{"id":91940,"date":"2021-08-01T11:32:11","date_gmt":"2021-08-01T11:32:11","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/logon_article\/der-dreiklang-der-atmung\/"},"modified":"2021-08-01T11:32:11","modified_gmt":"2021-08-01T11:32:11","slug":"der-dreiklang-der-atmung","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/der-dreiklang-der-atmung\/","title":{"rendered":"Der Dreiklang der Atmung"},"content":{"rendered":"<p>Die Wahrnehmung und Beschreibung eines g\u00f6ttlichen Dreiklangs, einer Dreieinheit, zieht sich durch viele verschiedene religi\u00f6se Lehren, unabh\u00e4ngig von Kulturkreis und zeitlicher Epoche. Auch das vorliegende Heft nennt einige Beispiele einer solchen Dreieinheit des G\u00f6ttlichen. Doch wie ist es im Beispiel der bekannten Lehre der beiden allgegenw\u00e4rtigen Bewegungen des chinesischen Yin-Yang?<\/p>\n<p><strong>Yin-Yang<\/strong><\/p>\n<p>Wenn wir uns das bekannte Symbol des Yin-Yang, das Taijitu, vor Augen f\u00fchren, so scheint dieses Symbol zun\u00e4chst von einer Zweiheit gepr\u00e4gt zu sein, einer immerw\u00e4hrenden Polarit\u00e4t, die auch als Dualit\u00e4t oder Dialektik aufgefasst werden k\u00f6nnte. Das Yin steht dabei f\u00fcr die absteigende, zusammenziehende, schlie\u00dfende, passive Bewegung und wird in schwarz dargestellt. Das Yang steht f\u00fcr die aufsteigende, ausdehnende, \u00f6ffnende, aktive Bewegung und wird in wei\u00df dargestellt. Diese beiden Prinzipien von Bewegung k\u00f6nnen wir als Menschen in unserem t\u00e4glichen Leben und in der Natur zweifelsohne beobachten und wiedererkennen. So ist beispielsweise beim Blick \u00fcber das Meer ein aufsteigender Wellenkamm Ausdruck des Yang, eine einbrechende Welle, die auf den Strand aufl\u00e4uft und zusammenschl\u00e4gt, symbolisiert Yin. Doch wenn wir das Symbol des Taijitu tiefer betrachten, so erkennen wir, dass die Polarit\u00e4t der beiden Kr\u00e4fte Yin-Yang \u00e4u\u00dferst subtil von einem Dritten getragen wird, von einer ewigen Harmonie, einer heiligen Ordnung, dem Dao, welche die Polarit\u00e4t der Kr\u00e4fte des Yin-Yang in einer Dreieinheit tr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Ein Betrachter, der die Bewegungen des Yin-Yang in der Natur ohne Bewusstsein f\u00fcr das Dao betrachtet, erf\u00e4hrt einen ewigen Streit einer k\u00e4mpfenden Dualit\u00e4t im Au\u00dfen und im Innern und verliert sich in diesem Streit. Er kann dazu verleitet werden, diesem erfahrenen Streit entfliehen zu wollen. Doch das Fliehen-wollen ist in sich selbst die Bewegung des Streites. Wenn sich jedoch die Natur des Dao im Betrachter zu offenbaren beginnt, vermag er im Yin-Yang die Widerspiegelung einer heiligen Polarit\u00e4t wahrzunehmen, die in Dao eine ewige Dreieinheit bildet.<\/p>\n<p><strong>Dao<\/strong><\/p>\n<p>Doch was ist das Dao?