{"id":91792,"date":"2021-05-19T16:18:02","date_gmt":"2021-05-19T16:18:02","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/logon_article\/die-katharer-scheiterhaufen-am-montsegur-vor-777-jahren-teil-1\/"},"modified":"2021-05-19T16:18:02","modified_gmt":"2021-05-19T16:18:02","slug":"die-katharer-scheiterhaufen-am-montsegur-vor-777-jahren-teil-1","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/die-katharer-scheiterhaufen-am-montsegur-vor-777-jahren-teil-1\/","title":{"rendered":"Die Katharer: Scheiterhaufen am Monts\u00e9gur \u2013 vor 777 Jahren. Teil 1"},"content":{"rendered":"<p>So erfuhren sie als fr\u00fche Vorl\u00e4ufer geistiger Freiheit die Macht eines freien und selbstst\u00e4ndigen Denkens. Die Zisterzienser \u2013 unter F\u00fchrung von Bernard de Clairvaux \u2013 riefen auf zum Heiligen Krieg gegen die Ungl\u00e4ubigen. Dies war der Beginn einer \u201eKultur der Verfolgung\u201c<\/p>\n<p><strong>\u201eDer Rebell wird vergessen und der Sieger schreibt die Geschichte\u201c (Ernst Bloch)<\/strong><\/p>\n<p>In einem der Bergd\u00f6rfer in den Ausl\u00e4ufern der Pyren\u00e4en im Tal der Ari\u00e8ge zeichnete ein Inquisitor im Jahre 1320 ein Gespr\u00e4ch auf, das er mit einer Katholikin namens Azal\u00e4is gef\u00fchrt hatte. Azal\u00e4is erz\u00e4hlte:<\/p>\n<blockquote>\n<p>\u201eGuillelme sagte, nah am Feuer stehend \u2013 und wir h\u00f6rten es alle \u2013, dass die H\u00e4retiker gute Menschen seien und dass sie es besser mit ihrem Glauben hielten, als wir Katholiken es mit unserem Glauben vermochten. Sie sagte auch, dass unsere Kirche sie verfolge, weil sie zu viel Macht habe und dass, wenn sie die H\u00e4retiker nicht verfolgen w\u00fcrde, diese zahlreicher w\u00e4ren als wir anderen\u201c<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\" title=\"\">[1]<\/a><\/p>\n<\/blockquote>\n<p><strong>\u201eWo Freiheit ist, ist auch Macht\u201c (Michel Foucault) <\/strong><\/p>\n<p>Der Facettenreichtum von Macht und ihrer Wirkung hat im Leben der Katharer eine wesentliche Rolle gespielt \u2013 teils als Chance und teils als tragische Schicksalsverstrickung. Sie haben im Rahmen der Gegebenheiten des Mittelalters in ihrem F\u00fchlen, Denken und Handeln Macht als Wechselspiel zwischen Licht und Finsternis wahrgenommen.<\/p>\n<p><strong>Es begann zur Jahrtausendwende &#8230;<\/strong><\/p>\n<p>Das r\u00f6mische Karolingerreich war auseinandergebrochen. Die freigesetzten Kr\u00e4fte verursachten im Zusammenhang mit der Bilderwelt aus der Apokalypse des Johannes eine Angst- und Katastrophenstimmung. Man legte die Schrift so aus, dass im Jahr Tausend der Satan aus dem Verlies herauskommen und die Erde in Chaos versetzen werde. In dieser Zeit tauchten die ersten Katharer und gleichzeitig die ersten Scheiterhaufen in Europa auf (Orleans 1022, Montforte und Turin 1025).<\/p>\n<p><strong>Die Gregorianische Reform <\/strong><\/p>\n<p>Ab Mitte des 11. Jahrhunderts leitete die r\u00f6mische Kirche eine Reform ihrer religi\u00f6sen Strukturen ein, die unter Papst Gregor VII als \u201eGregorianische Reform\u201c (1073\u20131085) eine Neuordnung des kirchlichen Christentums bewirkte. Es wurden neue Orden initiiert: Benediktiner (Cluny) und Zisterzienser (Citeaux), die in ihren isoliert liegenden Kl\u00f6stern eine Spiritualit\u00e4t ohne Einbeziehung des Volkes lebten.<br \/>\nDer Papst vereinigte von nun an kirchliche und weltliche Macht als Stellvertreter Christi innerhalb der christlichen Welt, die er als \u201ehimmlisches Jerusalem\u201c bezeichnete. Diese p\u00e4pstliche Theokratie legitimierte eine Ideologie des Kampfes.<br \/>\nDie Zisterzienser \u2013 unter F\u00fchrung von Bernard de Clairvaux \u2013 riefen auf zum Heiligen Krieg gegen die Ungl\u00e4ubigen. Bernard erstellte in diesem Kontext eine theoretische Rechtfertigung zur Verfolgung der Christen, die ihren Glauben anders praktizierten und die er als H\u00e4retiker bezeichnete: Dies war der Beginn einer \u201eKultur der Verfolgung&#8220;<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\" title=\"\">[2]<\/a><\/p>\n<p><strong>Von nun an gibt es zwei Kirchen: <\/strong><\/p>\n<p>\u201e\u2026 eine, die flieht und verzeiht (Matth\u00e4us 10, 23) und eine, die besitzt und sch\u00e4ndet; diejenige die flieht und verzeiht und die den rechten Weg der Apostel geht, sie l\u00fcgt nicht und sie t\u00e4uscht nicht; und die Kirche, die besitzt und sch\u00e4ndet, das ist die r\u00f6mische