{"id":91828,"date":"2021-05-21T16:15:52","date_gmt":"2021-05-21T16:15:52","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/logon_article\/der-mythos-als-zugang-zur-welt-teil-2\/"},"modified":"2021-05-21T16:15:52","modified_gmt":"2021-05-21T16:15:52","slug":"der-mythos-als-zugang-zur-welt-teil-2","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/der-mythos-als-zugang-zur-welt-teil-2\/","title":{"rendered":"Der Mythos als Zugang zur Welt \u2013 Teil 2"},"content":{"rendered":"<p>Nach <a href=\"https:\/\/www.logon.media\/de\/der-mythos-als-zugang-zur-welt-teil-1\">Teil 1<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die Suche nach der verlorenen Einheit<\/strong><\/p>\n<p>Globalisierung, neoliberale Ausbeutung, Umweltzerst\u00f6rung, Artensterben, Klimawandel, Menschen auf der Flucht, Furcht vor kultureller \u00dcberfremdung, Verfall tradierter Werte und jetzt die Pandemie mit den damit verbundenen Auswirkungen auf unser Leben \u2013 dies ist keine Kausalkette, auch kein Kreislauf, sondern eine systemische Vernetzung von Symptomen eines kranken Systems, die im Einzelnen das Gef\u00fchl von blinder Angst und Ohnmacht ausl\u00f6sen kann. Eine ethische Anleitung durch die Religion findet kaum mehr statt; die Kirche als Institution pr\u00e4sentiert sich als ewig gestrig und schweigt. Stattdessen haben wir als einzig noch intakte Instanz \u201edie Wissenschaft\u201c. Ungeachtet akademischer Falsifizierung wurde sie immer mehr zum dogmatischen Verk\u00fcnder der Wahrheit. Wer die offizielle Lehrmeinung hinterfragt \u2013 genau die T\u00e4tigkeit, die das Wesen der freien Forschung sein sollte \u2013 wird ausgeschlossen.<\/p>\n<p>Erst jetzt erkennen wir, dass der Mythos im <em>Wilden Denken<\/em> der indigenen V\u00f6lker eben nicht ein minderwertiges, pr\u00e4-logisches Weltverst\u00e4ndnis war, sondern ein <em>anderes<\/em>. In Verbundenheit zu den Ahnen, dem Verst\u00e4ndnis f\u00fcr eine Anderswelt und mit wissenschaftlichen Ger\u00e4ten (noch) nicht messbaren Kr\u00e4ften, wird die gegenseitige Abh\u00e4ngigkeit des Menschen zu seiner Umwelt intuitiv erkannt. Damit verbunden ist ein nachhaltiges, emphatisches, achtsam vorausschauendes Handeln, welches den Einzelnen in Verantwortung f\u00fcr zuk\u00fcnftige Generationen einbindet. All das steht unserer jetzigen Situation diametral entgegen. Wir haben es zugelassen, dass unsere Politik und \u00d6konomie so etwas wie ein Gesetz eines nicht endenden Wirtschaftswachstums propagieren. Weiter kann man sich nicht mehr von dem entfernen, was der Mythos einmal war: kollektive Weisheit und Erkenntnis, die in einer ewigen Geschichte weitergegeben wurde.<\/p>\n<p><strong>Der Weg des Helden<\/strong><\/p>\n<p>Stattdessen leben die G\u00f6tter, die C.G. Jung als Archetypen in uns betrachtete, die Walter F. Otto jedoch als real erfahrene Wirkm\u00e4chte verstand, im Monomythos als Superhelden durch Verfilmungen fort \u2013 und zwar weltweit. Die Identifikation mit dem Helden und seinen Werten (Freundschaft, Toleranz, Vergebung, Caritas) geschieht individuell, er\u00f6ffnet jedoch auch die M\u00f6glichkeit f\u00fcr gemeinschaftliches interkulturelles Handeln. Der Mythos ist in seinen Grundaussagen selbst interkulturell. Er erm\u00f6glicht Inklusion.