{"id":91004,"date":"2020-10-13T17:04:02","date_gmt":"2020-10-13T17:04:02","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/logon_article\/pierre-teilhard-de-chardins-zukunftsvision\/"},"modified":"2020-10-13T17:04:02","modified_gmt":"2020-10-13T17:04:02","slug":"pierre-teilhard-de-chardins-zukunftsvision","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/pierre-teilhard-de-chardins-zukunftsvision\/","title":{"rendered":"Pierre Teilhard de Chardins Zukunftsvision"},"content":{"rendered":"<p><strong>Wer war Pierre Teilhard de Chardin?<\/strong><\/p>\n<p>Der franz\u00f6sische Theologe, Philosoph und Naturforscher Pierre Teilhard de Chardin (1881-1955) verband ein modernes Weltbild mit tiefer Spiritualit\u00e4t. Er war Teilnehmer mehrerer Forschungsreisen nach Asien und Afrika und beteiligte sich in China an der Ausgrabung und Auswertung des sog. <em>Peking-Menschen<\/em>. Die Kirche (Teilhard war Jesuit) lehnte seine Erkenntnisse ab und verbot ihre Ver\u00f6ffentlichung. So wurde sein Gesamtwerk erst nach seinem Tode gedruckt. Teilhards Denken erscheint heute als aktueller denn je. Er sieht die ganze Sch\u00f6pfung als im Werden begriffen, in einem Prozess der Vereinigung; die gr\u00f6\u00dfte Kraft darin ist die Liebe.<\/p>\n<p><strong>Die sieben Hauptmerkmale des Weltbildes von Teilhard de Chardin<\/strong><\/p>\n<p>Als einer der ersten Theologen setzte sich Teilhard mit der Evolutionstheorie Darwins auseinander und stellte sie in einen gr\u00f6\u00dferen kosmologisch-christlichen Zusammenhang. Das daraus entstehende ebenso revolution\u00e4re wie evolution\u00e4re Weltbild weist sieben Hauptmerkmale auf:<\/p>\n<p>1. Das ganze Universum ist ein unermessliches, dynamisch pulsierendes Geschehen in dauernder Entwicklung.<\/p>\n<p>2. Auf der Erde haben sich im Laufe der Jahrmillionen immer komplexere Lebensformen entwickelt.<\/p>\n<p>3. Die Dinge haben eine Innen- und eine Au\u00dfenseite, die einander entsprechen: Je h\u00f6her entwickelt ein Lebewesen ist, desto komplexer ist es, desto mehr Bewusstsein hat es.<\/p>\n<p>4. Im Innen der Dinge wirkt eine spontane Verbindungskraft, eine Kraft der Organisation und der Vereinigung: \u201eWas aufsteigt, strebt zusammen\u201c \u2013 \u201e<em>Tout ce qui monte, converge<\/em>\u201c.<\/p>\n<p>5. Um die Erde hat sich eine geistige Sph\u00e4re gebildet, das Bewusstseinsfeld der Menschheit, die <em>Noosph\u00e4re<\/em>.<\/p>\n<p>6. Es gibt zwei voneinander getrennte Realit\u00e4ten. Die eine ist \u201enat\u00fcrlich\u201c, die andere \u201e\u00fcbernat\u00fcrlich\u201c. Diese zweite Realit\u00e4t nannte Teilhard \u201eg\u00f6ttlicher Bereich\u201c (<em>le Milieu divin<\/em>). Die beiden Realit\u00e4ten streben dahin, sich einander zu n\u00e4hern und schlie\u00dflich zum Zusammenklingen zu kommen.<\/p>\n<p>7. Das ganze universelle Entwicklungsgeschehen hat eine Richtung. Die Kraft der Vereinigung wandelt alles um und bewegt alles auf ein endg\u00fcltiges Ziel hin. Dieses Ziel ist eine unvorstellbare, h\u00f6chst bewusste und komplexe Einheit. Teilhard nennt sie den \u201ePunkt Omega\u201c. Dieses Ziel ist nicht von au\u00dfen vorgeschrieben oder festgelegt. Die Kosmogenese tastet sich voran und entwirft dabei das Ziel selbst, Schritt f\u00fcr Schritt.<\/p>\n<p><strong>Die Menschheit \u2013 ein lebendiger Organismus <a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\" title=\"\"><strong>[1]<\/strong><\/a><\/strong><\/p>\n<p>Schon 1920, also vor ziemlich genau hundert Jahren, hat sich Teilhard in Paris Gedanken \u00fcber die Zukunft der Religionen gemacht:<\/p>\n<p>\u201eDas Wesen, das aufgerufen ist, in die totale Kraft der irdischen Evolution einzugehen und zur Bl\u00fcte zu gelangen, muss eine vereinte Menschheit sein, in der sich das volle Bewusstsein jedes Individuums mit dem Bewusstsein aller anderen Menschen verbindet. [\u2026]<\/p>\n<p>Das <em>opus