<\/p>\n<p>Die gleiche Frage stellte jemand dem chinesischen Daoisten Liu Yiming (1734-1821)<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\" title=\"\">[1]<\/a>. Er sagte darauf:<\/p>\n<p><em>[\u2026] Wenn du es betrachten willst, so siehst du es nicht. Wenn du ihm zuh\u00f6ren willst, so h\u00f6rst du es nicht. Wenn du es fassen willst, so kannst du es nicht. Es umfasst und h\u00e4lt eingeh\u00fcllt die Himmel und die Erde und gibt Leben und n\u00e4hrt die zehntausend Dinge. Es ist so umfassend, dass nichts au\u00dferhalb von ihm ist, so klein, dass nichts innerhalb von ihm ist. [\u2026] Es hat keinen Namen, aber wenn man gezwungen ist, es zu benennen, wird es das Dao genannt. Wenn man es festlegen will, liegt man falsch, und wenn es diskutiert wird, so verliert man es. Es hat weder K\u00f6rper noch Bild. Es ist nicht Form noch Leere, es ist weder Sein noch Nicht-Sein. Wenn man ihm die Bilder der Formen oder der Leere zuordnet, von Sein und Nicht-Sein, ist es nicht das Dao.<\/em><\/p>\n<p>In welchem Zustand hinterl\u00e4sst uns diese Antwort?<\/p>\n<p>Wir lernen, dass Dao sich allem Wissen und aller Vorstellung entzieht. Wir lernen, dass das Denken Dao nicht erfassen kann und der Wille es nicht ber\u00fchren kann. Und doch durchwirkt es und ist der Grund der 10.000 Dinge. Es ist daher auch am Grund des Menschen.<\/p>\n<p>Nun k\u00f6nnte man sagen, all das sind sch\u00f6ne Konzepte, sch\u00f6ne Ideen, doch was hat das ganz praktisch mit mir zu tun? Ist darin eine Wahrheit, die der Mensch erfahren kann? Und wenn ja, was bedeutet sie?<\/p>\n<p><strong>Reines Gewahrsein<\/strong><\/p>\n<p>Um Dao am Grund der Bewegungen des Yin-Yang wahrzunehmen, ben\u00f6tigt es ein reines Schauen, ein reines Gewahrsein, das frei von dem sich zusammenziehenden Yin schaut, und frei von dem sich ausdehnenden Yang.<\/p>\n<p>In der Konzentration auf ein Bild, auf ein Mantra, auf ein Ideal oder auf eine Methode zum Beispiel sind wir gebunden im sich zusammenziehenden Yin. Im Projizieren von Vorstellungen und der Spekulation, ist der menschliche Geist hingegen gebunden in der Bewegung des sich ausdehnenden Yang. All das ist nicht Dao.<\/p>\n<p>Solange der menschliche Geist also in der Aktivit\u00e4t des Yin-Yang gebunden ist, kann er Dao nicht wahrnehmen. Wenn er aber sowohl die Bewegungen des Yin als auch die Bewegungen des Yang im Geiste urteilslos wahrnimmt, so steht er weder im Yin noch im Yang. Er ist selbst unbewegt und sinkt daher in dieser Ruhe zu seinem Grund, dem Dao.<\/p>\n<p>Ist es m\u00f6glich, dass alle Bewegung, innerlich und \u00e4u\u00dferlich, so in reines Gewahrsein m\u00fcnden? Lassen Sie uns diese Frage gemeinsam stellen. Ist es m\u00f6glich, dass da ein unbewegtes Gewahrsein aller Bewegungen des Denkens, Verlangens und des Wollens ist?<\/p>\n<p>Ein \u201eja\u201c, \u201enein\u201c, \u201evielleicht\u201c oder \u201eglaube ich nicht\u201c wird es nicht tun.<\/p>\n<p>Ein Geist, der fragt, aus dem Grund der Tatsache des Nicht-Wissens heraus, hat keine Richtung. Denn er wei\u00df ja nicht wohin. Er ist also unbewegt wie Dao und gleichzeitig empf\u00e4nglich. In dieser Unbewegtheit tr\u00e4gt die Frage Frucht, in Dao.<\/p>\n<p>Das reine Gewahrsein des inneren Zustandes der Orientierungslosigkeit, des \u201eNicht Wissen wohin\u201c, ist der Beginn des Endes der Orientierungslosigkeit. Das Ende von Orientierungslosigkeit liegt also nicht au\u00dferhalb von Orientierungslosigkeit. Es liegt im reinen Gewahrsein des inneren Zustandes von Orientierungslosigkeit.