{"id":90867,"date":"2020-08-09T13:44:41","date_gmt":"2020-08-09T13:44:41","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/logon_article\/im-reich-der-seele-sind-wir-frei-teil-1\/"},"modified":"2020-08-09T13:44:41","modified_gmt":"2020-08-09T13:44:41","slug":"im-reich-der-seele-sind-wir-frei-teil-1","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/im-reich-der-seele-sind-wir-frei-teil-1\/","title":{"rendered":"Im Reich der Seele sind wir frei \u2013 Teil 1"},"content":{"rendered":"<p>Etty Hillesum lebte von 1914 bis 1943.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\" title=\"\">[1]<\/a><\/p>\n<blockquote>\n<p>Man braucht seine Unruhe und Traurigkeit nicht zu verstecken, man muss sie tragen und ertragen, aber man sollte sich ihnen nicht vollst\u00e4ndig \u00fcberlassen\u201c<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\" title=\"\">[2]<\/a>,<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>so schrieb sie am 11. Juni 1942 in ihrem Kriegstagebuch. Eine Aufforderung, die wohl f\u00fcr jede Krisenzeit gilt. Aus dem Tagebuch leuchtet das spirituelle Portr\u00e4t einer Gott suchenden jungen j\u00fcdischen Frau.<\/p>\n<p>Etty Hillesum verfasste es in Amsterdam, unweit des&nbsp; Ortes, an dem Anne Frank ihr ber\u00fchmtes Tagebuch schrieb. Auch ihr Tagebuch wurde zum Welt-Bestseller.<\/p>\n<p>Etty war eine lebensfrohe Endzwanzigerin. Sechs Jahre lebte sie in dem vornehmen Haus in der Gabriel Metsustraat 6. Sie stellte sich ihrem aufgew\u00fchlten Gef\u00fchlsleben, nahm sich selbstkritisch unter die Lupe \u2013 und erfuhr enormes inneres Wachstum.<\/p>\n<p>Ebenso offen wie \u00fcber ihre Spiritualit\u00e4t schrieb sie \u00fcber ihre Sexualit\u00e4t, \u00fcber ihr Ringen mit den Sehns\u00fcchten und Verzichten. Vor allem aber zeugt sie von ihrer immer intensiver werdenden Beziehung<\/p>\n<blockquote>\n<p>zum Allertiefsten in mir, das ich der Einfachheit halber Gott nenne.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Das Tageb\u00fcch legt ein eindrucksvolles Zeugnis von einer Entwicklung ab, die in Schmerzen durchlebt und doch mit einer aus dem Innersten stammenden Freude getragen wurde. Etty erlangte innere Befreiung. Die Eintragungen gleichen Mosaiksteinen, die vor einem makabren Hintergrund leuchten: den st\u00e4ndigen Bedrohungen und r\u00fccksichtslosen Verfolgungen in ihrer unmittelbaren Umgebung, denen auch sie schlie\u00dflich zum Opfer fiel. Am 30. November 1943 wurde sie in Auschwitz ermordet.<\/p>\n<p>Erst im Jahre 1980 erschien ihr Tagebuch unter dem Titel <em>Het verstoorde leven<\/em> (in der deutschen \u00dcbersetzung: <em>Das denkende Herz<\/em>). Es erregte nicht nur in den Niederlanden sondern auch international gro\u00dfe Aufmerksamkeit. Die Tiefe ihrer Erfahrungen und Einsichten wurde zun\u00e4chst allerdings kaum erkannt. Die Presse sprach von einer \u201cunorthodoxen Frau\u201d, die sowohl intellektuell wie auch sinnenfroh veranlagt gewesen sei. Aber bald darauf erkannte man ihre Geisteskraft, den Tiefgang ihrer Gedanken und die Reichweite ihrer Seelenregungen. Man stie\u00df an vielen Stellen des Tagebuches auf Lebensweisheiten, f\u00fcr die sich der soziale Rahmen erst Jahrzehnte sp\u00e4ter bilden sollte.<\/p>\n<p>Ihre ureigene innere Suche nach den unver\u00e4u\u03b2erlichen Werten des Daseins \u2013 frei von jeglicher Kirchenbindung \u2013 passte in die achtziger Jahre, in denen sich die Individualisierung weiter fortsetzte und man sich mehr und mehr von \u00fcberkommenen Werten l\u00f6ste.