{"id":91823,"date":"2021-05-21T16:00:59","date_gmt":"2021-05-21T16:00:59","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/logon_article\/der-mythos-als-zugang-zur-welt-teil-1\/"},"modified":"2021-05-21T16:00:59","modified_gmt":"2021-05-21T16:00:59","slug":"der-mythos-als-zugang-zur-welt-teil-1","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/der-mythos-als-zugang-zur-welt-teil-1\/","title":{"rendered":"Der Mythos als Zugang zur Welt \u2013 Teil 1"},"content":{"rendered":"<p><strong>Eine geheimnisvolle Ordnung<\/strong><\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Betrachtung der Fixsterne und den regelm\u00e4\u00dfigen Bewegungen der Planeten (dt. <em>Wanderer<\/em>) erkannte man eine geheimnisvolle Ordnung (griech. <em>Kosmos<\/em>). Die schamanischen Geschichtenerz\u00e4hler sahen die Ursache f\u00fcr die Geschehnisse des Lebens im Wirken von h\u00f6heren Wesen bzw. Schicksalsm\u00e4chten. Der Mythos gab Orientierung (<em>Orient<\/em> von <em>lat. sol oriens<\/em> = dort, wo sich die Sonne erhebt und das Licht wiederkehrt) in einer feindlichen und chaotischen Welt. Er erkl\u00e4rte (erleuchtete) die <em>Ewigen Fragen<\/em> nach unserer Herkunft, dem Sinn des Lebens, der richtigen Lebensweise und dem Geheimnis des Todes. Der Mythos war unmittelbar mit dem Ritus verbunden und omnipr\u00e4sent, da die G\u00f6tter unter den Menschen waren. Diese Weltwahrnehmung, dieses Eingebundensein in ein gro\u00dfes Ganzes k\u00f6nnen wir heute nicht mehr nachvollziehen, sondern nur noch erahnen. In der Deutung der Romantiker zeugt das <em>Schauen<\/em> von einer kontemplativen Sinneserfahrung, die unmittelbar mit dem <em>Numinosen<\/em> verbunden war \u2013 die Wirkm\u00e4chtigkeit des Mythos.<\/p>\n<p>Was den Mythos grundlegend von anderen Erkenntnismodellen unterscheidet, sind seine vielf\u00e4ltigen sowohl individuellen als auch kollektiven Funktionen. Dabei wird er immer emotional, meist unbewusst aufgenommen. Unwiderstehlich ist f\u00fcr uns, dass der Mythos auf unser verstandesm\u00e4\u00dfiges Begreifen verzichtet. Wir k\u00f6nnen sp\u00fcren, dass alles Sinn ergibt, auch wenn er uns nicht verst\u00e4ndlich ist. Dieses Gef\u00fchl best\u00e4rkt, st\u00fctzt und bejaht, bietet einer Gemeinschaft Halt und vermittelt gleichzeitig dem Individuum Identit\u00e4t.<\/p>\n<p><strong>Die vier Funktionen des Mythos<\/strong><\/p>\n<p>Der Mythos erf\u00fcllte seit Jahrtausenden folgende vier Funktionen:<\/p>\n<p>Er vermittelt <em>soziologisch<\/em> eine ethische Ordnung im sozialen Miteinander einer Gemeinschaft. Regeln des Zusammenlebens werden mit mythologischem Hintergrund erkl\u00e4rt (\u00e4u\u00dfere Wahrnehmung).<\/p>\n<p>Er schafft <em>psychologisch<\/em> Orientierung und Sinn in den Krisen, \u00dcbergangsphasen und Wandlungszeiten. Er hilft bei deren individueller Bew\u00e4ltigung (innere Wahrnehmung und deren Ausdruck).<\/p>\n<p>Er verbindet <em>kosmologisch<\/em> die Umwelt des Menschen mit seiner Spiritualit\u00e4t (Reflexion).<\/p>\n<p>Er bringt <em>mystisch<\/em> den Menschen in systemische Beziehung seines Bewusstseins mit dem <em>Mysterium des Kosmos <\/em>(Transformation).<\/p>\n<p>Es handelt sich also bei diesem Ph\u00e4nomen um einen selbst- und gemeinschaftsbildenden Transformationsprozess, der sich im Mythos verbirgt. Joseph Campbell bemerkt: \u201eMythologie ist keine Ideologie. Sie wird nicht vom Gehirn entworfen, sondern vom Herzen erfahren.\u201c<\/p>\n<p><strong>Wie der Logos den Mythos verdr\u00e4ngte<\/strong><\/p>\n<p>Mit den Vorsokratikern begann die Suche nach dem Urstoff der Welt. F\u00fcr Heraklit bestand dieser aus Feuer, der treibenden Kraft, aus dem der Logos heraus geordnet und beseelt wird, der wiederum den Kosmos durchdringt. Der Logos, in der Bedeutung noch bei Homer als Synonym f\u00fcr den Mythos verwendet, verdr\u00e4ngte den Mythos, als der rationale Verstand begann, die Welt in ihre Bestandteile zu zerlegen. In der Anzweiflung der G\u00f6tter, in ihrer Betrachtung als anthropomorphe Prinzipien, begriff Platon den Mythos als eine erdichtete, ja l\u00fcgnerische Geschichte und den Logos als eine Erkl\u00e4rung oder Darstellung. Laut seinem Dialog <em>Theaitetos<\/em> kann nur das Wissensgegenstand sein, was sich innerhalb des Logos, also als erkl\u00e4rbar wiederfindet. Erst durch die sch\u00e4rfere Definition des Logos wurde demnach der Mythos zu dessen Gegenpol.