{"id":91727,"date":"2021-04-26T14:06:01","date_gmt":"2021-04-26T14:06:01","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/logon_article\/die-macht-der-kunst-zum-100-geburtstag-von-joseph-beuys-teil-1\/"},"modified":"2021-04-26T14:06:01","modified_gmt":"2021-04-26T14:06:01","slug":"die-macht-der-kunst-zum-100-geburtstag-von-joseph-beuys-teil-1","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/die-macht-der-kunst-zum-100-geburtstag-von-joseph-beuys-teil-1\/","title":{"rendered":"Die Macht der Kunst. Zum 100. Geburtstag von Joseph Beuys \u2013 Teil 1"},"content":{"rendered":"<p>H. A.: Der Geburtstag von Joseph Beuys j\u00e4hrte sich am 12. Mai 2021 und es f\u00e4llt auf, dass sich gerade in diesem Jahr viele kritische Stimmen erheben. Tritt seine menschenber\u00fchrende und geistige Kunst in den Hintergrund? Will der Zeitgeist den Materialismus endg\u00fcltig als Ma\u00df aller Dinge etablieren, oder bleibt er nicht doch nur ein Mittel, der Evolution vor\u00fcbergehend Inspirationsimpulse zu geben? Nimmt die Spaltung der Menschen auch in der Kunst seinen Weg: Fake oder Wahrheit? Polarisierung?<\/p>\n<p><strong>Wir ben\u00f6tigen ein feines Sensorium<\/strong><\/p>\n<p>R. S.: Ja, Beuys Kunst tritt momentan vollkommen in den Hintergrund, es wird im Grunde unterschwellig der Personenkult fortgesetzt, der sonst immer kritisiert wird. Statt die ber\u00fchrenden Werke auf sich wirken zu lassen, klopft man das Leben auf biographische \u201eSchwachstellen\u201c ab, etwa auf mehrdeutige \u00c4u\u00dferungen oder Bekanntschaften mit ehemaligen Nazis. Oder man versucht, Beuys auf Teufel komm raus vor Zeitgeistthemen wie zum Beispiel \u00d6kologie und Kapitalismuskritik zu spannen. Das alles wird ihm nicht voll gerecht.<\/p>\n<p>Ich meine, dass trotz seiner politischen Programme immer noch das mehrere tausend Einzelst\u00fccke umfassende Werk im Mittelpunkt stehen solle, das ja auch in vielen Museen zug\u00e4nglich ist. Aber ich habe den Eindruck, dass heute ein feineres Sensorium f\u00fcr Kunst \u00fcberhaupt fehlt: Was nicht schnell politisch oder aktuell eingeordnet werden kann, existiert eigentlich kaum mehr. Dabei sollte man sich daran erinnern, dass \u00e4sthetische Objekte ihren Namen ja von dem griechischen <em>aisthesis<\/em> erhalten haben, was \u201eWahrnehmung\u201c und \u201eEmpfindung\u201c bedeutet. \u00dcber solche F\u00e4higkeiten sollte man sich Beuys n\u00e4hern und nicht \u00fcber intellektuelle Einordnungen und Zuschreibungen.<\/p>\n<p>H. A.: Herr S\u00fcnner, Sie haben einen Dokumentarfilm gedreht und ein gleichnamiges Buch geschrieben: <em>Zeige deine Wunde<\/em>. Sie gehen hier sehr sensibel mit der Kunst von Joseph Beuys um und beweisen eine gro\u00dfe Recherche-Qualit\u00e4t. Diese beuyssche Installation, die im Lehnbachhaus in M\u00fcnchen zu sehen ist, spricht ja intensiv vom Leiden des Menschen, von Heilung und Verkl\u00e4rung. Ist dieses Werk nicht typisch f\u00fcr die Menschenliebe von Beuys und die Anerkennung der Macht des Schicksalhaften durch den K\u00fcnstler?