{"id":91064,"date":"2020-10-21T13:45:37","date_gmt":"2020-10-21T13:45:37","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/logon_article\/die-emergenz-des-heiligen-teil-1\/"},"modified":"2020-10-21T13:45:37","modified_gmt":"2020-10-21T13:45:37","slug":"die-emergenz-des-heiligen-teil-1","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/die-emergenz-des-heiligen-teil-1\/","title":{"rendered":"Die Emergenz des Heiligen &#8211; Teil 1"},"content":{"rendered":"<p>Thomas Steininger ist Philosoph und Kulturaktivist. Als Herausgeber von <em>evolve \u2013 Magazin f\u00fcr Bewusstsein und Kultur<\/em> und mit seiner Arbeit im Visionsteam von <em>emerge bewusstseinskultur<\/em> sieht er sich als \u201eTeil einer Bewegung, in der sich Menschen begegnen, die dem \u201eGeist in der Welt\u201c eine \u201eneue, lebendige Ausrichtung geben m\u00f6chten\u201c. Im Zentrum der Aufmerksamkeit und Arbeit von <em>emerge<\/em> und <em>evolve<\/em> stehen neue neuen Formen kreativen und kommunikativen Zusammenseins.<\/p>\n<p>L.: Thomas, weshalb der Name <em>emerge<\/em> und wie w\u00fcrdest Du das Ziel und den Inhalt Eurer Arbeit beschreiben?<\/p>\n<p><strong>Emergenz<\/strong><\/p>\n<p>T.S. \u201eEmergenz\u201c bedeutet, dass etwas entsteht, dessen Eigenschaften sich nicht auf die Eigenschaften der Elemente zur\u00fcckf\u00fchren lassen, aus denen es entstanden ist. Aus Materie emergiert Leben. Aus Leben entsteht Bewusstsein. Wie ist das m\u00f6glich? Das nennt man Emergenzprobleme: das Neue l\u00e4sst sich nicht aus dem Alten erkl\u00e4ren. Eine neue Qualit\u00e4t entsteht aus der Gegenwart, nicht aus der Vergangenheit. <em>Emerge<\/em> praktiziert eine Dialogform, bei der in der Begegnung etwas Neues entsteht, eine Art synergetische Intelligenz, die uns in einen Wir-Raum f\u00fchrt, der mehr ist als unser individueller Raum.<\/p>\n<p>L.: Es geschieht etwas im Bewusstsein, das gleichzeitig \u00fcber das Bewusstsein des Einzelnen hinausgeht?<\/p>\n<p>T.S.: Ja, dazu m\u00f6chte ich etwas ausholen. Wir leben in einer hoch individualisierten Kultur und sind es gewohnt, die Welt radikal aus unserer Ich-Wahrnehmung heraus zu sehen. Kulturgeschichtlich ist das aber eine enorme Leistung. In unseren indigenen Vorzeiten, in denen wir in einem Stammesbewusstsein lebten, gab es dieses Ich-Bewusstsein nicht. Es gab nur eine kollektive Selbstwahrnehmung. Auch in traditionellen Gesellschaften nehmen sich Menschen haupts\u00e4chlich als Ausdruck der Kollektivit\u00e4t wahr. Wir haben in Europa kulturgeschichtlich einen Prozess durchlaufen, in dem wir durch verschiedene Kulturspr\u00fcnge \u2013 die Geburt der Philosophie in Griechenland, die Renaissance, die Moderne \u2013 zu einer starken Ich-Wahrnehmung gefunden haben. Einer der Ausdr\u00fccke, die das im modernen Bewusstsein verankern, ist Rene Descartes\u2018: \u201eIch denke, also bin ich\u201c. Dieses Ich-Bewusstsein, das alles andere als Objekt wahrnimmt, ist einerseits eine gro\u00dfe Errungenschaft: Nur wenn ich \u201eich\u201c sagen kann, kann ich Verantwortung \u00fcbernehmen und entdecken, dass ich die Freiheit habe zu w\u00e4hlen. Die Entwicklung von Verantwortungs- und Freiheitsf\u00e4higkeit in diesem Ich-Bewusstsein ist der europ\u00e4ische Beitrag zur Kulturgeschichte.<\/p>\n<p><strong>Wir stehen an einem Kipp-Punkt<\/strong><\/p>\n<p>Die Kehrseite dessen ist die radikale Entfremdung gegen\u00fcber unserer Umwelt. Auch der grassierende Narzissmus, durch den wir nicht in der Lage sind, Dinge anders als aus unserer Selbstbezogenheit heraus zu sehen, kommt aus genau dieser Quelle. Wir gehen davon aus, dass dieser Individuationsprozess kulturgeschichtlich jetzt an einem Kipp-Punkt steht, an dem wir seine Begrenzungen und seine Schattenseiten wahrnehmen. Es entsteht das Bed\u00fcrfnis, einen n\u00e4chsten Schritt zu machen, eine Re-Integration in die Ganzheit, und es gibt die verschiedensten Ans\u00e4tze, wie diese Reintegration stattfinden kann.<\/p>\n<p>L.: Tauchen solche Krisen-Punkte nicht immer genau zum richtigen Zeitpunkt auf? Das Individuum muss ja einen bestimmen Bewusstseinszustand erreicht haben, bevor es erkennen kann, dass dieser \u00fcberschritten werden kann oder \u00fcberschritten werden muss.<\/p>\n<p>T.S.: Ich sehe das nicht so sehr aus der individuellen Perspektive, sondern mehr aus der kulturellen, gemeinschaftlichen, denn interessanterweise ist auch unser Hyper-Individualismus ein gemeinsames Ph\u00e4nomen unserer Zeit. Das ist spannend: es hat mit dem Individuum zu tun und gleichzeitig ist das Individuum ein Ausdruck der Zeit, in der es lebt. Und wie du richtig sagst, scheint es, an der Zeit zu sein. Immer mehr Menschen und Gruppen suchen nach neuen Formen der Re-Integration ins Ganze.