{"id":92264,"date":"2021-11-15T12:17:29","date_gmt":"2021-11-15T12:17:29","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/logon_article\/britta-und-das-gespenst-der-sinnlosigkeit-teil-1\/"},"modified":"2024-11-01T21:10:45","modified_gmt":"2024-11-01T21:10:45","slug":"britta-und-das-gespenst-der-sinnlosigkeit-teil-1","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/britta-und-das-gespenst-der-sinnlosigkeit-teil-1\/","title":{"rendered":"Britta und das Gespenst der Sinnlosigkeit \u2013 Teil 1"},"content":{"rendered":"<p><iframe title=\"Spotify Embed: Britta und das Gespenst der Sinnlosigkeit\" style=\"border-radius: 12px\" width=\"100%\" height=\"152\" frameborder=\"0\" allowfullscreen allow=\"autoplay; clipboard-write; encrypted-media; fullscreen; picture-in-picture\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/open.spotify.com\/embed\/episode\/4ULJ0NVLD6pmmu54nx2Xau?si=pUDYLwR3SECrVWdp6lRwMw&amp;utm_source=oembed\"><\/iframe><\/p>\n<p>Ein M\u00e4dchen, 16 Jahre alt, h\u00fcbsch, beliebt, eine hervorragende, sehr erfolgreiche Sportlerin und gute Sch\u00fclerin, zwei Jahre vor dem Abitur, m\u00f6chte nicht mehr leben. Wir wollen sie Britta nennen.<\/p>\n<p>Sie forscht im Internet nach Methoden, aus dem Leben zu scheiden. Ein Freund, dem sie sich anvertraut, \u00fcberzeugt sie davon, sich in die geschlossene Station einer Kinder- und Jugendpsychiatrie aufnehmen zu lassen.<\/p>\n<p>Nach einem sechsw\u00f6chigen Aufenthalt wird sie entlassen und einige Monate sp\u00e4ter zur Nachbehandlung in einer Tagesklinik aufgenommen. Die ersten Wochen vergehen, und immer mehr wird in Gespr\u00e4chen deutlich, dass sie keinerlei Sinn im Leben sieht, nur eine Last. Diese Last, so ihre Meinung, w\u00fcrde mit zunehmendem Alter immer gr\u00f6\u00dfer werden. Sie fragt: \u201eWas bringt es, wenn ich noch 70 Jahre lebe und dann doch sterben muss? Dieses ganze lange Leben hat ja dann keinen Zweck gehabt.\u201c Nach Brittas \u00dcberlegungen ist deshalb ein m\u00f6glichst fr\u00fcher Tod dem vorzuziehen.<\/p>\n<p>Von dieser Haltung l\u00e4sst sie sich nicht abbringen. Kein Argument \u00fcberzeugt sie, dass das Leben doch einen Sinn haben und sie diesen irgendwann herausfinden k\u00f6nnte, wenn sie \u00e4lter sei. Tag f\u00fcr Tag erscheint sie, macht ihre Therapien, jedoch wirkt sie immer ersch\u00f6pfter, sie nimmt weniger Anteil an ihrer Umgebung, nimmt Bem\u00fchungen ihrer Mitpatientinnen, sie zu tr\u00f6sten, kaum mehr wahr.<\/p>\n<p>Bei einem Gespr\u00e4ch mit der Stations\u00e4rztin gibt sie zu, dass sie Tag und Nacht an Suizid denke und im Internet nach Methoden recherchiere. Einzig der Gedanke daran, ihren Eltern weh zu tun, halte sie noch davon ab, ihre Pl\u00e4ne umzusetzen. Nach ihren Worten w\u00e4re es f\u00fcr sie viel einfacher, wenn es eine offizielle Sterbehilfe g\u00e4be, f\u00fcr Lebensunwillige. Schlie\u00dflich habe niemand sie je gefragt, ob sie \u00fcberhaupt geboren werden wolle.<\/p>\n<p>Die \u00c4rztin bespricht mit Britta das weitere Vorgehen. Britta ist damit einverstanden, sich wieder in die besch\u00fctzende Station aufnehmen zu lassen. Sie wirkt entlastet, beinahe gel\u00f6st, nachdem dieser Beschluss gefallen ist.<\/p>\n<p><strong>Sie findet keine Antwort auf das Warum<\/strong><\/p>\n<p>Dieses eine Beispiel steht f\u00fcr viele Jugendliche, die trotz Erfolg in Schule und Freizeit, trotz eines stabilen Freundeskreises, trotz eines \u201enormalen\u201c Elternhauses, in Depressionen versinken. Die das Leben f\u00fcr nicht mehr lebenswert halten. Die keine Antwort auf das \u201eWarum\u201c finden.<\/p>\n<p>Ein neues Ph\u00e4nomen? Tritt es zudem geh\u00e4uft auf, seitdem durch Corona viele Kontaktm\u00f6glichkeiten f\u00fcr Jugendliche beschnitten wurden, seitdem sogar im Rahmen der Schule zeitweise nur noch Online-Treffen m\u00f6glich waren? Ein Blick in die Statistiken zeigt: Bereits vor Corona waren Depressionen bei Kindern und Jugendlichen stark im Anstieg begriffen. So verdoppelte sich deren Anzahl in Deutschland von 2009 bis 2019. Die Coronakrise bewirkte noch einmal eine Zunahme von Depressionen, besonders bei Jugendlichen, f\u00fcr die ja die \u201ePeergroup\u201c, der Freundeskreis, zum Austausch und f\u00fcr das Selbstwertgef\u00fchl essenziell sind.<\/p>\n<p>Selbst von zugewandten, engagierten Eltern lassen sich die physischen Kontakte zu den Freunden nicht gut ersetzen. Denn: Eine wichtige Lern-Aufgabe in der Pubert\u00e4t ist die allm\u00e4hliche Losl\u00f6sung vom Elternhaus. Die Natur leitet diese ein, indem sich die Jugendlichen zunehmend von den Eltern distanzieren. Gleichzeitig werden Gleichaltrige und ihre Meinung immer wichtiger. Der \u201eSpiegel des Au\u00dfen\u201c gewinnt an Bedeutung.