiheiten freigesetzt wird.<\/p>\n<p>Der Konflikt erweist sich somit als heilsam und sch\u00f6pferisch f\u00fcr das Wachstum der Seele. Der Individuationsprozess f\u00fchrt sie durch schmerzlich unbewusste R\u00e4ume. Mit Hilfe des freigesetzten Lichts kann die Seele daran gehen, die dunklen Schatten dieser R\u00e4ume und mit ihnen das einseitig rational geschulte Ich-Bewusstsein sowie das eigensinnige Ego zu verwandeln und zu integrieren. Jung sagt: \u201eDas Bestreben der Gnostiker [&#8230;] ist auf Individuation hin ausgerichtet, auf die Re-Integration des differenzierten und entfremdeten Bewusstseins mit dem Unbewussten.\u201c <a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\" title=\"\">[3]<\/a><\/p>\n<p>Das Symbol des Abraxas weist darauf hin, dass es au\u00dfer einem konflikthaften auch einen komplement\u00e4ren Dualismus gibt: au\u00dfer einem \u201eEntweder-oder\u201c ein \u201eBeides gilt\u201c.<\/p>\n<p><strong>Der Mensch steht zwischen zwei Unendlichkeiten (Sermo VII)<\/strong><\/p>\n<p>In der siebten Rede bitten die Toten: <em>&#8230; lehre uns vom Menschen,<\/em> und so wendet sich Basilides dem Menschen zu.<\/p>\n<p>Alle Bilder und archetypischen Symbole liegen in Wirklichkeit in der Psyche des Menschen selbst und werden von ihr auf einen scheinbar au\u00dfen liegenden Schirm projiziert. \u201eDas B\u00f6se au\u00dfer uns ist der untrennbare und identische Zwilling alles Unerw\u00fcnschten und B\u00f6sen in uns selbst.\u201c <a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\" title=\"\">[4]<\/a><\/p>\n<p>Wenn die menschliche Seele sich dieses Vorgangs bewusst wird, bedeutet das die Geburt ihres Bewusstseins aus dem Scho\u00dfe des gro\u00dfen inneren Raumes, der das Unbewusste genannt wird.<\/p>\n<p>Diese Bewusstwerdung geschieht parallel zu einer Umwandlung des ganzen Menschen. Auf dem Weg zur Selbstwerdung erfahren die dunklen Anteile \u2013 das entfremdete Ich und das eigensinnige Ego \u2013 eine Umwandlung. Jung sagt: \u201eErst wenn der Alchemist das <em>opus contra naturam,<\/em> das gro\u00dfe Werk gegen die Natur unternimmt, ver\u00e4ndern sich die Elemente wirklich\u201c \u2026 und der Mensch wird zum \u201elebendigen Stein der Weisen\u201c.<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\" title=\"\">[5]<\/a><\/p>\n<p>Basilides erkl\u00e4rt: <em>Der Mensch ist ein Tor<\/em> zwischen zwei R\u00e4umen, dem Makro- und dem Mikrokosmos. <em>Klein und nichtig ist der Mensch, schon habt ihr ihn im R\u00fccken, und wiederum seid ihr im unendlichen Raume, in der kleineren oder inneren Unendlichkeit<\/em>.<\/p>\n<p>Wenn diese beiden R\u00e4ume im Tor des Menschen zusammentreffen, vollzieht sich das besprochene Ph\u00e4nomen der Synchronizit\u00e4t.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Mensch auf dem Wege zu sich Selbst in diesen beiden Welten wandelt, begleitet ihn <em>in unermesslicher Entfernung [&#8230;] ein einziger Stern im Zenith<\/em>.<\/p>\n<p>Dieser Stern ist das w\u00e4hrend all der Erfahrungen in seiner Seele gewachsene pers\u00f6nliche Gottesbild (<em>Imago Dei<\/em>): <em>Dies ist der eine Gott dieses Einen, dies ist seine Welt, sein Pleroma, seine G\u00f6ttlichkeit.<\/em><\/p>\n<p><em>Das flammende Schauspiel des Abraxas<\/em> und alle \u00e4u\u00dferen Bilder verlieren ihre Macht \u00fcber das Bewusstsein und der Mensch wird dazu bereit, seinem inneren g\u00f6ttlichen Licht zu folgen. Er erkennt sein einzigartiges g\u00f6ttliches Selbst.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\" title=\"\">[1]<\/a> a.a.O., S. 90<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\" title=\"\">[2]<\/a> a.a.O., S. 213-215<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\" title=\"\">[3]<\/a> a.a. O., S. 119<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\" title=\"\">[4]<\/a> a.a.O., S. 210<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\" title=\"\">[5]<\/a> a.a.O., S. 211<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"author":920,"featured_media":15572,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110088],"tags_english_":[],"class_list":["post-92292","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-science-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/92292","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/920"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/15572"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=92292"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=92292"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=92292"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=92292"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}