<\/p>\n<p><strong>Zeige deine Wunde<\/strong><\/p>\n<p>R. S.: Absolut, kaum ein Werk hat mich so stark ber\u00fchrt. Ich durfte ja eine ganze Stunde alleine, nur in Begleitung der Restauratorin, vor ihm verbringen, es filmen und seine enorme Aura auf mich wirken lassen. Die Restauratorin erz\u00e4hlte mir, dass Schulklassen entsetzt an der Installation vorbeieilen, um zu Franz Marcs sch\u00f6nen Pferden zu kommen, aber in mich drang Beuys\u2019 stilles Werk tief ein: das Leiden, der Tod, der Schmerz und der Zerfall unserer K\u00f6rper waren pr\u00e4sent in dem Raum, die Messverfahren von Medizin und Pathologie, aber die altert\u00fcmlichen Handwerksger\u00e4te mit den roten B\u00e4ndern erz\u00e4hlten auch von Vitalit\u00e4t, und die Kinderschrift auf den Schiefertafeln (\u201ezeige deine Wunde\u201c) erinnerten mich an den Wert der Verletzlichkeit. Ein intimer Meditationsraum, wie es heute nur wenige gibt, intensiver im Grunde als Kirchen oder Yogar\u00e4ume. Ich w\u00e4hlte dieses Motto auch als Titel f\u00fcr Film und Buch, weil es mir erm\u00f6glichte, beim Filmen und Schreiben auch selbst \u201emeine Wunden zu zeigen\u201c. Nur darauf aufbauend ist auch echte Heilung m\u00f6glich.<\/p>\n<p>H. A.: Dieser Gedanke ber\u00fchrt mich auch sehr. Die eigene Verwundung zu offenbaren ist ja auch mit \u201eSich \u00f6ffnen\u201c und Vertrauensbildung dem Mitmenschen gegen\u00fcber in Zusammenhang zu bringen. Hat denn die <em>Verdr\u00e4ngung<\/em>, die den Dialog \u00fcber Verletzung und alte Wunden nicht zul\u00e4sst, damit zu tun, dass der Mensch das Unangenehme seiner Existenz nicht sehen will oder falsch interpretiert?<\/p>\n<p>R. S.: Ich habe das Gef\u00fchl, dass solche Dimensionen heute bei Beuys kaum gesehen werden \u2013 oder nicht gesehen werden wollen. Er hat leider selbst durch endlos viele Auftritte, Fernsehinterviews und Fotos an dem gewaltigen Personenkult mitgearbeitet, der sich nun vor sein Werk schiebt. Etiketten wirken in der \u00d6ffentlichkeit: \u201eDer Mann mit dem Hut\u201c, der \u201eClown\u201c, \u201eAgitator\u201c, \u201eEntertainer\u201c, \u201eProvokateur\u201c, \u201ePerformer\u201c oder eben jetzt der \u201eV\u00f6lkische\u201c oder \u201eDeutschnationale\u201c, was nat\u00fcrlich alles von den abgr\u00fcndigen und&nbsp; existenziellen Aspekten seines Werkes ablenkt. An mir prallen diese Medienzuschreibungen ab, man sollte bestimmte Kritikpunkte genauer untersuchen, aber in der pers\u00f6nlichen Begegnung mit dem konkreten Werk helfen sie nicht weiter. Daher lasse ich ja auch in meinem Film die Objekte, Zeichnungen und Installationen selbst in aller Ruhe zum Zuschauer sprechen.<\/p>\n<p>H. A.: An anderer Stelle sagt Beuys, dass gerade das Leiden dem Menschen hilft. Zwei Schicksalswege f\u00fchren zur Bereicherung der Welt: das aktive Tun und das Erleiden. Er sagt: Ein krankes Kind, das nichts tun k\u00f6nne und im Bett liege, erf\u00fclle durch sein Leiden die Welt mit christlicher Substanz. H\u00f6rt sich das nicht sehr buddhistisch an? Zeigen nicht gerade solche Gedanken die zutiefst menschliche und barmherzige Seelenhaltung von Joseph Beuys?<\/p>\n<p><strong>\u201eDer letzte christliche K\u00fcnstler\u201c<\/strong><\/p>\n<p>R. S.: Nat\u00fcrlich war er christlich im Sinne von Barmherzigkeit, Empathie, Mitf\u00fchlen, dem Spenden von W\u00e4rmeimpulsen. Eugen Blume, der k\u00fcnstlerische Leiter des Jubil\u00e4umsprojektes <em>Beuys 100<\/em> und ehemalige Direktor des <em>Museums Hamburger Bahnhof<\/em> in Berlin nannte ihn sogar einmal \u201eden letzten christlichen K\u00fcnstler\u201c. Beuys schuf nicht nur viele interessante Kreuzformen, sondern alle seine Werke neigen sich im Grunde mit Erbarmen auch noch zum \u201eErb\u00e4rmlichsten\u201c hinab, zum Geschundenen, Abgenutzten, Deformierten und Verletzten. Mullbinden, Pflaster, Blutkonserven kommen in vielen Werken als direkte Symbole der Heilung vor. Durch Beuys\u2018 abged\u00e4mpfte Farben schimmert f\u00fcr mich \u00fcberall W\u00e4rme hindurch, vielleicht sogar das, was die Theologin Dorothee S\u00f6lle einmal \u201eGott im M\u00fcll\u201c nannte.