{"id":90680,"date":"2020-06-23T20:23:27","date_gmt":"2020-06-23T20:23:27","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/logon_article\/liebe-leserin-lieber-leser\/"},"modified":"2020-06-23T20:23:27","modified_gmt":"2020-06-23T20:23:27","slug":"liebe-leserin-lieber-leser","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/liebe-leserin-lieber-leser\/","title":{"rendered":"Liebe Leserin, lieber Leser,"},"content":{"rendered":"<p>Liebe Leserin, lieber Leser,<br \/>\nwir befinden uns inmitten einer immer weiter zunehmenden Flut von Bildern. Bedeutende Werke der Malerei gibt es als Aufdruck auf T-Shirts, Kaffeetassen und dergleichen. Viele von uns verbringen einen Gutteil ihrer Zeit damit, auf den Bildschirmen ihrer Smartphones Unmengen von Bildern an sich vorbeigleiten zu lassen. \u00c4hnlich verh\u00e4lt es sich mit der Musik, die ebenso allgegenw\u00e4rtig ist. Oft h\u00f6rt man keine Musik, sondern l\u00e4sst sich berieseln. Die Kunst ger\u00e4t bei dieser Art von Konsum ins Hintertreffen.<br \/>\nAu\u00dferdem erhebt sich die Frage: Welche Relevanz kann Kunst in Zeiten, in denen wir mit welt- umspannenden Krisen konfrontiert sind, f\u00fcr uns haben? Tr\u00e4gt Kunst etwas dazu bei, uns selbst und die Welt, in der wir leben, besser zu verstehen? Dieses Heft sagt: Kunst kann das. Sie kann uns st\u00fctzen, aber auch hinterfragen. Sie kann uns helfen, eine verborgene Ordnung hinter den Dingen zu (emp-)finden, sie kann uns auch auf den Weg der Selbsterkenntnis f\u00fchren, mit allen entsprechenden Nebenwirkungen.<br \/>\nKunst ist frei. Das hei\u00dft, sie l\u00e4sst sich vor keinen Karren spannen, sie spekuliert nicht auf unsere Reaktionen. Was der K\u00fcnstler in seinem Sch\u00f6pfungsprozess tut, muss also in sich selbst seinen Zweck finden. Diese Freiheit macht ein Kunstwerk lebendig und eigenst\u00e4ndig. Es ist gleichsam eine Welt f\u00fcr sich, die dennoch unsere Welt und unser menschliches Wesen widerspiegelt und<br \/>\nso erkennbar machen kann. Kunst kann Dinge ausdr\u00fccken, die keine Philosophie in Worte zu fassen vermag. Dabei spottet sie offensichtlich dem Wittgensteinschen Diktum, dass die Grenzen unserer Sprache die Grenzen unserer Welt bedeuten. Denn Kunst kann gerade das zum Gegen- stand machen, was die M\u00f6glichkeiten der Sprache \u00fcbersteigt. Wenn ein Kunstwerk eine Welt<br \/>\nf\u00fcr sich ist, kann ein Mensch in sie eintauchen und seine eigenen Erfahrungen darin machen. Deshalb kann man die \u201eAussage\u201c eines Kunstwerks durch keine Beschreibung oder Definition auf g\u00fcltige Weise fassen. Dennoch ist es sinnvoll, \u00fcber Kunst zu sprechen.<br \/>\nIch erinnere mich gut an einen Moment, in dem islamische Kunst mich ber\u00fchrt hat. In ei- nem tunesischen Museum begegnete mir eine geometrische Intarsienarbeit auf einer gro\u00dfen T\u00fcr, ein komplexes Muster aus Sternen und B\u00e4ndern, das sich \u2013 scheinbar bis ins Unendli- che \u2013 regelm\u00e4\u00dfig wiederholte. Seine Klarheit, Sch\u00f6nheit und Majest\u00e4t waren f\u00fcr mich wie eine philosophische Aussage: Das Weltall ist sch\u00f6n, es hat Ordnung, es stammt von einem un\u00fcbertrefflichen Sch\u00f6pfer. Das Ornament schien diese Aussage nicht nur zu behaupten, sondern sie zugleich zu beweisen. Dass etwas von Menschen Empfundenes, Gedachtes und Hergestelltes dazu in der Lage ist, beweist wiederum die Kraft und Relevanz von Kunst.<\/p>\n<p>In diesem Sinne w\u00fcnsche ich Ihnen eine inspirierende Lekt\u00fcre.<\/p>\n<p>Ihre Angela Paap<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"author":921,"featured_media":9216,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110126],"tags_english_":[],"class_list":["post-90680","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-news-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/90680","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/921"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/9216"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=90680"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=90680"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=90680"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=90680"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}