Kirche\u201c (Pierre Authier, Bon Homme ). <a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\" title=\"\">[3]<\/a><\/p>\n<p><strong>Der Mensch im Mittelalter des 13. Jahrhunderts <\/strong><\/p>\n<p>\u2026 unterschied sich grundlegend vom heutigen Menschen. Er konnte sich nicht als eine Einheit von K\u00f6rper, Seele und Geist erleben. Sein K\u00f6rper schien ihm einer fremden, diabolischen Macht anzugeh\u00f6ren. Als Individuum war er reduziert auf eine Seele zwischen zwei Abgr\u00fcnden: Auf der einen Seite war da die satanische physische Welt, und auf der anderen Seite stand die g\u00f6ttlich-geistige. F\u00fcr den normalen Gl\u00e4ubigen gab es zur letzteren keinen unmittelbaren Zugang, denn die Kirche stellte f\u00fcr ihn das G\u00f6ttliche in dieser Welt dar, sie war der Vermittler. Sie unterdr\u00fcckte seine eigenen geistigen Verm\u00f6gen und seine Intelligenz. Die so destabilisierte Seele schwankte zwischen \u201e\u00fcberspannter Sensitivit\u00e4t und gef\u00e4hrlicher Emotionalit\u00e4t\u201c und konnte von einem Moment auf den anderen von mitf\u00fchlender Barmherzigkeit zu einem grausamen Zorn \u00fcbergehen. <a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\" title=\"\">[4]<\/a><\/p>\n<p><strong>\u201eBevor sich eine Wandlung in der Welt vollziehen kann, muss sie erst in der menschlichen Seele vollzogen werden\u201c (Tolstoi)<\/strong><\/p>\n<p>Die Katharer \u00fcbernahmen in dieser kritischen Zeit eine leitende Aufgabe in der spirituellen Evolution des Menschen. Sie erlebten die Wirksamkeit des Christus in ihrer eigenen Seele und sahen sich als Nachfolger der Apostel. Sie gingen davon aus, dass Christus niemals in einem physischen Leib erschienen war, sondern als Kraft in seinem g\u00f6ttlich-geistigen Wort. So erfuhren sie als fr\u00fche Vorl\u00e4ufer geistiger Freiheit die Macht eines freien und selbstst\u00e4ndigen Denkens. Ihre Seelen \u00fcbernahmen in Eigenautorit\u00e4t die Rolle des Vermittlers zwischen K\u00f6rper und Geist. Die Katharer erm\u00f6glichten den Gl\u00e4ubigen das Consolamentum \u2013 das einzige Sakrament ihrer Kirche, die Taufe des Heiligen Geistes durch Handauflegung. <a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\" title=\"\">[5]<\/a> Das Consolamentum war ein Einweihungsritual in den Orden der Kirche und auch ein Ritual, das den Sterbenden von seinen S\u00fcnden erl\u00f6sen und seine Seele zu einem \u201eguten Ende\u201c f\u00fchrten sollte: der urspr\u00fcnglichen Einheit von Seele und Geist.<br \/>\nDie Aussicht auf ein \u201egutes Ende\u201c, einen das Seelenheil erm\u00f6glichenden Tod, war die gr\u00f6\u00dfte Sehnsucht der Menschen in der damaligen Zeit.<br \/>\n\u201eWir sind im Mittelalter [\u2026], alle glauben an Gott. Alle wollen ihre Seele retten. Das Wort \u201eKultur\u201c bedeutet also, Zugang zu dem Glauben zu bekommen, der rettend wirkt.&#8220; <a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\" title=\"\">[6]<\/a><\/p>\n<p><strong>\u201eWeg der Wahrheit und Gerechtigkeit\u201c<\/strong><\/p>\n<p>\u2013 so nannten die Bons Hommes ihre Lebenshaltung (Bons Hommes, Bon Homme, bzw Bonne Femme wurden die Ordensbr\u00fcder\/schwestern genannt. Nur die Inquisitoren sprachen von Parfaits, um sie von den Gl\u00e4ubigen zu unterscheiden). Sie lebten in Lebens- und Arbeitsgemeinschaften von Frauen und von M\u00e4nnern als Nachfolger der Apostel, in Maisons (offenen Kl\u00f6stern), befolgten strenge Ordensregeln und pflegten zugleich einen regen Austausch mit den Menschen des Ortes. Denn die Maisons befanden sich inmitten von Ortschaften, Castra\u201c. <a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\" title=\"\">[7]<\/a>&nbsp; Alle Klassenunterschiede des feudalen Systems schienen aufgehoben: man war \u201eunter Christen\u201c.<br \/>\nDie Maisons bildeten die Basiszellen des Katharismus. Sie waren nicht nur Wohn- und Arbeitsst\u00e4tten der Ordensmitglieder, dienten nicht nur der Vorbereitung des Noviziats in den Orden, sondern waren auch Orte der Erziehung von Kindern und Jugendlichen und boten notleidenden Menschen Kost, Herberge, Krankenpflege und Hospizbetreuung. An den \u00f6ffentlichen religi\u00f6sen Zeremonien der Katharer konnten alle Menschen teilnehmen; von H\u00e4resie war hier lange Zeit keine Rede.<\/p>\n<p>\u201eDie Pr\u00e4senz des Bons Hommes inmitten der intimen Vernetzung der Gesellschaft ist einer der starken Merkmale ihrer Kirchen, Garant ihres gro\u00dfen Erfolges.