<\/p>\n<p><strong>7000 Eichen<\/strong><\/p>\n<p>H. A.: Zu einem anderen Blickwinkel: B\u00e4ume sind f\u00fcr Beuys fundamental wichtig. In Kassel realisiert er die gewaltige Aktion \u201eStadtverwaldung\u201c und l\u00e4sst 7.000 Eichen pflanzen mit jeweiligen Basaltsteinsetzungen. Er verbindet B\u00e4ume mit der Seele des Menschen, und er sieht die Seele in Gefahr. Sie sei das Einzige, bei dem es sich lohne, es aufzurichten. Dann sei alles andere sowieso gerettet. K\u00f6nnen Sie dieses Kunstwerk n\u00e4her beleuchten?<\/p>\n<p>R. S.: <em>7000 Eichen <\/em>ist eine gro\u00dfe Heilungs-Initiation in vielfacher Hinsicht. Sie stellt dem kristallinen, nicht entwicklungsf\u00e4higen Basalt das nach oben sprie\u00dfende Gr\u00fcn der Eiche gegen\u00fcber, als das Symbol einer gr\u00f6\u00dferen zuk\u00fcnftigen Nachhaltigkeit, das aber auch f\u00fcr \u00e4ltere mythologische Deutungen offen ist. F\u00fcr die Kelten, deren geistige Welt Beuys liebte, war die Eiche der \u201eheilige Baum\u201c der Druiden, der auch noch nach der Christianisierung Irlands, die hier sanfter verlief als auf dem Kontinent, von den M\u00f6nchen weiter verehrt wurde. Auch darauf spielt Beuys an, auf ein keltisch-spirituelles Erbe Europas in Irland, das er sogar <em>The Brain of Europe<\/em> nannte.<\/p>\n<p>Eine weitere Bedeutungsschicht ist der Missbrauch der Eichensymbolik durch die Nazis, die das mit Eichenlaub versehene \u201eRitterkreuz des Eisernen Kreuzes\u201c an Soldaten verliehen, denen ein Heldenstatus zuerkannt wurde. Auch Hitler pflanzte viele Eichen, und dieser Baum wurde zum Symbol der \u201efestverwurzelten deutschen Nation\u201c zum Beispiel gegen\u00fcber dem heimatlosen \u201ej\u00fcdischen W\u00fcstenvolk\u201c. Beuys nimmt diese symbolischen Ebenen indirekt in seine Aktion <em>7000 Eichen<\/em> mit auf, aber eben nicht als Sympathie f\u00fcr die Nazis, sondern als Versuch einer heilenden Umdeutung. All das wird momentan von Kritikern nicht verstanden, die Beuys eine \u201ebraune\u201c Gesinnung oder \u201eDeutscht\u00fcmelei\u201c unterstellen.<\/p>\n<p>(wird fortgesetzt in <a href=\"https:\/\/www.logon.media\/de\/die-macht-der-kunst-zum-100-geburtstag-von-joseph-beuys-teil-2\">Teil 2<\/a>)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"author":920,"featured_media":13358,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110062],"tags_english_":[],"class_list":["post-91727","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-art-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/91727","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/920"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/13358"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=91727"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=91727"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=91727"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=91727"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}