{"id":91935,"date":"2021-08-01T10:47:59","date_gmt":"2021-08-01T10:47:59","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/logon_article\/der-heilige-gral-teil-2-2\/"},"modified":"2021-08-01T10:47:59","modified_gmt":"2021-08-01T10:47:59","slug":"der-heilige-gral-teil-2-2","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/der-heilige-gral-teil-2-2\/","title":{"rendered":"Der Heilige Gral &#8211; Teil 2"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;(Zu <a href=\"https:\/\/www.logon.media\/de\/der-heilige-gral-teil-1\">Teil 1<\/a>)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; <em>Die wilde Seite des Menschen<\/em><\/p>\n<p>Ein zentraler Satz des <em>Parzival<\/em> lautet in mittelhochdeutscher Sprache: &#8222;diu menscheit hat wilden art.&#8220;<a href=\"#_edn1\" name=\"_ednref1\" title=\"\">[i]<\/a> Dieser Satz ist umso bedeutungsvoller, da er mit dem Namen der Gralsburg korrespondiert, die Wolfram <em>Munsalvaesche<\/em><a href=\"#_edn2\" name=\"_ednref2\" title=\"\">[ii]<\/a> (Berg der Wildnis) nennt, oder an anderer Stelle auch <em>Wildenberc<\/em>.<a href=\"#_edn3\" name=\"_ednref3\" title=\"\">[iii]<\/a> Daran ankn\u00fcpfend wird in der Erz\u00e4hlung auf dem Brackenseil ein Herzog mit dem Namen &#8222;Ehcunaver von der wilden Blume&#8220; erw\u00e4hnt.<a href=\"#_edn4\" name=\"_ednref4\" title=\"\">[iv]<\/a> Diese wunderbare Wildblume ist der Schl\u00fcssel zum Gral. In ihrem wilden Bl\u00fctenkelch schimmert die ganze, unermessliche F\u00fclle der Sch\u00f6pfung. Es zeigt sich ein umw\u00e4lzender Bruch mit dem offiziellen christlichen Gottesbild. Der Gral erscheint nicht mehr im gesch\u00fctzten kirchlichen Weihebezirk, sondern in der nackten Ausgesetztheit an die innere Wildnis. Die Morgenr\u00f6te des Grals geht in der Wildnis der Seele auf \u2013 oder sie geht nicht auf. Demgem\u00e4\u00df nennt Rudolf Steiner den Gral &#8222;das tiefste Innere der menschlichen Natur&#8220; oder auch den &#8222;Schatz der Seele&#8220;.<a href=\"#_edn5\" name=\"_ednref5\" title=\"\">[v]<\/a> Und dieser Schatz der Seele wird entz\u00fcndet und erweckt durch die Liebe. Durch die Liebe, die selbst ein Wildes ist und daher das Herz in die Wildnis ruft.<a href=\"#_edn6\" name=\"_ednref6\" title=\"\">[vi]<\/a> Und wenn Gott \u2013 wie es in zahlreichen spirituellen Str\u00f6mungen hei\u00dft \u2013 nichts als die Liebe ist, dann ist er eben kein reglementierender Gesetzesgott, sondern ganz unweigerlich ein wilder Gott voll ungez\u00e4hmter Lebenskraft, dessen Liebe sprie\u00dft und \u00fcberquillt wie das Gr\u00fcn der Erde.<\/p>\n<p><strong>Das Weibliche \u2013 heilig und nat\u00fcrlich<\/strong><\/p>\n<p>Ein weiterer Verst\u00e4ndnisschl\u00fcssel liegt in dem nahezu zeitgleich auftretenden Ideal der h\u00f6fischen Liebe mit dem des Marienkults. In den Geschichten rund um den Heiligen Gral wird die Frau einerseits als teuflisches Gesch\u00f6pf, das zur S\u00fcnde verf\u00fchrt, gef\u00fcrchtet, aber zugleich wird sie als holde Jungfrau emporgehoben und wie eine heilige Reliquie verehrt. Die geliebte Jungfrau wird dem Ritter zum Gral des Herzens. Analog dazu wird der Gralskult in vielen Erz\u00e4hlungen zu Ehren Marias vollzogen.