<\/p>\n<p><strong>Ein trans-individuelles Feld<\/strong><\/p>\n<p>Der <em>emergent dialogue<\/em> ist eine Dialogform, bei der wir uns auf das fokussieren, was zwischen uns geschieht, auf ein zwischenmenschliches dialogisches Feld. Das braucht keine R\u00fccknahme der Individuation in ein pr\u00e4-individuelles Wir-Bewusstsein. Es ist ein trans-individuelles Feld und um es wahrzunehmen, braucht es nicht weniger, sondern mehr Individuation, denn es setzt ein sehr pers\u00f6nliches Wahrnehmen und Verantwortungsgef\u00fchl f\u00fcr diesen Wir-Raum voraus.<\/p>\n<p>Wobei ich noch hinzuf\u00fcgen m\u00f6chte: Allgemein bezeichnet man als Wir-Felder meist Felder, in denen sich Individuen begegnen, und wenn eine wirkliche Begegnung zwischen Ich und Du stattfindet, ist das auch schon sehr viel. Spannend wird es aber, wenn es nicht nur eine Ich-Du-Begegnung ist, sondern wenn wir uns im Begegnungsfeld als solchem begegnen. Da ist ein Ganzes, das die Teile von Ich und Du \u00fcbersteigt und das seine eigene Lebendigkeit aus der Begegnung hat. In gr\u00f6\u00dferen Gruppen ist das leichter wahrnehmbar als in Zweier-Gespr\u00e4chen. Dabei geht es nicht um das Wir, es geht um die gemeinsame Gegenw\u00e4rtigkeit. Diese Gegenw\u00e4rtigkeit des Ganzen, die sich dann zeigt, nennen wir <em>Higher-We<\/em>, also ein H\u00f6heres Wir. Es geht dabei aber nicht um blo\u00dfes Gruppenbewusstsein. Gegenw\u00e4rtigkeit schlie\u00dft auch den Ort mit ein, die Natur, die Geschichte, die uns hierher gebracht hat. Die kreative \u00d6ffnung, die aus diesem Ganzen entsteht, besitzt alchimistische Kraft. Es wird eine Intelligenz, eine Sch\u00f6nheit frei, die aus dem Feld der Begegnung entsteht.<\/p>\n<p>L.: Emergieren bedeutet: da kommt Neues in die Welt. Das findet heute an vielen Orten statt, das kann man sp\u00fcren. Auf dem Weg des Rosenkreuzes geht es darum, eine Beziehung zu der Quelle zu finden, aus der heraus dieses Emergieren stattfindet. Da bin ich und da ist die Quelle. Ich stehe ihr gegen\u00fcber und sie ist doch auch irgendwie in mir. Dass wir diese Quelle des Lebens in der Tiefe des eigenen Innern erleben k\u00f6nnen, ist wohl eine Frucht der Individualisierung. Vor allem heute k\u00f6nnen wir die Quelle des Lebens in der Tiefe unseres eigenen Innern finden, in einer transzendenten Tiefe, die \u00fcber unser Ego hinausreicht. Wir sind zweifache Wesen, deshalb k\u00f6nnen wir die Erfahrung machen, in unserem Innern tief mit uns selbst \u2013 als einem \u201eAnderen\u201c \u2013 konfrontiert zu werden.<\/p>\n<p>Du sprichst von einem Feld der Begegnung und von der Gegenw\u00e4rtigkeit des Ganzen in einem solchen Feld. Das sind neue Erlebnisr\u00e4ume, und das kann verunsichern. Bleibe ich in einem Gespr\u00e4ch in meinem eigenen \u201eRaum\u201c, wie ich ihn bislang kenne, dann f\u00fchle ich mich sicherer, als wenn ich mich dem Neuen \u00f6ffne.<\/p>\n<p><strong>\u00dcber sich hinausgehen<\/strong><\/p>\n<p>T.S.: Ja, es braucht eine reife Individualit\u00e4t, die diese Verunsicherung halten, die sich auf diesen fluiden Raum, diesen Gespr\u00e4chsraum einlassen kann. Ich muss es geschehen lassen, dass wir uns jenseits der Grenzen meiner Gewissheiten treffen. Es braucht die Wahrnehmung des Raums in seiner Lebendigkeit und die Offenheit f\u00fcr das, was zwischen uns gerade geschieht, geschehen m\u00f6chte,<\/p>\n<p>L.: Welche Qualit\u00e4ten braucht es daf\u00fcr?<\/p>\n<p>T.S.: Die Bereitschaft, \u00fcber sich selbst hinauszugehen, und das bedarf einer hohen pers\u00f6nlichen Reife. Nur wenn ich gefestigt bin, kann ich mich auf etwas Neues einlassen. Gleichzeitig braucht es die F\u00e4higkeit, mich loszulassen, also nicht in dem Gefestigt-Sein <strong>ver<\/strong>festigt zu sein.<\/p>\n<p>(wird fortgesetzt in <a href=\"https:\/\/www.logon.media\/de\/die-emergenz-des-heiligen-teil-2\">Teil 2<\/a>)<\/p>\n","protected":false},"author":920,"featured_media":10756,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110114],"tags_english_":[],"class_list":["post-91064","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-zeitgeist-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/91064","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/920"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/10756"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=91064"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=91064"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=91064"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=91064"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}