{"id":91595,"date":"2021-03-17T14:41:28","date_gmt":"2021-03-17T14:41:28","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/logon_article\/der-vegetarismus-und-seine-ursprunge-teil-1-die-orphiker\/"},"modified":"2021-03-17T14:41:28","modified_gmt":"2021-03-17T14:41:28","slug":"der-vegetarismus-und-seine-ursprunge-teil-1-die-orphiker","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/der-vegetarismus-und-seine-ursprunge-teil-1-die-orphiker\/","title":{"rendered":"Der Vegetarismus und seine Urspr\u00fcnge &#8211; Teil 1: Die Orphiker"},"content":{"rendered":"<p>\u201cNahrung&#8220; unterliegt heutzutage einem Wandel, in dem es vorwiegend um Ethik, beste Lebensqualit\u00e4t, Gesundheit und auch um Status geht.<\/p>\n<p>Was mich betrifft, stellte ich meine Ern\u00e4hrung aus Tierliebe um. In k\u00fcrzester Zeit bemerkte ich durch die vegetarische Ern\u00e4hrung eine starke Verbesserung meines Gesamtbefindens.<\/p>\n<p>Die kommerzielle Massenproduktion, die f\u00fcr Tiere unzumutbaren Haltebedingungen, \u00fcbelste Zust\u00e4nde bei den Transporten, die sich teils \u00fcber tausende von Kilometern erstrecken, die damit verbundenen Lebensmittelskandale \u2013 all dies trug zu meiner Entscheidung bei. Und ich stellte fest, dass es \u2013 dank tierlieber Umwelt-Aktivisten und Gesundheitsreformer \u2013 &nbsp;Ern\u00e4hrungsalternativen \u201den masse\u201d gibt. Man muss nichts entbehren.<\/p>\n<p><strong>Es begann in der Antike<\/strong><\/p>\n<p>Seinen Anfang nahm der Vegetarismus in der westlichen Welt bereits in der Antike, im alten Griechenland. Fleisch wurde damals prim\u00e4r von den Reichen verkostet, das gew\u00f6hnliche Volk in Griechenland und auch in Rom lebte von Getreide, Gem\u00fcse und Obst.<\/p>\n<p>In jenen Tagen waren Tierk\u00e4mpfe und Tierjagden gesellschaftlich von gr\u00f6\u00dfter Bedeutung. F\u00fcr das Volk spielten Tieropferungen eine gro\u00dfe Rolle. Das T\u00f6ten von Tieren und der Fleischkonsum geh\u00f6rten zu den gesellschaftlichen Gebr\u00e4uchen. Wer sich dem Fleischgenuss verweigerte, schloss sich aus dem \u00f6ffentlichen Leben und dessen &#8222;Highlights&#8220; aus und &nbsp;wurde zum Au\u00dfenseiter.<\/p>\n<p>Die ersten Berichte \u00fcber antiken Vegetarismus stammen aus dem 6.\/5. Jahrhundert v. Chr. und beziehen sich auf die Orphiker, eine Gemeinschaft mit religi\u00f6sem Hintergrund. Sie lebten in Griechenland und im griechisch besiedelten S\u00fcditalien und breiteten sich bis an die n\u00f6rdliche Schwarzmeerk\u00fcste aus. Ihre Lebensweise wurde durch Platon (grch. Philosoph, 427-347 v. Chr.) \u00fcberliefert. Die Orphiker beriefen sich auf den mythischen S\u00e4nger und Dichter Orpheus, in dem sie den Urheber ihrer Lehren und den Autor ma\u00dfgeblicher orphischer Texte sahen. Ihr Bestreben war die Vorbereitung auf das von ihnen erwartete Fortleben der Seele nach dem Tod des K\u00f6rpers. Es handelte es sich nicht um eine einheitliche Religionsgemeinschaft mit einer in sich geschlossenen Lehre, sondern um eine Vielzahl autonomer Gruppen.