{"id":91325,"date":"2020-12-30T07:26:28","date_gmt":"2020-12-30T07:26:28","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/logon_article\/welterfahrung-als-ein-innen-teil-3\/"},"modified":"2020-12-30T07:26:28","modified_gmt":"2020-12-30T07:26:28","slug":"welterfahrung-als-ein-innen-teil-3","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/welterfahrung-als-ein-innen-teil-3\/","title":{"rendered":"Welterfahrung als ein \u201eInnen\u201c \u2013 Teil 3"},"content":{"rendered":"<p>Zu&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.logon.media\/de\/welterfahrung-als-ein-innen-teil-2\">Teil 2<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>G.F.: Gibt es eine M\u00f6glichkeit, in einen bewussten Kontakt zu treten mit dem wahren Ich? Kann sich mir, in meinem aktuellen Bewusstsein, dieses urspr\u00fcngliche, wahre Ich, meine wahre Identit\u00e4t, offenbaren?<\/p>\n<p><strong>Wie entsteht Erkenntnis?<\/strong><\/p>\n<p>Prof. Schad: Versuchen wir, die N\u00e4he zum wissenschaftlichen Denken auch in diese Frage einzubringen, sodass wir da nicht nur in Vermutungen und blinden Erwartungen steckenbleiben. Es ist ja ein interessantes Feld, wie fruchtbare, probleml\u00f6sende Erkenntnis und Verst\u00e4ndnis auftreten. Wie geschieht dieser Vorgang? Wir brauchen eine Erkenntniskunde, die \u00fcber die Gewinnung von Erkenntnis genauere Auskunft gibt. Der P\u00e4dagoge Friedrich Copei hat in den 30er Jahren ein Buch geschrieben mit dem Titel \u201eDer fruchtbare Moment im Bildungsprozess\u201c. Darin fragt er: Was ist der fruchtbare Augenblick in der religi\u00f6sen Erfahrung? Was ist der fruchtbare Augenblick in der Kunsterfahrung, in der sch\u00f6pferischen Kunst? Was ist der fruchtbare Moment im Wissenschaftlichen? Ich beziehe mich jetzt auf das Letztere. Copei tr\u00e4gt eine Reihe von Selbstschilderungen zusammen, wie bedeutende Entdeckungen gemacht worden sind.<\/p>\n<p>Einer der gr\u00f6\u00dften Mathematiker des 19. Jahrhunderts war Friedrich Gau\u00df. Er hat zum Beispiel die Gleichungslehre grundlegend erforscht. Gau\u00df hat mal geschildert, wie ihm seine entscheidenden Erkenntnisse kommen. Es beginnt damit, dass die Problemstellung m\u00f6glichst gut herausgearbeitet werden muss. Dann sitzt er am Schreibtisch und versucht, alle Mittel zur L\u00f6sung, die er bisher verwendet hat in seiner mathematischen Kunst (Kunst kommt von k\u00f6nnen), zu verwenden. Er kommt damit jedoch nicht gleich weiter, wenn er vor einem v\u00f6llig neuen Problem steht. Gauss beschreibt dann, dass, wenn er drei Wochen lang am Schreibtisch intensiv um Probleml\u00f6sungen gerungen und immer wieder dar\u00fcber geschlafen hat und trotzdem nicht weitergekommen ist, er alles liegengelassen und seinen Spazierstock genommen hat und \u00fcber die Felder gewandert ist. Wenn das Wetter sch\u00f6n war und er den blauen Himmel auf sich wirken lie\u00df, die wei\u00dfen Wolken und die gr\u00fcnende Saat der Felder und den zarten Wind \u2013 dann war leicht in einem Augenblick die L\u00f6sung da.