<a href=\"#_edn7\" name=\"_ednref7\" title=\"\">[vii]<\/a> Die Troubadoure nennen Maria gar den Gral der Welt. Der Gral korrespondiert dann folglich mit dem weiblichen Scho\u00df, und auch der urspr\u00fcngliche keltische Kessel hatte bereits auf die weiblichen Mysterien verwiesen. Der unl\u00f6sbare mittelalterliche Konflikt bestand gleichwohl darin, dass Maria im Christentum unbefleckte Himmelsk\u00f6nigin ist, die ihr Kind in Reinheit empfangen hatte. Im Heidentum war die G\u00f6ttin hingegen auch fruchtbare Erdk\u00f6nigin, die keine Scheu empfand sich mit allen Sinnen auf das Diesseits einzulassen. Diese <em>Frau Minne<\/em>, die heilige Mutter Erde, die <em>Sovereignty of the Land<\/em> \u2013 oder auf der inneren Ebene die Seele, <em>Anima<\/em> und <em>Muse<\/em> \u2013 sie ist durch die lange w\u00e4hrende Herrschaft des Patriarchats und des Logos in Vergessenheit geraten. Die Gralsdichter mussten also die Nachtseite hervorkehren und den R\u00fcckweg zur Wildnis im Menschen suchen, um so auch die verschollene G\u00f6ttin wiederzufinden. Oder, wie Aniela Jaff\u00e9, eine Sch\u00fclerin C.G. Jungs, es auf den Punkt bringt: \u201eErst wenn die Entfremdung des Eros vom sakralen Bereich \u00fcberwunden ist, kann sich der Mensch in seiner Ganzheit und Einheit entfalten.&#8220;<a href=\"#_edn8\" name=\"_ednref8\" title=\"\">[viii]<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; <em>Maria Magdalena war die Gef\u00e4hrtin von Jesus<\/em><\/p>\n<p>In diese Richtung deuten auch mehrere gnostische Evangelien, wenn sie Maria Magdalena zur intimen Gef\u00e4hrtin von Jesus erkl\u00e4ren. Ist es da noch verwunderlich, wenn Lancelot, Schionatulander und Sigune vom Gralsweg abkommen und alles dem Minneweg opfern? Ja, sind nicht Gralsweg und Minneweg in Wahrheit eins? In der Kabbala und auch in einigen alchemistischen Traktaten wird erz\u00e4hlt, dass die weibliche Seite Gottes mit den Gesch\u00f6pfen ins Exil auf die Erde gegangen ist. Dadurch aber lebt und webt ein g\u00f6ttlicher Teil bis hinein in die Natur.<\/p>\n<p><strong>Die Suche nach dem Gral \u2013 ein Weg der Ganzwerdung<\/strong><\/p>\n<p>So entpuppt sich die Suche nach dem Gral als ein Weg der Einheit und Ganzwerdung, der die Wunde der unvereinbar scheinenden Gegens\u00e4tze heilen will. Die geistige Verwandlung des inneren Menschen wird sich auch auf die \u00e4u\u00dfere Natur belebend und verwandelnd auswirken. Besonders in heutiger Zeit inmitten der Klimakrise und der sich h\u00e4ufenden Naturkatastrophen r\u00fcckt die bedrohte Erde wieder in den Mittelpunkt unserer Betrachtung. Die \u00d6kobewegung macht sich f\u00fcr den Klima- und Umweltschutz stark, f\u00fcr eine artgerechte Tierhaltung und die Schonung der Ressourcen. Doch was ist mit der <em>inneren<\/em> Gr\u00fcnkraft? Muss das lebensfrische Gr\u00fcn in uns nicht ebenso geschont werden, wie das sprossende Gr\u00fcn der Erde? Wieso nicht auch f\u00fcr die aus dem Gleichgewicht geratene Atmosph\u00e4re der inneren Kreisl\u00e4ufe seine Stimme erheben? Ist der verborgen leidende Teil in uns keinen Aufschrei wert? Nicht nur der \u201egeheimnisvolle Weg&#8220; f\u00fchrt nach Innen, wie Novalis sagt, im Innern ereignet sich auch die \u00fcbersehene Naturkatastrophe, von der die \u00e4u\u00dfere ein spiegelbildlicher Abglanz ist.