{"id":92015,"date":"2021-09-01T09:58:47","date_gmt":"2021-09-01T09:58:47","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/logon_article\/kabbala-das-grose-und-das-kleine-gesicht-der-gottheit-teil-1\/"},"modified":"2025-03-04T12:58:44","modified_gmt":"2025-03-04T12:58:44","slug":"kabbala-das-grose-und-das-kleine-gesicht-der-gottheit-teil-1","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/kabbala-das-grose-und-das-kleine-gesicht-der-gottheit-teil-1\/","title":{"rendered":"Kabbala: Das gro\u00dfe und das kleine Gesicht der Gottheit \u2013 Teil 1"},"content":{"rendered":"<p>Eine Geschichte aus dem <em>Sefer ha\u2013Bahir<\/em> (\u201eBuch des Lichts\u201c):<\/p>\n<p>Rabbi Rachumai erkl\u00e4rte seinen Sch\u00fclern, vor der Erschaffung des Universums sei bereits das Licht \u2013 die (die Wahrheit Gottes erkennende) Seele des Menschen \u2013 vorhanden gewesen. Seine Sch\u00fcler verstanden ihn nicht. Daraufhin fuhr der weise Rabbi fort: \u201eStellt euch vor, ein K\u00f6nig w\u00fcnscht sich von ganzem Herzen einen Sohn und entdeckt eines Tages eine wundersch\u00f6ne Krone. \u201aDiese soll f\u00fcr meinen Sohn sein\u2019 denkt er und verwahrt sie. \u2013 \u201aAber woher wei\u00dft du, K\u00f6nig, dass dein Sohn dieser Krone auch w\u00fcrdig ist?\u2019 wird er gefragt. Daraufhin antwortet der K\u00f6nig: \u201aPst! Ich habe mein Universum eigens so geschaffen \u2026\u2019\u201c <a id=\"_ftnref1\" title=\"\" href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p>\n<p>Diese kleine Geschichte enth\u00e4lt das Geheimnis der Sch\u00f6pfung, in das sich die Anh\u00e4nger der Kabbala, der Mystik des Judentums, versenken.<\/p>\n<p>Bereits in Gottes unendlicher Verborgenheit gab es das Licht seines Sohnes, des Urmenschen. Gott offenbart sich in seiner Sch\u00f6pfung in Gestalt seines Sohnes, den er zu ihrem Herrscher macht und dem er die Krone aufsetzt.<\/p>\n<p>\u201eSo haben wir denn im Herzen der Kabbala einen Mythos der g\u00f6ttlichen Einheit als Verbindung der Urm\u00e4chte allen Seins, der im Symbol vom Baum der zehn Sephiroth Gestalt annehmen wird.\u201c<a id=\"_ftnref2\" title=\"\" href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a><\/p>\n<p>Die symbolische Auffassung der Welt ist ein wesentlicher Aspekt der Kabbala. Sie bezieht sich auf ein uraltes tradiertes Wissen, in dessen Geheimnissen sich das innere Leben Gottes offenbart, das sich in der Welt widerspiegelt.<\/p>\n<p>Kabbala ist kein bestimmtes Denksystem, sondern ein Gesamtbegriff f\u00fcr sehr unterschiedliche Vorstellungen und Entwicklungen verschiedener Systeme. Das Wort trat erstmalig um etwa 1200 auf. In dieser Zeit wurden alte \u00dcberlieferungen durch neue Impulse erweitert. Sie entfalteten sich in Frankreich im <em>Sefer-ha Bahir<\/em> und fanden anschlie\u00dfend in Spanien im <em>Sohar<\/em>, dem \u201eBuch des Glanzes\u201c. ihren vollendeten Ausdruck.<\/p>\n<p><strong>Das Prinzip, das der Sch\u00f6pfung zugrunde liegt <\/strong><\/p>\n<p>Der verborgene Gott \u2013 <em>Ain Soph<\/em> \u2013, das Unendliche, offenbart sich als wirkende Gottheit in seiner Sch\u00f6pfung; er tritt zutage in seinem Sohn, dem Urmenschen <em>Adam Kadmon<\/em>.<\/p>\n<p>Es sind Bilder der elementaren Natur, Bilder des Mythos\u2019 vom Baum des Lebens, die in der Kabbala in Gestalt des <em>Adam Kadmon<\/em> erscheinen. Die \u00c4ste und Verzweigungen des Baumes stellen symbolisch die Einheit g\u00f6ttlichen Lebens in der Vielfalt der zehn Sephiroth dar.<\/p>\n<p><strong>Der Heilige Alte<\/strong>, <strong>das \u201egro\u00dfe Gesicht\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Die verborgene unendliche Gottheit ist das Mysterium der Mysterien und wird hebr\u00e4isch als <em>Ain Soph, <\/em>das unendliche Nichts, bezeichnet. Im <em>Sohar<\/em> erh\u00e4lt sie verschiedene Namen, die auf ihre entr\u00fcckte Transzendenz hinweisen: \u201eder Heilige Alte\u201c, auch \u201edas gro\u00dfe Gesicht\u201c genannt.