<\/p>\n<p>Der <em>Weg des Helden<\/em> ist der Weg des Menschen, der aus den bisherigen Lebensmustern ausbricht, um eine bedeutsame Tat zu vollbringen. Er muss schwierige Pr\u00fcfungen durchleben, durch die sich ihm die Augen f\u00fcr die Abgr\u00fcnde und H\u00f6hen des eigenen Wesens und des Lebens insgesamt \u00f6ffnen. Seine Abenteuer bedeuten <em>Einweihungen<\/em>, bei denen das Ewige und Unzerst\u00f6rbare in ihm aufleuchtet. Die Gestalten und Geschehnisse im Mythos symbolisieren Aspekte des menschlichen Innern, die durchlebt werden wollen. Die Folge ist eine innere Verwandlung, eine Reifung, durch die sich das Lebensverhalten insgesamt \u00e4ndert. Der Held kehrt zur\u00fcck in das menschliche Miteinander, um seine Aufgabe nun auf neue Weise zu erkennen und zu erf\u00fcllen. Die Botschaften des Mythos wollen den Einzelnen also in der Tiefe ber\u00fchren und zu einem Weg veranlassen. Heute werden sie jedoch vom reinen Entertainment verdeckt. Der schnelle Kick des Bombast-Kinos ist einzig auf Kommerz ausgerichtet. Laut und schnell ist unsere Welt, die Informationsflut \u00fcberfordert uns \u2013 nun kommt die Angst vor einem unsichtbaren Feind hinzu. Der Abgrund einer perfekten Verblendung hat sich vor uns ge\u00f6ffnet.<\/p>\n<p>Die Menschheit als Ganzes ist aus der Balance geraten. Wenn wir das <em>Sowohl-als-auch<\/em> des Mythos nicht zulassen, werden wir nicht \u00fcberleben. Der Mensch ben\u00f6tigt beide Perspektiven auf die Welt \u2013 die Ratio der Aufkl\u00e4rung genauso wie das Geheimnis in der Mystik. Mythos und Logos m\u00fcssen den Ausgleich finden, damit wir zu unserer Mitte gelangen! Wir ben\u00f6tigen einen neuen Zugang zur Sinnfrage: Woher kommen wir? Wozu sind wir hier auf der Erde?<\/p>\n<p><strong>Schritte im Paradigmenwechsel<\/strong><\/p>\n<p>Seit den Achtzigerjahren wird ein Paradigmenwechsel beschworen. Er muss, so schrieben damals u.a. Fritjof Capra, Rupert Sheldrake, Marilyn Ferguson, Hans-Peter D\u00fcrr oder Ken Wilber, \u00fcberall gleichzeitig passieren. Ein kollektiver Bewusstseins-Sprung. Nun bricht diese Ver\u00e4nderung auch in unseren Alltag so \u00fcberdeutlich herein, dass wir uns ihr nicht l\u00e4nger davor verschlie\u00dfen k\u00f6nnen. Dabei vermag uns der Mythos zu leiten und starke Wurzeln zu geben auf der Suche nach der eigenen Identit\u00e4t.<\/p>\n<p>Der erste Schritt w\u00e4re eine <em>R\u00fcckbesinnung<\/em> auf das, was wir stets suchen und brauchen: Entschleunigung und Achtsamkeit. Auf dieser Basis k\u00f6nnen wir die Schritte, die der Mythos uns abverlangt, nachvollziehen. Er ist die essenzielle Erm\u00f6glichung einer Pers\u00f6nlichkeitsentwicklung, die sich vom Hedonismus und Narzissmus des \u00fcberh\u00f6hten Ego abwendet. Wir sind G\u00e4ste auf der Erde, gemeinsam mit allen anderen Lebewesen. Die archetypischen Motive des Mythos k\u00f6nnen eine umfassende Gemeinsamkeit vor unserem inneren Auge aufleuchten lassen. Wir k\u00f6nnen eine Tragkraft erleben, die man als kosmische Liebe bezeichnen kann, als Kraft des gro\u00dfen Zusammenhangs aller Dinge. Ihr k\u00f6nnen wir in uns Raum geben.<\/p>\n<p>Der zweite Schritt w\u00e4re eine <em>Einbindung<\/em> des eigenen Rituals in den Alltag. Integrale Spiritualit\u00e4t und Mystik werden die Religionen abl\u00f6sen. Es geht, so Andreas Mang, bei einem Wiederfinden des Mythos nicht darum, an alte G\u00f6tter zu glauben, sondern eher um die Vergegenw\u00e4rtigung von kosmischen Prinzipien, die man als Entit\u00e4ten verehren kann. Um den Zugang zum Mythos wiederzufinden, bedarf es der Spiritualit\u00e4t, die dort beginnt, wo der Mensch erkennt, dass er in seiner bisherigen Welt nicht wirklich zu Hause ist. Er beginnt, das Metaphysische zu ergr\u00fcnden und entwickelt Empathie fu\u0308r die Zusammenh\u00e4nge im Kosmos und das eigene Eingebundensein ins Ganze. So ist der Mythos, zum Beispiel in der Heldenreise, das Erkennen des Eigenen, welches uns stets auch im Gegenu\u0308ber begegnet (sanskr. <em>Tat Tvam Asi<\/em> \u2013 <em>Das bist du)<\/em>.