{"id":91029,"date":"2020-10-16T13:05:52","date_gmt":"2020-10-16T13:05:52","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/logon_article\/welterfahrung-als-ein-innen-teil-2\/"},"modified":"2020-10-16T13:05:52","modified_gmt":"2020-10-16T13:05:52","slug":"welterfahrung-als-ein-innen-teil-2","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/welterfahrung-als-ein-innen-teil-2\/","title":{"rendered":"Welterfahrung als ein \u201eInnen\u201c \u2013 Teil 2"},"content":{"rendered":"<p>Zu <a href=\"https:\/\/www.logon.media\/de\/welterfahrung-als-ein-innen-teil-1\">Teil 1<\/a><\/p>\n<p><strong>Frei werden <em>f\u00fcr<\/em> die Welt<\/strong><\/p>\n<p>Prof. Schad: Friedrich Nietzsche merkte, dass die Freiheit <em>\u201evon\u201c<\/em> nicht hinreicht, und er schrieb einmal: Was interessiert mich die Freiheit <em>\u201evon\u201c<\/em> \u2013 ich frage nach der Freiheit <em>\u201ef\u00fcr\u201c<\/em>. Das hei\u00dft, ich kann mir doch auch die Freiheit nehmen, wieder <em>f\u00fcr<\/em> die Welt da zu sein. Ich kann mir die Freiheit nehmen, die Trennung von der Welt wieder zu \u00fcberwinden. Und diese \u00dcberwindung ist die eigentliche Kulturf\u00e4higkeit des Menschen. Sie geschieht im religi\u00f6sen Leben, sie geschieht in jeder fruchtbaren Kunst; diese \u00dcberwindung besteht in jedem Verst\u00e4ndnis, in jedem Denken, das wieder ein St\u00fcck der Wirklichkeit so erfasst, dass ich nicht in meinem Subjekthaften, das da erstmal auftritt, h\u00e4ngen bleibe, was jede gute Wissenschaft ausmacht. Wir bekommen eine Erwachsenenkultur dadurch, dass wir die F\u00e4higkeit pflegen, den eingetretenen Dualismus, die Trennung von der Welt, eigenaktiv zu \u00fcberwinden.<\/p>\n<p>Ganz praktisch gesehen, hat diese Trennung zur \u00d6kokatastrophe gef\u00fchrt. Die Menschheit benimmt sich so, als ob\u2018s die Natur der Erde in ihrer Wunderbarkeit nicht g\u00e4be. Sie nutzt die Natur f\u00fcr ihren eigenen Subjektivismus aus. In fr\u00fcheren Hochkulturen gab es das nur begrenzt an bestimmten Stellen der Erde, heute ist es nun global \u00fcber die ganze Erde hin der Fall. Das hat das 2o. Jahrhundert gebracht, und es geht jeden Tag weiter in dieser Richtung. Der ganze Ruf danach, dass wir mit der Erde anders umgehen m\u00fcssen, der entspringt eben daraus, dass wir aus unserem selbstgemachten oder selbstvollzogenen Gef\u00e4ngnis ausbrechen und die Weltverbindung wieder erringen m\u00fcssen. Da f\u00e4llt mir auch eine Formulierung aus einem Rilkegedicht ein. Rilke spricht vom \u201eWeltinnenraum\u201c. Damit wird die Unterscheidung zwischen dem menschlichen Inneren und der Welt als einem Au\u00dfen \u00fcberwunden, indem die Welt selbst als ein Innen erfahren wird.<\/p>\n<p>L.: In diesem Rilkegedicht hei\u00dft es auch:<\/p>\n<blockquote>\n<p>Die V\u00f6gel fliegen still<\/p>\n<p>durch uns hindurch. O, der ich wachsen will,<\/p>\n<p>ich seh hinaus, und <em>in<\/em> mir w\u00e4chst der Baum.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Die dualistische Struktur ist ja au\u00dferdem auch in jedem einzelnen Menschen drinnen. Der Dualismus besteht nicht nur zwischen mir und der Natur, sondern ich bin auch mit mir selber nicht mehr eins. Ich bin nicht mehr eins mit meinem unsterblichen Selbst.<\/p>\n<p>Wolfgang, Du hast f\u00fcr Dein Leben eine Weiche gestellt, indem du Anthroposoph geworden bist. Die Anthroposophie ist ja eine Bem\u00fchung, den Dualismus auf besondere Weise zu \u00fcberwinden.<\/p>\n<p><strong>Selbsterkenntnis als Grundlage aller Welterkenntnis<\/strong><\/p>\n<p>Prof. Schad: Anthroposophie ist das Streben danach, die Selbsterkenntnis zur Grundlage aller Welterkenntnis zu machen. Ich kann die Welt nicht verstehen, wenn ich nicht den verstehe, der die Welt verstehen m\u00f6chte. Die Voraussetzung f\u00fcr alles Weltverst\u00e4ndnis bin doch ich, sind wir Menschen. Die Menschen wissen aber nicht, was sie sind, wenn sie keine Anthropologie oder ihre Erweiterung, die Anthroposophie betreiben, wenn sie sich also nicht um ein vertieftes Menschenverst\u00e4ndnis bem\u00fchen. Sie k\u00f6nnen dann die Welt nur begrenzt erkennen.<\/p>\n<p>Wie kriege ich es hin, dass ich zu mir selbst ein aufgekl\u00e4rtes Verh\u00e4ltnis bekomme? Mein Ich-Bewusstsein, das meist mit dem ersten Ich-Sagen im dritten Lebensjahr, manchmal heute auch schon im zweiten Lebensjahr beginnt, leistet den ersten Ansto\u00df f\u00fcr die Trennung von der Welt. Von da an geht\u2019s los: Jetzt komm ich und dann erst kommt alles andere. Darin ist schon enthalten, dass das Ich zum Ego wird, in dem Sinne, den wir mit dem Wort Egoismus verbinden.