{"id":91024,"date":"2020-10-16T12:53:01","date_gmt":"2020-10-16T12:53:01","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/logon_article\/welterfahrung-als-ein-innen-teil-1\/"},"modified":"2020-10-16T12:53:01","modified_gmt":"2020-10-16T12:53:01","slug":"welterfahrung-als-ein-innen-teil-1","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/welterfahrung-als-ein-innen-teil-1\/","title":{"rendered":"Welterfahrung als ein \u201eInnen\u201c \u2013 Teil 1"},"content":{"rendered":"<p>L.: Lieber Wolfgang, ich hatte in den letzten zehn Jahren viele Gelegenheiten, Eindr\u00fccke von Deinem Denken und Arbeiten zu bekommen. Was mich am meisten erstaunt, ist Deine F\u00e4higkeit, ein au\u00dferordentlich umfangreiches Wissen zu Synthesen zu bringen und mit spiritueller Erkenntnis zu vereinen. Du bist Naturforscher und hattest einen Lehrstuhl f\u00fcr Evolutionsbiologie an der Universit\u00e4t Witten. K\u00f6nntest Du etwas \u00fcber Deine Beziehung zur Natur erz\u00e4hlen?<\/p>\n<p><strong>Wie kleine Kinder die Welt erfahren<\/strong><\/p>\n<p>Prof. Schad: Offenbar hatte ich schon als Kleinkind eine besondere Beziehung zur lebenden Natur. Meine Mutter erz\u00e4hlte mir, dass es schwierig war, mit mir spazieren zu gehen. Immer fand ich etwas, bei dem ich stehen blieb: eine Schnecke oder Regenw\u00fcrmer, Spinnen und Anderes. Wenn\u2019s ging, steckte ich es in die Hosentasche, und mein Vater musste die Tasche wieder leeren, wenn sie wegen der Schnecken zu klebrig war. Nie vergesse ich den Eindruck, den im Herbst frisch heruntergefallene Rosskastanien auf mich machten. Sie stammten von dem Baum, der neben dem Kindergarten stand. Eine Glockenblume pr\u00e4gte sich mir so tief ein, dass ich sie viele Jahre sp\u00e4ter noch aus der Erinnerung des F\u00fcnfj\u00e4hrigen botanisch bestimmen konnte. &nbsp;<\/p>\n<p>L.: Das erinnert mich an Aussagen von Rilke in seinen Gedichten, wonach wir von der Natur gerufen werden. Kannst Du noch erz\u00e4hlen, wie sich Deine Beziehung zur Natur dann weiter entwickelt hat?<\/p>\n<p>Prof. Schad: Es ist ja so, dass die Intensit\u00e4t, mit der man als Kleinkind die Natur erlebt, eine so ungeheure ist, dass man sp\u00e4ter, meist etwa ab der Pubert\u00e4tszeit, vergisst, wie stark die Kindererlebnisse waren. Bei naturwissenschaftlich arbeitenden Menschen l\u00e4sst sich immer wieder zeigen, dass sie ohne die Erlebnisse, die sie als Kind hatten, keine guten Wissenschaftler geworden w\u00e4ren. Zum Kind geh\u00f6ren zwei F\u00e4higkeiten: immer voller Fragen zu sein und immer auch lernbegierig zu sein. Das sind Grundeigenschaften, die ja auch jeder Wissenschaftler lebenslang braucht. Also das \u201eKind im Manne\u201c ist gerade im wissenschaftlichen Beruf eine wichtige Angelegenheit, weil dadurch die Kreativit\u00e4t entsteht.<\/p>\n<p>L.: Und dann gibt es ja noch den weiteren Aspekt beim Kind, n\u00e4mlich das Gef\u00fchl der unmittelbaren Verbundenheit mit allem. Das Kind ist ja noch ganz offen f\u00fcr die Dinge, so lange sich das Denken nicht dazwischenstellt.<\/p>\n<p><strong>Wie die monistische Weltzuwendung zu einer dualistischen wird<\/strong><\/p>\n<p>Prof. Schad: Man kann vermuten, dass, je j\u00fcnger wir sind, wir desto mehr eins sind mit der Welterfahrung. Die Distanz, die durch das Denken entsteht, stellt einem die Objekte entgegen und macht sie zur \u201eGegenwart\u201c. In dem Wort \u201egegen\u201c steckt ja schon die Distanz drin. Diese Form der Naturbegegnung hat das kleine Kind nicht, sondern es geht voll auf in dem, was es erf\u00e4hrt. Im Laufe der Kindheit und dann besonders im Jugendalter tritt die Distanz dann ein und wir erleben dadurch eine deutliche Trennung zwischen Wahrnehmen und Denken.<\/p>\n<p>Wir haben als Kinder immer das Vertrauen, dass das, was wir wahrnehmen, schon so recht ist, dass es seinen Sinn hat. Das geht verloren in dem Moment, wo wir das Erlebte zu Gegenst\u00e4nden machen. Man kann das nicht verhindern, es kommt fr\u00fcher oder sp\u00e4ter, jedenfalls bei normaler Entwicklung. Durch die Vergegenst\u00e4ndlichung der Welt geraten wir in ein Dilemma hinein, das eben zu all den Fragen f\u00fchrt, die wir dann unser Leben lang haben. Was sich da abspielt, ist der \u00dcbergang von einer monistischen Weltzuwendungsf\u00e4higkeit hin zu einer dualistischen.