{"id":91730,"date":"2021-04-26T14:12:16","date_gmt":"2021-04-26T14:12:16","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/logon_article\/die-macht-der-kunst-zum-100-geburtstag-von-joseph-beuys-teil-2\/"},"modified":"2021-04-26T14:12:16","modified_gmt":"2021-04-26T14:12:16","slug":"die-macht-der-kunst-zum-100-geburtstag-von-joseph-beuys-teil-2","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/die-macht-der-kunst-zum-100-geburtstag-von-joseph-beuys-teil-2\/","title":{"rendered":"Die Macht der Kunst. Zum 100. Geburtstag von Joseph Beuys \u2013 Teil 2"},"content":{"rendered":"<p>(Zu <a href=\"https:\/\/www.logon.media\/de\/die-macht-der-kunst-zum-100-geburtstag-von-joseph-beuys-teil-1\">Teil 1<\/a>)<\/p>\n<p><strong>I like America and America likes me<\/strong><\/p>\n<p>H. A.: Die New Yorker Inszenierung <em>I like America and America likes me<\/em> im Jahre 1974, in der Joseph Beuys einige Tage mit einem Kojoten namens <em>Little John<\/em> in einem abgeschlossenen Raum verbringt und mit ihm kommuniziert, ist eine Hommage an das heilige Tier vieler indigener V\u00f6lker und an die \u201eeingeborenen Ureinwohner\u201c Nord-Amerikas. Wie interpretieren Sie diese ergreifende Begegnung zwischen dem europ\u00e4ischen K\u00fcnstler und dem Ursprung Amerikas? Ist nicht eine enge Verbundenheit mit dem alten Amerika der <em>First Nations<\/em> und zugleich eine starke Distanz zu dem aktuellen Amerika (der eingewanderten Europ\u00e4er und Migranten) zu sp\u00fcren?<\/p>\n<p>R. S.: Viele haben heute vergessen, was der indigenen Bev\u00f6lkerung Amerikas von den wei\u00dfen Eroberern angetan wurde: etwa die Ermordung einer Million Bisons, die ihre Lebensgrundlage darstellten, der Raub ihres Landes, die Zwangsmissionierung ihrer Kinder, die bewusste Ansteckung mit Krankheiten, die die Indianer noch gar nicht kannten und woran sie starben. All das schwingt unterirdisch mit; und wenn der Kojote auf das Wallstreet-Paper pinkelt \u2013 wohl ein Symbol f\u00fcr den Raubtierkapitalismus der USA \u2013, ist das ein subtiler Racheakt daf\u00fcr. Aber der Kojote steht auch f\u00fcr ein animistisches Weltbild, das eng mit der Natur und den Tieren verbunden war. In amerikanischen Western werden oft Kojoten als St\u00f6renfriede und angebliche Sch\u00e4dlinge abgeknallt. Beuys n\u00e4hert sich ihnen z\u00e4rtlich und kooperativ, auch dies eine Heilungsaktion gegen Wunden von Imperialismus, Kolonialismus, Kapitalismus und Naturzerst\u00f6rung.<\/p>\n<p>H. A.: Joseph Beuys geht es darum, Neues und Elementares in der Kunst zu offenbaren. Er greift gern auf sehr alte Mythen zur\u00fcck: Megalithkultur, Kelten, Ureinwohner, Antike. Aber er postuliert auch: Die Mysterien finden im Hauptbahnhof statt!<\/p>\n<p>Wie ist das zu verstehen? Gibt es denn keine Mysterien und Geheimnisse mehr? Findet die wahre Erkenntnis nur im Einzelmenschen auf esoterische Weise statt \u2013 aus dem Verborgenen wird etwas ins Bewusstsein, in die Materie gezogen? Und die Offenbarung (das Kunstwerk) spricht zum Betrachtenden?<\/p>\n<p><strong>Sinn f\u00fcr das Geheimnisvolle im Alltag<\/strong><\/p>\n<p>R. S.: Man sollte einen Hauptbahnhof nicht untersch\u00e4tzen, denn hier findet tats\u00e4chlich viel Menschliches und damit auch Spirituelles statt: Abschied, Trennung, Wiedersehen, Einsamkeit, Mensch und Technik prallen aufeinander, die verschiedensten Kulturen begegnen sich, usw. Ein Ort heftiger Emotionen und auch Geheimnisse, weil Fremde Fremden begegnen, deren Tiefen und Untiefen nur zu erahnen sind. Beuys will, dass wir unseren Sinn f\u00fcr das Geheimnisvolle und Mysteri\u00f6se auch sch\u00e4rfen im ganz normalen Alltag, was ihn eben nicht zu einem \u201eMythenonkel\u201c macht, sondern zu einem absolut zeitgen\u00f6ssischen K\u00fcnstler.