<\/p>\n<p><strong>Luzifer<\/strong><\/p>\n<p>Die Anthroposophie bemerkt, dass dieser Vorgang nicht willentlich, in Freiheit vom Menschen vollzogen wird. Er hat ja zur Zeit der fr\u00fchen Kindheit noch keinen bewusst erwachten Willen. Aber wer treibt ihn dahin, dieses weltfremde Ich zu bekommen? Und da greift die Anthroposophie eben auch die geistige Seite des Vorgangs auf und sagt: Es ist ein geistiges Wesen, das dem Menschen auf diese Weise die Freiheit bringt. Aber eben nur die Freiheit <em>\u201evon\u201c<\/em>. Der biblische Mythos benennt dieses geistige Wesen mit dem Namen Luzifer, das hei\u00dft interessanterweise \u201eLichtbringer\u201c. Was bringt n\u00e4mlich Luzifer? Er bringt das Licht des Bewusstseins von sich selbst. Er wird in der Bibel als ein hohes Engelwesen beschrieben, das aber abgest\u00fcrzt ist. Und das, was Luzifer mit sich selbst vollzogen hat \u2013 sich aus dem Weltganzen zu eigenen Gunsten abzutrennen \u2013, das erf\u00e4hrt der Mensch nun ebenfalls in seinem Ich-Bewusstsein. Das Erwachen des Ich-Bewusstseins ist der Absturz aus der monistischen Welteinheit. Die L\u00f6sung besteht nun nicht darin zu sagen, \u201ejetzt mach ich auf Kleinkind\u201c, um dorthin zur\u00fcckzukommen. Vielmehr m\u00fcssen wir durch diesen Dualismus hindurch, weil dadurch erst m\u00f6glich wird, dass ein Monismus entsteht, der in Freiheit selbst gewollt wird und einem nicht durch andere Geister zugef\u00fcgt wird. Das ist die Eigenleistung des Menschen, durch sie ist er sch\u00f6pferisch am Weltgeschehen beteiligt.<\/p>\n<p><strong>Ich bin mehr als mein bewusstes Alltags-Ich<\/strong><\/p>\n<p>Mit meinem bewussten Ich kann ich die Frage stellen: Bin ich mehr als mein bewusstes Alltags-Ich? Und zu dieser Frage gibt es Grenzerlebnisse, die dann anstehen und die dann auch in den Fokus genommen werden d\u00fcrfen, ja m\u00fcssen. Ein solches Erlebnis ist das des Schlafes. Wenn ich einschlafe, verliere ich das Alltags-Ich-Bewusstsein und bin dann, sagen wir mal f\u00fcr sieben bis acht Stunden, ohne dieses Bewusstsein. Habe ich deswegen als Ich aufgeh\u00f6rt? Wenn ich morgens aufwache, bin ich mir sicher, dass ich derselbe Mensch bin wie gestern und vorgestern. Das hei\u00dft, die Realit\u00e4t der Kontinuit\u00e4t des Ich ist nicht ans permanente Ich-Bewusstsein gebunden. Was aber ist jenes so unbewusste Ich in uns, das im Schlaf das wirksame Ich ist?<\/p>\n<p>Rudolf Steiner hielt einen Vortrag vor einem Philosophenkongress in Bologna, 1911.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\" title=\"\">[1]<\/a> In diesem Vortrag wies er darauf hin, dass das Ich, das wahre, wirkliche Ich gar nicht im Leibe lebt, sondern Weltinhalt ist. Wenn ich Interesse f\u00fcr etwas habe, was ich nicht selbst bin, also f\u00fcr eine sch\u00f6ne Blume oder f\u00fcr einen Regenbogen oder irgendetwas anderes Sch\u00f6nes oder auch H\u00e4ssliches, dann sagt schon das Wort \u201eInteresse\u201c, dass ich \u201edazwischen bin\u201c, zwischen den Dingen. <em>Inter-esse<\/em> bedeutet dazwischen sein. Das Wort deutet also schon an, dass ich im Falle meines Interesses gar nicht bei mir bin, sondern beim Andern, dass ich also in der Welt bin. Im echten Interesse vergesse ich mich selbst und nur dadurch, dass ich mich selbst in meinem selbstbez\u00fcglichen Ich vergesse, kann ich offen sein f\u00fcr andere. Das ist der soziale Grundvorgang, den wir im Umgang mit anderen Menschen und auch der Natur gegen\u00fcber k\u00fcnftig \u00fcben wollen, d\u00fcrfen, m\u00fcssen.<\/p>\n<p>(wird fortgesetzt in <a href=\"https:\/\/www.logon.media\/de\/welterfahrung-als-ein-innen-teil-3\">Teilen 3<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.logon.media\/de\/welterfahrung-als-ein-innen-teil-4\">4<\/a>)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\" title=\"\">[1]<\/a>&nbsp;<a href=\"https:\/\/anthrowiki.at\/GA_35\"> AnthroWiki GA 35<\/a>: 111 ff.<\/p>\n","protected":false},"author":920,"featured_media":10625,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110114],"tags_english_":[],"class_list":["post-91029","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-zeitgeist-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/91029","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/920"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/10625"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=91029"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=91029"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=91029"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=91029"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}