{"id":90872,"date":"2020-08-09T14:55:49","date_gmt":"2020-08-09T14:55:49","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/logon_article\/im-reich-der-seele-sind-wir-frei-teil-2\/"},"modified":"2020-08-09T14:55:49","modified_gmt":"2020-08-09T14:55:49","slug":"im-reich-der-seele-sind-wir-frei-teil-2","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/im-reich-der-seele-sind-wir-frei-teil-2\/","title":{"rendered":"Im Reich der Seele sind wir frei \u2013 Teil 2"},"content":{"rendered":"<p><strong>Rainer Maria Rilke (1875-1926)<\/strong> war f\u00fcr Etty von gr\u00f6\u00dfter Bedeutung. &nbsp;Er diente ihr als Reisegef\u00e4hrte, als Kamerad f\u00fcrs Leben, als einer, der tr\u00f6stet, wo immer er kann. Sie erkl\u00e4rte einer Freundin:<\/p>\n<blockquote>\n<p>Von Rilke kann man sich nicht l\u00f6sen, wenn man ihn wirlich gut gelesen hat. Wenn man ihn nicht ein Leben lang mit sich tr\u00e4gt, hat es \u00fcberhaupt keinen Zweck, ihn zu lesen.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Vielleicht standen ihr dabei die Worte Rilkes vor Augen:<\/p>\n<blockquote>\n<p>Im <em>Leben<\/em><em> <\/em><em>gibt<\/em> es <em>keine<\/em> Klassen f\u00fcr Anf\u00e4nger, sondern es <em>ist<\/em> immer das Schwerste, das von einem verlangt wird.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Es ist ein Zitat aus Rilkes <em>Briefe an einen jungen Dichter, <\/em>die man auch als \u201cBriefe an eine junge Seele\u201d verstehen kann. Rilke verfasste sie f\u00fcr einen jungen Dichter, der ihn um Rat fragte. Ein weiteres Zitat:<\/p>\n<p>\u201cAlle Gef\u00fchle sind rein, die dir helfen, dich zu sammeln und zu erheben. Unrein ist das Gef\u00fchl, das nur eine Seite deines Wesens ergreift und dich dadurch verzerrt. Alles, was mehr aus Ihnen macht, als Sie bisher in Ihren besten Stunden waren, ist recht. Jede Steigerung ist gut, wenn sie in Ihrem ganzen Blute ist, wenn sie nicht Rausch ist, nicht Tr\u00fcbe, sondern Freude, der man auf den Grund sieht. Verstehen Sie, was ich meine?\u201d<\/p>\n<p>Und eine Stelle, die Etty Hillesum in hohem Ma\u03b2e angesprochen haben muss:<\/p>\n<blockquote>\n<p>Ich m\u00f6chte Sie bitten, Geduld zu haben gegen alles Ungel\u00f6ste in Ihrem Herzen und zu versuchen, die Fragen selbst liebzuhaben wie verschlossene Stuben und wie B\u00fccher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind. Forschen Sie jetzt nicht nach den Antworten, die Ihnen nicht gegeben werden k\u00f6nnen, weil Sie sie nicht leben k\u00f6nnten. Und es handelt sich darum, alles zu leben. Leben Sie jetzt die Fragen. Vielleicht leben Sie dann allm\u00e4hlich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antwort hinein.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p><strong>Eine auff\u00e4llige Parallele zwischen Etty Hillesum und Rilke ist, dass sie Russland als ihre zweite Heimat ansahen<\/strong>. Bei Etty darf das nicht Wunder nehmen. Sie hatte eine besondere Beziehung zur russischen Literatur, da ihre Mutter Rebecca russischer Herkunft war und Etty selber in Leiden Slawistik studiert hatte. Von Haus aus sprach sie ein wenig Russisch; von ihren Mitstudenten wurde als \u201ctypische Russin\u201d angesehen: einmal ausgelassen, dann wieder niedergeschlagen, am n\u00e4chsten Tag warmherzig, dann wieder zur\u00fcckhaltend, abwechselnd beflissen und chaotisch.&nbsp;<\/p>\n<p>Ettys Liebe f\u00fcr die russische Kultur f\u00fchrte dazu, dass sie sich auch mit weniger bekannten russischen Autoren befasste, wie zum Beispiel mit Walter Schubart (1897-1941). Von ihm stammt das Buch <em>Europa und die Seele des Ostens<\/em> (1939), in dem er sich kritisch \u00fcber die Entwicklungen in Europa \u00e4u\u00dfert und sie mit der Situation in Russland vergleicht. Der Europ\u00e4er sei (allzu sehr) Gesch\u00e4ftsmann, der Russe hingegen sei ein Seelenmensch. Europ\u00e4er seien durch gemeinsame Interessen miteinander verbunden, Russen durch Menschlichkeit. Die Prometheus-Kultur des Westens zeichne sich dadurch aus, dass sie die Dinge f\u00fcr wesentlicher halte als die Seelen. Europa sei der Sitz der Sachlichkeit, Russland die Heimat der Seele. &nbsp;<\/p>\n<p>So, pauschal dargestellt, Schubarts Denken. Manche seiner Ausspr\u00fcche wurden von Etty paraphrasiert wiedergegeben, zum Beispiel dieser:<\/p>\n<blockquote>\n<p>Abschreckender als das Gottesurteil ist das Urteil, das die Menschheit, die sich von Gott abgewandt hat, \u00fcber sich selbst f\u00e4llt.