{"id":90741,"date":"2020-07-11T16:40:18","date_gmt":"2020-07-11T16:40:18","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/logon_article\/die-wendung-zum-schicksal\/"},"modified":"2020-07-11T16:40:18","modified_gmt":"2020-07-11T16:40:18","slug":"die-wendung-zum-schicksal","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/die-wendung-zum-schicksal\/","title":{"rendered":"Die Wendung zum Schicksal"},"content":{"rendered":"<p><em>Der Weg zu Tao ist der Weg zur Ur-Mutter, zur All-Einheit. Auf ihm werden die Dinge von innen her als Wirkungen Taos sichtbar.<\/em><\/p>\n<p>Wir leben in Unklarheit \u00fcber die Zukunft. Das betrifft unsere pers\u00f6nliche Zukunft genauso wie die Zukunft des Planeten. Wir m\u00f6chten planen, gestalten, kontrollieren. Das Leben jedoch teilt uns sehr oft andere Karten aus, als wir es gerne h\u00e4tten. Andere Menschen kommen uns mit ihren Handlungen in die Quere, Viren befallen uns, globale Umw\u00e4lzungen machen aus unseren Pl\u00e4nen Makulatur. Wer oder was ist da am Werk \u2013 Zufall, b\u00f6se Absicht oder schicksalhafte Kr\u00e4fte?<\/p>\n<p>In den Weltreligionen kennt man lenkende Kr\u00e4fte. Denn ihre inneren Lehren sehen das Menschenleben eingebunden in einen Kreislauf der Wiedergeburten, der dem Menschen Lernen, spirituelle Entwicklung und letztlich Befreiung erm\u00f6glicht. So tr\u00e4gt der Mensch ein Gep\u00e4ck, das oft Karma genannt wird, so arbeitet die Menschheit insgesamt an ihrer Entwicklung. Das Karma beinhaltet nicht nur die Lasten vergangener Fehler und fortbestehende Bindungen, sondern auch F\u00e4higkeiten und Seelenreife. So ist der Mensch auf dem Weg von der Unbewusstheit durch das enge Nadel\u00f6hr des Ego hindurch zum Erwachen seines wahren ewigen Selbstes, das eins mit Gott ist.<\/p>\n<p>Im Taoismus, der das Konzept der Wiedergeburten ebenfalls kennt, wird der Weg des Menschen und der Welt als eine Abfolge von fundamentalen Gegebenheiten gezeichnet, die kein endg\u00fcltiges irdisches Ziel wie Frieden oder Vollkommenheit haben. Dennoch ist es ein Weg zu <em>Tao<\/em>, zur Urmutter, zur All-Einheit. Das <em>Tao Te King<\/em><a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\" title=\"\">[1]<\/a> schildert den Umgang mit Krieg und Frieden, Ehre und Schmach, Oben und Unten, Sch\u00f6n und H\u00e4sslich aus der h\u00f6heren Perspektive des Tao.<strong> <\/strong>All diese Lebenslagen sind verg\u00e4nglich, an nichts davon sollte der Mensch h\u00e4ngen. Alle Lehren dieses Buches sind dabei von einer gleichsam t\u00e4nzerischen Leichtigkeit und Kraft durchdrungen \u2013 von der Freiheit, die eine Auswirkung der Verbundenheit mit Tao ist.<\/p>\n<p>Das weitaus \u00e4ltere <em>I Ging<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\" title=\"\"><strong>[2]<\/strong><\/a><\/em> zeigt den Weg der Menschheit durch 64 Wandlungsphasen, die keiner endg\u00fcltigen L\u00f6sung auf dem irdischen Plan zustreben, den Menschen aber reifen lassen und letztlich zu <em>Wu Qi<\/em>, der einen Urkraft, f\u00fchren. Wie auch im <em>Tao Te King<\/em> ist klar, dass die L\u00f6sung auf einer anderen Ebene des Seins liegt, die alles Irdische durchdringt und tr\u00e4gt. Auf die Frage nach dem Schicksal bezogen zeigt sich in beiden Werken, dass der Mensch durch H\u00f6hen und Tiefen \u2013 und deren Annehmen! \u2013 einen Weg finden kann, der ihm die ewige Seinsebene erschlie\u00dft. Wir bekommen keine Rezepte f\u00fcr Erfolg und ewigen Frieden, sondern Anst\u00f6\u00dfe, das ewige Andere, das Tao, hinter dem \u201eGuten und B\u00f6sen\u201c zu erkennen und uns mit ihm zu vereinen. Dies ist die Aufgabe des Schicksals. In diesem Sinne sagt das 16. Kapitel des <em>Tao Te King<\/em>:<\/p>\n<p>Schaffe Leere bis zum H\u00f6chsten!<br \/>\nWahre die Stille bis zum V\u00f6lligsten!<br \/>\nAlle Dinge m\u00f6gen sich dann zugleich erheben.<br \/>\nIch schaue, wie sie sich wenden.<br \/>\nDie Dinge in all ihrer Menge,<br \/>\nein jedes kehrt zur\u00fcck zu seiner Wurzel.<\/p>\n<p>R\u00fcckkehr zur Wurzel hei\u00dft Stille.<br \/>\nStille hei\u00dft Wendung zum Schicksal.<br \/>\nWendung zum Schicksal hei\u00dft Ewigkeit.