<a id=\"_ftnref3\" title=\"\" href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a><\/p>\n<p>In dem Symbol des Heiligen Alten verbirgt sich das Problem der Dialektik des \u00dcbergangs vom Gestaltlosen zur Gestalt: das unendliche Nichts tritt als <em>Ehyeh <\/em>(Ich werde sein) aus seiner Verborgenheit heraus und erscheint als lebendiger Gott.<\/p>\n<p>Seine Gestalt umfasst auch das Nichts, bleibt also vom Gestaltlosen unl\u00f6sbar durchdrungen. Diese Einsicht ist f\u00fcr die Metaphysik der Kabbala entscheidend.<\/p>\n<p>\u201eDas Wissen um dieses Doppelspiel, diese Dialektik der Gestalt, ist f\u00fcr das Wissen des Kabbalisten charakteristisch,\u201c<a id=\"_ftnref4\" title=\"\" href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a><\/p>\n<p><strong>Der \u00dcbergang zur Gestalt<\/strong><\/p>\n<p>Als der Heilige Alte Gestalt annahm, sammelte sich all sein verborgenes Licht zu einem grenzenlosen Licht, zu <em>Ain Soph Aur<\/em>, das in einem weiteren Schritt in einem Brennpunkt zur ersten Sephira <em>Kether<\/em> zusammenfloss. Von <em>Kether<\/em> gehen alle weiteren Manifestationen und Emanationen der Sephiroth aus. Sie wird zu einem Brunnen, von dessen Quelle lebendes Wasser in den nach unten wachsenden Baum des Lebens flie\u00dft.<\/p>\n<p>Die Weltseele des Makrokosmos und die menschliche Seele entspringen beide dieser einen Quelle, ihre jeweiligen Entwicklungen laufen parallel und werden im Symbol vom Baum des Lebens als miteinander verflochten dargestellt.<\/p>\n<p><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\" size-full wp-image-65317\" title=\"\" src=\"http:\/\/logon.media\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/11-Sibylle_Bild-2-sauber-Baum-Anna_0.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"728\" srcset=\"https:\/\/logon.media\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/11-Sibylle_Bild-2-sauber-Baum-Anna_0.jpg 640w, https:\/\/logon.media\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/11-Sibylle_Bild-2-sauber-Baum-Anna_0-264x300.jpg 264w, https:\/\/logon.media\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/11-Sibylle_Bild-2-sauber-Baum-Anna_0-21x24.jpg 21w, https:\/\/logon.media\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/11-Sibylle_Bild-2-sauber-Baum-Anna_0-32x36.jpg 32w, https:\/\/logon.media\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/11-Sibylle_Bild-2-sauber-Baum-Anna_0-42x48.jpg 42w\" sizes=\"(max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Sephira <em>Kether<\/em> ist also die Krone und Wurzel aller sich im Folgenden manifestierenden Sephiroth.<\/p>\n<p>Das Wort <em>Sephira<\/em> kommt von griechischen <em>Sphaira<\/em>, Sph\u00e4re bzw. Himmelsk\u00f6rper, Planet. Die Mehrzahl <em>Sephiroth<\/em> bezieht sich auf die Urzahlen von 1 \u2013 10; es handelt sich also um die zehn Urpotenzen der Sch\u00f6pfung. Sie hei\u00dfen auch Gottes Intelligenzen (<em>Logoi<\/em>), denn jede einzelne Sephira verf\u00fcgt \u00fcber eine besondere Form von Intelligenz.<\/p>\n<p><strong>Der sch\u00f6pferisch wirkende Gott, \u201edas kleine Gesicht\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Ein \u00dcbergang zur zweiten Sephira findet statt, indem das grenzenlose Licht in einer Spiegelung seiner selbst seinen \u201eSohn\u201c offenbart: <em>Chockmah<\/em> (die Weisheit und die dynamische Kraft der Sch\u00f6pfung).<a id=\"_ftnref5\" title=\"\" href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a><\/p>\n<p><em>Chockmah<\/em> ist der sich in seiner Sch\u00f6pfung offenbarende Gott, der \u201edas kleine Gesicht\u201c genant wird und als gekr\u00f6nter K\u00f6nig die Sch\u00f6pferaktivit\u00e4t durchf\u00fchrt. Er ist der Menschensohn, der Urmensch: <em>Adam Kadmon.