{"id":91461,"date":"2021-02-05T17:49:47","date_gmt":"2021-02-05T17:49:47","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/logon_article\/das-ewige-bricht-in-das-zeitliche-ein\/"},"modified":"2021-02-05T17:49:47","modified_gmt":"2021-02-05T17:49:47","slug":"das-ewige-bricht-in-das-zeitliche-ein","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/das-ewige-bricht-in-das-zeitliche-ein\/","title":{"rendered":"Das Ewige bricht in das Zeitliche ein"},"content":{"rendered":"<p>Viele Jahre ist es her, da hatte ich ein tiefgreifendes Erlebnis. Mit einem Freund besuchte ich eine Burgruine auf einer Anh\u00f6he. Unter einem Apfelbaum lagen reife \u00c4pfel. Ich sammelte welche auf. Der Freund stand vielleicht in acht Meter Entfernung und l\u00e4chelte mir zu.<\/p>\n<p>Auf einmal entschwand jegliches Zeitempfinden. Ich erlebte intensiv die Gegenwart. Ich f\u00fchlte mich frei von Gedanken, Gef\u00fchlen und W\u00fcnschen, ja, sogar frei von mir selbst. Die Alltagssorgen, der Druck dieser Welt, die Last auf meinen Schultern waren verschwunden &#8230; Was \u00fcbrig blieb, war ein Gef\u00fchl unendlicher Freiheit und tiefen Friedens. Ich f\u00fchlte mich wie ein Kind, die Welt war noch neu. Ich stand da, im absoluten Jetzt, dem Schnittpunkt zwischen Vergangenheit und Zukunft.<\/p>\n<p>Dieses Erleben bei der Burgruine, diese erlebte Kostprobe Ewigkeit, dauerte vielleicht nur Sekunden, enthielt aber eine F\u00fclle unaussprechlicher Momente. Ich konnte mir das Erlebnis nicht erkl\u00e4ren \u2013 aber es war wunderbar. War der Freund, mit dem ich mich verbunden f\u00fchlte, der Ausl\u00f6ser? Kam es aus meinem Innersten? Oder ist das Ewige in das Zeitliche eingebrochen \u2013 ein Gottes-Strahl?<\/p>\n<p><strong>Die Zeit des Menschen<\/strong><\/p>\n<p>Die alten Griechen kannten den Gott <em>Chronos<\/em>. Er war Sinnbild f\u00fcr die Lebenszeit, den Ablauf der Zeit, das pers\u00f6nliche Zeiterleben. Die Personifizierung machte deutlich, dass Zeit einen pers\u00f6nlichen, subjektiven Bezug zum Menschen hat. Jeder hat \u201eseine Zeit\u201c. Erst sp\u00e4ter entwickelte sich die \u201eobjektive\u201c mechanische Zeitmessung in Minuten, Stunden, Tagen, Wochen und Jahren.<\/p>\n<p>In unserer Sprache kommt der Begriff Zeit aus dem altdeutschen <em>\u201eZit\u201c<\/em> und bedeutet Teilen, Zerschneiden, das hei\u00dft, die Zeit wird eingeteilt in Abschnitte.<\/p>\n<p>Die Griechen kannten, was die Zeit betrifft, noch einen weiteren Gott: <em>Kairos.<\/em> Er erm\u00f6glicht den besonderen Moment, den erf\u00fcllten Moment, der uns aus dem Zeitgeschehen hinaushebt \u2013 und damit auch \u00fcber uns selbst.<\/p>\n<p>Die Zeit vergeht langsam oder schnell, sie wird subjektiv wahrgenommen, variabel empfunden.<\/p>\n<p>Wenn ein Mensch zu wenig geschlafen hat, geht die Zeit viel langsamer vorbei. Oder wenn er sich langweilt, die lange Weile erlebt, bleibt sie quasi stehen. Hat er dann die Zeit zu wenig genutzt \u2013 nicht das <em>Carpe Diem<\/em> befolgt?