<\/p>\n<p>Etty Hillesums Bedeutung wuchs in den Folgejahren. Man begann, von ihr als der \u201cHeiligen vom Museumplein\u201d zu sprechen.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\" title=\"\">[3]<\/a> Auch errang sie einen festen Platz in der niederl\u00e4ndischen Literatur. Ihre Tageb\u00fccher wurden in Dutzende&nbsp; von Sprachen \u00fcbersetzt. Die deutschsprachige Ausgabe von <em>Das denkende Herz <\/em>erlebte 2019 ihre 29. Auflage. In ihrem Geburtsort Middelburg wurde ein Studienzentrum errichtet, das sich mit den unterschiedlichen Perspektiven ihre Werke befasst.<\/p>\n<p><strong>Am Beginn ihres Tagebuchs<\/strong> formulierte Etty Hillesum ihr Lebensprogramm:<\/p>\n<blockquote>\n<p>Ich fasse den festen Entschluss, mein ganzes Leben dem Streben nach jener Harmonie, Demut und wahren Liebe zu weihen, die ich in meinen besten Momenten versp\u00fcre.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Etty grenzt die wahre Liebe ab gegen\u00fcber der Liebe, die aus Selbstsucht entsteht,&nbsp; die Gegenseitigkeit verlangt und Erwartungen hat. Wahre Liebe baut nicht auf Wechselseitigkeit, sie beruht auf Hingabe und erwartet nichts. Es ist eine Liebe, die aus der Seele flie\u00dft und sich auf Seelisches richtet. In der bedrohlichen Situation, in der sich Etty befindet, sto\u03b2en edle Bestrebungen wie diese jedoch auf schwerwiegende Hindernisse:<\/p>\n<blockquote>\n<p>Ich habe noch keine Grundmelodie. Es gibt noch keine feste innere Str\u00f6mung in mir. Die Quelle, aus der ich gespeist werde, versandet immer wieder, und au\u00dferdem denke ich zu viel.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Je intensiver und dem\u00fctigender aber ihre Erfahrungen werden, umso st\u00e4rker wachsen ihre Einsichten und seelischen Kr\u00e4fte:<\/p>\n<blockquote>\n<p>Um zu dem\u00fctigen, braucht es zwei: einen, der dem\u00fctigt und einen, den man dem\u00fctigen will, vor allem: der sich dem\u00fctigen l\u00e4sst. Fehlt es an Letzterem, ist der Betroffene also immun gegen\u00fcber jeder Dem\u00fctigung, so verdampfen die Versuche ins Nichts.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Nach und nach f\u00fchlt sie sich immer weniger als Beobachterin ihres inneren Wachstums, sondern identifiziert sich frohgemut damit. Sie erlebt die Schritte ihrer geistigen Reifung. Ihren Schreibtisch nennt sie \u201cden sch\u00f6nsten Platz der Welt\u201d.&nbsp; Die Suche nach ihrer \u201ctiefsten Tiefe\u201d wird zum Schwerpunkt ihres Lebens. Nichts kann sie hiervon abhalten, auch nicht ihre bewegte, subtil geschilderte, fast synchron bestehende Liebesbeziehung zu zwei M\u00e4nnern.<\/p>\n<p>&#8222;Einen unordentlichen Schreibtisch voller B\u00fccher und Papiere, der allein mir geh\u00f6rt, werde ich immer dem idealsten und harmonischsten Ehebett vorziehen.&#8220;<\/p>\n<p>Der Schreibtisch ist f\u00fcr sie der Ort, an dem sie das Mysterium erlebt, der Ort, an dem sie mehr vernimmt, als sie ist. Man mag an Lao tses Worte denken: &#8222;Der Weise wohnt immer am richtigen Ort.