{"id":91069,"date":"2020-10-21T13:50:10","date_gmt":"2020-10-21T13:50:10","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/logon_article\/die-emergenz-des-heiligen-teil-2\/"},"modified":"2020-10-21T13:50:10","modified_gmt":"2020-10-21T13:50:10","slug":"die-emergenz-des-heiligen-teil-2","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/die-emergenz-des-heiligen-teil-2\/","title":{"rendered":"Die Emergenz des Heiligen &#8211; Teil 2"},"content":{"rendered":"<p>Zu <a href=\"https:\/\/www.logon.media\/de\/die-emergenz-des-heiligen-teil-1\">Teil 1<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>L.: Pers\u00f6nliche Reife bedeutet auch, \u00fcber sich hinauszuschauen, \u00fcber das, was man ist. Es ist eine ersch\u00fctternde Erfahrung, wenn man vom \u201eGanzen\u201c ergriffen wird. Das bin dann auch ich, aber in einer so umfassenden Weise, das man es nicht beschreiben kann. Und danach bin ich wieder nur bei mir. Diese Erfahrung hinterl\u00e4sst Spuren, und es bildet sich eine neue Beziehung zum Ganzen. Ist das nicht auch die Erfahrung der Mystiker? Wie w\u00fcrdest du dieses Ganze beschreiben, diesen Raum, der sich \u00f6ffnet?<\/p>\n<p>T.S.: Ich w\u00fcrde gern vom Prozess her anfangen. Einerseits braucht es reife Pers\u00f6nlichkeiten; andererseits entwickelt sich das Wir-Feld durch die gemeinsame Gegenw\u00e4rtigkeit und deren Wahrnehmung innerhalb eines Gespr\u00e4chsflusses. Dabei entwickelt sich eine eigene Dynamik und wenn gen\u00fcgend Bewusstsein in einer Gespr\u00e4chsgruppe da ist, entsteht eine Art Gravitationsfeld einer ko-kreativen Intelligenz. Das entsteht, emergiert aus dem Gemeinsamen heraus, und es ist mehr ist als die Summe seiner Teile.<\/p>\n<p><strong>Das \u201eGanze\u201c wird zu einer sinnlichen Erfahrung<\/strong><\/p>\n<p>Dabei ist das Ganze nicht nur eine Idee, sondern eine durchaus sinnlich zug\u00e4ngliche Erfahrung. In dem Augenblick, in dem das in einem Gespr\u00e4chskreis zumindest f\u00fcr einen Teil der Anwesenden offensichtlich wird, entsteht ein Attraktionspunkt, der dann zum Bezugspunkt f\u00fcr die weitere Entwicklung des Gespr\u00e4chs wird. Auch Menschen, die sonst sehr selbstbezogen sind, k\u00f6nnen sich auf dieses gemeinsame Feld beziehen, weil es ihrer Wahrnehmung zug\u00e4nglich wird. Es entsteht ein sich selbst verst\u00e4rkender Prozess, indem die Kreativit\u00e4t und die Intelligenz dieses Feldes eine synergetische Kraft entwickeln. Das hei\u00dft, dieses Feld kann Menschen mitnehmen und kann das Bewusstsein auch in dieses gemeinsame Offene heben und \u2013 und wie du das bei den Mystikern angesprochen hast \u2013 \u00fcber sich selbst hinausziehen.<\/p>\n<p>L.: Du sagst, das Feld entwickelt etwas Neues, und Du sprichst von einem Attraktionspunkt.<\/p>\n<p>In der Bibel hei\u00dft es: \u201eWo zwei oder drei in meinem Namen beisammen sind, da bin ich mitten unter ihnen.\u201c Wenn Menschen mit gleicher innerer Ausrichtung zusammen sind, entsteht ein gemeinsames Feld \u2013 und dann kommt gleichsam \u201evon au\u00dfen\u201c noch etwas hinzu, das mehr als ist die Summe seiner Teile. Eine geistige Kraft, der Geist verbindet sich mit diesem Feld.<\/p>\n<p>T.S.: Dem, was Du sagst, liegt eine interessante Annahme zugrunde: n\u00e4mlich, dass der Geist von au\u00dfen kommt.<\/p>\n<p>L.: Ja, als das transzendente Ganze. Das ist m\u00f6glich, weil in der Gruppe in einem bestimmten Moment eine ihm entsprechende Qualit\u00e4t vorhanden ist.