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Etty erkennt, wie der Westen die Verbindung zu Gott verloren hat und in Materialismus und Egoismus geraten ist. Dadurch hat die westliche Gesellschaft die innere Verbindungskraft verloren. Anders der Russe: er steht von Natur aus \u2013 so ihre und Schubarts Sicht \u2013 in Verbindung mit Gott.<\/p>\n<p>Etty mochte ihre Russischlehrer sehr. Als der von ihr bewunderte Slawist und Niederlandist &nbsp;Nicolaas van Wijk pl\u00f6tzlich starb, war sie au\u00dfer sich vor Schmerz. Die russisch-othodoxe Abschiedsfeier war der einzige Gottesdienst, dem sie je beiwohnte. Die Feier machte auf sie einen gro\u03b2en Eindruck, aber trotzdem f\u00fchlte sie sich in ihrer \u00dcberzeugung best\u00e4tigt, dass ihr Weg ein \u201cAlleingang\u201d sein m\u00fcsse, frei von jeglicher Gemeinschaft. Hierbei wird sie bei Rilke Trost gefunden haben:<\/p>\n<p>&#8222;Und wenn wir wieder von der <em>Einsamkeit<\/em> reden, so wird immer klarer, dass das im Grunde nichts ist, was man w\u00e4hlen oder lassen kann. Wir sind <em>einsam <\/em>\u2026\u201d<\/p>\n<p><strong>Das Reich der Seele kennt keine Grenzen<\/strong>! M\u00fchelos leitet Etty Hillesum ihre Leser in das Reich der Seele, das nicht nur auf Betrachtungen, Gebete, geistige Sonnenb\u00e4der oder Meditation gegr\u00fcndet ist. Sie wei\u03b2: alles bekommt seinen Wert erst durch die Tat. Sie weist auf das hebr\u00e4ische Wort <em>dabar<\/em> hin, das sowohl Wort wie auch Tat bedeutet. Am 13. Oktober 1942 schreibt sie:<\/p>\n<blockquote>\n<p>Wenn jene Einsichten, die ich hinter meinem Schreibtisch im Umgang mit den edelsten Geistern sammle, nicht in die kleinsten Dinge des Alltags eindringen, wenn nichts von dem gro\u00dfen Bewusstsein der menschlichen Werte [&#8230;] in die Praxis durchdringt, dann hat dieses Geistesleben keinen Sinn.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Etty Hillesum war unerm\u00fcdlich auf der Suche nach Gott. Sie sp\u00fcrte, dass Gott sich erst finden l\u00e4sst in lauteren Taten, in reinen Handlungen. Ihre vielleicht treffendsten Worte dazu lassen an Deutlichkeit nichts zu w\u00fcnschen \u00fcbrig:<\/p>\n<blockquote>\n<p>Du kannst selbst nichts tun, mein Gott. Es liegt an uns, Dir H\u00e4nde und F\u00fc\u00dfe zu geben und entsprechend zu handeln.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Dies \u00e4hnelt den Worten ihres m\u00e4nnlichen Gegenbildes, des j\u00fcdischen Denkers Martin Buber (1878-1965):<\/p>\n<blockquote>\n<p>Gott will nicht, dass wir an ihn glauben, er will nicht, dass wir \u00fcber ihn debattieren, er will nicht von uns verteidigt werden \u2013 er will nur von uns verwirklicht werden.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Am 30. November 1943 wurde Etty Hillesum in Auschwitz umgebracht:<\/p>\n<p>\u201cDas Leben und das Sterben und die Freude, die Blasen an meinen wundgelaufenen F\u00fc\u00dfen, der Jasmin hinterm Haus, die Verfolgungen, die zahllosen Grausamkeiten \u2013 all das ist in mir wie ein einziges starkes Ganzes, und ich beginne immer mehr zu begreifen, wie alles zusammanh\u00e4ngt, ohne es bislang jemandem erkl\u00e4ren zu k\u00f6nnen. Ich m\u00f6chte lange leben, um es sp\u00e4ter doch noch einmal erkl\u00e4ren zu k\u00f6nnen, und wenn mir das nicht verg\u00f6nnt ist, nun, dann wird ein anderer mein Leben von dort an weiterleben, wo das meine unterbrochen wurde.\u201d<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Literatur:<\/p>\n<p><em>Das denkende Herz Die Tageb\u00fccher von Etty Hillesum 1941-1943<\/em>, hrsg. v. J.G. Gaarlandt, aus dem Niederl\u00e4ndischen von Maria Csoll\u00e1ny, Reinbek bei Hamburg 2019<\/p>\n<p>Walter Schubart, <em>Europa und die Seele des Ostens, <\/em>Pfullingen 1979<em> <\/em><\/p>\n<p>Rainer Maria Rilke, <em>Gesammelte Werke, <\/em>M\u00fcnchen 2013<\/p>\n","protected":false},"author":923,"featured_media":9954,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110075],"tags_english_":[],"class_list":["post-90872","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-livingpast-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/90872","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/923"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/9954"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=90872"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=90872"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=90872"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=90872"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}