<\/p>\n<p>Mit dem Triumph des Christentums wurde der Begriff weiter diskreditiert als \u00fcberwundener Aberglaube der als minderwertig angesehenen und als Konkurrenz verachteten alten Religionen. Die ungeheure Arroganz der westlichen Kultur, die sich zun\u00e4chst als vom \u201eeinzig wahren\u201c Glauben geleitet sah und dann die wissenschaftliche Erkenntnis als den <em>richtigen<\/em> Entwicklungsweg des Menschen definierte, schaffte die bisherige Definition des Mythos ab. Der Renaissance-Humanismus trennte Mythos von Religion; Descartes mechanisierte das Wunder des Lebens \u2013 ab dem 18. Jahrhundert ging es einzig darum, was <em>tats\u00e4chlich<\/em> geschieht.<\/p>\n<p>Lautet die Frage tats\u00e4chlich: Mythos oder Wirklichkeit? Die Logik sieht einzig ein <em>Entweder-oder<\/em>, der spirituelle Zugang erm\u00f6glicht jedoch ein <em>Sowohl-als-auch<\/em>.<\/p>\n<p><strong>Die entseelte Wirklichkeit<\/strong><\/p>\n<p>Dichter und Philosophen wie H\u00f6lderlin, Schelling oder Novalis erkannten, im schw\u00e4rmerischen Zauber und Sehnen nach der antiken Welt, dass wir infolge der entseelten Rationalit\u00e4t der Aufkl\u00e4rung Arkadien endg\u00fcltig verloren haben und dass dieser Verlust vom Menschen als eine gro\u00dfe Leere empfunden wird. Doch erm\u00f6glichte erst die Aufkl\u00e4rung den Schritt hin zum m\u00fcndigen Menschen, der die Verantwortung f\u00fcr sein eigenes Leben anzunehmen hat. Vorher war es determiniert als Spielball der G\u00f6tter \u2013 allerdings zahlte der Mensch f\u00fcr diese Freiheit einen hohen Preis. Er verlernte, sich als symbiotisch in die Natur eingebunden zu begreifen und beutete diese als Ressource aus. <em>Hybris<\/em> (dt. Anma\u00dfung) nannten das die alten Griechen.<\/p>\n<p>Mit den Anfang des 20. Jahrhunderts aufkommenden neuen Wissenschaften, wie der Ethnologie oder der Psychoanalyse, gewann der Mythos als Forschungsgegenstand wieder Bedeutung. Kurz nach Nietzsches Feststellung, wir selbst h\u00e4tten Gott get\u00f6tet, wurde der Mythos f\u00fcr eine menschenverachtende Ideologie instrumentalisiert und entfesselte dabei seine ganze archaische Wucht. Durch den Nationalsozialismus wurde deutlich, dass der Mythos immer in uns und durch uns wirkt.<\/p>\n<p>Je unruhiger, unsicherer und un\u00fcberschaubarer eine Zeit, desto mehr sehnt sich der Mensch nach emotionaler Verbindung mit einer \u00fcbergeordneten Ordnung. In der Beliebigkeit der Postmoderne wird ihm die M\u00f6glichkeit dazu gesellschaftlich kaum mehr geboten. Alles um ihn herum scheint in immer schnellerer Ver\u00e4nderung, gar in Aufl\u00f6sung.<\/p>\n<p>Dass wir uns aktuell in einer Zeit der umfassenden Transformation befinden, liegt nun offen vor uns. Die weltweite Bedrohung durch das Corona-Virus wirkt auf unsere Lebensweise wie eine Entschleierung \u2013 de eigentliche Bedeutung des Begriffs <em>Apokalypse<\/em>.<\/p>\n<p><em>Corona<\/em>, aus dem sich unsere <em>Krone<\/em> als Herrschaftssymbol par excellence ableitet, ist im Ursprung der Sonnenkranz, den man schon bei Lichtg\u00f6ttern wie <em>Helios<\/em> oder <em>Sol invictus<\/em> findet, mit denen sich Kaiser und K\u00f6nige verglichen. Aus ihm entwickelte sich sp\u00e4ter der <em>Nimbus<\/em> als Heiligenschein. Zum Schutz vor Corona verh\u00fcllen wir unsere Gesichter, den Ausdruck unserer Pers\u00f6nlichkeit \u2013 ein Wort, das sich von den antiken Theatermasken ableitet (lat. <em>personare<\/em> \u2013 hindurcht\u00f6nen). Es ist faszinierend, mit welcher mythologisch aufgeladenen Symbolik wir es aktuell zu tun haben \u2013 einer Symbolik, die uns den Spiegel vorh\u00e4lt.<\/p>\n<p>(wird fortgesetzt in <a href=\"https:\/\/www.logon.media\/de\/der-mythos-als-zugang-zur-welt-teil-2\">Teil 2)<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"author":920,"featured_media":13686,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110114],"tags_english_":[],"class_list":["post-91823","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-zeitgeist-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/91823","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/920"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/13686"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=91823"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=91823"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=91823"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=91823"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}