<\/p>\n<p>Kann man die Zeit beschleunigen, indem man sie \u201evertreibt\u201c? Hierf\u00fcr gibt es viele M\u00f6glichkeiten: Spiele, Fernsehen usw.. Vielleicht wollen wir uns dann \u00fcber den Zeitablauf hinwegt\u00e4uschen. Wir lassen die Zeit vor\u00fcberziehen, verschwenden sie, als h\u00e4tten wir zu viel davon. Oder laufen wir dabei vor einer sinngebenden M\u00f6glichkeit weg?<\/p>\n<p>Eine F\u00fclle von bewusst erlebten Ereignissen, intensiven menschlichen Begegnungen l\u00e4sst die Zeit vorbei flitzen, ebenso sch\u00f6ne Urlaubstage, die mit jedem Tag schneller vor\u00fcbergehen, oder die hohe Konzentration bei einem Hobby, oder auch Arbeitstage im Stress oder Eustress.<\/p>\n<p>In einem Traum kann es geschehen, dass wir Geschichten erleben, die Stunden oder Tage dauern, w\u00e4hrend wir doch nur zehn Minuten lang getr\u00e4umt haben.<\/p>\n<p>Die Geburt eines Kindes kann als zeitlos empfunden werden &#8230; und auf der \u201eumgekehrten\u201c Ebene auch der Sterbeprozess. Er gleitet in das Zeitlose hin\u00fcber. Auch der \u00dcbergang vom Wachzustand in den Schlafzustand entzieht sich dem Zeiterleben.<\/p>\n<p>Wenn wir unsere ganze Aufmerksamkeit einer T\u00e4tigkeit oder einem uns gegen\u00fcber stehenden&nbsp; Menschen widmen, kann es sein, dass wir uns von unserem Ich-Bewusstsein entfernen. In gewissem Ausma\u00df werden wir eins mit dem Anderen oder mit dem, was wir tun. Und steigen dabei zugleich aus der Zeit aus. &nbsp;<\/p>\n<p>Das Ich z\u00e4hlt Sekunden oder Arbeitsstunden. Das Herz aber und die Seele verm\u00f6gen sich einem Geschehen hinzugeben. Wenn wir einer Sache mit Hingabe dienen, k\u00f6nnen wir drei Stunden arbeiten oder acht Stunden. Die Zeit spielt keine Rolle mehr. Das Seelen-Empfinden ist das Gleiche.<\/p>\n<p>K\u00f6nnte es sein, dass wir dabei auch Gott dienen?<\/p>\n<p><strong>Kairos<\/strong><\/p>\n<p>Im Dienen stehen bedeutet, im Augenblick zu leben, im Moment wahrzunehmen, sich selbst vergessend.<\/p>\n<p>Im Neuen Testament bedeutet der Begriff <em>Kairos<\/em> die Zeit, in der Gott agiert.<\/p>\n<p>Der Tempel ist ein uralter Begriff f\u00fcr das Gotteshaus, ein Ort, wo Gott sich in der Zeit offenbaren kann \u2013 was der Begriff Tempel auch w\u00f6rtlich bedeutet: <em>Tempo<\/em> = die Zeit, <em>El<\/em> = das G\u00f6ttliche.<\/p>\n<p>Ein Tempel ist ein Ort der Stille. Wenn wir still werden, k\u00f6nnen wir \u201edie Stimme der Stille\u201c h\u00f6ren. Wir k\u00f6nnen der Zeit entsteigen, hinauf in andere Seelen-R\u00e4ume und Dimensionen. Und die Zeit dehnt sich aus fast bis in die Ewigkeit.<\/p>\n<p>Im Tempel, der dem Christus geweiht ist, steht das Kreuz, ein wunderbares Symbol, welches darstellt, wie sich die Ewigkeit in die Zeit einsenkt.<\/p>\n<p>Der horizontale Balken am Kreuz weist auf den Weltenlauf hin, auf die Zeitfolge, auf das Erfahrungsfeld der Menschen \u2013 die \u201e\u00dcbungsschule der Ewigkeit\u201c. Er symbolisiert unsere Welt mit Zeit und Raum, Endlichkeit und Begrenztheit; die Welt mit ihren Gegensatz-Paaren, die einander bedingen \u2013 eines kann nie ohne das andere sein: gut \u2013 b\u00f6se, Tag \u2013 Nacht, Mann \u2013 Frau &#8230;<\/p>\n<p>Der vertikale Balken zeigt dem Menschen, dass es etwas au\u00dferhalb von Raum und Zeit gibt, etwas \u00dcberirdisches, einen Weg zum G\u00f6ttlichen.