<\/p>\n<p><strong>Etwas leuchtet auf, das wir als heilig bezeichnen k\u00f6nnen<\/strong><\/p>\n<p>T.S.: Meine Wahrnehmung im Dialog ist eine andere: Es zeigt sich Gegenw\u00e4rtigkeit, und das ist ein geistiges Ph\u00e4nomen. Es kommt etwas zum Leuchten, das \u00fcber das Triviale hinausgeht. In jeder echten Begegnung, wenn sie nur tief genug, intensiv genug ist, leuchtet etwas, das man mit dem Wort \u201eheilig\u201c bezeichnen kann und das jedem Menschen zug\u00e4nglich ist \u2013 egal, ob er Christ ist oder Agnostiker oder etwas anderes.<\/p>\n<p>Es entsteht also etwas, das heilig ist \u2013 und dieses Heilige kann man in verschiedenen metaphysischen Verst\u00e4ndnissen entdecken. Das sind in der Regel sehr spannende metaphysische Geb\u00e4ude, vedantische, sufistische oder anthroposophische &#8230;<\/p>\n<p>Wir sehen es von einer anderen Seite her und nehmen einfach das Ph\u00e4nomen als solches wahr, denn das \u201eHeilige\u201c ist unabh\u00e4ngig von metaphysischen Geb\u00e4uden zug\u00e4nglich. Wir m\u00f6chten eine offene Spiritualit\u00e4t entwickeln, in der aber das, was sich zwischen uns zeigt, durchaus im Verst\u00e4ndnis des Heiligen Geistes eingebettet werden kann \u2013 auch wenn es von einem iranischen Sufi oder im Vedanta anders bezeichnet w\u00fcrde. Trotz der verschiedenen Interpretationsformen machen wir alle die gleiche Erfahrung, wenn wir sie in ihrem Ph\u00e4nomen ernst nehmen und sagen: Da entsteht etwas zwischen uns, das ist eine geistige Kraft, das ist etwas, das nicht trivial ist, das wir in unterschiedlichen Sprachfeldern und auf Grund kultureller Hintergr\u00fcnde verschieden beschreiben, aber in dem wir uns treffen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Spiritualit\u00e4t ohne ein bestimmtes Lehrgeb\u00e4ude<\/strong><\/p>\n<p>Wie kann die spirituelle Dimension in einer offenen Gesellschaft gelebt werden, ohne auf ein bestimmtes Lehrgeb\u00e4ude zur\u00fcckzugreifen? Eine offene Gesellschaft, die aber dennoch nicht s\u00e4kular ist, in der also nicht nur das z\u00e4hlt, was materialistischer\/wissenschaftlicher Konsens ist, sondern in der die Dimension des Spirituellen, die Dimension des Heiligen ihren Platz hat?<\/p>\n<p>L.: Das geh\u00f6rt wohl zur Ernte der langen Kulturentwicklungen. Die Dinge, die sich in den vielen Kulturen entwickelt haben, wollen ihren gemeinsamen Nenner finden. Und dieser gemeinsame Nenner ist nichts anderes als der Mensch. Man hat das Heilige immer im \u00c4u\u00dferen angebetet, hat es auf immer anderes projiziert, doch es ist vor allem auch im Menschen selbst. Es ist die in ihm emergierende Quelle des Lebens. In einer Gruppe von Gleichgesinnten mag es leichter sein, damit in Verbindung zu treten, zu dem kosmischen Ganzen, das sich zu uns neigt in einer Kraft, die man auch als die Christuskraft bezeichnen kann. Entscheidend ist die Beziehung zu dir selbst, zu deiner Tiefe. Im Dialog mit Menschen und allem, was dir begegnet, kannst du das Heilige im eigenen Selbst, in jedem anderen und im Leben selbst finden und mit ihm in Beziehung treten. Ich glaube, das braucht es in unserer Zeit.<\/p>\n<p>Ihr praktiziert den <em>emergent dialogue<\/em> innerhalb einer bestimmten Situation. Welche Bedeutung hat er aber f\u00fcr das allt\u00e4gliche Leben?