<\/p>\n<p>Da ist also deutlich, dass er nicht etwas erdacht hat, sondern etwas geschenkt bekommen hat. Gro\u00dfe Entdeckungen erf\u00e4hrt der Entdecker als Geschenke aus einer \u2013 Platon w\u00fcrde sagen \u2013 Ideenwelt. Da die Ideenwelt von Platon jedoch noch deterministisch ist, will ich mich nicht fest auf Platon berufen, aber es gibt das Geschenk aus einer Welt, die aus den Zusammenh\u00e4ngen der Weltinhalte besteht. Denken ist, Einblick in die Zusammenh\u00e4nge zu bekommen. Und \u00c4hnliches kann man auch von anderen Wissenschaftlern schildern. Heisenberg hat ein \u00e4hnliches Erlebnis geschildert, was ihm die L\u00f6sung eines monatelangen Problems erm\u00f6glicht hat. Er gelangte auf Helgoland nach einer durcharbeiteten Nacht zu einer entscheidenden Innovation f\u00fcr die erste Berechnung des einfachsten Atoms mit Hilfe eines von ihm neu entdeckten mathematischen Verfahrens. Jedes Mal ist es so, dass die Welt in einem spricht und man nicht mehr selber. Das ist das geistige Erlebnis im Erkennen.<\/p>\n<p>G.F.: Das kannst du jetzt auf ganz viele Dinge anwenden. Du gehst auf eine Suche und gelangst bis zu einer Grenze und kommst nicht weiter und dann kommt dir unverhofft etwas entgegen. Es ist sozusagen eine Begegnung, die stattfindet, die pl\u00f6tzlich eine neue Ebene in deinem Bewusstsein begr\u00fcndet. Du kannst dies auch in Bezug auf Begegnungen mit Menschen darstellen. Du bem\u00fchst dich um eine andere Ebene in der gemeinsamen Arbeit oder im Zusammensein und pl\u00f6tzlich kommt dir diese Ebene entgegen. Und du kannst es in Bezug auf dich selbst erleben. Das Ich, das wir jetzt gerade sind, kann diesem geistigen, nicht fassbaren Ich, das \u201ewir\u201c auch sind, in gewisser Weise begegnen, genauer gesagt, von ihm ergriffen werden, von ihm \u00fcber die Grenze gehoben werden. Das geschieht durch die innere Suche nach der Aufl\u00f6sung der Trennung, nach der Aufl\u00f6sung der Dualit\u00e4t. Es ist immer dieses gro\u00dfe Ereignis einer Begegnung aus dem f\u00fcr uns unbekannten Weltenbereich. Und meine Vorstellung ist, dass durch eine solche Bem\u00fchung die Welt insgesamt verwandelt wird. Voraussetzung ist die Bereitschaft, selbst verwandelt zu werden. Sie er\u00f6ffnet uns die M\u00f6glichkeit, die Probleme, die wir hier \u00fcberall auf der Welt herbei gef\u00fchrt haben, auf einer h\u00f6heren Ebene zu l\u00f6sen, indem wir diese h\u00f6here Ebene als Zukunft in uns erwecken.<\/p>\n<p><strong>Erkenntnis als Akt der Heilung<\/strong><\/p>\n<p>Prof. Schad: Das, wor\u00fcber wir gerade sprechen oder zu sprechen versuchen, findet sich bei Hegel in einer optimalen Formulierung. [Er holt ein Buch.] Ich zitiere die S\u00e4tze: \u201eDaraus ergibt sich, dass dem Gegenstande, indem und dadurch, dass er begriffen wird, nicht etwas angetan wird, was ihn selbst nichts anginge, sondern dasjenige widerf\u00e4hrt, worauf er angelegt ist und was zu ihm selbst als ein zu seiner Vollendung Unentbehrliches hinzugeh\u00f6rt.\u201c<\/p>\n<p>Das hei\u00dft, indem ich einen Gegenstand der Welt verstehe, vollziehe ich einen Heilungsakt an dem Gegenstand selbst, weil die Trennung zwischen dem Gegenstand und mir nicht nur vom Gegenstand her, sondern auch von mir dem Gegenstand gegen\u00fcber aufgel\u00f6st wird. Das hei\u00dft, das Denken des Menschen wird pl\u00f6tzlich therapeutisch-sch\u00f6pferisch f\u00fcr die Weltinhalte. Das steckt in diesem Hegelschen Zitat drin. Und das ist ein ausgezeichneter Hinweis auf das Wechselspiel zwischen Welt und Mensch. Wenn dieses Wechselspiel auf die rechte Weise stattfindet, hebt es den Gegensatz auf und der Mensch wird Weltinhalt und die Welt Menscheninhalt.