{"id":91561,"date":"2021-02-27T13:08:14","date_gmt":"2021-02-27T13:08:14","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/logon_article\/ohne-worte\/"},"modified":"2021-02-27T13:08:14","modified_gmt":"2021-02-27T13:08:14","slug":"ohne-worte","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/ohne-worte\/","title":{"rendered":"Ohne Worte?"},"content":{"rendered":"<p>Unter den vielen Illusionen, denen wir uns hingeben \u2013 mal weil sie uns Erleichterung verschaffen, mal Halt, mal auch einfach nur eine willkommen Ablenkung \u2013 scheint mir doch die Idee von Identit\u00e4t die gr\u00f6\u00dfte Illusion zu sein. Ein \u201eIch bin\u201c, das zugleich auch immer ein \u201eNicht du\u201c mitdenkt.<\/p>\n<p>Und doch bin ich im tiefsten Wesen nicht getrennt, sondern ein Teil von allem, was ich wahrnehmen kann. Ich benutze Sprache, um Unterscheidungen zu treffen, denn es ist mir nicht m\u00f6glich, die Wirklichkeit so zu erfassen, wie sie ist: eine Symphonie aus Millionen Stimmen, eine Sch\u00f6pfung aus vielen verschiedenen Formen, aber im Kern eine untrennbare lebendige Einheit.<\/p>\n<p>Die Sprache ist der Kompass, der uns hilft, uns in der Welt der Form zurechtzufinden. Wenn jedoch die Form verschwindet, gehen auch die Worte weitgehend verloren. Dort in der Stille bin ich pures Sein, ein Ton im Orchester des Universums, ein Klang im Einklang.<\/p>\n<p>Hier aber, jenseits des \u201eSeins\u201c, bin ich ein sprechendes Wesen, das sich mit jedem Wort tiefer in der T\u00e4uschung verstrickt. Ich bin nicht einfach irgendwer, sondern jemand Bestimmtes. Und dieses Ich versteht sich als getrennt von dir, dem Leser, von der Menschheit, vom Universum. Ich verstehe mich als Jemand, der sich mit bestimmten Eigenschaften identifiziert und andere ablehnt.<\/p>\n<p>Mit meinen Worten baue ich Br\u00fccken, damit andere meine Identit\u00e4tsinseln betreten k\u00f6nnen. Aber meine Worte sind auch das Wasser, das dich und mich auf unbestimmte Zeit trennt.<\/p>\n<p>Ich bin in Abgrenzung zu allen, eine einsame Insel, stets besorgt um Rang und Ansehen. Ich bin sch\u00f6n, jung und klug. Sch\u00f6n ist nicht h\u00e4sslich, jung ist nicht alt, klug ist nicht dumm. Meine Identit\u00e4t ist die Grenze, die ich um mein Dasein ziehe, um es besser zu begreifen. Ich brauche die Unterscheidung, um mich nicht in der Unendlichkeit der M\u00f6glichkeiten zu verlieren. Ich muss doch wissen, wer ich bin und wo ich stehe, oder etwa nicht?<\/p>\n<p>Unsere gemeinsame Wirklichkeit ist eine Wirklichkeit der Unterscheidung. Ich schlie\u00dfe Allianzen mit Gleichgesinnten und gemeinsam bauen wir Festungen, um uns vor andersdenkenden Menschen zu sch\u00fctzen. Wir f\u00fchlen uns sicher im Bekannten, Vertrauten \u2013 und bedroht durch das Unbekannte, das Fremde. In dieser Blase der Gleichgesinnten habe ich mir eine Wirklichkeit erschaffen, die nicht mehr ist als eine Farbnuance des Regenbogens. Aber f\u00fcr mich ist es das ganze Universum. Wieder und wieder verwechsle ich Blau oder Rot oder Gelb mit der Brillanz des wei\u00dfen Lichts der Wahrheit und wandele auf dieser Erde mit get\u00f6nten Brillen, manche heller als andere, aber keine bietet eine klare Sicht. In meinem \u201eIch-sein\u201c bin ich kurzsichtig, die Brille beschlagen, die Sicht unklar.<\/p>\n<p><strong>\u00dcber die Kiste und das Ich-Bin<\/strong><\/p>\n<p>Und doch, in meinem Herzen, in dem ICH jenseits der pers\u00f6nlichen Identit\u00e4t, ist meine Wirklichkeit grenzenlos, bin ich grenzenlos. Aber f\u00fcr diese Wirklichkeit habe ich keine Worte. Ein unbekanntes Territorium des Einsseins; wie soll ich dar\u00fcber sprechen?<\/p>\n<p>Mit meinen Worten und Gedanken habe ich eine Festung gebaut, in die ich das Unendliche eingesperrt habe. In der Zwangsjacke menschengemachter Konzepte habe ich die grenzenlose Herrlichkeit meiner Seele auf ein Wort reduziert, einen Kalenderspruch, ein Konzept, \u00fcber dessen Beginn und Ende ich mich mit geistig Gleichgesinnten ereifere.<\/p>\n<p>Konzepte sind das Gef\u00e4ngnis der Seele. Das ewig Neue, das sich stetig Wandelnde erstarrt im Klang eines Wortes. Lediglich der Klang, der Ton, das Ungesagte im Gesagten gibt dem Wort Nuance und Tiefe.