{"id":90697,"date":"2020-06-30T15:57:32","date_gmt":"2020-06-30T15:57:32","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/logon_article\/andersen-und-die-marchen\/"},"modified":"2020-06-30T15:57:32","modified_gmt":"2020-06-30T15:57:32","slug":"andersen-und-die-marchen","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/andersen-und-die-marchen\/","title":{"rendered":"Andersen und die M\u00e4rchen"},"content":{"rendered":"<p>Zahllose Kinder weltweit haben Hans Christian Andersens Geschichten gelesen. Sie werden ihnen meist zu einem Begleiter auf dem Lebensweg, bewusst oder unbewusst: <em>Des Kaisers neue Kleider<\/em>, <em>Der Zinnsoldat<\/em>, <em>Die Nachtigall<\/em>, <em>Das tapfere Schneiderlein<\/em>, <em>Die freche kleine Ratte<\/em>, <em>Die kleine Meerjungfrau,<\/em> <em>Das h\u00e4ssliche Entlein <\/em>und viele andere.<\/p>\n<p>In einer Alltagssprache geschrieben, ausdrucksstark und gef\u00fchlvoll, haben sich die Erz\u00e4hlungen tief in Kinderseelen eingepr\u00e4gt und sich als Helfer in schwierigen Transformationsprozessen zum Erwachsenwerden erwiesen.<\/p>\n<p>Andersens beste Erz\u00e4hlungen enthalten Botschaften, die in Tiefenebenen hineinwirken und im Verlauf des Lebens zu einer Unterst\u00fctzung werden, um existentielle Konflikte zu l\u00f6sen. Sie sind von \u00e4hnlicher Bedeutung, wie es auch die Volksm\u00e4rchen sind, man denke zum Beispiel an <em>Schneewittchen<\/em>, <em>Aschenputtel<\/em>, <em>Der gestiefelte Kater<\/em>, <em>Rotk\u00e4ppchen \u2026<\/em><\/p>\n<p>Kinder erleben, wie auch Erwachsene, mitunter Spannungen, narzisstische Frustrationen, Rivalit\u00e4ten, mangelndes Selbstwertgef\u00fchl und \u00c4hnliches. Sie k\u00f6nnen dies in der Regel nicht rational verstehen, und deshalb geh\u00f6ren Angst, Wut, Hass, Schuldgef\u00fchle und anderes zu den Folgen. Doch es gibt die M\u00e4rchen, die solche Konflikte behandeln. Dem Kind wird ein Schl\u00fcssel gereicht, der es ihm erlaubt, die Konflikte zu meistern und mit ihnen zu leben. Auch Andersens Geschichten f\u00fcgen sich ein in die Kette dieser Helfer.<\/p>\n<p>Da ist zum Beispiel <em>Das h\u00e4ssliche Entlein<\/em>, eine Erz\u00e4hlung, die oft von Therapeuten verwendet wird, um zum Beispiel Adoptivkindern zu helfen, die Ablehnung erfahren, weil sie \u201eanders&#8220; sind. Geschrieben 1845, enth\u00e4lt <em>Das h\u00e4ssliche Entlein<\/em> eine grundlegende Lehre f\u00fcr die Entwicklung des Menschen. Wer hat sich in seinem Leben nicht schon einmal abgelehnt gef\u00fchlt? Wer hat sich nicht schon einmal fremd gef\u00fchlt, als sei er fehl am Platz, als lebe er in einer Welt, die nicht die seine ist? Und: Ruht nicht in der Tiefe der menschlichen Seele das Gef\u00fchl, sich hier in der materiellen Welt im Exil zu befinden?<\/p>\n<p>Das h\u00e4ssliche Entlein wird wegen seiner Ungeschicklichkeit und H\u00e4sslichkeit verspottet. Im sp\u00e4teren Leben erringt es jedoch seine wahre Identit\u00e4t \u2013 es entfaltet sich zum Schwan. Welch eine Metapher, die durch schwierige Wachstumsprozesse hindurch f\u00fchren kann!