<\/p>\n<p><strong>Soziales Miteinander vermittelt Sinnhaftigkeit<\/strong><\/p>\n<p>Soziales Miteinander, Austausch und Best\u00e4tigung wirken einer Depression entgegen. Sie wecken ein Gef\u00fchl der Verbundenheit, das Sinn, Geborgenheit und Resonanz, Selbstwirksamkeit vermittelt. Die Jugendlichen erleben Reaktionen; sie \u201ebewirken\u201c etwas nach au\u00dfen hin. Sie erleben sich nicht als passiv und hilflos, sondern als lebendig und \u201eerschaffend\u201c. Das alles vermittelt ihnen Sinnhaftigkeit und Erf\u00fcllung. Ihr Ich wird dadurch gest\u00e4rkt und f\u00fcr das Leben vorbereitet.<\/p>\n<p>Wie kann es sein, dass dieses grunds\u00e4tzlich positive Selbstgef\u00fchl einigen verwehrt bleibt? Wie am Beispiel von Britta zu sehen ist, sind sogar solche betroffen, denen scheinbar alles zufliegt.<\/p>\n<p><strong>Manche allerdings verlieren \u201esich\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Besonders gef\u00e4hrdet aber sind Jugendliche, die sich mit dem \u201eAu\u00dfen\u201c von vornherein schwer tun, die von Natur aus eher sch\u00fcchtern und wenig von sich selbst \u00fcberzeugt sind. Die Kontaktbeschr\u00e4nkungen geben ihnen legitime Gr\u00fcnde, sich zur\u00fcckzuziehen; allm\u00e4hlich \u201everlernen\u201c sie den Kontakt zu Gleichaltrigen.<\/p>\n<p>Ein weiterer Belastungsfaktor bei Jugendlichen ist die Labilit\u00e4t von Freundschaften in diesem Alter. Gerade in der Pubert\u00e4t zerbrechen oft langj\u00e4hrige Freundschaften, was die seelische Widerstandskraft schw\u00e4chen kann. Auch die k\u00f6rperlichen Ver\u00e4nderungen in dieser Zeit bewirken bei vielen Kindern und Jugendlichen eine vorher nicht gekannte Verunsicherung. Sie vergleichen sich oft mit \u201eperfekten\u201c Vorbildern aus den sozialen Medien und nehmen sich im Gegensatz dazu als unansehnlich wahr.<\/p>\n<p>Kommen mehrere dieser Umst\u00e4nde zusammen, k\u00f6nnen diese Jugendlichen allm\u00e4hlich weder ihrem K\u00f6rper noch ihrer Seele vertrauen; sie haben \u201esich\u201c buchst\u00e4blich verloren und werden immer einsamer.<\/p>\n<p>Es entsteht h\u00e4ufig ein sich selbst verst\u00e4rkender Kreislauf: Zunehmender R\u00fcckzug von den Freunden kann bewirken, dass sich diese seltener oder nicht mehr melden. Dadurch w\u00e4chst das Gef\u00fchl der Einsamkeit und Unvollkommenheit, das wiederum R\u00fcckzug zur Folge hat. Positive Erfahrungen bleiben aus, die Lebensfreude schwindet allm\u00e4hlich, bis hin zum Gef\u00fchl, das Leben nicht mehr ertragen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>So bewirkt auch Corona, dass mehr Jugendliche als sonst diesen Kipp-Punkt zur Depression erreichen. Eine tr\u00f6stliche, wirklich gute Nachricht lautet: Depressionen haben langfristig eine gute Prognose, auch bei Kindern und Jugendlichen.<\/p>\n<p>Dennoch ist eine Depression bei Kindern und Jugendlichen eine ernstzunehmende Lebenskrise. Sehr wichtig ist es deshalb, dass diese \u00fcberhaupt erkannt wird, und dass Warnsignale f\u00fcr Suizidalit\u00e4t ernst genommen werden, denn, auch das muss gesagt werden, der Suizid stellt nach einer \u00e4lteren Studie (2001) bei Jugendlichen die zweith\u00e4ufigste Todesursache dar (in Deutschland), nach dem Tod durch Unf\u00e4lle.<\/p>\n<p>In der sogenannten pr\u00e4suizidalen Phase entsteht bei den Betroffenen eine gedankliche und emotionale Einengung auf Suizid als einzige L\u00f6sung. F\u00fcr Bezugspersonen gilt es, solche Fr\u00fchanzeichen zu erkennen und trotz Abweisung immer wieder das Gespr\u00e4ch zu suchen. Notfalls muss gegen den Willen des Jugendlichen gehandelt werden, um ihn vor sich selbst zu sch\u00fctzen.<\/p>\n<p>(<a href=\"https:\/\/www.logon.media\/de\/britta-und-das-gespenst-der-sinnlosigkeit-teil-2\">Wird fortgesetzt in Teil 2)<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"author":920,"featured_media":15475,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110114],"tags_english_":[],"class_list":["post-92264","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-zeitgeist-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/92264","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/920"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/15475"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=92264"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=92264"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=92264"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=92264"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}