{"id":91329,"date":"2020-12-30T07:34:57","date_gmt":"2020-12-30T07:34:57","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/logon_article\/welterfahrung-als-ein-innen-teil-4\/"},"modified":"2020-12-30T07:34:57","modified_gmt":"2020-12-30T07:34:57","slug":"welterfahrung-als-ein-innen-teil-4","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/welterfahrung-als-ein-innen-teil-4\/","title":{"rendered":"Welterfahrung als ein \u201eInnen\u201c \u2013 Teil 4"},"content":{"rendered":"<p>Zu&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.logon.media\/de\/welterfahrung-als-ein-innen-teil-3\">Teil 3<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>G.F.: Ich m\u00f6chte Dir, Wolfgang, noch eine andere Frage stellen, die ebenfalls den Zukunftsaspekt betrifft. Du hast in einem Deiner B\u00fccher mit dem Titel \u201eZeitbindung in Natur, Kultur und Geist\u201c am Schluss eine Andeutung gemacht, die die Dreieinheit neu beleuchtet. Die Dreieinheit hat f\u00fcr uns traditionsgem\u00e4\u00df einen religi\u00f6sen Inhalt: Vater, Sohn und Heiliger Geist. Du hast dieses Wort auf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bezogen. Soweit ich es begriffen habe, sagst Du: Da ist der Ursprung, der Vateraspekt, die Menschheitsvergangenheit, aus der wir kommen. Dann gibt es den Sohnaspekt. Durch ihn tritt die Gegenwart in uns hinein, so interpretiere ich dich jedenfalls, und wir k\u00f6nnen durch den Impuls des Sohnes zu einer neuen Wirksamkeit gelangen. Wenn wir auf diesen Impuls reagieren und unser Leben auf ihn abstimmen, wird der Heilige-Geist-Aspekt wirksam, der den richtigen Schritt in die Zukunft erm\u00f6glicht. K\u00f6nntest Du dazu noch etwas erl\u00e4utern?<\/p>\n<p><strong>Zeit und Gegenwart<\/strong><\/p>\n<p>Prof. Schad: Wir befinden uns ja in einem naturwissenschaftlich aufgekl\u00e4rten Zeitalter. Zu ihm geh\u00f6rt die Sichtweise einer linear ablaufenden Zeit, die nur eine Dimension hat, einer Zeit, die immer nur voranschreitet und in der im Nacheinander die Welt abl\u00e4uft. Sie wird Newtonzeit genannt. Wenn man sie sich als Zeitpfeil aufmalt, wird er r\u00e4umlich dargestellt als eine Linie. In jedem Zeitdiagramm der Physik, der Chemie und Biologie gibt es die t-Achse, von tempus = die Zeit. Auf ihr kann man vermessen, wie lange jeweils die Vergangenheit bisher gedauert hat, und man kann messen, wie weit in die Zukunft hinein man seine Erwartungen stellt. Fragt man aber, ob man auch die Dauer der Gegenwart messen kann, so ist in dieser Newtonzeit die Gegenwart Null, n\u00e4mlich der winzig kleine, unendlich kleine Unterschied zwischen Vergangenheit und Zukunft. In jedem Augenblick wird die Zukunft zur Vergangenheit. Wenn ich mir das bis ins Einzelne vorstelle, dann ist das unendlich Kleine gleich null. Das hei\u00dft, die Gegenwart gibt es gar nicht in dieser linearen Zeit, ich kann sie nicht quantitativ nennen, ich kann sie nur nennen als den Nullpunkt, in dem sich Vergangenheit und Zukunft treffen, aber ein Punkt hat ja keine Ausdehnung. Die Gegenwart hat hierin keine Ausdehnung.<\/p>\n<p><strong>Gegenwart und Rhythmus<\/strong><\/p>\n<p>Was ist aber Gegenwart? Dazu gibt es eine ausgezeichnete neurologische Forschung durch den M\u00fcnchner Neurologen Ernst P\u00f6ppel, der zeigt, dass die Lebensprozesse in den Hirnfunktionen deutlich unterscheidbare Rhythmen besitzen, dass die Zeit dort also rhythmisiert wird. Und nur durch den Rhythmus wird es m\u00f6glich, Gegenwart zu erleben. Dieses Erleben bedeutet aber, dass die Gegenwart nicht nur eine Null ist, sondern dass es auch eine gewisse Gegenwartsdauer gibt. Ich will das jetzt im Einzelnen hier nicht inhaltlich ausf\u00fchren, sondern will daran nur eine Frage kn\u00fcpfen. Wenn Gegenwart durch Rhythmus m\u00f6glich wird, dann m\u00fcssen wir fragen, was Rhythmus ist. Dann kommt man zu einer ganz wunderbaren L\u00f6sung.