<\/p>\n<p>So will also die gesamte Bewegung des menschlichen Geistes wahrgenommen werden. Alle Bewegung des Versuchens, des Strebens, der Verzweiflung, des Ausrichtens, der Spekulation, aus der Hoffnungslosigkeit, aus der Orientierungslosigkeit, alle Bewegung, die ohne Dao verloren ist in der Polarit\u00e4t des Yin-Yang, will in diesem urteilslosen Schauen in Gleichheit wahrgenommen werden.<\/p>\n<p><strong>Der Dreiklang<\/strong><\/p>\n<p>Wenn es tats\u00e4chlich so wahrgenommen wird, so beginnt durch den menschlichen Geist hin immer tiefer und tiefer der unh\u00f6rbare Klang des Dao zu dringen. Dann erklingt im Menschen eine sich entfaltende bewusste Dreieinheit der g\u00f6ttlichen Bewegung, in welcher die alte, dissonante Bewegung des Yin-Yang in Dao endet und verwandelt wird. Dao kann dann mit, im und durch den dazu erwachten Menschen seine heilige Ordnung in aller Bewegung entfalten. Dies ist ein sch\u00f6pferisches Tun durch Nicht-Tun, das vor allem innerlich ist. Es wird im Daoismus auch <em>Wu Wei<\/em> genannt.<\/p>\n<p>Wenn wir das in Stille begonnen haben zu umfangen, so kann sich Dao auch in der Bewegung der Atmung offenbaren. Denn reines Gewahrsein umfasst jeden Aspekt des menschlichen Seins, auch die Atmung. Und so m\u00fcndet auch die nat\u00fcrliche Atmung in stilles Gewahrsein. Das aktive Prinzip <em>Yang<\/em> mit den Wirkungen \u201eaufsteigend, ausdehnend, \u00f6ffnend\u201c entspricht in der nat\u00fcrlichen Atmung dem Einatmen. <em>Yin<\/em> mit den Qualit\u00e4ten \u201eabsteigend, zusammenziehend, schlie\u00dfend\u201c entspricht dem Ausatmen. Wenn der nat\u00fcrliche Fluss der zweifachen Atmung in reines Gewahrsein m\u00fcndet, so zeigt sich auch darin ein Dreiklang \u2013 die Dreieinheit in Dao; der eigentliche Dreiklang der Atmung.<\/p>\n<p>So erkennen wir, dass keine Atemtechnik, keine Absicht, keine Kontrolle, keine Methode, je den Dreiklang der Atmung hervorbringen kann. Denn das Dao ist am Anfang. Es selbst n\u00e4hrt die 10.000 Dinge. Aus ihm selbst geht der nat\u00fcrliche Atem hervor. Das Dao herrscht \u00fcber alles. Es l\u00e4sst sich nicht beherrschen, es l\u00e4sst sich nicht fassen. Und doch ist es da; jenseits des Inhaltlichen, jenseits des Ideals, jenseits der Absicht, Jenseits der Bewegungen des Yin-Yang.<\/p>\n<p>Jede Absicht, sich auf den Atem richten zu wollen, um etwas Vermeintliches zu erreichen, will gleichfalls im reinen Gewahrsein geschaut werden, damit es in dieser streitlosen Stille in Ber\u00fchrung mit Dao enden kann.<\/p>\n<p>Wenn wir das f\u00fcr uns selbst ergr\u00fcnden, so sehen wir, dass es nicht nur der physische K\u00f6rper ist, der aus Dao den rechten Fluss des Atems erh\u00e4lt, sondern der gesamte Mensch, in seiner vollen ganzheitlichen Form erh\u00e4lt seinen Atem aus Dao.<\/p>\n<p>Der Dreiklang der Atmung in Dao resoniert mit dem Dreiklang des sogenannten <em>Pranava<\/em>, oder <em>\u201eOm\u201c<\/em>. Das Om, wie es in den indischen Upanishaden beschrieben wird, ist der h\u00f6here Dreiklang des Menschen, bestehend aus <em>Atman-Buddhi-Manas<\/em> <a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\" title=\"\">[2]<\/a>.