<\/p>\n<p>W\u00e4re die innere Natur noch intakt, dann w\u00e4re es ganz nat\u00fcrlich, mit der \u00e4u\u00dferen in Einklang zu leben. Doch das innere \u00d6kosystem ist l\u00e4ngst zusammengebrochen, die Zauberw\u00e4lder abgeholzt, die Meere der Wassernixen vergiftet, die Feenquellen ausgetrocknet, die Traumpfade versch\u00fcttet, die Schicksalsf\u00e4den der Moiren zerschnitten, ohne dass von offizieller Seite aus irgendetwas unternommen w\u00fcrde, um der Zerst\u00f6rung entgegenzuwirken. Daher ist es von unsch\u00e4tzbarem Wert, voller Hingabe dem Gralsweg zu folgen, der uns offenbaren kann, wie notwendig es ist, die Sch\u00e4tze der Seele ebenso zu schonen wie die Sch\u00e4tze der Erde. Im Kern ist es ein und derselbe Schatz, der hier wie dort vom g\u00f6ttlichen Geist durchleuchtet wird. Es liegt an uns, an unserem Mut, die Gegensatzspannung zu umarmen und dieses einheitsstiftende Geisteslicht aufs Neue zu entz\u00fcnden. Im wilden Bl\u00fctenkelch des Grals, im Scho\u00df der G\u00f6ttin, in der Gr\u00fcnkraft der Seele, ist Raum f\u00fcr alles. Nichts ist ausgeschlossen, jeder ist eingeladen zur Verwandlung und Neugeburt, jeder aufgerufen zu Lebendigkeit und Freude. Und so wird denn die Gralsburg auch &#8222;Castle of Joy&#8220; und &#8222;Castle of Souls&#8220; genannt.<a href=\"#_edn9\" name=\"_ednref9\" title=\"\">[ix]<\/a> Die Freude kann sich entfalten, wenn die Seele wieder in der Wildnis spielen darf, wenn sie lieben darf, die Gesch\u00f6pfe genauso innig wie den Sch\u00f6pfer, alles Nat\u00fcrliche genauso beherzt wie den Geist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"#_ednref1\" name=\"_edn1\" title=\"\">[i]<\/a> Wolfram von Eschenbach, <em>Parzival<\/em>, Buch 9: 489, 5<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref2\" name=\"_edn2\" title=\"\">[ii]<\/a> z.B. <em>Parzival<\/em>, Buch 5: 251, 1ff. &amp; Buch 9: 441, 13<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref3\" name=\"_edn3\" title=\"\">[iii]<\/a> <em>Parzival,<\/em> Buch 5: 230, 13<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref4\" name=\"_edn4\" title=\"\">[iv]<\/a> <em>Titurel<\/em>, Vers 157 (Ehcunat von Salvasch Florien)<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref5\" name=\"_edn5\" title=\"\">[v]<\/a> Rudolf Steiner, <em>Die Weltr\u00e4tsel und die Anthroposophie<\/em> (GA 54), S.437f.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref6\" name=\"_edn6\" title=\"\">[vi]<\/a> Von diesem Geheimnis der Minne dichtet Walther von der Vogelweide: <em>\u201e<\/em><em>Diu minne ist weder man noch wip, si hat noch sele noch den lip, si gelichet sich dekeinem bilde. ir nam ist kunt, si selbe ist aber wilde.&#8220; <\/em>(L 81, 31 C 289)<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref7\" name=\"_edn7\" title=\"\">[vii]<\/a> z.B. im Prosa-Lancelot: <em>Perlesvaus<\/em>, <em>Le Morte d&#8217;Arthur<\/em><\/p>\n<p><a href=\"#_ednref8\" name=\"_edn8\" title=\"\">[viii]<\/a> Aniela Jaff\u00e9, <em>Der Mythus vom Sinn im Werk von C.G. Jung<\/em>, Daimon Verlag, Z\u00fcrich 1983, S.148<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref9\" name=\"_edn9\" title=\"\">[ix]<\/a> Nigel Bryant (\u00dcbersetzer), <em>The High Book of the Grail (Perlesvaus)<\/em>, D.S. Brewer, Cambridge 2007, S.196<\/p>\n","protected":false},"author":920,"featured_media":14197,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110075],"tags_english_":[],"class_list":["post-91935","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-livingpast-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/91935","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/920"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/14197"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=91935"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=91935"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=91935"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=91935"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}