<\/p>\n<p>H. A.: Jetzt k\u00f6nnte man behaupten, nachdem das Verborgene, das Esoterische im Exoterischen durch den K\u00fcnstler dokumentiert wird, dass nicht nur jeder Mensch ein K\u00fcnstler ist, sondern dass er auch ein spirituelles Wesen ist, das hier auf der Erde (im Materiellen) ganz bedeutsame Erfahrungen macht. Das Geistig-Seelische, nimmt es qualitativ zu und determiniert die Menschheitsentwicklung?<\/p>\n<p>R. S.: \u201eJeder ist ein K\u00fcnstler\u201c hei\u00dft f\u00fcr mich auch: \u201eJeder ist ein spirituelles Wesen\u201c, denn er zehrt von den drei gro\u00dfen Wundern, die Beuys immer wieder beschw\u00f6rt: Inspiration, Imagination und Intuition, also von kreativen Kr\u00e4ften, die vielleicht in transzendente Sph\u00e4ren reichen und die wir st\u00e4rker integrieren m\u00fcssen. Die Griechen sprachen von den \u201eMusen\u201c und \u201eGenien\u201c, die den K\u00fcnstler inspirieren, wie von G\u00f6ttern, dem w\u00fcrde Beuys zustimmen.<\/p>\n<p>H. A.: Keltische und nordische Mythen h\u00e4ngen zusammen. Der Missbrauch dieser Mythen war im 20. Jahrhundert allgegenw\u00e4rtig. Ist das der Grund, dass Beuys von bestimmten Schriftstellern und Journalisten in die nationale Ecke gedr\u00e4ngt wird?<\/p>\n<p>R. S.: Er wird aus verschiedenen Gr\u00fcnden dorthin gedr\u00e4ngt, die alle durcheinandergeworfen werden, ohne genau hinzusehen. Mit den Germanen hatte Beuys wenig am Hut und seine Kunst w\u00e4re im Dritten Reich mit Sicherheit als \u201eEntartete Kunst\u201c diffamiert worden. Allerdings kooperierte er einige Zeit auf politischer Ebene mit ehemaligen Nazis (z.B. August Hau\u00dfleiter, Werner Haverbeck), die jedoch zu dieser Zeit keine explizit v\u00f6lkischen, sondern eher \u00f6kologische Ziele verfolgten. Die Beziehungen zu diesen M\u00e4nnern, mit denen damals auch andere renommierte deutsche Politiker verkehrten (z.B. Petra Kelly, Gustav Heinemann, Egon Bahr), m\u00fcssen noch genauer untersucht werden. Der heutigen Presse reicht oft schon eine \u201eKontaktschuld\u201c, das hei\u00dft, die Tatsache, dass Beuys sich \u00fcberhaupt mit ihnen getroffen hat. Im Verlaufe der Jubil\u00e4umsfeierlichkeiten zu Beuys\u2018 100. Geburtstag sollen wissenschaftliche Symposien diese Thematik gr\u00fcndlicher aufarbeiten, was ich f\u00fcr richtig halte.<\/p>\n<p><strong>Erkenntnissuche<\/strong><\/p>\n<p>H. A.: Wer einmal im Landesmuseum Darmstadt den <em>Block-Beuys <\/em>\u2013 eine sieben R\u00e4ume umfassende Installation des K\u00fcnstlers \u2013 erlebt hat, m\u00fcsste eigentlich unmittelbar von solchen abstrusen Vorurteilen geheilt sein. Wird heute die Freiheit der Kunst angegriffen? Oder ist es nur ein Mangel an Verst\u00e4ndnis? Verliert die Kunst ihre Macht?<\/p>\n<p>R. S.: Kunst hat schon lange ihre Macht verloren, ist nur noch ein Sahneh\u00e4ubchen auf dem Kuchen einer Spa\u00df- und Leistungsgesellschaft bzw. \u00fcberteuertes Objekt und Geldanlage auf den Kunstm\u00e4rkten. Aber das Sperrige an Beuys\u2018 Kunst k\u00f6nnte, wenn es st\u00e4rker in den Fokus ger\u00fcckt w\u00fcrde, erneut als Stachel funktionieren und uns klarmachen, dass Kunst nicht der Unterhaltung dient, sondern eine Form tiefer Erkenntnissuche ist.<\/p>\n<p>H. A.: Die Kelten hatten bereits die Dreigliederung des sozialen Organismus \u201eerfunden\u201c. H\u00e4tte man im fr\u00fchen 20. Jahrhundert Rudolf Steiner begriffen, w\u00e4re der Nationalismus in der Gesellschaft nicht so stark geworden und das Grauen h\u00e4tte in der Form nicht stattgefunden.<\/p>\n<p>Wie ist Ihre Meinung zur Vitrine <em>Auschwitz<\/em>, die eine zentrale, sehr ber\u00fchrende Rolle im <em>Block-Beuys<\/em> spielt?