&#8220;<\/p>\n<p>Am Ende legt Etty n\u00fcchtern Zeugnis von der wahren Liebe ab, indem sie ihre Seelenlicht durch alle Feindschaft hindurch leuchten l\u00e4sst. Sie kann einem Gestapo-Offizier, der sie zurecht weist, Verst\u00e4ndnis und \u00fcberpers\u00f6nliche Liebe entgegenbringen. &nbsp;<\/p>\n<blockquote>\n<p>Denn nur so kann der Glaube an die Menschheit und an die Zukunft bewahrt werden &#8230;<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Etty wird verhaftet und zun\u00e4chst in ein Lager nach Westerbork gebracht. In der Baracke \u00fcberdenkt sie inmitten vieler Frauen das Elend und die Aussichtslosigheit ihrer Situation. Sie schreibt am Ende ihres Tagebuchs:<\/p>\n<blockquote>\n<p>Dann lasst mich das denkende Herz der Baracke sein.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Ein Denken aus dem Herzen heraus, ein Denken aus de Liebe, das Erkenntnis und Tr\u00f6stung mit sich bringt.<\/p>\n<p><strong>Etty Hillesum war bereits in ihrer Jugend tief eingetaucht in die Weltliteratur<\/strong>. Sie lie\u00df sich von zahlreichen Schriftstellern, Dichtern und Philosophen inspirieren. Fast liebkosend nannte sie sie ihre \u201cedelsten Geister\u201d. Sie studierte die Bibel (vor allem das Matth\u00e4usevangelium und die Paulusbriefe) und las niederl\u00e4ndische Autoren wie Vestdijk, Van Eeden und Verwey, russische Autoren wie Dostojewski, Puschkin und Schubart und deutsche Schriftsteller und Dichter wie Rilke, Jung und Buber. Auch die Mystiker Thomas von Kempen und Franz von Assisi spielten f\u00fcr sie eine Rolle. Sie zitierte aus ihren Werken, vertiefte sich in ihre Seelenwelt und leitet den Leser unmerklich in ein geistiges Pantheon, in dem er sich selbst vergessen kann.<\/p>\n<p>Die Bibel lag auf dem Schreibtisch stets neben ihr. Matth\u00e4us war ihr beliebtester Evangelist. Je n\u00e4her das dramatische Ende ihres Amsterdamer Aufenthalts heranr\u00fcckte, um so mehr wurde Matth\u00e4us f\u00fcr sie zum Brennpunkt der Weisheit und des Trostes Christi. In ihrer immer bedr\u00fcckender werdenden Situation erwies sich dieses Evangelium als eine feste St\u00fctze. &nbsp;<\/p>\n<p>\u201cDarum sage ich euch: Sorget nicht f\u00fcr euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht f\u00fcr euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr denn die Speise? Und der Leib mehr denn die Kleidung? [&#8230;] Darum sorget nicht f\u00fcr den andern Morgen, denn der morgende Tag wird f\u00fcr das Seine sorgen. Es ist genug, dass ein jeglicher Tag seine eigene Plage habe. \u201d (Matth. 6, 25, 34).<\/p>\n<p>Von Paulus \u00fcbernimmt sie den bekannten Satz:<\/p>\n<p><em>\u201c<\/em>Und wenn ich alle meine Habe den Armen g\u00e4be und lie\u03b2e meinen Leib brennen und h\u00e4tte der Liebe nicht, so w\u00e4re es mir nichts n\u00fctze.\u201d (1. Kor. 13, 3)<\/p>\n<p>Sie vertiefte sich in diesen Satz auch im Hinblick auf einen anstehenden Besuch ihrers Vaters.<\/p>\n<blockquote>\n<p>In diesem Text liegt eine Fundgrube f\u00fcr eine Sicht, durch die man edle Gef\u00fchle bekommen kann. Aber wenn es um die Praxis geht, um eine kleine Liebesbezeugung, schrecke ich schon zur\u00fcck. Nein, hier geht es nicht um eine kleine Liebesbezeugung. Hier geht es um etwas sehr Prinzipielles, Gewichtiges und Schwieriges: es geht darum, die Eltern wirklich von innen her zu lieben. Das hei\u00dft, ihnen all die Schwierigkeiten zu verzeihen, die sie einem, allein durch ihre Existenz, bereitet haben: an Bindung, an Widerwillen, durch die Last ihres komplizierten Lebens, die sie dem eigenen, ebenfalls gen\u00fcgend schwierigen Leben noch hinzugef\u00fcgt haben.