<\/p>\n<p>Denn Rhythmus ist Wiederholung, es findet also bei jedem Rhythmus eine Wiederholung von Vergangenheit statt, eine Vergegenw\u00e4rtigung von schon mal Geschehenem. In der Wiederholung wird die Vergangenheit erneut in der Gegenwart ausgesprochen. Das gibt es allerdings auch beim Takt der Maschine, da wird auch jedes Mal die vorherige Phase wiederholt, aber beim Takt immer nur in gleichen Abst\u00e4nden und gleichen Gr\u00f6\u00dfen, sowohl nach Frequenz wie nach Amplitude. Im Leben ist demgegen\u00fcber keine Phase der anderen gleich, gleicht keine Periode der anderen. Jeder Herzschlag ist, genau gemessen, anders als der vorherige, jeder Atemzug ist, genau gemessen, anders als der vorherige. Es gibt keinen physiologischen Prozess, der nicht oszilliert, also nicht rhythmisch verl\u00e4uft. Im Lebensprozess finden keine Takte statt, sondern Rhythmen.<\/p>\n<p><strong>Vergangenheit und Zukunft im Rhythmus<\/strong><\/p>\n<p>Beim Rhythmus wird die Vergangenheit nicht nur in einer gewissen L\u00e4nge wiederholt, sondern sie wird auch dauernd ver\u00e4ndert. In der n\u00e4chsten Periode geschieht die Wiederholung anders als in der vorhergehenden. Das hei\u00dft, im Rhythmus ist eine Offenheit f\u00fcr Unvorhersehbares, f\u00fcr Zukunft. Durch diese Offenheit des Rhythmus\u2019 wird eine vergegenw\u00e4rtigte Zukunft m\u00f6glich. Und so l\u00e4sst sich jetzt gut beschreiben, dass die Lebensvorg\u00e4nge nicht nur als Wiederholung stattfinden, sondern zugleich auch in der Offenheit f\u00fcr die noch nicht festgelegte Zukunft. Ich kann die Dauer einer Phase oder einer ganzen Periode des Rhythmus immer sauber messen, aber diese Perioden sind nicht immer gleich, sondern ver\u00e4ndern sich fortw\u00e4hrend, allerdings nicht bis zur Unkenntlichkeit gegen\u00fcber den vorher gehenden. Die Kenntlichkeit der Vergangenheit bleibt erhalten, aber die Zukunft wirkt immer in jeder Periode mit. Und das macht m\u00f6glich, dass ich zu einem anderen Zeitbegriff gelange.<\/p>\n<p><strong>Die \u201everdichtete Zeit\u201c \u2013 Zeitintegration<\/strong><\/p>\n<p>Er besteht nicht mehr in der linearen Newtonzeit, sondern in der \u201everdichteten Zeit\u201c von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Das habe ich Zeitintegration genannt. Sie ist ein Grundvorgang, mit dem ich auch biologische Vorg\u00e4nge deutlich von toten chemischen und physikalischen im Anorganischen absetzen kann. Das Anorganische kennt zwar auch ver\u00e4nderte Funktionen, aber nur in einer Richtung, n\u00e4mlich zum Beispiel das Verrosten, also den Verschlei\u00df. Es kann sich selbst nicht regenerieren. Das Wunderbare am Lebendigen ist, dass sich die organischen Vorg\u00e4nge regenerieren k\u00f6nnen, solange sie leben, weil sie offenbar nicht nur allein von ihrer Vergangenheit abh\u00e4ngig sind.