<\/p>\n<p>R. S.: Beuys ist in seinen Objekten kl\u00fcger als manchmal in seinen Worten; die Auschwitz-Vitrine ist ein gutes Beispiel daf\u00fcr. Er hat schon 1958 mit einem Entwurf f\u00fcr ein Auschwitz-Mahnmal an einem Wettbewerb teilgenommen, was seine tiefe Betroffenheit durch den Holocaust zeigt. Die Auschwitz-Vitrine in Darmstadt spiegelt das ebenso, da sie eine Collage der Gewalt und des Grauens ist: man assoziiert Stromschl\u00e4ge, Folter, Dreck, K\u00e4lte, Einsamkeit, Krankheit, Tod, Wahnsinn, und auf einem Teller liegt ein Gekreuzigter aus Plastilin, der an den Satz des Holocaust-\u00dcberlebenden Elie Wiesel denken l\u00e4sst, wonach Jesus Christus in Auschwitz selbst am Galgen hing. Beuys hat aber in einigen Interviews meiner Meinung nach unpassende Vergleiche zwischen Auschwitz und unserer Zeit gezogen: heute lebe Auschwitz in anderer Form und vielleicht noch schlimmer weiter, weil \u201eSeelen verbrannt w\u00fcrden\u201c, etc.<\/p>\n<p>Diese unpassenden Vergleiche aber werden komischerweise in der kritischen Berichterstattung nicht erw\u00e4hnt, vielleicht, weil sie zu unbekannt sind. Auch der vielger\u00fchmte Dokumentarfilm <em>Beuys<\/em> von Andres Veiel hat das alles ganz weggelassen. Ich habe diesem Thema in meinem Buch ein ganzes Kapitel gewidmet. \u201eV\u00f6lkisch\u201c oder \u201edeutschnational\u201c \u2013 wie es jetzt manchmal in der Presse hei\u00dft \u2013 ist Beuys dagegen nicht, seine Kunstwerke schon gar nicht, man findet keine einzige rassistische oder antisemitische \u00c4u\u00dferung von ihm.<\/p>\n<p><strong>\u201eDie Axt f\u00fcr das gefrorene Meer in uns\u201c<\/strong><\/p>\n<p>H. A.: Ich habe das Gef\u00fchl, <em>Kunst<\/em> wird zunehmend die einzige M\u00f6glichkeit, Wahrheit zu kommunizieren. Die Sprache ist nicht mehr in der Lage, authentisch zu sein. Die Kunst spricht immer noch eine deutliche Sprache. Soll ihr das letzte Geheimnis entrissen werden? Vielleicht ist das auch gut so!<\/p>\n<p>R. S.: Kunst ist ein enormes Wahrnehmungsorgan, weil sie unser Denken, F\u00fchlen und Sehen \u00f6ffnen kann, manchmal auch schmerzhaft. Sie ist \u2013 anders als der religi\u00f6se Glaube \u2013 nicht ideologisch benutzbar, weil sie sich eindeutigen Zuschreibungen entzieht; sie taugt nicht zum Dogma, zur Lehre, zum politischen Programm. Daher halte ich es auch f\u00fcr falsch, Beuys in erster Linie als \u201epolitischen K\u00fcnstler\u201c zu verstehen, wie es heute \u2013 in Ermangelung eines \u00e4sthetischen Sensoriums \u2013 oft getan wird. Kafka definierte Kunst einmal als \u201edie Axt f\u00fcr das gefrorene Meer in uns\u201c. So etwas \u00c4hnliches will auch Beuys, und das kann dann in der Konsequenz auch zur Kritik an Gesellschaftssystemen f\u00fchren. Aber zuerst muss der radikale Impuls vom Kunstwerk her kommen, sonst bleibt alles nur Anbiederung an den Zeitgeist und leere Programmatik.<\/p>\n<p>H. A.: Herzlichen Dank f\u00fcr dieses Gespr\u00e4ch, Herr S\u00fcnner.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Anmerkung der Redaktion: R\u00fcdiger S\u00fcnners Film <em>Zeige deine Wunde \u2013 Kunst und Spiritualit\u00e4t bei Joseph Beuys <\/em>(DVD, 85 Min., \u20ac 14,90) vermittelt ein eindr\u00fcckliches und ber\u00fchrendes Bild des K\u00fcnstlers und seines Werkes.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"author":920,"featured_media":13375,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110062],"tags_english_":[],"class_list":["post-91730","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-art-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/91730","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/920"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/13375"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=91730"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=91730"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=91730"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=91730"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}