<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich brechen Erfahrung und Denken auseinander, pl\u00f6tzlich brechen Wahrnehmung und Begriff auseinander. Und woraus ergibt sich dann eine uns befriedigende Fragestellung? Sie ergibt sich daraus, dass wir jede neue Erfahrung, die wir machen, erstmal nicht verstehen. Wir wissen nicht, was das ist, was wir erlebt haben. Deshalb tauchen nun die Fragen auf, und wir suchen dann das richtige Verst\u00e4ndnis, und wenn wir etwas zu verstehen glauben, sind es begrifflich formulierbare Zusammenh\u00e4nge, die entweder zu sehr von der eigenen Innenwelt beherrscht werden \u2013 dann k\u00f6nnen es Irrt\u00fcmer werden, wenn sie zu subjektiv sind \u2013, oder es tritt das Gegenteil ein und es wird die blo\u00dfe Objektivit\u00e4t gepflegt, die nichts versteht \u2013 damit ist der Dualismus noch mehr verst\u00e4rkt. Das rein subjektive Erfahren hilft nicht, und auch nicht das rein objektive. Es hilft nur die \u00dcberwindung der Subjekt-Objekt-Spaltung. Und diese \u00dcberwindung ist eigentlich der Sinn aller Erkenntnis, alles Verst\u00e4ndnisses. In ihr verbinden sich wieder die beiden Seiten des Dualismus und wir kommen zu einem neuen, aber jetzt ganz bewussten Monismus. Man kann an sich selbst, aber dann eben auch paradigmatisch an gro\u00dfen Pers\u00f6nlichkeiten sehen, wie sie immer durch drei Schritte gegangen sind:<\/p>\n<p><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\" size-full wp-image-63847\" src=\"http:\/\/logon.media\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Schad_Skizze-De-sm_3.jpg\" alt=\"\" title=\"\" width=\"600\" height=\"570\" srcset=\"https:\/\/logon.media\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Schad_Skizze-De-sm_3.jpg 600w, https:\/\/logon.media\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Schad_Skizze-De-sm_3-300x285.jpg 300w, https:\/\/logon.media\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Schad_Skizze-De-sm_3-24x24.jpg 24w, https:\/\/logon.media\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Schad_Skizze-De-sm_3-36x34.jpg 36w, https:\/\/logon.media\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Schad_Skizze-De-sm_3-48x46.jpg 48w\" sizes=\"(max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/p>\n<p><strong>Warum wir aus dem Paradies vertrieben werden<\/strong><\/p>\n<p>Das monistische Einssein mit der Welt beschreibt der biblische Mythos als das Paradies, und das Austreiben aus dem Paradies besteht dann darin, dass sich das irdische Leben nicht mehr aufrecht erhalten l\u00e4sst als ein Leben in einem einheitlichen, kosmischen Verbundensein mit der Welt. Das ist immer schon die urmenschliche Erfahrung in den Kulturen gewesen, die von fr\u00fch an, seitdem wir schriftliche Berichte haben, auch \u00fcberliefert ist. Schon die Schrift ist ja eine massiv reduzierte Symbolik, also eine starke Abstraktion. Der Baum sieht ganz anders aus als der Schriftzug BAUM.<\/p>\n<p>Und damit ist man bei dem Thema: Weshalb haben wir diese besondere Weltzuwendung verloren? Das <em>Weshalb<\/em> ist die Kernfrage, um auch einen Sinn im Dualismus zu erleben. Der Sinn des Dualismus ist, dass ich dadurch meiner selbst als einem Eigensein voll bewusst werde und dadurch eine Freiheit gegen\u00fcber der Umwelt erreiche. Das ist ein emanzipatorischer Vorgang, ein geistig-emanzipatorischer Vorgang. Und diese Emanzipation geh\u00f6rt zur Heranreifung des Menschen, geh\u00f6rt zu seiner notwendigen Biographie. Aber diese Freiheit ist nur eine Freiheit <em>\u201evon\u201c<\/em>. Friedrich Nietzsche merkte, dass die Freiheit <em>\u201evon\u201c<\/em> nicht hinreicht, und er schrieb einmal: Was interessiert mich die Freiheit <em>\u201evon\u201c<\/em> \u2013 ich frage nach der Freiheit <em>\u201ef\u00fcr\u201c<\/em>.<\/p>\n<p>(wird fortgesetzt in Teilen<a href=\"https:\/\/www.logon.media\/de\/welterfahrung-als-ein-innen-teil-2\"> 2<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.logon.media\/de\/welterfahrung-als-ein-innen-teil-3\">3 <\/a>und <a href=\"https:\/\/www.logon.media\/de\/welterfahrung-als-ein-innen-teil-4\">4)<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":920,"featured_media":10606,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110114],"tags_english_":[],"class_list":["post-91024","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-zeitgeist-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/91024","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/920"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/10606"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=91024"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=91024"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=91024"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=91024"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}