&nbsp;<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Ettys Vater war Altphilologe und Gymnasialdirektor in Deventer, der Wiege der niederl\u00e4ndischen spirituellen Erneuerungsbewegung <em>Devotio Moderna. <\/em>Duch ihn kam Etty dazu, sich mit dem Augustinerm\u00f6nch Thomas von Kempen (1380-1471) und seinem \u2013 wie man sagt \u2013 nach der Bibel meistgelesenem Buch <em>De imitatione Christi<\/em> (<em>Die Nachfolge Christi<\/em>) zu befassen. Thomas war &nbsp;Leitfigur dieser urniederl\u00e4ndischen mystischen Bewegung. Etty zitiert ihn wie folgt:<\/p>\n<blockquote>\n<p>Je mehr einer in sich selbst gesammelt ist und je mehr bei ihm innerlich alles nur auf einen Gegenstand abzielt, desto mehr und h\u00f6here Dinge wird er ohne M\u00fche verstehen, weil er das Licht der Erkenntnis von oben herab empf\u00e4ngt. (Thomas von Kempen, 1.3.3)<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Mit anderen Worten: das Innere darf nicht zersplittert sein und sich nicht auf allzu viele Dinge in der Au\u00dfenwelt richten, sondern es soll sich auf ein einziges Ziel konzentrieren: die Gotteserkenntnis (die Gnosis).<\/p>\n<p>Vater Louis wurde von der deutschen Besatzungsmacht zu Anfang des Krieges als Jude aus dem Amt entfernt. Zu seinem Abschied hielt er vor seinen Kollegen und Sch\u00fclern eine ergreifende, historische Rede, die er mit den Worten des ehemaligen Deventer Leiters der <em>Dovotio Moderna<\/em> Geert Groote abschloss:<\/p>\n<p>\u201cDas Wichtigste ist f\u00fcr mich, dass ihr in geistiger Hinsicht froh seid.\u201d<\/p>\n<p>Hier zeigt sich die Gleichgestimmtheit mit seiner Tochter Etty. Auch sie versuchte, trotz aller Unterdr\u00fcckung ihre innere Freiheit und ihren Frohsinn zu bewahren. Beide verdanken ihrem kraftvollen Seelenleben eine sprudelnde Heiterkeit. Beide bezeugen: Wer aus der Seele lebt, wei\u03b2, dass das Licht in der Finsternis scheint. Der Anfangssatz aus der <em>Nachfolge Christi<\/em> klingt hier nach:<\/p>\n<blockquote>\n<p>Wer mir nachfolgt, wandelt nicht in Finsternis, sondern wird das Licht des ewigen Lebens haben. (Joh. 8, 12)<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>(wird fortgesetzt in Teil 2)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\" title=\"\">[1]<\/a> Dieser Aufsatz wurde verfasst zum 75sten Jahrestag der Befreiung der Niederlande, 5. Mai 1945 \u2013 5. Mai 2020. Die urspr\u00fcngliche Fassung erschien in der niederl\u00e4ndischen Ausgabe von <em>LOGON<\/em><strong>, <\/strong>Jahrgang 1, Nummer 3, S. 42-49 (Haarlem 2020).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\" title=\"\">[2]<\/a> Aus: Etty Hillesum, <em>Das denkende Herz: Die Tageb\u00fccher von 1941-1943 <\/em><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\" title=\"\">[3]<\/a> Das Museumplein ist ein gro\u03b2er Platz in Amsterdam gegen\u00fcber dem Rijksmuseum, nahe der Gabri\u00ebl Metsustraat, wo Etty wohnte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"author":923,"featured_media":9935,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110075],"tags_english_":[],"class_list":["post-90867","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-livingpast-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/90867","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/923"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/9935"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=90867"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=90867"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=90867"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=90867"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}