<\/p>\n<p>Das Wort Welt ist in diesem Zusammenhang so stark verallgemeinert, dass alles, was ich an Einzelheiten antreffe, darauf passt. Ich kann das sogar meinem Leib gegen\u00fcber anwenden, denn den Leib kann ich auch zum Gegenstand meines Erkennens machen. Er ist ja auch in dem Sinne \u201eWelt\u201c und nicht \u201eIch\u201c.<\/p>\n<p>Wenn man also vorschnell von der Einheit von Geist, Seele und K\u00f6rper redet, ist das eine Zusammenr\u00fchrung in einem Topf, die das Weltverst\u00e4ndnis verhindert.<\/p>\n<p>G.F.: Die Menschheit wird in der Zukunft auf eine neue Weise in Beziehung treten m\u00fcssen zu allem, was auf der Erde anzutreffen ist. Und dabei darf nicht nur der Verstand wirken, sondern er muss erg\u00e4nzt werden durch eine Herzensoffenheit. Sie kann neue Beziehungsr\u00e4ume begr\u00fcnden, in die der tiefe innere Quell, der in uns liegt, hineinwirken kann. Das setzt voraus, dass der Mensch an sich selber arbeiten muss. Dann kann er die liebevolle, offene und auch verstandliche Zuwendung an die Welt leisten. Das scheint mir zu den wichtigen Ergebnissen eines guten inneren, geistigen Weges zu geh\u00f6ren.<\/p>\n<p><strong>Idee und Vernunft<\/strong><\/p>\n<p>Prof. Schad: Wir haben hierf\u00fcr sogar eine Hilfe in der Sprache, n\u00e4mlich den Unterschied von Verstand und Vernunft, den Kant ja auch sehr sch\u00f6n beschrieben hat. Der Verstand geht mit Begriffen um, die Vernunft mit Ideen. Begriffe sind definierbar, Ideen sind wachst\u00fcmlich. Dadurch ist die Vernunft etwas, mit dem ich die Welt nicht nur als Sein sondern auch als werdendes Geschehen ergreifen kann, weil hier das Denken mitwachsen kann mit der Welt. Das Wort Vernunft kommt von vernehmen. Das hei\u00dft, nicht ich projiziere mich auf den Gegenstand mit meinen Denkmodellen, sondern ich habe die F\u00e4higkeit zu vernehmen, was der Gegenstand mir geistig sagen kann. Und da gibt\u2019s nichts, was mich nicht beschenken kann. Also die Umkehrung der Wirkrichtung ist in dem Wort vernehmen ganz wunderbar drin: ich bin offen, ich h\u00f6re zu, ich bin f\u00fcr die Welt ein Vernehmender. Deswegen ist der Vernunftbegriff so viel sch\u00f6ner, als wenn ich im Verstand bleibe, weil ich da ja nur angewurzelt stehe. Im Verstand stehe ich nur, in der Vernunft werde ich f\u00fcr einen Zusammenhang geistig wahrnehmend.<\/p>\n<p>G.F.: Rilke hat in vielen Gedichten zum Ausdruck gebracht: Die Dinge wollen wahrgenommen werden, die Dinge wollen vom Menschen aufgenommen werden und in seiner Neunten Elegie schreibt er, sie trauen dem Menschen ein Rettendes zu. Sie trauen uns also zu, dass wir sie in uns tats\u00e4chlich auf eine neue Ebene der Wirklichkeit heben, die \u00fcber die jetzige hinausreicht.<\/p>\n<p>(wird fortgesetzt in <a href=\"https:\/\/www.logon.media\/de\/welterfahrung-als-ein-innen-teil-4\">Teil 4<\/a>)<\/p>\n","protected":false},"author":920,"featured_media":11814,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110088],"tags_english_":[],"class_list":["post-91325","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-science-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/91325","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/920"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/11814"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=91325"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=91325"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=91325"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=91325"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}