<br \/>\nErkenntnis der Ewigkeit hei\u00dft Klarheit.<\/p>\n<p>(\u2026) Erkennt man das Ewige,<br \/>\nso wird man duldsam.<br \/>\nDuldsamkeit f\u00fchrt zur Gerechtigkeit.<br \/>\nGerechtigkeit f\u00fchrt zur Herrschaft.<br \/>\nHerrschaft f\u00fchrt zum Himmel.<br \/>\nHimmel f\u00fchrt zum Sinn<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\" title=\"\">[3]<\/a>.<br \/>\nSinn f\u00fchrt zur Dauer.<br \/>\nSein Leben lang kommt man nicht in Gefahr.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\" title=\"\">[4]<\/a><\/p>\n<p>Wer kann \u2013 und sollte \u2013 in sich Leere bis zum H\u00f6chsten und Stille bis zum V\u00f6lligsten schaffen, also sein Bewusstsein vom Gewicht der Welt befreien und sich zu <em>Tao<\/em> erheben? Derjenige Mensch kann es, in dem Tao zu wirken beginnt. Tao wirkt aus sich selbst heraus, es schenkt dem Menschen ein neues Erkenntniswerkzeug und seinem Herzen ein neues Fundament. Mit diesem kann man das Weitere verstehen und die Welt aus der Perspektive des Tao sehen. An verschiedenen Stellen im Tao Te King fragt Lao Tse: Woher wei\u00df ich das? Und die lapidare Antwort lautet: \u201eEben daher.\u201c Deswegen ist es auch unm\u00f6glich, die Lehren des Tao argumentativ zu untermauern. Wenn Tao in einem Menschen wirkt, wird er von der Wahrheit dieser Lehren ber\u00fchrt. Die Wurzel aller Dinge wird gleichsam sichtbar. Ganz gleich, wie uns die Dinge begegnen, f\u00fcr uns wenden sie sich dann um, werden von innen her als Wirkungen Taos sichtbar. Sie sind verg\u00e4nglich. Sie sind aber auch eins mit Tao, weil Tao sie tr\u00e4gt. Genauso kehrt jeder einzelne Mensch, der Tao in sich erkennt und ihm folgt, im Leben zu Tao zur\u00fcck. Zuerst ist dies ein Erkenntnisprozess. Wer diese Tatsache f\u00fcr sich selbst fundamental annehmen kann, kann zur Wurzel zur\u00fcckkehren, indem er sein Ich an Tao hingibt. \u201eEr ent\u00e4u\u00dfert sich seines Selbst, und sein Selbst bleibt erhalten.\u201c<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\" title=\"\">[5]<\/a> Das wahre Selbst, das in dieser Stille aufscheint, erm\u00f6glicht die Wendung zum Schicksal.<\/p>\n<p><strong>Die Lehren des Schicksals annehmen<\/strong><\/p>\n<p>Dies ist kein Trick der Altvorderen, um in den Menschen Schicksalsergebenheit zu evozieren \u2013 in Unterdr\u00fcckung, im Verharren in starren Hierarchien und Systemen. Im Gegenteil: Das Wesen eines Menschen, der sich seines (alten) Selbstes ent\u00e4u\u00dfert, wird weit. Dennoch hat er noch einen Weg zu gehen, der ihm erleichtert wird, wenn er die Lehren des Schicksals annimmt. Deshalb muss er sich zum Schicksal hinwenden. Er ist ohnehin eins damit. Wir verschwenden meist viel Energie damit, Dinge zu verdr\u00e4ngen, zu ignorieren oder von uns weg auf andere zu schieben. Doch: wir sind eins mit den Dingen, die uns begegnen. In der Stille ist es m\u00f6glich, dieses Verbundensein zu erkennen und die Lehren anzunehmen. Dies ist ein tiefer seelischer Prozess, den man mit Worten nicht erfassen kann. Es ist ein Subtilerwerden, ein Einswerden mit allem, was ist \u2013 und dadurch paradoxerweise ein sukzessives Freiwerden von der materiellen Welt und ihrer Abfolge von Ursache und Wirkung. \u201eWendung zum Schicksal hei\u00dft Ewigkeit.\u201c In einem alchimischen Prozess bringt das Schicksal, was es auch sei, das Ewige in uns zum Vorschein.<\/p>\n<p>In Lao Tses Worten bringt die Erkenntnis der Ewigkeit Klarheit und macht duldsam. Klarheit und Duldsamkeit haben tats\u00e4chlich einen Ber\u00fchrungspunkt: indem die gewonnene Klarheit eine vertieftes Empfinden und Erkennen derjenigen Weisheit mit sich bringt, die in allen Geschehnissen wirkt.<strong> <\/strong>Wer sich hierf\u00fcr \u00f6ffnet, wird duldsam und kann alle Dinge annehmen. Hierzu muss vielleicht gesagt werden, dass im Annehmen dennoch die M\u00f6glichkeit steckt, Dinge zu \u00e4ndern und zu gestalten. Um wieviel heilsamer ist das Tun eines Menschen, der nicht aus Aggression oder Gegnerschaft gegen\u00fcber Menschen und Umst\u00e4nden handelt, sondern aus dem Annehmen. Genau deshalb f\u00fchrt das Annehmen in den Worten des Tao Te King zur Gerechtigkeit. Man muss sich nicht selbst verteidigen, man will nichts f\u00fcr sich pers\u00f6nlich erreichen. Diese Art von Gerechtigkeit f\u00fchrt zum <em>Himmel<\/em>. Das Tao Te King ist voll von Aussagen dar\u00fcber, welchen Segen ein solches Sein und Handeln bewirkt, wie hier im zweiten Kapitel:<\/p>\n<p>(\u2026) Also auch der Berufene:<br \/>\nEr verweilt im Wirken ohne [pers\u00f6nlich motiviertes] Handeln.