<\/p>\n<p><em>Das h\u00e4ssliche Entlein<\/em> beschreibt auch Phasen aus Andersens eigenem Leben. Er stammte aus einfachsten Verh\u00e4ltnissen und verlor seinen Vater im Alter von elf Jahren. Vor seinem f\u00fcnfzehnten Geburtstag reiste er nach Kopenhagen, um sein Gl\u00fcck als Operns\u00e4nger, T\u00e4nzer oder Schauspieler am K\u00f6niglichen Theater zu versuchen. Doch man verspottete ihn und lehnte ihn ab: er hatte keine attraktive Gestalt, sein Aussehen war exzentrisch, seine Kleidung billig. Aber er fand einen G\u00f6nner, der ihm finanzielle Hilfe gew\u00e4hrte, unter anderem, um Kom\u00f6dien zu schreiben. Doch auch sie interessierten niemanden.<\/p>\n<p>1828 erhielt er seinen Hochschul-Abschluss, und nach mehreren Misserfolgen gab er die Idee auf, Schauspieler zu sein und widmete sich ganz dem Schreiben. Der Erfolg kam 1835 mit der Ver\u00f6ffentlichung seines ersten Romans <em>Der Improvisator<\/em> und des ersten Bandes <em>Abenteuer erz\u00e4hlt f\u00fcr Kinder<\/em>, der vom Publikum mit Begeisterung aufgenommen wurde.<\/p>\n<p>Die Atmosph\u00e4re extremer Armut, in der er seine Kindheit verbrachte, spiegelt sich in <em>Das kleine M\u00e4dchen mit den Schwefelh\u00f6lzern<\/em> (1845) wider, einer der traurigsten Geschichten der Kinderliteratur. Sie erz\u00e4hlt vom Leben der Mutter des Schriftstellers, die als Kind um Almosen betteln sollte, doch ohne einen Pfennig nach Hause zur\u00fcckkehrte, weil sie vor Scham den Tag mit Weinen verbracht hatte.<\/p>\n<p>In <em>Die Nachtigall<\/em> hinterlie\u00df Andersen weitere autobiografische Hinweise. Die Geschichte ist inspiriert von den Entt\u00e4uschungen, die er in Liebesangelegenheiten erlitten hatte. Dazu z\u00e4hlte &nbsp;seine Verehrung einer dreiundzwanzigj\u00e4hrigen S\u00e4ngerin, die als \u201edie schwedische Nachtigall&#8220; bekannt war.<\/p>\n<p>Oft jedoch gehen die Erz\u00e4hlungen \u00fcber Pers\u00f6nliches hinaus und vermitteln Botschaften universeller Art. So zum Beispiel <em>Des Kaisers neue Kleider<\/em> \u2013 wo auf humorvolle Weise die menschliche Heuchelei widergespiegelt wird, und <em>Der Zinnsoldat<\/em> \u2013 ein Loblied auf die Liebe, die f\u00e4hig ist, sich \u00fcber alle Schwierigkeiten zu erheben, oder <em>Die kleine Meerjungfrau \u2013<\/em> in der Andersen meisterhaft die Sehnsucht nach einer h\u00f6heren Existenz anklingen l\u00e4sst. <em>Die kleine Meerjungfrau <\/em>wurde zum Symbol einer Liebe, die durch Neutralit\u00e4t, Gro\u00dfz\u00fcgigkeit und Selbstlosigkeit alles \u00fcberwindet und eine neue se<em>e<\/em>lische Ebene erreicht.<\/p>\n<p>Andersens Erz\u00e4hlungen sind Nahrung f\u00fcr die Seele des Kindes \u2013 und auch f\u00fcr die manches Erwachsenen.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":9302,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110075],"tags_english_":[],"class_list":["post-90697","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-livingpast-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/90697","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/9302"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=90697"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=90697"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=90697"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=90697"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}