<\/p>\n<p>Die in der Forschung diskutierten Erkl\u00e4rungsans\u00e4tze f\u00fcr ihre Entstehung und fr\u00fche Entwicklung sind spekulativ. Unklar ist insbesondere das Verh\u00e4ltnis der Orphik zu verwandten Ph\u00e4nomenen innerhalb der griechischen Religion wie dem Pythagoreismus, den \u201deleusinischen Mysterien\u201d, verschiedenen Erscheinungsformen des Dionysos-Kults und der religi\u00f6sen Philosophie des Vorsokratikers Empedokles. Manche Ziele und \u00dcberzeugungen teilten die Orphiker mit den &#8222;Pythagoreern&#8220;, einer religi\u00f6sen Gemeinschaft, die Pythagoras im 6. Jahrhundert v. Chr. in S\u00fcditalien gegr\u00fcndet hatte. Nach sp\u00e4teren Berichten geh\u00f6rten in Italien lebende Pythagoreer zu den Autoren orphischen Schrifttums.<\/p>\n<p>Die Orphiker strebten die &#8222;Befreiung der Seele&#8220; an, \u00fcbten Askese und Enthaltsamkeit, sie vermieden Fleisch, in dem sie &#8222;Verderbnis der Seele&#8220; erblickten, eine Art innere Verunreinigung.<\/p>\n<p>Das Interesse der Orphiker richtete sich in erster Linie auf die Entstehung des Kosmos, der G\u00f6tterwelt und der Menschheit und auf das Schicksal der Seele nach dem Tod.<\/p>\n<p><strong>Ihre Seelenlehre <\/strong><\/p>\n<p>Schon in den homerischen Epen ist die Auffassung anzutreffen, im menschlichen und tierischen Dasein gebe es ein belebendes Prinzip, dessen Anwesenheit Voraussetzung des Lebens sei und das den Tod des K\u00f6rpers \u00fcberdauere. Nach den bei Homer \u00fcberlieferten Vorstellungen trennt sich diese Instanz, die \u201eSeele\u201c (griechisch psych\u1e17), beim Tod vom K\u00f6rper und begibt sich als dessen schattenhaftes Abbild in die Unterwelt. Der Dichter geht davon aus, dass das nachtodliche Dasein der Seele unerfreulich ist; er l\u00e4sst sie ihr Schicksal beklagen.<\/p>\n<p>Dieses Konzept verbanden die Orphiker mit der Vorstellung der \u201dSeelenwanderung\u201d, die besagt, dass die Seele nacheinander in verschiedene K\u00f6rper eingeht und so eine Mehrzahl von Leben durchl\u00e4uft. Indem sie der Seele ein eigenst\u00e4ndiges Dasein schon vor der Entstehung des K\u00f6rpers zusprachen, gaben die Orphiker die Annahme einer nat\u00fcrlichen Bindung der Seele an einen bestimmten K\u00f6rper auf. Dadurch erhielt die Seele eine zuvor unbekannte Autonomie. Ihre Verbindung mit einem K\u00f6rper erschien nicht mehr als Erfordernis ihrer Natur, sondern als blo\u00dfe Episode in ihrem Dasein. Sie galt nun nicht nur als unsterblich, sondern ihre Existenz wurde auf eine von der verg\u00e4nglichen K\u00f6rperwelt g\u00e4nzlich unabh\u00e4ngige Basis gestellt. Damit wurde ihr eine urspr\u00fcngliche g\u00f6ttliche oder gott\u00e4hnliche Beschaffenheit und entsprechende Freiheit zugeschrieben. Sie kommt mit Leid und Sterblichkeit in Ber\u00fchrung und muss entsprechende Erfahrungen machen.<\/p>\n<p>Eine solche Daseinsweise entspricht aus orphischer Sicht aber nicht der nat\u00fcrlichen Bestimmung der Seele, sondern ist nur ein von den G\u00f6ttern gewollter, vor\u00fcbergehender Zustand. Daher bezeichneten die Orphiker, wie Platon bezeugt, den K\u00f6rper als \u201dGef\u00e4ngnis der in ihm eingekerkerten Seele\u201d. Sie sprachen dar\u00fcber hinaus vom g\u00f6ttlichen Funken, der unbewusst im Menschen ruht und den es wachzurufen gilt. Dazu ist erforderlich, das Triebhafte des K\u00f6rpers, das dem Tierreich entspricht, zu \u00fcberwinden. Der Gesang des Orpheus f\u00fchrt zu der hierzu notwendigen Harmonie und verschafft der Sehnsucht der Seele nach den g\u00f6ttlichen Ursprung freien Raum.