<\/p>\n<p>Um uns der Frage der Trinit\u00e4t zu n\u00e4hern, m\u00fcssen wir nicht nur den biologischen Menschen, sondern auch den kulturellen Menschen ins Auge fassen. Hier m\u00f6chte ich den National\u00f6konomen Wilhelm R\u00f6pke anf\u00fchren. Er hatte einen Lehrstuhl an einer Hochschule in Deutschland, wurde von Hitler vertrieben und wanderte in die Schweiz aus. Dort bekam er einen Lehrstuhl in Genf und schrieb seine wichtigsten B\u00fccher. In einem von ihnen mit dem Titel \u201eDie Gesellschaftskrisis der Gegenwart\u201c untersucht er den Gegenwartsbegriff in der Gesellschaft, in der Kultur. Und er kommt zu einer wunderbaren Entdeckung, dass n\u00e4mlich eine Gesellschaft nur dann eine Kulturgesellschaft ist, wenn sie die Fr\u00fcchte der Vergangenheit nicht verliert, sondern weiter tradiert. Aus der Vergangenheit zu lernen, das geh\u00f6rt zu jeder Kultur. Er reicht aber nicht, das Vergangene zu erhalten, sondern es muss stets auch etwas von einer Kultur, die sich in Zukunft entwickeln wird, bereits jetzt im Keime da sein.<\/p>\n<blockquote>\n<p>Eine Kultur ist also nur lebendig, wenn in ihr Vergangenheitskultur, Gegenwartskultur und Zukunftskultur <em>zugleich<\/em> vorhanden sind.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Wenn das in einer Gesellschaft zu finden ist, ist sie gesund. Das bedeutet, R\u00f6pke entdeckte die Zeitintegration auch f\u00fcr das kulturelle Leben als grundlegend. Deswegen kann man bei der Kultur auch von Kulturleben sprechen, weil sie lebt \u2013 durch die Zeitintegration.<\/p>\n<p>G.F.: Das klingt ja sehr abstrakt, wenn die Zukunft jetzt schon im aktuellen Moment gelebt werden soll. Was hei\u00dft das denn? Was ist das, was gelebt wird als aktuelle Zukunft? Man kann doch nur sagen, dass das ein noch nicht entfaltetes Potenzial ist, eine Tiefe, die in uns Menschen ruht und auch in aller Natur. Und nur deshalb kann uns Zukunft entgegentreten, weil in uns eine M\u00f6glichkeit da ist, die wir noch nutzen k\u00f6nnen, sodass also immer Hoffnung besteht.<\/p>\n<p><strong>Vergangenheit und Zukunft im Jetzt<\/strong><\/p>\n<p>Prof. Schad: Ein fr\u00fcher sehr bekannter amerikanischer Journalist, Robert Jungk, hatte ein Buch geschrieben mit dem Titel \u201eDie Zukunft hat schon begonnen\u201c. Er schildert darin die Biographien der ersten Atomforscher und Nukleartechniker und bezeichnet vor allem diese Nukleartechnik als Zukunft. \u00dcber den Inhalt dieses Buches will ich nicht sprechen, sondern ich will nur auf den Buchtitel hinweisen. Die Zukunft hat tats\u00e4chlich im Jetzt schon begonnen, und das meinte Wilhelm R\u00f6pke auch. Das war f\u00fcr mich als Anthroposoph besonders interessant. Steiner schildert in einem Vortrag, wann wir in unserer gegenw\u00e4rtigen Kultur gesund leben. Unsere Kultur ist die der Neuzeit. Sie hat mit der Renaissance begonnen, aber die Sch\u00e4tze des Mittelalters und auch der Antike sind heute noch vorhanden, Gott sei Dank. Sie bestehen aus der mittelalterlichen Religiosit\u00e4t und der in der Antike erwachten Wissenschaft, die wir von den Griechen \u00fcbernommen haben. Diese Sch\u00e4tze sollten nicht verloren gehen. Eine Kultur ist nur gesund, wenn die Sch\u00e4tze der Vergangenheit auch wieder Gegenwart werden k\u00f6nnen. Das geschieht ja insbesondere durch das Bildungswesen, die Schule, die Hochschule usw. Dort wird die Vergangenheit immer wieder neu belebt. Aber es ist schlimm, wenn es nur dabei bleibt. Zu einer Kultur geh\u00f6rt es auch, dass die k\u00fcnftige Kultur, die einmal allgemein alle Menschen hoffentlich erfassen wird, im Kleinen jetzt schon da ist. Sonst ist die aktuelle Kultur nicht gesund.<\/p>\n<p>Wer daf\u00fcr auch ein Gesp\u00fcr hatte, war Friedrich Nietzsche, wie ambivalent er auch sein mag. Er verfasste eine Schrift mit dem Titel \u201eUnzeitgem\u00e4\u00dfe Betrachtungen\u201c. Mit diesem Titel deutet er an, dass es lohnende Betrachtungen gibt, die im Moment nicht als zeitgem\u00e4\u00df angesehen werden, die der momentane \u00f6ffentliche Zeitgeist also ablehnt, die aber doch die Keime der Zukunft sind, die wir brauchen. Dazu z\u00e4hlen die Utopien, die Visionen, die Erwartungen, die wir an die Zukunft haben. Sie sind sehr viel m\u00e4chtiger, als wir glauben. Damit ber\u00fchren wir die Fragen von Pessimismus und Optimismus.