<\/p>\n<p>Der dritte Schritt w\u00e4re eine <em>Neuausrichtung<\/em> des individuellen und gemeinschaftlichen Lebensmodells. Wir selber erschaffen unsere Realit\u00e4t mit jedem Gedanken, jedem Wort, mit jeder Handlung. Es geht um die Frage, wie ich ein wahrhaftiges, authentisches Leben f\u00fchre in einer Welt, die immer technokratischer wird und \u00dcberwachungs-Dystopien von heilsversprechenden Transhumanisten immer wahrscheinlicher werden l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Wie die Kindheit, so stellt Christoph Jamme fest, ist der Mythos stets pr\u00e4sent \u2013 in der Weise, in der wir mit ihm umgehen. Begreifen wir ihn als Chance in der Krise! Es liegt an jedem Einzelnen. Wir k\u00f6nnen ihn in uns fl\u00fcstern h\u00f6ren, sp\u00fcren ihn um uns herum. Der rationale Logos bringt uns nur bis zu einem bestimmten Punkt \u2013 der Mythos jedoch schafft uns erst den Zugang zur Fantasie und inneren Schau, ohne die Kreativit\u00e4t und Out-of-the-Box-Denken nicht m\u00f6glich w\u00e4ren. Ihn als Zugang zur Welt wiederzuentdecken, erm\u00f6glicht uns eine Zukunft, die sich lebenswert nennen darf.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Axel Voss<\/em><\/p>\n<p><em>studierte Kunstgeschichte und Kommunikationsdesign in Florenz sowie Erwachsenenbildung in Kaiserslautern. Als Dozent, Referent und Seminarleiter faszinieren ihn die kulturhistorischen Hintergru\u0308nde des Mythos und des Symbols. Seine Themenschwerpunkte sind u.a. Symbolforschung, vergleichende Mythologie und Religionswissenschaft, hier besonders Sakralsymbolik, antike Mysterien und der Topos des Heiligen.&nbsp; Er ist in der Erwachsenenbildung t\u00e4tig.<\/em><\/p>\n<p><em>www.symbology.de<\/em><\/p>\n<p><em>www.mrt-essen.de<\/em><\/p>\n<p><em>www.symbolforschung.org<\/em><\/p>\n<p><strong>Literaturempfehlungen:<\/strong><\/p>\n<p>Karen Armstrong, <em>Eine kurze Geschichte des Mythos, <\/em>Berlin Verlag, 2004<\/p>\n<p>Joseph Campbell, <em>Das bist du, <\/em>Ansata Verlag, 2002<\/p>\n<p>R\u00fcdiger S\u00fcnner, <em>Wildes Denken: Europa im Dialog mit spirituellen Kulturen der Welt, <\/em>Europa Verlag, 2020<\/p>\n<p>Andreas Mang, <em>Aufgekl\u00e4rtes Heidentum: \ufeff\u2013 Philosophien \u2013 Konzepte \u2013 Vorstellungen, <\/em>Edition Roter Drache, 2014<\/p>\n<p>Andreas Weber, <em>Alles f\u00fchlt: Mensch, Natur und die Revolution der Lebenswissenschaften, <\/em>thinkOya Verlag, 2007<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"author":920,"featured_media":13704,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110114],"tags_english_":[],"class_list":["post-91828","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-zeitgeist-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/91828","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/920"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/13704"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=91828"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=91828"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=91828"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=91828"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}