<\/p>\n<p>Die Seele kann die K\u00f6rperwelt endg\u00fcltig verlassen, wenn sie einen <em>Erl\u00f6sungsweg<\/em> beschreitet. Ziel ist ein dauerhaftes, gl\u00fcckseliges Dasein in ihrer Heimat, den g\u00f6ttlichen Gebieten des Jenseits. Das entspricht ihrer eigentlichen, urspr\u00fcnglichen Natur, die g\u00f6ttlich oder gott\u00e4hnlich ist. Die Orphiker vertraten damit ein grunds\u00e4tzlich <em>optimistisches Weltbild<\/em>, das sich <em>fundamental von der traditionellen, prinzipiell <\/em>pessimistischen Sichtweise der Griechen in Bezug auf das Jenseits unterschied.<\/p>\n<p><strong>Orpheus und Eurydike<\/strong><\/p>\n<p>Einer ihrer wichtigsten Mythen berichtet, wie Orpheus in die Unterwelt hinabstieg, um im dortigen Totenreich seine verstorbene Gattin Eurydike zu finden und sie in die Welt der Lebenden zur\u00fcckzuf\u00fchren. Tats\u00e4chlich erhielt er auf Grund seines Gesanges von den dortigen G\u00f6ttern die Erlaubnis, sie mitzunehmen, doch missgl\u00fcckte der gemeinsame Aufstieg; Eurydike musste den R\u00fcckweg antreten. Die nun von Orpheus angestimmten Klagelieder und sein Spiel auf der Leier veranlassten die Felsen, die Pflanzen, die Tiere und Menschen dazu, eintr\u00e4chtig zu lauschen und allen Streit zu vergessen. Doch es brachen titanische Gegenkr\u00e4fte in der Gestalt der M\u00e4naden hervor und zerrissen den S\u00e4nger. Die Weltharmonie zog sich in den Hintergrund zur\u00fcck. Orpheus, der gro\u00dfe S\u00e4nger und Religionsstifter, wurde von nun an zum gro\u00dfen Inspirator von K\u00fcnstlern aus aller Welt. &nbsp;<\/p>\n<p><strong>Der \u00f6stliche Ursprung<\/strong><\/p>\n<p>Es war im Kern ein \u00f6stliches Gedankengut, das \u00fcber die Orphiker in den Westen hineinwirkte. Hierzu geh\u00f6rt auch der Vegetarismus. \u201cDer Fleischverzehr t\u00f6tet den Keim des gro\u00dfen Mitgef\u00fchls mit allen Lebewesen\u201d, hei\u00dft es in einem buddhistischen Sutra. Buddha sah den konsequenten Vegetarismus als einen der fundamentalen Schritte auf dem Weg zur Selbsterkenntnis an. Auch im Hinduismus gibt es seit Jahrtausenden die ethischen Ideale des Gewaltverzichts und des Respekts vor allen Gesch\u00f6pfen. \u201cIndem man keine lebenden Wesen t\u00f6tet, wird man der Erl\u00f6sung w\u00fcrdig\u201d, so die Aussage in einer der urspr\u00fcnglichen Gesetzessammlungen der vedischen Kultur.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\" title=\"\">[1]<\/a><\/p>\n<p>(wird fortgesetzt in <a href=\"https:\/\/www.logon.media\/de\/der-vegetarismus-und-seine-urspruenge-teil-2-von-den-pythagoreern-bis-heute\">Teil 2<\/a>)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\" title=\"\">[1]<\/a> N\u00e4heres bei Armin Risi und Ronald Z\u00fcrrer, <em>Vegetarisch leben<\/em>, Z\u00fcrich, 10. Auflage 2012, S. 134 ff.<\/p>\n","protected":false},"author":920,"featured_media":12829,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110114],"tags_english_":[],"class_list":["post-91595","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-zeitgeist-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/91595","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/920"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/12829"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=91595"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=91595"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=91595"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=91595"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}