<\/em><\/p>\n<p><em>\u201e<\/em>Da kam mit den Wolken des Himmels einer wie ein Menschensohn. Er gelangte bis zu dem Hochbetagten und wurde vor ihn gef\u00fchrt. Ihm wurden Herrschaft, W\u00fcrde und K\u00f6nigtum gegeben\u201c (Daniel 7, 13-14).<\/p>\n<p><em>Chokmah<\/em> gibt den Impuls zur Erschaffung der weiteren Sephiroth, und sie bilden nach und nach zusammen einen Baum, der sich zu einem Ebenbild des K\u00f6nigs entwickelt.<\/p>\n<p>Das Wort Ebenbild bedeutet im Hebr\u00e4ischen auch \u00c4hnlichkeit, Modell und weist darauf hin, dass es sich hier um das innere Bild des geistigen Menschen handelt: des \u201eMenschensohns\u201c.<a id=\"_ftnref6\" title=\"\" href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a><\/p>\n<p>Von zwei Enden ausgehend, paaren sich die Sephiroth wie Glieder einer Kette stufenweise in Gegensatzpaare. Eine m\u00e4nnliche und eine weibliche Sephira stehen sich, jeweils polar auf zwei S\u00e4ulen aufgereiht, gegen\u00fcber. Die Stufen, die sie bilden, sind Stufen, aus denen Gottes Antlitz strahlt. Ihre Namen sind die Namen, unter denen Gott erscheint, und als Einheit offenbaren sie sein geheimes inneres Leben.<\/p>\n<p>Die beiden S\u00e4ulen sind auf der rechten Seite (aus makrokosmischer, objektiver Sicht) die S\u00e4ule der Barmherzigkeit und auf der linken Seite die S\u00e4ule der H\u00e4rte. Sie stellen den Baum der Erkenntnis dar, in dessen Mitte die S\u00e4ule des Gleichgewichts, der eigentliche Lebensbaum, steht. Als eine Einheit aus drei S\u00e4ulen bilden die Sephiroth \u201eden Baum des Lebens\u201c.<\/p>\n<p>In der S\u00e4ule des Ausgleichs, der Mittels\u00e4ule, h\u00e4ngt Sophia, die Kraft der universellen Harmonie, ihre Waage auf. Sie ist bestrebt, das Gleichgewicht zwischen den antagonistisch wirkenden m\u00e4nnlichen und weiblichen Kr\u00e4ften zu erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p>(<a href=\"https:\/\/www.logon.media\/de\/kabbala-das-grosse-und-das-kleine-gesicht-der-gottheit-teil-2\">wird fortgesetzt in Teil 2<\/a>)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<p><a id=\"_ftn1\" title=\"\" href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Sefer ha-Bahir \u00a712, zitiert nach Franjo Terhart, <em>Kabbala, Die j\u00fcdische Mystik<\/em>, S. 26, Paragon Books Ltd<\/p>\n<p><a id=\"_ftn2\" title=\"\" href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Gershom Scholem,<em> Zur Kabbala und ihrer Symbolik<\/em>, Z\u00fcrich 2013, S. 128<\/p>\n<p><a id=\"_ftn3\" title=\"\" href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Gershom Scholem, Von der mystischen Gestalt der Gottheit, Z\u00fcrich 1962, S. 42<\/p>\n<p><a id=\"_ftn4\" title=\"\" href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Ibid. S. 33\/34<\/p>\n<p><a id=\"_ftn5\" title=\"\" href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Jeff Love, <em>Die Quanteng\u00f6tter<\/em>, Hamburg 1994, S. 56<\/p>\n<p><a id=\"_ftn6\" title=\"\" href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Ibid. S. 72<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"author":920,"featured_media":14566,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110075],"tags_english_":[],"class_list":["post-92015","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-livingpast-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/92015","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/920"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/14566"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=92015"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=92015"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=92015"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=92015"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}