<\/p>\n<p>Immer wieder sehe ich, wie die Menschen auf der Suche nach Struktur und Verl\u00e4sslichkeit allem, was in den Landschaften ihres Lebens auftaucht, einen Namen geben. Alles wird fein s\u00e4uberlich in eine \u201eKiste\u201c gesteckt, pr\u00e4zise beschriftet und aufbewahrt. Wer jedoch einmal schweigend vor dem Regal der Begriffe gestanden hat, der wei\u00df, welch Sturm in manchen Kisten tobt. Wo wilde, freie Energien als Geiseln gehalten werden, gewogen und gemessen, dort, wo Begriffe zueinander streben, die, k\u00fcnstlich getrennt, einander schmerzlich missen, gelingt es mitunter dem ein oder anderen Begriff, seine Kiste auszubauen oder sogar aus seinem Gef\u00e4ngnis zu entfliehen.<\/p>\n<p>Um den \u00dcberblick nicht zu verlieren, um <em>mich<\/em> nicht zu verlieren, versuche auch ich, alles zu sortieren und einzuordnen. F\u00fcr alles gibt es ein Konzept, ein Wort, eine Kiste. Ich habe Begriffe f\u00fcr die Seele, den Geist, Gott, das Universum. Konzepte, die mich glauben lassen, dass ich verstehe. Konzepte, die Sicherheit geben. Aber wie kann ich das erkennen, was getrennt von mir ist?<\/p>\n<p>Wir sagen, hier bin ich, dort ist die Seele und dort oben ist Gott. Auf einer selbst erdachten Skala ordnen wir bestimmte Dinge und Verhaltensweisen als n\u00e4her oder weiter entfernt von Gott ein. Wir sagen, ein Mann ist weise, aber ein anderer ist weiser. Der eine lebt ein Leben nahe bei Gott und der andere weit von ihm entfernt. Aber wer sind wir, um zu sagen, dass der eine n\u00e4her bei Gott ist als der andere?<\/p>\n<p>Die Menschen um mich herum sind besessen davon, Dinge zu benennen und zu messen. Und doch behaupte ich, dass die Wirklichkeit weder benannt noch gemessen werden kann. Sie entzieht sich allen Worten, sie existiert jenseits der Form. In dieser unendlichen, ungebundenen Realit\u00e4t ist die einzige Illusion die der Unterscheidung. Wenn ich aufh\u00f6re, die Dinge zu benennen, fange ich an, die Dinge als das zu sehen, was sie sind, als Teil des unendlichen, grenzenlosen Bewusstseins, genau wie ich.<\/p>\n<p><strong>Die Sicherheit des Eindeutigen verlassen<\/strong><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist nicht alles gleich. In der Welt der Formen gibt es verschiedene Schwingungen, Abstufungen. Aber wenn ich Worte der Unterscheidung benutze, bewege ich mich an der Peripherie. Dann ist Wirklichkeit blo\u00df ein weiteres Konzept, \u00fcber das sich streiten l\u00e4sst. Der Weg von der Peripherie hin zur Mitte begann f\u00fcr mich mit vielen Worten, mit Wegweisungen, mit Konzepten, an denen ich mich gleich einem Seil entlang hangeln konnte. Immer mehr aber verblassen nun die Konzepte, werden unwichtig, stehen im Weg. Namen und Worte verlieren ihre Bedeutung, ich brauche die Hilfestellung ihrer Eindeutigkeit immer seltener. Die Sicherheit der Eindeutigkeit verlassend, sp\u00fcre ich eine neue Kraft, eine <em>neue<\/em> Sicherheit, die aus der Mitte aufsteigt und mich ganz umh\u00fcllt.<\/p>\n<p>Dort im Zentrum aller Dinge verlieren Worte jede Bedeutung. Alles ist ein einziger widerhallender Klang der Einheit. Von dieser alles umfassenden Pr\u00e4senz sicher gehalten, lege ich die R\u00fcstung der Sprache ab, lasse ich meine individuell gef\u00e4rbte Wirklichkeit los. Im Herzen des Herzens, im Zentrum der Sch\u00f6pfung, werden weder Worte noch Konzepte ben\u00f6tigt. Dort ist Orientierung immer da, bin ich eins mit dem alles durchdringenden Bewusstsein. Ohne Unterscheidung und \u00e4u\u00dfere Identit\u00e4t ist die Einheit eine Erfahrung. In dieser neuen Wirklichkeit des Einsseins gehe ich auf in der stillen Gegenwart, die alles durchdringt. In ihr empfange ich mich neu.<\/p>\n","protected":false},"author":920,"featured_media":12696,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110101],"tags_english_":[],"class_list":["post-91561","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-spiritsoul-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/91561","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/920"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/12696"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=91561"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=91561"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=91561"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=91561"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}