<\/p>\n<p>Wenn der Mensch sich im Tempel befindet oder sich in sein Herz-Inneres begibt, kann er in eine F\u00fclle zeitloser Dimensionen eintreten (<em>dimensio<\/em> = Ausdehnung); Er kann Seelenr\u00e4ume durchschreiten, so dass er sp\u00e4ter sagen kann, er war lange Zeit in diesem Zustand.<\/p>\n<p>Eine kurze Zeit \u201eim Tempel\u201c kann das Zeitempfinden hervorrufen, man sei f\u00fcr ein bis zwei Wochen weit entfernt gewesen. In \u201eseinem Tempel\u201c befindet sich der Mensch wie auf einem h\u00f6her schwingenden Planeten. Nach dem \u201eEintauchen in g\u00f6ttliche Bereiche\u201c (dem H\u00f6her-Angehoben-Werden am vertikalen Balken) landet er nach dem \u201eWieder-Heraustreten\u201c erneut auf dem alten Planeten (dem horizontalen Balken).<\/p>\n<p>An der Stelle, wo sich der horizontale und der vertikale Balken kreuzen, befindet sich der Schnittpunkt von Zeit und Ewigkeit. Die Ewigkeit durchkreuzt die Zeit.<\/p>\n<p>Mit ausgestreckten Armen kann der Mensch das Kreuz symbolisieren. Und er kann sich zum F\u00fcnfeck \u00f6ffnen, wie Leonardo da Vinci es in seinem vitruvianischen Menschen darstellt. Dann wird er umfangen vom Kreis der Ewigkeit, wird zum Symbol des universellen Menschen (<em>homo universalis<\/em>). In der Mitte, dem Herzen, schlummert und erwacht die Ewigkeit. Wenn der Mensch seinem g\u00f6ttlichen Kern dient, geht er allm\u00e4hlich auf ins Zeitlose. Er verwandelt sich in all seinen Strukturen bis in die Organe hinein in ein h\u00f6her schwingendes Wesen, das Zeit und Raum \u00fcberwindet.<\/p>\n<p>Daher der Ausruf in Markus 1, 15: \u201eDie Zeit ist erf\u00fcllt. Das Reich Gottes naht. Kehrt um, glaubt an das Evangelium.\u201c<\/p>\n<p>Es ist ein Erwachen aus dem Chronos-Zeitenlauf in das Kairos-Erleben.<\/p>\n<p>Ein solcher Weg f\u00fchrt ins Zentrum unserer Existenz, ins Zentrum der Zeit, wo es keine Zeit mehr gibt.<\/p>\n<p>Im Schnittpunkt des Kreuzes findet Leben in der Unmittelbarkeit des Jetzt statt, in der Kairos-Wachheit, der Augenblickserfahrung.<\/p>\n<p>Hier sind wir offen f\u00fcr Gott, werden vom Ewigen umfangen.<\/p>\n<p>Zeit und Ewigkeit flie\u00dfen zusammen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"author":920,"featured_media":12290,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110101],"tags_english_":[],"class_list":["post-91461","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-spiritsoul-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/91461","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/920"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/12290"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=91461"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=91461"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=91461"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=91461"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}