humanum<\/em> ist ein lebendiger Organismus. Die Fortschritte dieses Organismus entziehen sich unserem Blick, weil man, um ein Ding zu erkennen, \u00fcber ihm stehen muss. \u2013 Und doch, gibt es nicht etwas in uns, das sich allm\u00e4hlich erhellt und immer st\u00e4rker vibriert? [\u2026]<\/p>\n<p>Die meisten, die diese Ebene erahnen, erwarten eine neue Religion, die alle Kulte der Vergangenheit ersetzt. Diese Bewegung strebt dahin, in allem die Einheit zu f\u00f6rdern. [\u2026]<\/p>\n<p>Das Fundament des Tempels, in dem sich die neu Beseelten versammeln, wird vermutlich nicht auf den Ruinen der alten Religionen stehen.\u201c<\/p>\n<p><strong>Auf dem Weg zu einem gemeinsamen Glauben<\/strong><strong> <a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\" title=\"\"><strong>[2]<\/strong><\/a><\/strong><\/p>\n<p>W\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs war Teilhard in Peking interniert. Dort schrieb er 1941 den Aufsatz <em>\u00dcber die m\u00f6glichen Grundlagen eines gemeinsamen menschlichen Credos<\/em>. F\u00fcr ihn war es ein Versuch, \u201edie verschiedenen weltlichen und religi\u00f6sen Glaubensformen, in die die Menschheit derzeit aufgesplittert ist, in ihren Grundzu\u0308gen zur Deckung zu bringen, um so den Boden fu\u0308r eine neue Ordnung vorzubereiten\u201c. Dieser Beitrag sei \u201edie Frucht von drei\u00dfig Jahren aufrichtigen Kontakts mit wissenschaftlichen wie mit religi\u00f6sen Kreisen in Europa, Amerika und im Fernen Osten\u201c.<\/p>\n<p>Hier eine Zusammenfassung dieses Aufsatzes:<\/p>\n<p>Das Streben nach Mehr-Sein ist ebenso alt und ebenso universell wie die Welt selbst. Ja, soweit wir die Fortschritte des Lebens nach r\u00fcckw\u00e4rts bis in seine bescheidensten Anf\u00e4nge verfolgen k\u00f6nnen, sehen wir diese durch die Tendenz zu irgendetwas sie \u00dcbertreffenden bewegt.<\/p>\n<p>Und dann kam der kritische Moment, da sich das Instinkthafte im Denken reflektierte. Von diesem Augenblick an musste der unvorstellbar primitive Mensch, der Tr\u00e4ger dieser umwerfenden Erkenntnis, den vitalen Ehrgeiz versp\u00fcren, alles zu erobern und sich selbst zu \u00fcbertreffen.<\/p>\n<p><strong><em>Der uralte Glaube an eine bessere Zukunft<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich sind M\u00e4rchen, Mythen und Br\u00e4uche voller Symbole, in denen der tief verwurzelte Wille durchscheint, sich einen Weg bis in den Himmel zu bahnen. Daraus k\u00f6nnen wir schlie\u00dfen, dass der Glaube des Menschen an eine bessere Zukunft \u00e4lter ist als jede Zivilisation, dass er die Triebkraft der Geschichte bildet, aus der wir aufsteigen.<\/p>\n<p>Unser Bewusstsein, so fixiert man es auch in seinen Grundlinien annehmen mag, erhebt sich in gewissen Augenblicken zur Wahrnehmung neuer Dimensionen und Werte. Gerade jetzt befinden wir uns in einem dieser Augenblicke des Erwachens und der Umwandlung.<\/p>\n<p>Im Laufe einiger weniger Generationen hat sich, fast ohne dass wir es bemerkten, unser Blick auf die Welt zutiefst gewandelt. Unter den vereinten Einfl\u00fcssen der Naturwissenschaften, der Geschichte und der gesellschaftlichen Ver\u00e4nderungen hat ein neues Bewusstsein der Zeit und der Gemeinschaft unseren ganzen Erfahrungsbereich erobert und umgestaltet.<\/p>\n<p>Jetzt gibt sich uns die Zukunft als einen Zeitraum der Entwicklung und der Reifung zu erkennen, in dem wir nur noch solidarisch voranschreiten k\u00f6nnen. Das l\u00f6st nat\u00fcrlich eine geistige Krise aus. In diesem Prozess stehen wir heute [Anm.: Teilhard schrieb dies 1941!]<\/p>\n<p><strong><em>Freiwilliger Zusammenschluss<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Heute wird die Menschheit sich ihrer Einheit nicht mehr nur r\u00fcckw\u00e4rts im Blut, sondern auch nach vorn im Fortschritt bewusst. Sie empfindet in der Folge das vitale Bed\u00fcrfnis, sich in sich selbst zusammenzuschlie\u00dfen. \u00dcberall, und insbesondere zwischen den religi\u00f6sen Gruppen, zeichnet sich eine Bewegung der Wiedervereinigung ab. Man entdeckt unter oder \u00fcber dem Trennenden etwas, was zusammendr\u00e4ngt.