<\/p>\n<p>Diese Dreieinheit des erwachenden, innerlichen Menschen umfasst Manas, welches mit <em>Bewusstsein<\/em> korrespondiert, Buddhi, welches mit reinem<em> Gewahrsein<\/em> korrespondiert, und Atman, welches mit der reinen, sch\u00f6pferischen <em>Geistkraft<\/em> korrespondiert.&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die neue Geburt<\/strong><\/p>\n<p>Der beginnende Dreiklang in Dao, dieser Einklang, ist also gleichzeitig ein beginnender Einklang in allen Dimensionen, in denen der Mensch seinem Wesen nach existiert. Es ist der Beginn eines Erbl\u00fchens in m\u00fcndiger Freiheit, dem ganzen Wesenskern nach. In der Stille des liebenden Gewahrseins von Herz und Haupt k\u00f6nnen wir f\u00fcr uns selbst herausfinden, ob in all dem Wahrheit ist oder nicht.<\/p>\n<p>Und so bleibt die Frage: Was ist die Stille des reinen Gewahrseins? Der Philosoph Jiddu Krishnamurti gibt darauf eine interessante Antwort in einem seiner Gespr\u00e4che mit dem Quantenphysiker David Bohm, indem er zun\u00e4chst die Position eines Suchenden einnimmt<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\" title=\"\">[3]<\/a>:<\/p>\n<p>Krishnamurti: <em>Eine Million Jahre an Erfahrung haben ein gewisses Verm\u00f6gen in mir hervorgebracht. Und ich stelle fest, am Ende des Ganzen, ist da keine Beziehung zwischen mir und Wahrheit. Richtig? [\u2026] Jene sagen also, \u201csei still\u201d. Also praktiziere ich Stille. Ich habe das f\u00fcr tausend Jahre getan und es hat mich nirgendwohin gef\u00fchrt\u2026 Es gibt also nur eine Sache, n\u00e4mlich zu entdecken, dass alles, was ich getan habe, nutzlos ist. Es ist alles Asche. Sehen Sie, das f\u00fchrt einen nicht in eine Depression. Das ist die Sch\u00f6nheit des Ganzen. Ich denke, es ist wie der Ph\u00f6nix.<\/em><\/p>\n<p>Bohm: <em>Sich erheben aus der Asche.<\/em><\/p>\n<p>Krishnamurti: <em>Geboren aus der Asche. [\u2026] Etwas vollkommen Neues wird geboren.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\" title=\"\">[1]<\/a> Liu Yiming, <em>Xiuzhen biannan<\/em> [Gespr\u00e4che \u00fcber das Hervorbringen der Realit\u00e4t], \u00fcbersetzt ins Deutsche durch den Autor auf der Basis der englischen \u00dcbersetzung von Fabrizio Pregadio.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\" title=\"\">[2]<\/a> Helena Petrovna Blavatsky, Band XII, Wheaton, IL, Theosophical Publishing House, 1980.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\" title=\"\">[3]<\/a> Dialog 5 zwischen Jiddu Krishnamurti und David Bohm, 1980, Ojai, Kalifornien, USA, aus der Dialogreihe \u201eDas Enden der Zeit\u201c.<\/p>\n","protected":false},"author":920,"featured_media":14211,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110101],"tags_english_":[],"class_list":["post-91940","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-spiritsoul-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/91940","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/920"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/14211"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=91940"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=91940"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=91940"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=91940"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}