<\/p>\n<p>G.F.: Bist du ein Pessimist, was die Zukunft anbelangt?<\/p>\n<p><strong>Das Potenzial der Zukunft <\/strong><\/p>\n<p>Prof. Schad: Es gibt ein Buch, von Peter Ludwig geschrieben, ver\u00f6ffentlicht 1991 in Stuttgart, mit dem Titel \u201eSich selbst erf\u00fcllende Prophezeiungen im Alltagsleben\u201c. Ludwig weist hier nach, dass von den Prophezeiungen, die wir f\u00fcr die Zukunft machen, sehr viel mehr zur Wirklichkeit wird, als wir ahnen. Von den Bildern, die wir uns von der Zukunft machen, geht eine intensive Wirkung aus. Er nennt aus dem Alltag eine gro\u00dfe Zahl von Beispielen. Ich m\u00f6chte nur eins davon anf\u00fchren: In Kalifornien gab es einmal ein Experiment, das im Radio durchgef\u00fchrt wurde. Es wurde einfach bewusst die grundlose Meldung verbreitet, das Benzin werde voraussichtlich knapp. Daraufhin fuhren zahlreiche Kalifornier die n\u00e4chste Tankstelle an und f\u00fcllten nicht nur ihren Tank auf, sondern auch noch Benzinkanister, soviel sie konnten \u2013 mit dem Erfolg, dass das Benzin tats\u00e4chlich knapp wurde.<\/p>\n<p>Die Aussage, dass die Zukunft als M\u00f6glichkeit, als Potenz schon jetzt da ist und auch benutzt werden kann, begr\u00fcndet Optimismus und l\u00e4sst eine Null-Bock-Stimmung verfliegen. Und es ist sehr wichtig, dass man von dieser M\u00f6glichkeit im Jugendalter erf\u00e4hrt, denn wir haben ja in den Jugendgenerationen ganze Wellen gehabt, die in die Null-Bock-Stimmung geraten sind. Die Zukunftserwartungen, die in der Jugendseele aufwachen, die Frage: \u201eWas mache ich aus meinem Leben?\u201c kann in irgendeiner Tristesse enden. Und dem kann vorgebeugt werden, indem man dar\u00fcber spricht, dass die Zukunft ja schon da ist. \u201eSie ist gerade auch in euch, liebe junge Leute, vorhanden.\u201c Jedes Kind, jeder Jugendliche, jeder junge Mensch ist schon biologisch vorhandene Zukunft und erst recht nat\u00fcrlich seelische, geistige und kulturelle. Ihm das \u00fcberhaupt klar zu machen und ihn nicht nur durch Tradition auf die Vergangenheit festzulegen, das erst bringt Freiraum in die menschliche Biographie.<\/p>\n<p>G.F.: Ganz herzlichen Dank, Wolfgang, f\u00fcr dieses Interview. Ich finde, gerade auch Deine Aussagen am Schluss sind von allergr\u00f6\u00dfter Bedeutung. Denn es wird auch ein enormer Pessimismus verbreitet in Bezug auf das, was alles kommen kann in der Menschheit und auf der Erde. Aber wir haben das Potenzial, das in uns ruht, noch l\u00e4ngst nicht ausgesch\u00f6pft, und die jungen Menschen werden es hoffentlich nutzen.<\/p>\n","protected":false},"author":920,"featured_media":11832,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110088],"tags_english_":[],"class_list":["post-91329","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-science-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/91329","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/920"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/11832"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=91329"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=91329"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=91329"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=91329"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}