&#8220; <a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\" title=\"\">[8]<\/a>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Katharer (dieses Wort wurde im Mittelalter nicht benutzt, sondern erst in der Geschichtswissenschaft im 20.Jh. eingef\u00fchrt) hatten keine Kirchen oder Kapellen aus Stein oder Holz. Ihre Kirche bestand \u2013 wie auch die urchristliche \u2013 aus der um einen gew\u00e4hlten Bischof versammelten Gemeinschaft. Sie sagten \u201eEs ist das Herz des Menschen, das die wahre Kirche Gottes ist.<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\" title=\"\">[9]<\/a><\/p>\n<p><strong>\u201eDie Pr\u00e4senz der Bonnes Femmes trug mit dazu bei, dass die Religiosit\u00e4t der Katharer tief im pochenden Herzen der Gesellschaft verankert wurde&#8220; (Anne Brenon) <\/strong><\/p>\n<p>Die aristokratischen Feudalherren von Okzitanien waren den Katharern und ihrer Kirche wohl gesonnen. In der Regel antiklerikal gestimmt, hatten sie bald erkannt, dass sie mit den Katharern ein gemeinsames Interesse teilten.<br \/>\nEs ging beiden um den Erhalt der religi\u00f6sen und kulturellen Freiheit des Landes. L\u00b4Occitanie, das heutige Languedoc, war eines der seltenen L\u00e4nder, dessen Grenzen nur durch seine Sprache, la langue d`oc \u2013 die Sprache von Okzitanien, gebildet wurden. Damit einher ging eine hohe Kultur der Sprache (Poesie) und der Musik sowie menschliche Offenheit und religi\u00f6se Toleranz.<br \/>\nGewiss ging es den Feudalherren auch um den Erhalt des Reichtums des Landes und ihres eigenen Besitzes. Sie selbst traten in der Regel nicht der Religion der Katharer bei. Doch sie entwickelten sich unter dem Einfluss ihrer Frauen und Familien, die sich von dieser Religion angezogen f\u00fchlten und den \u201eneuen\u201c Glauben annahmen, zu den m\u00e4chtigsten Schutzherren der Katharer \u2013 obwohl diese dem feudalen System gegen\u00fcber kritisch eingestellt waren. Dieser Erfolg, der den Katharern die Macht einer starken einheitlichen Gruppe gab <a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\" title=\"\">[10]<\/a>, ist sicherlich vor allem der transparenten, flexiblen, dezentralisierten Struktur ihrer Kirche der Katharer zu verdanken, in der auch Frauen gleichberechtigt wirken konnten.<\/p>\n<p>(wird fortgesetzt in <a href=\"https:\/\/www.logon.media\/de\/die-katharer-scheiterhaufen-am-montsegur-vor-777-jahren-teil-2\">Teil 2<\/a>)<\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\" title=\"\">[1]<\/a> Anne Brenon, <em>Les Cathares<\/em>, Paris 2007, p. 272<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\" title=\"\">[2]<\/a> Ibid., p. 46<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\" title=\"\">[3]<\/a> Ibid., p. 27\/28<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\" title=\"\">[4]<\/a> Ren\u00e9 Nelli, La vie quotidienne des cathares au XIII si\u00e8cle, Paris1969, p. 15\/16<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\" title=\"\">[5]<\/a> Anne Brenon, Dico des Cathares, Les Dicos essentiels. Milan, S. 61<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\" title=\"\">[6]<\/a> Anne Brenon, <em>Cathares &#8211; La contre-enqu\u00eate<\/em>, Paris 2008, S.84<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\" title=\"\">[7]<\/a> Anne Brenon, <em>Dico des Cathares<\/em>, p. 51<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\" title=\"\">[8]<\/a> Anne Brenon, <em>Les Cathares<\/em>, p. 86<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\" title=\"\">[9]<\/a> Anne Brenon, <em>Dico des Cathares,<\/em> p. 81<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\" title=\"\">[10]<\/a> Anne Brenon,<em> Les Cathares<\/em>, S. 86<\/p>\n","protected":false},"author":920,"featured_media":13578,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110075],"tags_english_":[],"class_list":["post-91792","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-livingpast-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/91792","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/920"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/13578"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=91792"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=91792"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=91792"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=91792"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}