<\/p>\n<p>T.S.: Wir sind nie au\u00dferhalb des Dialogs. Nat\u00fcrlich braucht es meine individuelle Arbeit, meine individuelle Reifung, also eigene Praxis. Doch Alltag findet immer im Dialog statt. Lass uns unser Gespr\u00e4ch nehmen: Wir treffen uns, wir kennen uns eigentlich nicht, wir sitzen hier \u2026 Hab ich die Offenheit, Dich wahrzunehmen? K\u00f6nnen wir die Situation, in der wir sind, wahrnehmen und das, was zwischen uns leuchten m\u00f6chte, zum Leuchten bringen? So, dass etwas aus der Begegnung entsteht und zwischen uns emergiert, zu dem ich nicht in der Lage w\u00e4re ohne Dich und Du nicht ohne mich? Und das gilt f\u00fcr jede andere Begegnung: kann ich f\u00fcr das da sein, was in der vielleicht nur kurzen Begegnung m\u00f6glich ist oder verschlie\u00dfe ich mich? F\u00fcr mich bedeutet gelebte Spiritualit\u00e4t, meine Individualit\u00e4t f\u00fcr das zu verwenden, f\u00fcr das da zu sein, was sich im gegenw\u00e4rtigen Moment zeigt. Praktischer geht es nicht. Unser <em>emergent dialogue<\/em> bietet \u00dcbungsr\u00e4ume, in denen das praktiziert wird \u2013 aber es geht nicht um die \u00dcbungsr\u00e4ume, es geht um die Lebensr\u00e4ume.<\/p>\n<p>L.: Man kann im Wesen sp\u00fcren und lernen wie es sich anf\u00fchlt, wenn wirklich Begegnung stattfindet. Man kommt sich nah und es entsteht eine Art von Intimit\u00e4t.<\/p>\n<p><strong>Sich einlassen auf das Nichtwissen des Augenblicks<\/strong><\/p>\n<p>T.S.: Ja, eine wesentliche spirituelle Qualit\u00e4t entsteht: das Vertrauen, sich einzulassen auf das Nichtwissen des Augenblicks. Also nicht in dem h\u00e4ngenbleiben, was ich als Gewusstes mit in das Gespr\u00e4ch bringe. Nichts gegen Wissen, doch wirkliche Begegnung entsteht dort, wo ich das Gewusste hinter mir lasse und neugierig bin auf das, was gerade jetzt, im Augenblick der Begegnung entsteht und was ich noch nicht wei\u00df.<\/p>\n<p>L.: Auch in nicht-homogenen Gespr\u00e4chsgruppen ist zu sp\u00fcren, wenn dieser Moment der \u00d6ffnung geschieht. Die Menschen sprechen dann von einem anderen Punkt ihres Wesens aus. Das dauert vielleicht eine Weile, und es braucht dann Mut, aus dem zu sprechen, was man wahrnimmt. Doch mit diesem Schritt ins Unbekannte ver\u00e4ndert sich die Qualit\u00e4t des Gespr\u00e4chs.<\/p>\n<p>T.S: Dialog ist dann am spannendsten, wenn Menschen die Kraft haben, Andersheit zuzulassen und dann die Einheit in der Andersheit erfahren. Es gilt, die Reibung auszuhalten, die entstehen kann, wenn man sich nicht innerhalb eines geistigen Geb\u00e4udes, einer gleichen Ausrichtung trifft. Ist auch dann eine Begegnung in Offenheit m\u00f6glich, ohne dass man auseinanderfliegt?<\/p>\n<p>Daraus entstehen oft die kreativsten Begegnungen. Es zeigt sich etwas Neues, gerade weil wir nicht von gleichen Gedankengeb\u00e4uden ausgehen. Das verlangt viel von den Beteiligten, doch wenn es gelingt, ist das ph\u00e4nomenal. Ich w\u00fcrdige dich, bin interessiert und will dich h\u00f6ren, ohne mich zu verweigern, indem ich so tue, als w\u00e4re ich nicht unterschiedlich \u2013 und dann kann etwas emergieren. Das ist spannend, und ich glaube, dass wir das dringend brauchen, um uns in einer offenen Gesellschaft zu begegnen, in der wir unterschiedlich sein und doch in tiefer spiritueller Begegnung auf diesem Planeten miteinander leben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>L.: Herzlichen Dank f\u00fcr dieses Gespr\u00e4ch!<\/p>\n","protected":false},"author":920,"featured_media":10774,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110114],"tags_english_":[],"class_list":["post-91069","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-zeitgeist-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/91069","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/920"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/10774"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=91069"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=91069"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=91069"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=91069"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}