<\/p>\n<p>Wo aber ist dieses geheimnisvolle Prinzip der Ann\u00e4herung zu finden? Ist es unten oder ist es oben? Liegt es in einem gemeinsamen Interesse \u2013 oder aber in einem gemeinsamen Glauben?<\/p>\n<p>Ein gemeinsames Interesse oder eine gemeinsame Bedrohung vermag Menschen f\u00fcr eine gewisse Zeit miteinander zu verschwei\u00dfen. Doch diese Form der Synthese bleibt zerbrechlich, wenn sie unter dem Druck eines Bed\u00fcrfnisses oder einer Furcht zustande gekommen ist. \u2013 Die menschliche Einheit kann aber nicht durch Zwang von au\u00dfen, sondern nur durch freiwilliges Zusammenschlie\u00dfen wachsen und andauern. Hier enth\u00fcllt sich der Glaube an den Menschen. Es ist ein tiefes, gemeinsames Streben als Gegengewicht gegen die Kr\u00e4fte der Aufl\u00f6sung und Zerstreuung.<\/p>\n<p><strong><em>Der Sinn f\u00fcr die Erde<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Glaube an Gott und Glaube an die Welt: Wenn sich diese beiden Energien miteinander verbinden wu\u0308rden, k\u00f6nnten sie einander verst\u00e4rken. \u2013 Aber wo findet sich das Milieu f\u00fcr diese wu\u0308nschenswerte Vereinigung oder Transformation? \u2013 Im fortw\u00e4hrenden Aufstieg von Bewusstsein.<\/p>\n<p>Der Sinn fu\u0308r die Erde \u00f6ffnet sich und bricht nach oben in einem Sinn fu\u0308r das G\u00f6ttliche auf; und der Sinn fu\u0308r das G\u00f6ttliche wurzelt und n\u00e4hrt sich nach unten in dem Sinn fu\u0308r die Erde. Das transzendente, personale G\u00f6ttliche und das in Evolution begriffene Universum sind so nicht mehr zwei widerspru\u0308chliche Brennpunkte; sie bilden vielmehr zwei einander anziehende Pole. Genau die Transformation, die wir suchten!<\/p>\n<p><strong><em>Die Einm\u00fctigkeit von morgen<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Eine \u201eheilige Union\u201c, die Vereinigung all derer, die glauben, dass das Universum noch voranschreitet und dass wir den Auftrag haben, sein Voranschreiten zu erleichtern, ja zu bewirken: Sollte das nicht der feste Kern sein, um den sich die Einmu\u0308tigkeit von morgen entwickeln muss?<\/p>\n<p>Der Gedanke einer m\u00f6glichen Vereinigung unserer individuellen Bewusstheiten zu einem gemeinsamen \u201e\u00dcber-Bewusstsein\u201c erweist sich mit jedem Tag als wissenschaftlich begru\u0308ndeter und als psychologisch notwendiger. Diese Idee scheint auch als einzige f\u00e4hig zu sein, das gro\u00dfe Ereignis vorzubereiten, das wir erwarten: ein neues Kapitel des Lebens, das ein neues Zeitalter begru\u0308ndet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\" title=\"\">[1]<\/a>&nbsp;<em> Aus: Sinn und Ziel der Evolution, Ausgew\u00e4hlte Texte, bearbeitet und herausgegeben von Peter Gotthard Bieri, Aachen 2010, Kap. 1: Ist die Evolution zu Ende?<\/em><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\" title=\"\">[2]<\/a>&nbsp; <em>Aus: Pierre Teilhard de Chardin: Sinn und Ziel der Evolution, Kap. 14. <\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"author":920,"featured_media":10513,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110114],"tags_english_":[],"class_list":["post-91004","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-zeitgeist-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/91004","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/920"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/10513"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=91004"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=91004"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=91004"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=91004"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}