<br \/>\nEr \u00fcbt Belehrung ohne Reden.<br \/>\nAlle Wesen treten hervor, und er verweigert sich ihnen nicht.<br \/>\nEr erzeugt und besitzt nicht.<br \/>\nEr wirkt und beh\u00e4lt nicht.<br \/>\nIst das Werk vollbracht,<br \/>\nso verharrt er nicht dabei.<br \/>\nUnd eben weil er nicht verharrt,<br \/>\nbleibt er nicht verlassen.<\/p>\n<p>Lao Tse zeigt hier das Bild eines Menschen, der Weisheit, Liebe und Kraft in sich vereint, ohne alle Nebenwirkungen. Das ist ein erhabenes Bild. Uns kann es dazu inspirieren, dem Schicksal mit offenen Augen und offenem Herzen zu begegnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\" title=\"\">[1]<\/a> Das Tao Te King stammt vermutlich aus dem vierten vorchristlichen Jahrhundert. Ob es von einem einzelnen Menschen namens Lao Tse (\u201ealter Meister\u201c) stammt, ist unklar. Tao bedeutet \u201eWeg, Sinn\u201c, Te bedeutet \u201eTugend, innere St\u00e4rke\u201c und King bezeichnet ein kanonisches Werk. Diesem Artikel liegt eine \u00dcbersetzung von Richard Wilhelm zugrunde.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\" title=\"\">[2]<\/a> Das I Ging stammt aus dem 3. Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung. Urspr\u00fcnglich wurde es als Orakel verwendet, das Kaisern und Feldherren bei schwierigen Entscheidungen helfen sollte. Heute kann man es als Spiegel aller erdenklichen Stationen auf dem Lebensweg betrachten. Die 64 Wandlungsphasen sind <em>Hexagramme<\/em>, Kombinationen von sechs mal Yin oder Yang. Jede Wandlungsphase zeigt als Antwort auf eine gestellte Frage die vorhandenen Hindernisse sowie den Weg zum Meistern einer fundamentalen Situation. Interessant sind unter anderem die Hexagramme Nr. 63 \u201eNach der Vollendung\u201c und Nr. 64 \u201eVor der Vollendung\u201c. Das I Ging endet also nicht mit einer Betrachtung der Vollendung, die zu erreichen w\u00e4re, sondern mit \u201evor der Vollendung\u201c. Die beiden Themen der letzten Hexagramme werden auch mit \u201eDer Fluss ist bereits \u00fcberquert\u201c und \u201eDer Fluss ist noch nicht \u00fcberquert\u201c bezeichnet. Das \u00dcberqueren des Flusses ist ein Sinnbild des Abschlie\u00dfens von Aufgaben und des Abschiednehmens vom Alten. Das I Ging zeigt, dass eine endg\u00fcltige L\u00f6sung von Aufgaben auf dem irdischen Plan nicht m\u00f6glich ist, dass die Vollendung im irdischen Feld nicht zu einem ewigen Gleichgewicht oder Gl\u00fcckszustand f\u00fchrt. So dienen die 64 Wandlungsphasen der Bewusstwerdung \u00fcber das Wesen der Welt und dem eigenen Reifungsprozess zur endg\u00fcltigen Befreiung, dem Aufgehen in der einen Urkraft.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\" title=\"\">[3]<\/a> Das hei\u00dft, zu Tao.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\" title=\"\">[4]<\/a> Laotse: Tao Te King, \u00fcbersetzt und mit einem Kommentar von Richard Wilhelm, Kreuzlingen \/ M\u00fcnchen 2008<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\" title=\"\">[5]<\/a> ebd., in Kapitel 7<\/p>\n","protected":false},"author":920,"featured_media":9458,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110101],"tags_english_":[],"class_list":["post-90741","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-spiritsoul-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/90741","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/920"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/9458"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=90741"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=90741"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=90741"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=90741"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}